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»DER MUSLIM UND DIE JÜDIN«

Von RONEN STEINKE

Wer war dieser Mann, der einer Jüdin Unterschlupf gewährte — mitten in Berlin, unter den Augen der Nationalsozialisten? Ab 1942 beschäftigte der ägyptische Arzt Mohammed Helmy die junge Anna Boros in seiner Praxis im Stadtteil Charlottenburg und rettete ihr so das Leben. Um ihre Spuren zu verwischen, war Boros zum Islam konvertiert. Beim Versuch, eine arrangierte Ehe mit einem Muslim einzugehen, kam ihr jedoch die Gestapo auf die Spur. Nur die Finten Helmys bewahrten sie vor der Deportation. 2013 ehrte der Staat Israel den Mediziner, der noch weitere Juden gerettet hatte, in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem als »Gerechten unter den Völkern« — als bislang einzigen Araber überhaupt. Vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts mag Mohammed Helmys Geschichte erstaunen. Der Journalist Ronen Steinke erzählt sie detailliert und kenntnisreich. Seine Recherchen über die lebhafte muslimische Gemeinde im Berlin der Weimarer Republik und deren enge Verflechtungen zur jüdischen Gemeinde führten ihn unter anderem in das Archiv des Berliner Leibniz-Zentrums Moderner Orient. MARION TULKA

Erschienen bei Piper

»ALBERT SPEER«

Von MAGNUS BRECHTKEN

Die Biografie Albert Speers ist in der Geschichtswissenschaft kein unbeschriebenes Blatt. Dennoch (oder gerade deswegen) hat der stellvertretende Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, Magnus Brechtken, jetzt ein imposantes Werk zu Hitlers Architekten und Rüstungsminister herausgebracht. Ihm geht es dabei nicht nur um Speers Rolle im Nationalsozialismus, sondern auch darum, wie es diesem in der Nachkriegszeit gelang, seinen Namen reinzuwaschen. Basierend auf neuen, aber auch lange verfügbaren Quellen zeichnet Brechtken ein Bild, das darauf basiert, was Speer vor 1945 getan — und nicht darauf, was er später erzählt hat. Diesem Anspruch seien viele Biografen bis vor wenigen Jahren nicht gerecht geworden, kritisiert Brechtken: Man habe schlicht nicht hinschauen wollen. Für den Leibniz-Historiker ist der langsame und zähe Abschied von »Speers Fabeln« ein Indiz für den Wandel der deutschen Gesellschaft: von einem leichtgläubigen Publikum, das sich selbst entlasten wollte, zu einer Zivilgesellschaft, die kritisch abwägt. CHRISTOPH HERBORT-­VON LOEPER

Erschienen im Siedler Verlag

»DAS LAND, IN DEM WIR LEBEN WOLLEN«

Von JUTTA ALLMENDINGER

Mit 3.104 Menschen zwischen 14 und 80 Jahren haben Jutta Allmendinger und ihre Kollegen gesprochen. Für ihre »Vermächtnisstudie« befragten sie diese zu ihren Lebensumständen, Wünschen und Zukunftsprognosen. Neben den Einstellungen der Menschen wurden auch ihre Sinneswahrnehmungen — Riechen, Fühlen und Hören — mit in die Studie einbezogen. Jetzt hat die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung die Ergebnisse des Großprojekts in einem kurzweiligen und verständlichen Sachbuch auf den Punkt gebracht. Hinsichtlich der Zukunftswünsche der Befragten resümiert Allmendinger: »Die Menschen in Deutschland wünschen den Kindern und Kindeskindern nicht mehr und nicht weniger als das, was die Gesellschaft heute ausmacht. Welch ein positives Zeugnis für das Leben heute.« Wurden die Befragten jedoch um eine realistische Einschätzung der Zukunft gebeten, änderte sich das Bild. Das zeigt auch die Untersuchung der Sinneseindrücke: Während die Gegenwart überwiegend nach Rosen duftet, riecht die Zukunft nach Leder. MIRJAM KAPLOW

Erschienen im Pantheon Verlag

WAS LESEN SIE, HERR KLEINER?

»LÄNGENGRAD von Dava Sobel!«

Die Verwandlung von Blei in Gold, die Suche nach dem Jungbrunnen oder das Perpetuum Mobile zählen zu den großen Mythen umtriebigen Forschergeistes. Dava Sobel legt so unterhaltsam wie lehrreich dar, dass die Bestimmung der Längengrade mit Fug und Recht einen Platz in dieser Reihe legendärer Abenteuer und Heldengeschichten der Wissenschaft beanspruchen darf. Protagonist des Dramas ist der englische Uhrmacher und Autodidakt John Harrison, sein Schauplatz sind die Weltmeere des 18. Jahrhunderts. Während der Null-Breitengrad von der Natur definiert wird, unterliegt der Null-Längengrad der Konvention. Die genaue Längenbestimmung war daher jahrhundertelang ein Problem: Selbst die größten Kapitäne blieben orientierungslos auf See, Schiffe kamen vom Kurs ab, liefen auf Grund oder waren auf den wenigen sicheren Passagen leichte Beute für Piraten. Mit dem »Longitude Act« lobte das englische Parlament 1714 ein Preisgeld von 20.000 Pfund für die Erfindung einer Methode zur Ermittlung der geographischen Länge aus. Dava Sobel widmet ihr Buch zum einen John Harrisons über 40 Jahre währender Arbeit an der Herstellung eines perfekten Chronometers, zum anderen erzählt sie höchst kurzweilig eine Geschichte vom Widerstand der Natur, des Materials und der etablierten, oft auch intriganten Wissenschaft im Kampf um den Längengradpreis. MATTHIAS KLEINER, Präsident der Leibniz-­Gemeinschaft

Erschienen bei Malik National Geographic

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