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Wer Robert Hoffies Büro betritt, weiß sofort, vor wessen Schreibtisch er steht. Acht blau gefiederte Vögelchen schwirren direkt über dem Computerbildschirm umher. Doch Gezwitscher hört man hier nicht, denn die Federn sind aus Papier: Ein Geburtstagsgeschenk von den Kolleginnen und Kollegen, sagt der Forscher mit der rechteckigen Brille und zeigt auf das Mobile über seinem Arbeitsplatz.

Robert Hoffie ist weder Vogelexperte noch Bastelkünstler. Am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) forscht er an Gerste, um das Getreide resistent gegen die Gersten-Gelbmosaik-Virose zu machen – eine Viruskrankheit, bei der ein Pilz im Boden die Wurzeln der Pflanze infiziert, dabei das Virus überträgt und die Gerste so schwächt; die Folge sind erhebliche Ernteausfälle. Und er twittert darüber: Als @ForscherRobert streitet er in dem sozialen Netzwerk mit dem zwitschernden Maskottchen leidenschaftlich für Grüne Gentechnik. In der Forschercommunity ist er dadurch nicht nur ziemlich bekannt geworden, sondern für viele auch ein Vorbild in Sachen Wissenschaftskommunikation.

Zeit hat man nicht, die muss man sich nehmen.

ROBERT HOFFIE

Wenn sich Laien für Wissenschaft interessieren, dann meist für das, was sie hervorbringt, ihre Ergebnisse. Aus dem Laboralltag wird kaum berichtet, sagt Robert Hoffie – und will das ändern: Wie funktioniert Forschung, wie werden Erkenntnisse gewonnen und warum müssen Gewissheiten von einst heute nicht mehr gültig sein? Das Wissenschaftssystem braucht einen Sinneswandel, ist der 29-Jährige überzeugt. Dass dieser Wandel bereits in Gang ist, habe er nicht erst in der Coronakrise gespürt. Inspiriert habe ihn ein weiterer Vogel: Johannes Vogel vom Berliner Naturkundemuseum, um genau zu sein, der vor einigen Jahren beim Tag der offenen Tür am IPK einen Vortrag gehalten hat. Er ist ein gutes Beispiel für eine Führungskraft, die den Wert der Wissenschaftskommunikation früh erkannt hat, sagt Hoffie über den Generaldirektor des Leibniz-Forschungsmuseums. Nun müssten weitere Institutsleitungen und Professoren mitziehen. Denn auch das habe die Pandemie gezeigt: Die Medienresonanz und das überbordende Interesse an einem Thema können ganz unerwartet kommen.

Wenn es nach Robert Hoffie ginge, sollten angehende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deshalb schon im Studium darauf vorbereitet werden. Doch gerade Promovierenden fehlt oftmals die Zeit für Aktivitäten abseits der Doktorarbeit. Zeit hat man nicht, die muss man sich nehmen, sagt Hoffie. Auch bei ihm wird es mal eng im Terminkalender. Dann kürzt er zuerst bei der Kommunikation, denn die eigene Forschung steht an erster Stelle. Und die ist in Hoffies Fall ein langwieriger Prozess mit vielen Schritten und Zwischenschritten. Er beginnt im Labor und endet viele Monate später im Gewächshaus.

Bei einem Rundgang will Hoffie heute die Stationen seiner Arbeit zeigen. Los geht es im molekularbiologischen Labor, dem Zentrum seines Forscheralltags. Nachdem er sich den weißen Kittel übergeworfen und blaue Gummihandschuhe angezogen hat, sieht Robert Hoffie ein bisschen aus wie ein Zwölftklässler im Chemieunterricht. Um ihn herum stehen Reagenzgläser und Röhrchen mit farbigen Flüssigkeiten.

