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Vor ein paar Jahren habe ich das Pantanal in Brasilien besucht. Nie zuvor war ich von einer derart vibrierenden Natur umgeben wie in diesem riesigen Sumpfgebiet. Die Luft war erfüllt von Vogelgeschrei und intensiver Lebendigkeit. Tiere sorgten für ihren Nachwuchs, balzten und töteten einander auf der Jagd. In all dem erkannte ich eine auch grausame, in seiner Gesamtheit aber wunderschöne Beseelung alles Seienden.

Solche Erlebnisse, aber auch ganz alltägliche Naturgewalten wie etwa das Verliebtsein sind für mich mystische Erfahrungen und der Umgang mit ihnen ist gar nicht leicht. Als Philosoph und Wissenschaftler bin ich versucht, mich auf die Metaebene hinaufzuschwingen und meine Empfindungen metaphysischer Kräfte vernünftig zu erklären. Aber ist eine solche Reflexion notwendig, um Einbildung von physikalischen Tatsachen zu unterscheiden? Oder verhindere ich gerade dadurch einen vollständigen Zugang zur Welt?

Auch Gottfried Wilhelm Leibniz wehrte sich gegen eine allzu positivistische Weltsicht. Ihm zufolge kann selbst die Physik nur die Oberfläche des Seienden beschreiben. Unterhalb dieser sichtbaren Fassade sah er beseelte Bestandteile am Werk, die er »Monaden« nannte. Leibniz wollte damit dem Umstand gerecht werden, dass physikalische Modelle nicht beschreiben können, wie es für uns ganz persönlich ist, zu sehen, zu denken oder zu fühlen. Nicht Moleküle, sondern Monaden seien daher die Träger von Wahrnehmung. Obwohl ich die Monadentheorie in ihrer Ausformulierung nicht teile, halte ich es doch für bemerkenswert, wie intensiv der Universalgelehrte versuchte, Seele und Materie miteinander zu versöhnen. Allerdings wollte er seine Überlegungen zu diesem Zweck in einem logischen, einheitlichen Erklärungssystem bündeln und machte subjektive Wahrnehmungen damit selbst zu einem objektivierten Gegenstand des Denkens. Vielleicht begreifen wir das Leben aber noch besser, wenn wir neben der Wissenschaft auch intuitive Erfahrungen als einen wirkmächtigen, eigenen Weltzugang akzeptieren. Wir könnten diese Zugänge stärker nebeneinander denken.

Für Menschen wie mich, die das Denken lieben, ist das gar nicht so leicht. Aber ob im Pantanal, auf einem Konzert oder im Rausch des Verliebtseins: Vielen Erfahrungen werden wir rational weniger gerecht als durch den Mut zur Mystik.

CHRISTIAN UHLE

ist Philosoph und lebt in Berlin. Wenn er sich nicht gerade für uns durch Leibniz‘ umfangreiches Werk gräbt, beschäftigt er sich unter anderem mit Fragen von Sinn, Freiheit oder neuen Technologien. Außerdem moderiert er die Veranstaltungsreihe Philosophie des Digitalen.

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