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Wie geht es den Leibniz-Forscherinnen und -Forschern inmitten der Corona-Krise? Wie kommen sie im Homeoffice und mit dem neuen Alltag klar? Wir haben sie gefragt, was sich für sie durch Corona geändert hat, welche Strategien sie für das Leben mit dem Virus entwickelt haben – und auf was sie sich für die Zeit nach der Pandemie schon jetzt wieder freuen. Dieses Mal haben wir unseren Corona-Fragebogen nach Mannheim geschickt: an den Doktoranden Marco Gierke.

Herr Gierke, in welcher Situation treffen wir Sie an?

Aktuell bin ich etwa einmal die Woche am Institut, hauptsächlich, um mir neue Forschungsliteratur zu beschaffen oder unsere Büropflanzen zu gießen. Unser Institut erlaubt zwar auch die Arbeit vor Ort, weist aber dringlich auf die Möglichkeit zum Homeoffice hin, wenn es die Tätigkeit erlaubt.

Wie geht es Ihnen im zweiten Lockdown?

Überraschenderweise fällt mir der zweite Lockdown leichter als der erste, obwohl ich das zuvor anders erwartet hatte. Womöglich ist es die Routine, die sich mittlerweile im Umgang mit den Konsequenzen der Pandemie ergeben hat: Emotional wird die Ausnahme zunehmend Alltag. Ob das so gut ist, sei zunächst dahingestellt …

Was lesen Sie derzeit?

Tatsächlich habe ich vor einiger Zeit mal wieder mein Reclam-Regal bemüht und mir Wilhelm Meisters Lehrjahre geschnappt. Auch wenn es nicht die erste Runde damit ist, bin ich jedes Mal wieder begeistert, welche Weisheiten auf nahezu jeder Seite lauern – zudem bleibt der Protagonist auch nicht allzu lange an einem Ort, was den Reisedrang zumindest stellvertretend ein bisschen bedienen kann. Ansonsten genehmige ich mir als Lese-Snacks hin und wieder gerne Gedichte, aktuell vor allem aus dem Gedichtband das wort beim wort genommen von Philipp Luidl.

Derzeit wird man mit Onlineangeboten geradezu bombardiert. Was ist Ihr Favorit?

Neben dem aus der Berliner Clubszene erwachsenen Angebot »United We Stream«, das auch DJ-Sets aus Mannheimer Clubs gestreamt hatte, habe ich vor allem »Netflix Party« (mittlerweile »Teleparty«) mit Freunden genutzt, um gemeinsam Filme online zu schauen. Gerne höre ich auch in einen Podcast von Freunden rein, »Gott & Löffel«, bei dem sie vornehmlich popkulturelle Themen und wissenschaftliche Perspektiven in einer Folge zusammenbringen.

Macht Ihr Institut aktuell Online-Angebote, die Sie empfehlen können?

Die Corona-Pandemie hat aktuell natürlich einen außerordentlich großen Einfluss auf unseren Wortschatz: Lockdown, Alltagsmaske, Covidiot etc. Mit der Erfassung und Beschreibung dieser Wörter befasst sich die Abteilung »Lexik« bei uns am Institut, welche die Ergebnisse der interessierten Öffentlichkeit online zur Verfügung stellt. Darüber hinaus wird auch der Frage nachgegangen, inwieweit sich die Vielfältigkeit der verwendeten Sprache in den Online-Medien durch die Pandemie verändert.

Wie halten Sie sich fit?

Da ich normalerweise im Fitnessstudio meinen Ausgleich finde, musste ich angesichts des Lockdowns ein wenig umdisponieren. Glücklicherweise hatte mir ein Freund im Laufe des letzten Lockdowns ein paar Gewichte ausgeliehen und glücklicherweise habe ich diese auch nicht direkt nach dem letzten Lockdown zurückgebracht. Darüber hinaus haben wir mit Freunden begonnen, unsere Laufleistungen mit einer App zu verfolgen und zu teilen, sodass einen ein gewisser Gruppenzwang auch bei schlechtem Wetter vor die Tür treibt, was dieser Tage auch sehr guttut.

Was ist ihr momentanes Lieblingsgericht?

Im Lockdown ernähre ich mich aktuell hauptsächlich vegan. Da ich kein sonderlich begnadeter Koch und ein Freund der schnellen Küche bin, ist mein derzeitiges Lieblingsgericht denkbar einfach: Reis, Gemüse und Tofuwürfel. Dazu einfach das jeweilige Lieblingsgemüse kleinschnippeln und dampfgaren (mache ich im Reiskocher zusammen mit dem Reis) und nach der Hälfte der Zeit den kleingeschnittenen Tofu in einer Pfanne anbraten.