Die Resistenz vieler Gerstensorten in Europa gegen die Gersten-Gelbmosaik-Virose basiert auf ein und demselben Resistenzgen, sagt Hoffie. Es gebe deshalb bereits erste Virenstämme, die bestehende Resistenzen überwinden können. Weil das Virus durch einen Pilz übertragen wird, der im Boden lebt, kommen Pflanzenschutzmittel bei ihrer Bekämpfung aber nicht infrage. Und wenn man trotzdem verhindern will, dass sich der Pilz im Boden ansiedelt, dürfte man dort erstmal zehn Jahre lang keine Gerste anbauen. Die praktikablere Lösung sei es da, von Anfang an eine resistente Gerstensorte anzubauen. Forschende durchleuchten die Gerstenvielfalt deshalb weltweit auf der Suche nach mutierten Varianten, die dem Virus widerstehen.

Eine Resistenz konnten Forschende vom IPK und dem benachbarten Julius-Kühn-Institut etwa in einer Asiatischen Landrasse finden. Um den langjährigen Prozess der Kreuzung und Rückkreuzung zu umgehen, versucht Hoffie, die Mutation, auf der sie beruht, mithilfe der Genschere CRISPR-Cas9 auf die Europäische Wintergerste zu überführen. Eigentlich fängt meine Arbeit aber am Computer an, korrigiert Hoffie, dort wähle ich die Kandidatengene aus, also den DNA-Abschnitt im Gerstengenom, an dem die Mutation stattfinden soll. Im Labor wird die Genschere dann zusammengebaut. Damit sie im Gerstengenom die richtige Stelle für die Mutation findet, stattet Hoffie sie mit einer Art Navigationssystem aus. Das ist ein bisschen wie Kochen, erklärt er, während er mit den Reagenzgläschen hantiert und die einzelnen Zutaten, die DNA-Moleküle, zusammenfügt. Danach kommt das Ganze in den Backofen, der eigentlich Thermocycler oder – in Corona-Zeiten dürfte diese Bezeichnung den meisten ein Begriff sein – PCR-Maschine heißt. Darin wird die DNA vervielfältigt. Anschließend setze ich sie in ein sogenanntes Agrobakterium ein, das ist ein Bodenbakterium, das von Natur aus die Fähigkeit besitzt, DNA und damit die Information für die Genschere in die Gerstenzelle zu übertragen.

Das Labor sieht aus wie ein riesiger Kühlschrank, von innen.

Danach geht es in den nächsten Laborraum. An der Sterilbank, einer Art Tisch, auf dem einige Petrischalen stehen, werden hier aus dem grünen Gerstenkorn unreife Embryonen isoliert. Kleine Gerstenbabys, sozusagen, sagt Hoffie. In einer Flüssigkultur wird der Gerstennachwuchs dann mit dem Agrobakterium zusammengebracht. Eine knifflige Angelegenheit. Das Verfahren sei bei Getreide anspruchsvoller als bei anderen Pflanzen und das Hauptaushängeschild der Forschergruppe am IPK. Durch die Gänge des Instituts geht es dann weiter, in den Zellkulturraum. Als Robert Hoffie die schwere Tür öffnet, schlägt ihm kalte Luft entgegen.

Der Raum sieht aus wie ein riesiger Kühlschrank, von innen. Die Regale sind von oben bis unten gefüllt mit säuberlich beschrifteten Petrischalen. Darin: Hoffies Gerstenbabys. Über mehrere Monate wächst aus ihnen ein unspezifischer Zellhaufen, der mit menschlichen Stammzellen vergleichbar ist und Callus heißt. Diesen Zellhaufen, erklärt Hoffie, setzen wir immer wieder auf andere Nährmedien um, die sich in ihrer Hormonzusammensetzung unterscheiden und so das Wachstum der Pflanze steuern, bis sie Spross und Wurzeln entwickelt. Eine Art Brutkasten sei das also. So entsteht eine neue Pflanze, die die Information für die Genschere enthält und sie selbst in das Enzym übersetzt, das die DNA schneidet. Durch zelleigene Mechanismen kann sich die DNA nach dem Schneiden selbst reparieren. Dabei entstehen verschiedene Fehler: die beabsichtigten Mutationen. In der nächsten Generation wird das Gen für die Genschere, die ihre Arbeit getan hat, dann wieder herausgekreuzt.

