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Wer sich die Forschung bildlich vorzustellen sucht, hat selten ein Gesicht vor Augen. Oft ist es nur der klinisch reine Raum, gefüllt mit Reagenzgläsern und Mikroskopen, an denen konzentriert das Wissen selber steht. Es trägt stets weiße Kittel und ist dem Forschungsgegenstand ganz zugetan. Jeder Versuch dient einem Zweck: der aufgestellten These den Beweis zu liefern.

Bahnbrechend ist ein Wort, das fällt, wenn es dabei um etwas völlig Neues geht, wegweisend für die Zukunft oder auch grundlegend als Fundament der Wissenschaft von Morgen. Was sich davon in unserem Alltag zeigt, trägt selten Handschrift oder Namen dessen, der dahinter steht. Der Fortschritt bleibt erschreckend anonym. Auch wenn das Leben aller durch die Arbeit dieser Forscher besser, sicherer, gesünder wird, verliert sich ihre Spur gemeinhin. Was bleibt, sind Markennamen und Patente.

Nur einmal im Jahr wird dieses Missverhältnis aufgehoben, und ein Gremium zeichnet öffentlich die Leistung derjenigen aus, »die der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben«, auf den Gebieten der Physik, Chemie, Physiologie, der Medizin und Literatur und, am allgemeinsten und doch unverzichtbar für das Wirken aller anderen, des Friedens selbst.

Der Mann, der diese Auszeichnung vor über 100 Jahren ins Leben rief, machte auch wörtlich seinem Namen alle Ehre. Nobel kommt aus dem Französischen und bezeichnet Tugenden, die einst dem Adelsstand vorbehalten waren: vornehm, fein und edelmütig, kultiviert und exklusiv. Doch sein Ursprung ist lateinisch, noscere, und meint: erkennen.

Was Alfred Nobel, Chemiker und Erfinder und Inhaber von über 350 Patenten, fördern wollte, war, in Worten des Schriftstellers (und Nobelpreisträgers) Thomas Mann, Adel des Geistes: Erkenntnis als moralische Pflicht des Wissenschaftlers. Nobel, der kinderlos blieb und mit seinem Reichtum den nach ihm benannten Preis stiftete, sorgte so dafür, dass Forscher, die sich herausragend um ihre Disziplin verdient gemacht haben, vor aller Welt geehrt werden und so aus der Anonymität des Wirkens heraustreten können. Nicht zuletzt auch, um als Vorbild für zukünftige Generationen von Forschern zu leuchten und auf diese Weise der Wissenschaft selbst zu den Nachkommen zu verhelfen, die ihm im Leben versagt geblieben waren.

Der Autor: Für leibniz ist Eckhart Nickel an den Bodensee gefahren um über die jährlichen Lindauer Nobelpreisträgertagungen zu berichten.

Wie heißt es noch bei Nietzsche? Die fröhliche Wissenschaft.

Einmal im Jahr kommen sie zusammen, Nobelpreisträger und naturwissenschaftlicher Nachwuchs. Nach dem Zweiten Weltkrieg riefen zwei Ärzte aus Lindau mit Hilfe von Graf Bernadotte, einem Enkel des schwedischen Königs Gustav V., die »Europatagung der Nobelpreisträger« ins Leben, als Geste der Aussöhnung unter den Wissenschaften. Ab 1953 lud man auch Studenten, Doktoranden und Postgraduierte ein. Es gibt keinen besseren Weg, der Wissenschaft nicht nur ein Gesicht, sondern gleich viele zu verleihen als ein Besuch bei den »Lindauer Nobelpreisträgertagungen«, die in diesem Jahr zum 68. Mal stattfinden.

Der Ort hätte nicht besser gewählt sein können: eine historische Insel aus Idyll und Internationalität, im voralpinen Dreiländereck aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Wo nachmittags am Hafen mit lautem Hornruf die Ankunft des Postschiffs aus Rorschach verkündet wird, die Fenster des Kasinos am Bodensee den Blick auf die Kulisse von Bregenz am Ufer gegenüber freigeben und die Zeppeline vom nahen Flugplatz in Friedrichshafen gemächlich in die Luft aufsteigen.

Für die Jungen ist die Teilnahme ein außerordentliches Privileg. Daniel Stöppler vom Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie, der zusätzlich eingeladen wurde, dem Publikum in der Inselhalle seine Forschung vorzustellen, beschreibt es so: »Natürlich hört man hier und da auf Tagungen immer wieder den Vortrag eines Nobelpreisträgers, aber nirgends ergibt sich dann auch die Gelegenheit, mit ihm ausführlich zu reden, geschweige denn mehrere auf einem Podium miteinander diskutieren zu sehen.«

Jetzt, so früh am Morgen im Bus vom Hotel zur Inselhalle, geblendet vom strahlenden Sommersonnenlicht, gilt Stöpplers Interesse aber eher dem Plausch zur Party nach dem Dinner des internationalen Get-togethers am Vorabend. Wie lang die Polonaise durch die Halle war. Und wie am Ende keiner mehr aufhören wollte mit dem Tanzen. Wie heißt es noch bei Nietzsche? Die fröhliche Wissenschaft.