Was vermissen Sie derzeit am meisten?

Sehr schade ist, dass wir aktuell nicht mehr zu einem Filmabend zusammenkommen können, der normalerweise schon seit mehreren Jahren jede Woche bei mir stattfindet und als fester Termin immer eine gute und gesellige Austauschmöglichkeit darstellt. Da es den größten Einschnitt in meinen Alltag darstellt, fehlt mir aktuell aber wohl am meisten der gewohnte Gang ins Fitnessstudio, den ich normalerweise sehr gut an einen Arbeitstag anschließen konnte.

Eine Gewohnheit, die Sie entwickelt oder wiederentdeckt haben?

Da ein großer Teil des Arbeits- und Privatlebens in diesen Lockdown-Zeiten online stattfindet, verbringe ich die übrige Zeit gerne etwas analoger, weshalb ich nun häufiger als sonst meinen Plattenspieler anwerfe, um in der ja fast zeremoniellen Atmosphäre ein wenig zu entspannen.

Welche Rituale haben Sie etabliert, um den neuen Alltag zu strukturieren?

Schon zu Beginn war ich motiviert, den »neuen« Alltag am bisherigen Alltag zu orientieren, um mir vorsichtshalber zunächst möglichst viel Normalität zu bewahren. Neben den üblichen Zeitfenstern für die Arbeit zählte für mich hierzu von vornherein auch das Beibehalten einer »angemessenen« Garderobe, ein Tag in Jogginghose ist für mich persönlich nicht gut mit einem Arbeitstag vereinbar, auch wenn ich zuhause bin. Ansonsten übernehmen die Besprechungen einen großen Teil der Alltagsstrukturierung im Arbeitskontext. Auch andere »feste« Tage (Waschtag, Putztag) habe ich unverändert beibehalten (wollen). Hinzugekommen ist aber ein ausgiebigeres Frühstücksritual, das der wegfallende Arbeitsweg erlaubt: Jeden Morgen mache ich mir aktuell zusätzlich einen kleinen Obstsalat, der mir das Gefühl eines frischen Starts in den Tag gibt!

Was für neue Seiten haben Sie an sich entdeckt?

Die Pandemie stellt viele Bereiche der Gesellschaft vor unglaubliche Herausforderungen. Da mein Forschungs- und Arbeitsfeld diese spezifischen Herausforderungen nicht wirklich adressiert, aber trotzdem das Bedürfnis besteht, einen zumindest kleinen Beitrag zu leisten, habe ich eine neue Freude an ehrenamtlichem Engagement entdeckt. So haben wir als Promovierende an unserem Institut eine Spendenaktion für ein soziales Projekt aus der Umgebung initiiert und die Resonanz hat uns unglaublich gefreut. Es zeigt sich, dass gerade aus dem Privileg eines sicheren Einkommens heraus offenbar vielerseits ein ähnliches Bedürfnis besteht, sodass wir gemeinsam auf einen außerordentlich stattlichen Spendenbetrag kommen und damit das Projekt unterstützen konnten. Vielleicht kann dies auch eine Anregung für andere Leibniz-Institute sein.

Haben Sie die Lockdowns genutzt, um ein bestimmtes Projekt voranzutreiben?

Obwohl ich dahingehend ursprünglich nichts geplant hatte, kam in mir schließlich doch ein gewisser Renovierungsdrang auf, wenn doch der Blick tagtäglich über die immerselben Wände und die immerselbe Einrichtung streift. Aktuell bin ich in meinem Flur unterwegs und habe schon mal eine neue Garderobe gebaut, als nächstes wäre der Schrank dran. Die Flexibilität ist hierbei ein angenehmer Faktor: Es ist ein Beschäftigungsangebot, dass ich jederzeit angehen kann – oder zumindest fast immer, man möchte es sich ja nicht mit seinen Nachbarn verscherzen.

Wem sind Sie momentan am nächsten?

Da ich alleinlebender Single bin, bin ich mit dem strengeren Lockdown wohl vor allem mir selbst wieder nähergekommen. Wir verstehen uns aber soweit recht gut und entdecken immer wieder neue Seiten an uns oder alte Seiten wieder :)  Aber auch das gegenseitige Erkundigen nach der jeweils eigenen Lage und dem Befinden schafft noch mal ein tieferes Empfinden gegenseitiger Wertschätzung und Empathie im Freunds- und Familienkreis. 

