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Für die junge Bundesrepublik hält Maria Daelen die Fäden der westdeutschen Integration im internationalen Gesundheitswesen fest in der Hand. Nach Jahren der nationalsozialistischen Isolation trägt sie als Verbindungsfrau der Bundesregierung für die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Westeuropäische Union und den Europarat tastend dazu bei, ihr Land in die internationale Gemeinschaft zurückzuführen.

In den 1950er Jahren, wenige Jahre nach Gründung der WHO, sind Frauen auf dem internationalen Parkett kaum präsent. Die neue weibliche Delegierte der Bundesrepublik fällt daher sofort auf und macht Eindruck: Ihre fachlichen Kenntnisse überzeugen und ihr Charme zieht die Männerwelt der internationalen Community in den Bann. Wer ist diese große Unbekannte, die ihrer Zeit immer wieder ein Stück voraus zu sein scheint?

Schon als junge Frau sucht Maria Daelen, sprich »Daalen«, geboren 1903 in Düsseldorf, neue und ungewöhnliche Wege. Als Studentinnen von männlichen Lehrkräften im Hörsaal noch ungern gesehen sind, studiert sie in Berlin Medizin und beginnt in den 1920er Jahren ihre Facharztausbildung ausgerechnet als Chirurgin, ein Beruf, der als explizit männliche Profession definiert ist.

Ihren Weg gegen die Konventionen will Maria Daelen auch nach außen zeigen: Als junge Ärztin lässt sie sich 1931 im mondänen Frauenmagazin »Die Dame« ablichten, das für ein fortschrittliches und emanzipiertes Frauenbild steht. Entschlossen schaut sie in die Kamera, die Arme fest in die Hüften gestemmt. Dem jungen Manne oftmals überlegen steht unter ihrem Bild.

Foto PRIVATARCHIV BRÜGGEMANN
Foto PRIVATARCHIV HANSER-STRECKER

So ein Auftreten von jungen berufstätigen Frauen ist in der Weimarer Republik alles andere als normal, ist doch die traditionelle Rolle als Ehefrau und Mutter aus der Kaiserzeit immer noch prägend. Als Maria Daelen in der Charité als eine von zwei Frauen als Assistenzärztin arbeitet, liegt der Frauenanteil an der Gesamtärzteschaft im Deutschen Reich gerade einmal bei sechs Prozent.

Mit der Machtübernahme 1933 verkünden die Nationalsozialisten, dass wegen gegenwärtiger Überfüllung des Berufsstandes die Frauen ihren männlichen Kollegen Platz machen müssten. Kliniken stellen daraufhin nur noch mittellose Medizinerinnen ein. Maria Daelen aber ist durch das Vermögen ihres Vaters, einem wohlhabenden Ingenieur aus der Metallindustrie, finanziell versorgt. Dennoch wird ihr als begabter Ärztin angeboten, als wissenschaftliche Assistentin zu arbeiten – ohne Gehalt.

Ihr Privatleben gestaltet sich nicht minder avantgardistisch. Maria Daelen will sich von alten Rollenbildern emanzipieren und neue Freiheiten ergreifen. Damit gehört sie wie viele ihrer Freundinnen zur Bewegung der »Neuen Frau« in der Weimarer Republik. Diese ist unabhängig, oftmals berufstätig oder finanziell abgesichert, oft zeigt sie sich im Garçonne-Look. So auch Maria Daelen: Androgyn, schlank und sportlich, rauchend, mit kurzen Haaren rauscht sie in ihrem roten Ford Cabriolet durch die pulsierende Metropole.

Die »Selbstfahrerinnen«, wie man die neuen Frauen am Steuer nennt, erobern in rasanter Geschwindigkeit die technisierte Welt der Männer. Liebe und Sexualität sind für sie in alle Richtungen möglich. Auch in Maria Daelens Freundeskreis um Annemarie Schwarzenbach, Marianne Breslauer und Erika Mann – Freundinnen wie Geliebte – verschwimmen die Geschlechtergrenzen.

Während der Vollversammlung der WHO, 1960. Foto PRIVATARCHIV BRÜGGEMANN

Ihre wichtigste Beziehung im Leben ist jedoch ein Mann: der Stardirigent Wilhelm Furtwängler. Mit ihm führt Maria Daelen ab 1935 eine langjährige, intensive und vor allem moderne Liebesbeziehung. Als selbstständige und viel beschäftigte Ärztin bleibt sie ihren Zielen treu und eröffnet eine eigene Arztpraxis.

