leibniz

33230. Das ist die Nummer, die Kathrin Kleibl im Februar 2019 auf mehreren Bauteilen des historischen Einzylinder-Viertaktmotors entdeckt. Eine erste Spur. Endlich. In Bremerhaven ist Kleibl damals in besonderer Mission unterwegs: In den Beständen des Deutschen Schifffahrtsmuseums, dem Leibniz-Institut für Maritime Geschichte (DSM), sucht sie nach Dingen, die die Nationalsozialisten vor 1945 ihren Besitzern genommen haben. Bis heute ist dieses nationalsozialistische Raubgut vielfach unentdeckt geblieben.

Seit den frühen 2000er Jahren stellen sich deutsche Museen, Archive und Bibliotheken unter dem Begriff der Provenienzforschung jedoch zunehmend der Verantwortung, ihren Besitz nach Objekten aus sogenannten Unrechtskontexten zu durchforsten. Den Anlass dafür markieren die »Washingtoner Prinzipien«, eine Selbstverpflichtung, die Staaten, Verbände und Organisationen im Herbst 1998 im Zuge der »Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust« unterzeichnet hatten. Tausende Kunstwerke, Büchersammlungen, Wertsachen und andere Gegenstände konnten seitdem identifiziert und an die Erben der Geschädigten zurückgegeben werden. Häufig handelt es sich um Besitztümer, die Juden im Nationalsozialismus gestohlen wurden, oder die sie unter Zwang verkaufen mussten. Im DSM nimmt Kleibl zwischen 2017 und 2020 mehr als 1.000 Objekte unter die Lupe.

Es gibt eine moralische Verantwortung, solche Objekte zurückzugeben.

KATHRIN KLEIBL

Auch der alte Viertakter, der heute in der Dauerausstellung des DSM steht, zählt dazu: Wem gehörte er, bevor er in der Sammlung gelandet ist? Über den Motor, den der Hersteller MAN dem Forschungsmuseum 1976 gestiftet hat, ist nicht viel bekannt, bevor Kleibl ihn genauer untersucht. Man weiß nur, dass er zuletzt als Notstromaggregat auf einem Gutshof diente. Für das DSM ist er interessant, weil Motoren dieser Bauart zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch Schiffe angetrieben hatten. Kleibl weiß außerdem, dass der Motor für eine Generalüberholung in die MAN-Werke nach Augsburg geschickt wurde, bevor er nach Bremerhaven kam.

Mit ihrem einzigen Anhaltspunkt, der eingestanzten Ziffer 33230, wendet sie sich an das Archiv des Motorenherstellers. Sie entpuppte sich als Nummer des Auftrags des rechtmäßigen Besitzers, sagt Kleibl. Und nur mithilfe der Auftragsbücher, die sich im MAN-Archiv hinter der Nummer verbargen, konnten wir die lange Geschichte des Motors schließlich rekonstruieren.

Nach seiner Fertigstellung im Jahr 1911 treibt der Motor bis 1938 die Maschinen der Walk- und Strickfabrik des jüdischen Unternehmers Nathan Forchheimer in Regensburg an. 1938 zwingt das NS-Regime Forchheimer im Zuge der sogenannten »Arisierung« dann zum Verkauf, weit unter Wert. Der Unternehmer und seine Familie emigrieren in die USA, die Fabrik – und mit ihr den Motor – müssen sie zurücklassen. Was genau in den folgenden Jahrzehnten mit dem Viertakter passiert, kann Kleibl nicht mehr rekonstruieren. Über ein Genealogieportal macht sie dafür die Familie Fordham ausfindig, Forchheimers Nachfahren, die heute verstreut in den USA leben. Sofort nimmt Kleibl Kontakt zu Nathans Enkelkindern auf und berichtet ihnen von ihren Recherchen. 

Ein Gesetz, das die Rückgabe von NS-Raubgut regelt, gibt es in Deutschland nicht mehr, denn rein juristisch gesehen ist die Wiedergutmachung seit dem Bundesentschädigungs-Schlussgesetz von 1965 offiziell beendet. Doch laut der selbstverpflichtenden »Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz« von 1999 – die Umsetzung der »Washingtoner Prinzipien« in Deutschland – soll in Fällen wie dem des alten Motors nach »fairen und gerechten Lösungen« gesucht werden. 

Die Entscheidung darüber, was mit ihm passieren soll, haben wir deshalb den Erben überlassen, sagt Kathrin Kleibl. Denn wenngleich ihnen die Rückgabe des Motors rein rechtlich gesehen nicht mehr zustehe, solle man NS-Raubgut trotzdem immer restituieren, wenn die Geschädigten oder deren Erben das wünschten, findet die Provenienzforscherin. Es gibt eine moralische Verantwortung, solche Objekte zurückzugeben. 