Inwiefern ist die Corona-Krise Thema Ihrer Forschung?

Meine Forschung wird von der Corona-Thematik aktuell nur gestreift: »Lockdown« ist aber beispielsweise ein Wort, das in eine prototypische Fallklasse orthografischer Zweifelsfälle fällt, die ich untersuche und in ähnlicher Form reihen sich viele weitere Fälle ein, die sich relativ gut in meine ohnehin laufende Forschung einbinden.

Ein guter Satz, den Sie kürzlich gelesen oder gehört haben?

»Es war falsch, aber es war kein Fehler« – das entgegnete Karl Lauterbach auf einen Vorwurf von Markus Lanz. Aktuell gibt es viele Akteure, denen nur allzu leicht der Schwarze Peter zugeschoben werden kann. Ich hoffe, dass wir es schaffen, einander den guten Willen zu unterstellen und als kleinsten gemeinsamen Nenner zu bestärken.

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Die Innovationskraft unserer Gesellschaft. Trotz der ernsten und bedauernswerten Lage habe ich schon im ersten Lockdown eine Bewunderung für die gelebte Solidarität vieler Menschen empfunden, die Agilität, mit welcher Geschäftsmodelle umgestellt worden sind und die allgemeine Bedachtheit, mit der zumeist diskutiert worden ist. Nicht zuletzt natürlich der menschengemachte Deus ex Machina: der Impfstoff.

Was rettet Sie, wenn alles zu viel wird oder Ihnen die Decke auf den Kopf fällt?

Wenn ich ein wenig abschalten möchte und mir die Wohnung so vorkommt, als würde sie immer kleiner werden, richte ich den Blick neuerdings gerne in die Ferne und sortiere alte Fotos aus den vergangenen Jahren, wozu ich schon ewig nicht mehr gekommen bin.

Was tun Sie, um gelassen zu bleiben?

Es ist die erste Krise, die sich unmittelbar auf meinen persönlichen Alltag auswirkt. Wenn ich aber daran denke, welche Krisen es schon gab und auch andernorts immer noch gibt, denke ich mir angesichts der Gespräche, die ich hier und da mit Betroffenen (Großeltern mit Kriegserfahrungen, Geflüchtete, Gewaltopfer etc.) führen durfte: Wenn diese Menschen mit diesen Erfahrungen immer noch eine halbwegs positive Lebenseinstellung hervorbringen können, wird das schon alles »irgendwie« werden. Das ist zwar wenig differenziert, als Leitperspektive aber eben ein Gelassenheitsquell.

Ein positiver Effekt der Krise?

Die Pandemie ist eine außerordentliche Lehrmeisterin von Empathie. Ich merke, dass ich persönlich dem sozialen Austausch ein größeres Bewusstsein entgegenbringe und auch einen höheren Stellenwert beimesse. Dies zeigt sich allein schon im ganz privaten Rahmen: Dass sich Freunde und Familie an einem vereinbarten Termin online zusammenfinden, um zu spielen, zu reden – gerade auch über schwierige Phasen oder besondere Ereignisse wie Geburten usw.; das zeigt, welcher Wille zum Zusammensein dem sonst fast selbstverständlichen und dadurch beiläufigen Sozialleben zugrunde liegt. Dieses Bewusstsein wird mich privat wie beruflich fortan wohl verstärkt begleiten.

Worauf freuen Sie sich nach Ende der Krise am meisten?

Mit den persönlichen Erfahrungen aus der Krise wieder einen »normalen« – aber bereicherten – Alltag zu bestreiten: Take the best, forget the rest! Konkret wird das wohl das erste Zusammenkommen in größerer Runde sein – vielleicht zu unserem ersten Filmabend »nach« der Krise :)

MARCO GIERKE

ist Doktorand am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. Dort untersucht er den Schreibgebrauch im deutschsprachigen Raum anhand großer digitaler Textsammlungen. Sein besonderes Interesse gilt der Integration von Anglizismen (Fake News, Lockdown etc.) und der Frage, welche Muster und Regelmäßigkeiten sich hierbei erkennen lassen. Marco Gierke ist Promovierendensprecher und in einer Arbeitsgruppe des Leibniz-PhD-Networks (Survey) aktiv.

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