Sie zahlt dafür einen hohen Preis: Trotz großer Liebe wendet sich Furtwängler, der sich eine fürsorgende Begleiterin für seine Konzerttourneen wünscht, enttäuscht von Maria Daelen ab und beginnt eine Beziehung mit ihrer jüngeren Halbschwester Elisabeth, die seine Erwartungen erfüllen will. Die Trennung verursacht bei Maria Daelen seelische Qualen, die nur schwer zu überwinden sind. Mit einem letzten Brief an Furtwängler bricht sie den Kontakt ab: Ich lebe einsam aber stolz für das Wesentliche weiter.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, lehnt Maria Daelen das neue Regime von Anfang an ab: Ich fühle mich äußerst unglücklich u. ungeeignet, im ›neuen‹ Deutschland zu leben, klagt sie ihrer Mutter bereits im März 1933. Ihre Aktivitäten richten sich zunehmend gegen das Regime. Spätestens nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 werden Freunde wie Heinrich Graf von Lehndorff, Albrecht Graf von Bernstorff oder General Hans Oster aus dem Widerstand verfolgt und ermordet. Unter Lebensgefahr setzt sich Maria Daelen für ihre Freunde ein und ermöglicht ihnen unter anderem mit gefälschten ärztlichen Attesten, den Nazis zu entkommen.

Sie selbst ist bei der Gestapo seit 1933 als spionageverdächtig gemeldet. Als man ihr Anfang 1945 mit Verhaftung droht und sie sich weigert, den sogenannten Arier-Nachweis zu erbringen, soll sie dem vernehmenden Beamten selbstbewusst entgegengeworfen haben, sie sehe »eh schon aus wie der Wunschtraum von Goebbels!«. Nach dieser Provokation bleibt Maria Daelen nur noch die Flucht. Freunde und Patienten muss sie zurücklassen. Ihre Privatwohnung und die Praxis hat sie bereits 1943 während der Luftangriffe auf Berlin verloren. Während Maria Daelen schließlich im österreichischen St. Anton Zuflucht findet, versinkt die Hauptstadt endgültig im Chaos.

Das Kriegsende ist für Maria Daelen gleichzeitig ein bewusster Neuanfang: Sie will die Zukunft ihres Landes mitgestalten. Nachdem sie als Ärztin zunächst das UNRRA-Camp in Dillingen an der Donau und das Internierungslager im Landkreis Garmisch-Partenkirchen betreut hat, tritt sie im März 1946 in das hessische Innenministerium ein.

Kurz nach Kriegsende ist das ungewöhnlich: Zwar sind Frauen aufgrund der prekären Situation noch gezwungen, zu arbeiten, in bürgerlichen Schichten aber ist ihre Erwerbstätigkeit noch lange nach 1945 verpönt. Verheirateten Frauen bleibt es bis 1958 verboten, ohne Genehmigung des Ehemanns zu arbeiten. Erst die Reformen des Familien- und Eherechts Mitte der 1970er Jahre sorgen für die volle Gleichberechtigung von Mann und Frau auf rechtlicher Ebene und für eine allmähliche Abkehr vom traditionellen Familien- und Frauenbild.

Ich fühle mich äußerst ungeeignet, im neuen Deutschland zu leben.

Als Vorsitzende des Committee of Experts on Public Health, 1962. Foto PRIVATARCHIV BRÜGGEMANN
Foto PRIVATARCHIV HANSER-STRECKER

Ich leben einsam, aber stolz für das Wesentliche weiter.

So scheint es auch ungewöhnlich, dass Maria Daelen 1948 als einzige weibliche Ärztin für das Cultural Exchange Program der amerikanischen Besatzungsmacht ausgewählt wird. Mit ihren männlichen Ärztekollegen fliegt sie in einem viermotorigen Armeeflugzeug in die USA – zu einem Zeitpunkt, als es nur wenigen Menschen möglich ist, das Land zu verlassen. Beim Studium der statistischen Instrumentarien, mit denen die amerikanischen Gesundheitsbehörden schon lange arbeiten, erkennt Maria Daelen deren Bedeutung für die präventive Gesundheitspolitik, die sich in Deutschland erst ein Jahrzehnt später durchsetzen wird.

Nicht nur neu erlangtes medizinisches Wissen bringt sie von ihrer Studienreise mit, sondern auch die US-amerikanische Ärztin und Anästhesistin Jean Emily Henley, die sie während eines Krankenhausaufenthaltes in New York kennengelernt hat. Wahrscheinlich ist sie sich in diesem Moment noch nicht bewusst, welche Entwicklung sie damit initiiert: Durch Jean Henleys Anweisung der Ärzte in neuesten Narkosetechniken erhält die moderne Anästhesie in der deutschen Nachkriegsmedizin entscheidende Impulse.

1953 wird Maria Daelen ins Bonner Innenministerium geholt und übernimmt das neu gegründete Referat »Internationales Gesundheitswesen«. Die Themen der WHO und der Entwicklungshilfe liegen ihr besonders am Herzen, beispielsweise das globale Programm zur Bekämpfung der Malaria. Das verspricht ein großer Erfolg zu werden, da sich die gesamte internationale Gemeinschaft mit ihren mehr als 80 Mitgliedern geschlossen dafür einsetzt. Für das Malariaprogramm und regionale Entwicklungsinitiativen fliegt Maria Daelen zwischen Neu-Delhi, Kalkutta, Ceylon und Rabat umher.