Die Arbeit im Labor, das Handwerkliche, macht Robert Hoffie am meisten Spaß. Wenn ein Inkubationsschritt im Labor eine halbe Stunde dauert, lohnt es sich nicht, ein Paper zu lesen. Dann gehe ich kurz zu Twitter, sagt er. Dort lässt die Forschercommunity keinen Zeitungsartikel oder kontroversen Politiker-Tweet unkommentiert – und auch Hoffie mischt munter mit. Zu Schulzeiten liebäugelt er mit dem Journalismus, doch dann entfacht sein Studium der Pflanzenbiotechnologie in Hannover seine Leidenschaft für die Forschung. Damals beteiligt er sich in Internetforen an Diskussionen zur Gentechnik.

Anfang 2017, kurz nach seinem Start am IPK, registriert er sich bei Twitter. Hoffie, der bis dahin nicht sonderlich Social Media-affin ist, stellt fest: Irgendwie passt das. Was ich mache, kommt gut an! Auf Twitter geht es ihm nicht darum, Leute zu belehren, sondern seine Perspektive als Wissenschaftler einzubringen. Der Austausch mit der Community hilft ihm auch, das eigene Thema besser zu verstehen und neue Perspektiven einzunehmen. Wo sind meine Grenzen? Auf welche naiv erscheinenden Nachfragen habe ich keine Antworten? Wo liegen bei anderen Arbeitsgruppen die drängendsten Probleme und was hat das mit meiner Forschung zu tun? Diesen Benefit sehen viele nicht.

Unsere Erkenntnisse kommen nur aufs Feld, wenn es gesellschaftliche Akzeptanz gibt.

Den Austausch mit Kritikern scheut Hoffie dabei nicht. Vielleicht auch deshalb, weil der große Shitstorm bisher ausgeblieben ist. Durch die neuen Techniken im Labor habe die Diskussion um Grüne Gentechnik aber auch einen Neustart erfahren; Horrorszenarien von Mischwesen à la Frankenstein und die Bilder von in Tomaten steckenden Spritzen sind passé. Vor zehn Jahren waren gesundheitliche Bedenken noch Bestandteil großer Kampagnen, sagt Hoffie. Heute ist die Debatte differenzierter.

Sorgen und Zweifel kommen nun vor allem von Naturschützern, die befürchten, Kulturpflanzen könnten sich durch Gentechnik unkontrolliert ausbreiten und invasiv werden. Das dürfe man nicht einfach abtun, findet Hoffie, sondern müsse die Bedenken ernstnehmen und sich erklären. Unsere Erkenntnisse kommen nur aufs Feld, wenn es eine Akzeptanz in der Gesellschaft gibt. Eines der größten Missverständnisse resultiert für ihn daraus, dass Gentechnik bisher in erster Linie von großen Konzernen wie Monsanto für eine Handvoll sogenannter Cash Crops angewendet wurde, Pflanzen also, die für den Verkauf und Export bestimmt sind und im Gegensatz zu den meist von Kleinbauern angebauten Food Crops nicht der Selbstversorgung dienen. Aber das muss ja nicht so sein, sagt Hoffie. Nicht die Gentechnik an sich sei das Problem, sondern wer sie wofür nutzt. Das könnte man ändern – durch bessere Regulierung.