Die Erben von Nathan Forchheimer möchten den unhandlichen, rund 1.200 Kilogramm schweren Motor jedoch nicht in die USA geschickt bekommen. Sie wünschen sich, dass er als Dauerleihgabe im Museum bleibt – versehen mit Hinweisen zu seiner Geschichte und Herkunft. Das passt gut zu Kleibls Anspruch an die Dauerausstellung des DSM, die momentan saniert und neu konzipiert wird: Alle Objekte, die in die neue Ausstellung kommen – oder zumindest die meisten – sollten auf ihre Provenienzen hin untersucht werden. Unser Ziel ist es, mit den Objekten, die wir zeigen, transparent zu sein und über ihre Geschichte und Vorbesitzer aufzuklären.

Kleibl hofft, dass immer mehr Häuser in Zukunft erkennen, dass Provenienzforscher so selbstverständlich in Museen gehören wie Restauratoren oder Museologen. Provenienzforschung ist Grundlagenforschung für die Museen, sagt sie. Immer wieder schlagen Restitutionserfolge medial Wellen, zuletzt etwa im März, als das Pariser Musée d’Orsay Gustav Klimts Bild »Rosen unter den Bäumen« den Nachfahren der von den Nazis zwangsenteigneten und ermordeten österreichischen Jüdin Nora Stiasny zurückgab. In Deutschland gibt es bislang dennoch nur wenige Stellen für Museumsdetektive wie Kleibl, vor allem kaum unbefristete. Dass Provenienzforschung nicht zum deutschen Museumsalltag gehört, zeigt auch eine Umfrage des Instituts für Museumsforschung aus dem Jahr 2016: Nur rund zehn Prozent der befragten Einrichtungen gaben an, die Herkunft der Objekte in ihren Ausstellungen und Archiven systematisch zu untersuchen. Dabei hatte eine Umfrage zwei Jahre zuvor ergeben, dass es in 60 Prozent der Einrichtungen Objekte gibt, die zwischen 1933 und 1945 in deren Bestände übergingen – und somit aus NS-Unrechtskontexten stammen könnten.

Provenienzforschung ist Grundlagenforschung für die Museen.

In der Praxis ist die Erfolgsquote der Provenienzforschung – gemessen an den untersuchten Objekten – relativ niedrig. Bezuschusst wird die Herkunftsermittlung von Museumsgegenständen meist aus Drittmitteln des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste, einer Stiftung, die Provenienzforschung fördert. Auch Kleibls Forschungsprojekt am DSM hat sie finanziert. Doch die Archäologin und Kunsthistorikerin stößt oft an die Grenzen des Machbaren: Die Provenienz von rund 50 Prozent der Objekte am DSM mit ungewisser Herkunft lässt sich nicht mehr lückenlos rekonstruieren. Wenn die Erforschung eines Gegenstands irgendwann ins Stocken gerate, sagt Kleibl, helfe nur abwarten, ob man nicht ein paar Monate später über eines der fehlenden Puzzleteile stolpere. Man muss geduldig sein, Provenienzforschung ist eine langfristige Angelegenheit. 

Obwohl sie bei rund fünf Prozent der 1.000 Objekte, die sie untersucht hat, eine problematische Vergangenheit vermutet, konnte Kleibl bislang nur drei Objekte des DSM zweifelsfrei als NS-Raubgut identifizieren: Es sind der Motor von Forchheimer, ein Silberbesteck und ein Schiffsmodell. Weil das DSM erst 1971 gegründet wurde, können wir anders als ältere Museen nicht als Anfangsverdacht in den Eingangsbüchern nachschauen, was zwischen 1933 bis 1945 ans Haus gekommen ist, sagt Kleibl. Man muss methodisch kreativ werden.

Mit ihren Nachforschungen startet Kathrin Kleibl deshalb meist direkt am Objekt. So entdeckt sie 2018 eine feine Gravur auf den Griffen eines Silberbestecks, angekauft aus dem Privatbesitz einer mittlerweile verstorbenen Hamburgerin. Die Gravur zeigt eine Flagge und die Initialen »AB«. Kleibl findet heraus, dass es sich dabei um das Unternehmenslogo der Arnold-Bernstein-Linie handelt, einer ehemaligen Hamburger Großreederei, die in den 1930er Jahren eines der größten jüdischen Unternehmen Deutschlands war.