Vor allem die Frauenrechte sind ihr ein Anliegen. Für eine nachhaltige Entwicklung will sie vor allem die Rechte und die Bildung der Frauen vor Ort stärken und schult in Addis Abeba äthiopische und weitere afrikanische Frauen als Führungskräfte. Erst in den 1990er Jahren wird dieser Ansatz besonderes Gehör in der Entwicklungszusammenarbeit erhalten.

Durch ihre Reisen lerne sie die Welt von allen Seiten kennen, schreibt Maria Daelen ihrer Mutter im Oktober 1959. Zuhause in Wiesbaden und Bonn versammelt sie bekannte Persönlichkeiten um sich, darunter der Politiker Carlo Schmid, die Schauspielerin Käthe Dorsch oder Regisseur Erwin Piscator. Ihre weitverzweigten Netzwerke weiß Maria Daelen durch ihre verbindliche und charmante Art in jedem gesellschaftlichen Kontext zu pflegen. Sie sei dabei so schön, so geistreich, so aufgeschlossen, so großzügig und so kameradschaftlich, schwärmt ihr Freund und Liebhaber Fabian von Schlabrendorff.

HINTERGRUND

MAREN RICHTER ist Historikerin und war bis Mai 2020 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte, einem Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Während ihrer Arbeit in der »Forschungsgruppe zur Geschichte der Innenministerien in Bonn und Ost-Berlin« stieß sie auf Maria Daelen und verfasste eine Biografie über ihr Leben. Heute ist Richter Kuratorin für Biotopia – Naturkundemuseum Bayern.

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Doch wie ergeht es der so selbstbewussten und souverän auftretenden Maria Daelen im Ministerium, wo sie auf selbstgenügsame Anzugträger und männliche Kameraderie trifft? Sie selbst scheint mit ihrer ganzen Art ja nicht recht in eine Behörde zu passen. Mit ihrer Statur und Eleganz macht sie zwar Eindruck, erregt zugleich aber stillen Argwohn.

In den 1950er Jahren werden Frauen im Ministerium immer noch kaum wahrgenommen. Kein Wunder, hat doch die sogenannte Zölibats- oder Verheiratungsklausel für weibliche Beamte aus dem 19. Jahrhundert bis Mitte der 1950er Jahre dafür gesorgt, dass die Frau bei Heirat und damit wirtschaftlich gesicherter Versorgung aus dem öffentlichen Dienst ausscheiden musste. Die Pflicht, Maria Daelen als »alleinstehende« Frau mit über 50 Jahren als »Fräulein« anzusprechen, wird glücklicherweise bald aufgehoben.

Als sie 1955 zur Referatsleiterin ernannt wird, ist das im Ministerium alles andere als normal. Bis in die späten 1960er Jahre bleibt Maria Daelen eine von nur neun Frauen in Leitungspositionen, was einer Quote von weniger als drei Prozent entsprach. Ein Aufstieg in die höhere Ebene der Bundesminister, der parlamentarischen wie beamteten Staatssekretäre und Abteilungsleiter ist zu diesem Zeitpunkt undenkbar: Bis 1998 gelangen mehr als 1.000 Personen dorthin – zehn davon sind Frauen. Noch Anfang der 1960er Jahre verweigert Kanzler Adenauer Maria Daelens späterer Chefin, der Gesundheitsministerin Elisabeth Schwarzhaupt, die Ansprache als »Frau« in der Kabinettssitzung: In diesem Kreis sind auch Sie ein Herr.

Die lange eingeübten und tief verwurzelten Vorstellungen von Geschlechterrollen verändern sich in der Bundesrepublik nur zögerlich. Auch dem Rollenbild der nicht erwerbstätigen Ehefrau an der Seite des Gatten als Ernährer und Autorität in der »Normalfamilie« will sich Maria Daelen nicht fügen. Erst 1967 beendet sie ihr Dasein als »alleinstehende« Frau und heiratet den Musikverleger Ludwig Strecker.

Entsetzt über die Ankündigung der Heirat ermahnt sie ihr enger Freund, der französische Diplomat Roland de Margerie, dass nur im Fall wirklicher Liebe es der Mühe wert sei, zu heiraten, ansonsten würde sie zu viel aufgeben. Du bist einer der wenigen Menschen, so de Margerie, die wirklich unabhängig sind.

Ihre Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit lässt sich Maria Daelen jedoch ihr Leben lang nicht nehmen. Gründe für Resignation hätte es genügend gegeben, privat wie auch beruflich. Die Anerkennung meiner Arbeit kommt langsam, schreibt sie 1959 an ihre Mutter, aber ich habe mich nicht entmutigen lassen.

Am 5. Oktober 1993 stirbt Maria Daelen, 90 Jahre alt, in ihrem Haus in Georgenborn.

Die Anerkennung meiner Arbeit kommt langsam.

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