Unverständnis hat er auch dafür, dass der Bioanbau häufig von der „bösen“ konventionellen Landwirtschaft abgegrenzt werde. Warum soll man nicht beides zusammenbringen?, fragt er. Zweifellos gebe es im Bioanbau gute Aspekte, etwa lange Fruchtfolgen. Aber, sagt Hoffie, auch Biobauern bauen Kulturpflanzen an, die seit Jahrtausenden gezüchtet werden und die mit einer natürlichen Pflanze in einem natürlichen Ökosystem nicht mehr viel zu tun haben. Aus Sicht des Forschers zieht der Bioanbau Grenzen zwischen natürlich und künstlich als gut und böse. Die Natur ist bestenfalls gleichgültig gegenüber uns Menschen. Daran festzumachen, ob etwas gut oder schlecht ist, halte ich für falsch. Zoonosen wie das Coronavirus seien das beste Beispiel dafür. Auch sei Bio nicht immer nachhaltig. Während im konventionellen Anbau klassische Fungizide gespritzt werden, um Kartoffeln gegen Krankheiten zu schützen, arbeitet man im Bioanbau mit Kupferpräparaten – das sind zwar natürliche Elemente, die sich aber im Boden anreichern und so etwa unsere Regenwürmer schädigen. Mittlerweile versuchten mehrere Initiativen die Kupferanwendung zu verbieten. Doch bei der Bekämpfung von Pilzerregern sei der Bioanbau auf Kupferpräparate angewiesen, eine Alternative gebe es nicht. Das ist objektiv betrachtet nicht gut, sagt Hoffie. In seiner heutigen Form stößt der Bioanbau für ihn deshalb an seine Grenzen.

Auch, dass beim Thema Nachhaltigkeit oft allein ökologische Aspekte im Fokus stehen, kritisiert Hoffie. Er sagt: Das Ziel muss eine evidenzbasierte Nachhaltigkeit sein, die neben den ökologischen, auch soziale und ökonomische Aspekte, etwa die faire Verteilung von Ressourcen, einbezieht. In diesem Rahmen könnten auch die neuen Techniken einen Beitrag leisten.

Wichtiger für die öffentliche Diskussion als die aus Sicht des Forschers nicht immer evidenzbasierten Einwände von Gesundheits- und Umweltschützern ist für ihn ein Thema, das in der alltäglichen Arbeit meist unsichtbar bleibt: Patente. Wer hat Zugang zu Saatgut? Wer setzt welche Techniken ein? Und zu welchem Zweck? So ist etwa die Genschere Cas9, mit der auch die Gruppe am IPK arbeitet, von einer Universität in den USA patentiert. In der Forschung sind Patente frei. Am IPK darf Hoffie die Genschere CRISPR-Cas9 für seine Forschung also nutzen. Doch die kommerzielle Verwendung ist einer US-amerikanischen Firma vorbehalten, die eine exklusive Lizenz bekommen hat. Noch dürfen mithilfe der neuen Techniken gentechnisch veränderte Pflanzen laut einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes ohnehin nicht ohne Genehmigung im Freien angebaut werden. Doch auch ohne das EuGH-Urteil von 2018 dürfte Hoffie seine Fortschritte und Erkenntnisse aus dem Labor wegen des Cas9-Patents derzeit nicht als Sorte vermarkten. In der Politik werde das Thema trotz seiner Relevanz kaum diskutiert.

Auch deshalb hat Robert Hoffie sich Twitter als Plattform ausgesucht. Hier erreicht er die Entscheidungsträger. Wenn wir wollen, dass Politik evidenzbasiert ist und neue wissenschaftliche Erkenntnisse nicht einfach ignoriert, müssen wir offen dafür sein, ihr unsere Forschung zu erklären. Für ihn gehöre es zum guten wissenschaftlichen Arbeiten, selbstkritisch zu bleiben, eigene Ansichten immer wieder zu hinterfragen und mit neuen Erkenntnissen abzugleichen. Für profilierte Politikerinnen und Politiker könne das aber zum Verhängnis werden: Wenn man sein gesamtes Leben gegen Gentechnik war und darauf seine politische Karriere aufgebaut hat, ist es enorm schwer, die eigene Meinung zu revidieren und jahrelange Gewissheiten zu hinterfragen, sagt Hoffie. Finde dieser Prozess öffentlich statt, sei ein Richtungswechsel nahezu unmöglich – selbst wenn innerlich ein Umdenken stattgefunden hat. So ein Richtungswechsel finde momentan etwa bei Teilen der Grünen statt. Andere Parteien suchten auf Twitter dagegen lediglich nach Bestätigung für ihre ohnehin gentechnikfreundliche Haltung. Oder nach Argumenten, wie sie die Grünen fertigmachen können, ergänzt Hoffie nüchtern. Dann gäbe es noch die eher stillen Mitleser.

