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Angefangen hat es mit unserem rumänischen Musiklehrer. Er hat ihn uns vorgestellt, den Jazz, der so ganz anders daherkam als die Klassik — in ihm habe ich meinen eigenen Ausdruck gefunden. Ich habe dann Musik studiert, an der Universität der Künste in Berlin. Im letzten Drittel meines Studiums bin ich in eine Krise geraten. Wo soll es hingehen? Ich wollte immer eine Familie haben. Aber das viele Reisen, die Unsicherheit?

Um mich aus diesem Loch herauszuziehen, habe ich Mathevorlesungen besucht. Ich bin komplett abgetaucht, zum zweiten Mal in meinem Leben. Seither ist meine Welt zwei Welten. Dann habe ich ein Stipendium für New York bekommen, für eine Musikschule. In meiner kleinen Wohnung in Harlem habe ich mich zwei Jahre lang komplett dem Jazz gewidmet. Zurück in Deutschland habe ich nach dem Musik- auch mein Mathestudium abgeschlossen und in statistischer Mechanik promoviert. Ich habe es geschafft, mein Leben auszubalancieren: Ich konnte meine Familie gründen, forschen und weiter Jazz machen.

Inzwischen bin ich Teil der Leibniz-Gruppe am Weierstraß-Institut. Wir beschäftigen uns mit der Modellierung künftiger Telekommunikationsnetzwerke. Die Idee besteht darin, irgendwann ohne Infrastrukturen wie Sendemasten zu kommunizieren, das Signal soll stattdessen über diverse Handys hinweg von einem Nutzer zum anderen hüpfen. Die Musik hilft mir bei meiner Arbeit, Mathematik hat mehr mit Intuition und Kreativität zu tun, als man denken würde.

Wir haben zwar immer den Anspruch, alles von den Grundaxiomen her aufzubauen. Aber ein guter Mathematiker kann auch mal intuitiv erkennen, ob eine Annahme stimmt — um es im Nachgang zu beweisen. Andersherum merke ich, dass ich beim Spielen und Improvisieren mehr zur Abstraktion neige als andere Jazzpianisten. Jeden Abend setze ich mich ans Klavier, bis meine Söhne mir den Deckel auf die Finger hauen. Mein Traumarbeitstag? Ich frühstücke mit den Kindern, fahre ins Büro und abends zum Spielen in irgendeinen Berliner Jazzclub, bevor es nach Hause geht. Und: Das kommt immer wieder vor.

BENEDIKT JAHNEL forscht am Weierstraß-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik in Berlin in der Forschungsgruppe »Stochastische Systeme mit Wechselwirkungen«.

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