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Es fühlt sich seltsam an, einen Monolog über den Dialog zu schreiben. Aber vielleicht sitzen wir irgendwann gemeinsam hier und tauschen uns aus. Wir könnten neue Gedanken entwickeln und den Blick auf unser Leben in der Welt erweitern. Natürlich müssten wir dafür den Mut aufbringen, einander zuzuhören und die Bereitschaft, den eigenen Standpunkt zu verlassen.

Gerade diese Bereitschaft war für Gottfried Wilhelm Leibniz nicht nur Voraussetzung für persönliche Weiterentwicklung und Erkenntnisgewinn, für ihn war »der Ort des Anderen« auch »der wahre Standpunkt sowohl in der Politik als auch in der Moral«. Denn betreten wir den Ort des Anderen, schauen wir aus einer mitfühlenden wie auch korrigierenden Perspektive auf die Welt und auf uns selbst. Indem wir uns in andere hineinversetzen und eine Außensicht auf uns selbst entwickeln, wird die Einschätzung unseres eigenen Verhaltens differenzierter. Zugleich wird unser Urteil über Mitmenschen milder. Für Leibniz war das keine graue Theorie. Sein eigener Standpunkt war stets ein bewegter und vom Anspruch geleitet, zwischen wissenschaftlichen Disziplinen, Glaubenssystemen und zwischen politischen Parteien zu vermitteln.

Nur durch einen solchen Dialog können Gesellschaft und sozialer Zusammenhalt gelingen. Und deshalb ist es auch ein Problem, wenn im Internet das Versprechen weltweit verbundener Menschen und geteilter Lebenswelten oftmals ins Gegenteil verkehrt wird. Der digitale Raum wird für unser Zusammenleben immer wichtiger, zugleich aber auch fragmentierter. In den viel diskutierten Filterblasen werden vorwiegend Informationen gezeigt, die dem eigenen Weltbild entsprechen und »gefallen«. So surfen wir durch zunehmend voneinander getrennte Räume, und es könnte bald genauso viele Internets geben wie User. Eine gelingende gesellschaftliche Pluralität bedarf jedoch geteilter, nicht unterteilter Räume: Räume, in denen das »Teilen« von Inhalten auch den Ort des Anderen erreicht.

Vielleicht ist es daher heute wichtiger denn je, in der Kneipe oder auf der Zugfahrt mit Menschen zufällig ins Gespräch zu kommen und zuzuhören. Einen anderen Ort zu betreten, den öffentlichen als gemeinsamen Raum zu leben und eine neue Perspektive auf sich selbst einzunehmen — das erfordert Mut. Glücklicherweise ist dieses politische Handeln im Kleinen nicht nur Arbeit, sondern kann sehr unterhaltsam sein.

CHRISTIAN UHLE

ist Philosoph und lebt in Berlin. Wenn er sich nicht gerade für uns durch Leibniz‘ umfangreiches Werk gräbt, beschäftigt er sich unter anderem mit Fragen von Sinn, Freiheit oder neuen Technologien. Außerdem moderiert er die Veranstaltungsreihe Philosophie des Digitalen.

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