Die Geschichte des Besitzers der Reederei liest sich ähnlich wie die von Nathan Forchheimer: Arnold Bernstein wird 1938 unterstellt, er habe Vermögenswerte von Juden ins Ausland geschafft – ein fingierter Vorwurf. Es ist das Jahr, in dem das NS-Regime mit der »Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben« und der »Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens« die Enteignung der Juden forciert. Bernstein wird zu über zwei Jahren Haft und einer Geldstrafe von einer Million Reichsmark verurteilt. Zudem wird er zwangsenteignet und muss seine Reederei überschreiben. Seine ehemalige Flotte schippert nun als Red Star Line über die Meere – und das Inventar der Schiffe, auf dem noch die Insignien »AB« prangen, wird verkauft. Alles, was an den ehemaligen Besitzer hätte erinnern können, sollte ausradiert werden, sagt Kleibl. Zwar schafft Bernstein im Juli 1939 nach zwei Jahren im Konzentrationslager Fuhlsbüttel noch die Flucht in die USA; sein Vermögen, die Schiffe und deren Inventar erhält er nicht zurück. 

In erster Linie forsche ich für die Geschädigten und ihre Nachfahren.

Dass Arnold Bernstein später in den USA seine Memoiren publiziert, ist für Kathrin Kleibl ein Glücksfall. Anhand der Erinnerungen des Unternehmers und mithilfe von Akten aus dem Staatsarchiv Hamburg kann sie schließlich belegen, dass das NS-Regime die Versteigerung des Inventars und damit auch des Silberbestecks erzwungen hat. Die Rückgabe des Bestecks an Bernsteins Nachkommen wäre nun ein kleines Stück symbolischer Wiedergutmachung. Die Restitution ist jedoch ins Stocken geraten: Nachdem Bernsteins Erben – auch sie konnte Kleibl in den USA ausfindig machen – zunächst die Rückgabe des Bestecks wünschten, ist der Kontakt zu ihnen jetzt abgebrochen. Wir können sie nicht mehr erreichen, sagt Kleibl. Solange wir nicht von ihnen hören, verwahren wir das Besteck für sie.

Derzeit erforscht Kleibl den Verbleib geraubter Übersiedlungskisten. Weil der Frachtverkehr mit Kriegsbeginn 1939 eingestellt wird, können zahlreiche Umzugskisten jüdischer Emigranten damals nicht mehr ausgeliefert werden. Sie werden in den Häfen in Hamburg und Bremen eingelagert – und später, ab Frühjahr 1940, von der Gestapo beschlagnahmt. Schließlich versteigert die Oberfinanzdirektion ihren wertvollen Inhalt. Die Erlöse gehen an das Deutsche Reich.

Mehr als 80 Jahre später entwickeln Kleibl und ihre Kollegen nun die Datenbank »LostLift«, in die alle verfügbaren Informationen zum Enteignungsvorgang der Kisten eingespeist werden. Bald soll sie online gehen. Dann können etwa Museen und Privatpersonen, die im Besitz von Objekten mit ungeklärter Vergangenheit sind, überprüfen, ob es sich dabei um Raubgut aus den Umzugskisten handelt. Damit können wir hoffentlich eine Grundlage schaffen, um möglichst viele der Objekte, die damals versteigert worden sind, wiederzufinden, sagt Kleibl. Eine Mammutaufgabe: Bislang hat sie alleine in den Akten in Hamburg etwas mehr als 1.500 Geschädigte identifiziert. Bis zu 3.000 könnten es am Ende werden, schätzt sie – die Betroffenen in Bremen nicht mit eingerechnet. Wie viele der verschollenen Gegenstände sich überhaupt noch aufspüren lassen, ist unklar. Vermutlich sind sie heute über ganz Deutschland und darüber hinaus verstreut.

Über Kathrin Kleibls Forschungsprojekte haben schon mehrere Medien berichtet. Die Museumsdetektivin freut sich über das öffentliche Interesse, vor allem aber über die Reaktionen: Schon mehrfach haben sich infolge eines Zeitungs- oder Fernsehbeitrags die Familien von Geschädigten bei ihr gemeldet. Oft können sie Kleibls Nachforschungen unterstützen, etwa mit Unterlagen. Der Kontakt zu den Familien ist sehr wertvoll. Letztlich sind sie es, denen sich Kleibl verpflichtet fühlt: In erster Linie tue ich das, was ich tue, für die Geschädigten und deren Nachfahren. Sie sollen wieder mit den Objekten verbunden werden.

Verantwortung · Provenienzforschung · Nationalsozialismus · Antisemitismus · Erbe · Krieg · Forschungsmuseen · DSM

Vielleicht auch interessant?