Doch wie schafft man es heraus aus der Blase, erreicht auch Menschen fernab der politischen und wissenschaftlichen Community? Planen kann man das nicht, sagt Hoffie. Es brauche eine Gelegenheit und vor allem eine gute Idee. Die hatte er, als auf Twitter eine Diskussion um das Plastiktütenverbot entbrannte. Damals fragte ein FDP-Politiker in einem Tweet, wie er ohne Plastiktüte künftig seine Wassermelone nach Hause tragen solle. Plötzlich trendete auf Twitter der Hashtag #Wassermelone, erinnert sich Hoffie amüsiert. In seiner Präsentation über Pflanzenzüchtung fand er die Abbildung einer Wassermelone in ihrer ursprünglichen Form: eine kleine Kugel, fast ohne Fruchtfleisch. Früher konnte man die Wassermelone einfach in die Hosentasche stecken. Erst durch Züchtung ist das so ein unhandliches Ding geworden, twitterte er und ging damit viral.

Mit dem Hashtag #Wassermelone ging Robert Hoffie viral.

Wenn ich irgendwann keine Lust mehr auf Twitter habe, dann ist das eben so.

Draußen scheint die Sonne auf das 100 Hektar große Gelände. Vor dem Casino, der Mensa des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung, wartet eine Handvoll Anzugträger auf die Eröffnung des Buffets. Der Wissenschaftsminister Sachsen-Anhalts ist zu Gast. Er würdigt das ebenfalls auf dem Gelände ansässige BioTech-Zentrum als Zukunftsort. Im Casino zu verweilen, ist wegen Corona nicht erlaubt. Gegessen wird to go, auf der Grünfläche vor dem Gebäude. Die Nachwehen des ersten Shutdowns sind noch zu spüren, weit und breit ist kein Mitarbeiter des IPK zu sehen. Komplett dicht war das Institut aber nicht. Der Lockdown fiel genau mit der Aussaatzeit zusammen, sagt Hoffie, die kann man nicht einfach ausfallen lassen.

Auf dem Gelände lassen sich pro Tag einige Kilometer zurücklegen. Wer fußlahm ist, sollte sich lieber ein Dienstfahrrad zulegen. Vorbei an weitläufigen Feldern führt Robert Hoffie jetzt in die Klimakammer, die nächste Station seines Arbeitsprozesses. Haben sich im Zellkulturlabor aus den Zellkulturen in der Petrischale Spross und Wurzeln entwickelt, werden die neuen Pflänzchen in kleine Töpfchen mit Erde gepflanzt. In der Klimakammer sollen sie sich daran gewöhnen, nicht mehr in einer komplett kontrollierten Umwelt zu leben, selbst Photosynthese zu betreiben, sich Nährstoffe aus dem Boden zu holen. In der Zwischenzeit nehme ich einzelne Blattproben ab, erklärt Hoffie. Anhand der DNA prüfe ich dann, ob Mutationen stattgefunden haben.

Nach dieser Anpassungsphase steht für die Pflanzen dann auch schon der nächste Umzug an: ins Gewächshaus. So ein Gerstenleben in Gatersleben kann ganz schön anstrengend sein. Immerhin ist es im Gewächshaus etwas wärmer. Hoffie schlendert durch die Gänge. Die Gerstenpflanzen reihen sich eingetopft aneinander und sind nun etwa ein Meter groß. Wenn die Pflanzen Körner bilden, schickt Hoffie das Saatgut in die Nachbarstadt Quedlinburg, ans Julius-Kühn-Institut. Dort wird die nächste Pflanzengeneration mit dem Virus infiziert. Anhand der Ergebnisse können wir sehen, welche Mutationen zu Virusresistenz geführt haben und welche nicht. Und dann? Geht das Ganze von vorne los!

Und sogar die Partnervermittlung übernimmt das Institut.

Von der Auswahl der Kandidatengene am Computer bis zum ersten Saatgut der mutierten Pflanze im Gewächshaus vergeht etwa ein Jahr. Kulturpflanzenforschung ist in der üblichen Projektlaufzeit von drei Jahren kaum möglich, sagt Hoffie. Zwar wurde sein Projekt um drei weitere Jahre verlängert, der bürokratische Aufwand aber halte ihn oft von seiner eigentlichen Forschung ab. Die Anforderungen an Nachwuchswissenschaftler sind hoch, sagt er. Die Work-Life-Balance bleibe da oft auf der Strecke.

Immer häufiger wird Robert Hoffie nun auch zu Vorträgen eingeladen. Auf Konferenzen sprechen ihn Leute an, weil sie ihn von Twitter kennen. Mittlerweile folgen @ForscherRobert fast 3.000 Menschen. Für sein Engagement hat er Anfang des Jahres von der Sektion Pflanzenphysiologie und Molekularbiologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft den Preis für Wissenschaftskommunikation erhalten. Ist Robert Hoffie der Christian Drosten der Grünen Gentechnik? Als er für ein Foto auf der Wiese sitzen und an das Gewächshaus lehnend posieren soll, fühlt er sich sichtlich unwohl. Als Wissenschaftler verlässt man da ein Stück weit seine Komfortzone, gibt er später zu. Er versteht, dass sich Inhalte nun mal besser über Personen vermitteln lassen, noch dazu, wenn diese Sympathien wecken. Andererseits funktionieren Politik und Mediensystem nach völlig anderen Logiken als Wissenschaft. Einem Wissenschaftler bringt es überhaupt nichts, berühmt zu sein.

Online steht er als Forscher Robert im Rampenlicht, doch in der Offline-Welt genießt Hoffie die ländliche Gaterslebener Ruhe. Viele seiner Doktorandenkolleginnen und -kollegen sind aus indischen und chinesischen Millionenmetropolen ans IPK gekommen. Für die war das hier ein doppelter Kulturschock, sagt er und lacht. Das Leben in der Großstadt sei für ihn aber nichts. In Gatersleben kann er die Zeit in seinem Garten, beim Wandern im Harz oder mit Radfahren verbringen. Sogar den Corona-Shutdown hat er ein wenig genossen: Mal vier bis sechs Wochen keine Termine im Kalender. Einsam wird es in Gatersleben jedenfalls nicht: Wenn ich am Freitagnachmittag einkaufen gehe, sind nur IPKler im Netto. Und sogar die Partnervermittlung übernehme das Institut. Auch Hoffie hat hier seine Freundin kennengelernt. Es habe eben auch seine Vorteile, wenn man nicht wegkönne.

Ende des Jahres will Robert Hoffie seine Promotion einreichen, danach bleibt er für die Laufzeit seines Projekts als Postdoc am Institut. Der Plan: Weitere Resistenzgene identifizieren. Oft werde er gefragt, wie es danach weitergehe. Auch in der Erwartung, dass ich dann ‚irgendwas mit Kommunikation‘ mache. Da sehe ich mich im Moment aber ehrlich gesagt nicht so sehr.

Aus seiner Sicht müsse ohnehin mehr aus der Wissenschaft heraus kommuniziert werden. Viele verließen den Wissenschaftsbetrieb, um für andere zu kommunizieren. Dass er über das schreibt, spricht und twittert, was er selbst wirklich mache, sei das Authentische an ihm. Und: Niemand kann Ansprüche stellen. Wenn ich irgendwann keine Lust mehr auf Twitter habe, dann ist das eben so. Vielleicht startet Robert Hoffie dann seinen eigenen YouTube-Kanal?

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