Dann Umstieg in den Bus zur Stadt am zentralen Knoten, den die Lindauer ZUP nennen: Zentraler Umsteigepunkt. Großes Amüsement in der Runde. So perfekt, wie hier ein Bus nach dem anderen eintrifft und alle aufeinander warten, um sich dann in alle Himmelsrichtungen wieder voneinander zu verabschieden, ist der ZUP auch ein Bild für den Kongress selbst: ein Treffpunkt, der ausgezeichnet organisiert ist und alles mit Rücksicht aufeinander abstimmt, um größtmögliche Effizienz und Kommunikation zu garantieren.

Die Vorträge der Nobelpreisträger in der großen Inselhalle, die schon von außen wirkt wie ein holzverkleideter Denk-Hangar der Moderne, sind bereits am Morgen voll besucht. Im Vorraum summen nonstop die Kaffeemaschinen, damit die Gehirne gut geölt den weisen Worten lauschen können. Wer weiter hinten sitzt, blickt schräg zu Monitoren auf, die weißhaarige Gelehrte wohlgekleidet (am hellblauen Namensschildbändchen erkennt man die Preisträger) referierend zeigen. Vor ihnen leuchten Laptops mit dem Sündenfall-Symbol. Während der Nachwuchs emsig seine Notizen in PCs eintippt, geht mit der Auszeichnung anscheinend auch der Aufstieg in die Apple-Welt einher. In kurzen Pausen strömen die Massen dann schnell auf eine Stärkung ins Foyer: zu Birchermüsli, Fruchtsalat, Kaffee und Quellwasser.

Was schon im Programm nach griechischem Disput und klassischer Antike klingt, erweist sich als gelungene Verbindung von Interview, Gespräch und Fragestunde. Der »Agora Talk« von Peter Agre zu seinen Malariastudien wird zum Lehrstück in Lässigkeit und Lebensweisheit. Mit Turnschuhen sitzt der Molekularbiologe, der 2003 den Nobelpreis bekam, vor dem Publikum und berichtet von seinem lebenslangen Forscherkampf in Afrika.

Nicht nur in der atomaren Struktur der Wasserkanäle in Zellmembranen, um die es bei ihm geht, ist alles im Fluss, auch der Ethos, mit dem er sein Wirken begreift, verdankt sich einer philosophischen Natur. Er sieht die Wissenschaft als Abenteuer, den Forscher als Entdecker, der durch seinen Nutzen für die Menschheit die Gewissheit haben darf, Gutes zu tun. »We’re in this together!«, so sein inspiriertes Credo.

Als die Sprache auf sein Leben kommt, zeigt sich der Humor des Midwest-Amerikaners aus Minnesota mit norwegischen Wurzeln. »Nehmen Sie im Oktober unbedingt Telefonanrufe aus Schweden an, auch wenn es früh am Morgen ist!«, sagt er über den Tag, an dem er vom Nobelpreis erfuhr. »Und wissen Sie was? Für Chemie! Ich sah vor meinem inneren Auge das Gesicht meines Chemielehrers, während er beim Frühstück im Radio den Namen seines schlechtesten Schülers hört und sich augenblicklich an seinen Cornflakes verschluckt.«

Wie der Preis sein Leben verändert hat, zeigte sich aber vor allem in der Gesellschaft. »Ich wusste vorher gar nicht, wie viele beste Freunde ich hatte. Plötzlich war selbst der Universitätsdirektor mein bester Freund.« Am meisten gefiel ihm allerdings die Reaktion seines lokalen Getränkehändlers, der anstelle der Bierpreise auf seinem Steckbord noch am gleichen Tag »Congrats, Dr. Agre!« stehen hatte.

Dass es keinen Königsweg zum Nobelpreis gebe, lässt er freundlich, aber bestimmt den jungen Chinesen wissen, der fragt, was man tun kann, um zu dieser Ehre zu kommen. »Man kann das nicht planen wie ein berufliches Ziel. Machen Sie das, was sie tun, so gut Sie können. Und denken Sie vor allem daran, wie Sie den Menschen helfen können. Dann werden Sie mit etwas Unbezahlbarem beschenkt: Dankbarkeit.«

Nehmen Sie Anrufe aus Schweden an, auch früh am Morgen!

PETER AGRE

Zwischen 1901 and 2019 sind 919 Menschen und 24 Organisationen mit dem Nobelpreis bzw. dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften geehrt worden.

Etwas später verwandelt sich das Untergeschoss der Inselhalle in eine große Kantine. Lokale Spezialitäten wie Ochsengulasch mit Spätzle dampfen auf dem Teller, aber viele nehmen auch die vegetarische Pasta mit Kürbis. Manche, darunter auch Lisa Österreich und Henning Jacobsen vom Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie, eilen zu »Laureate Lunches« mit Nobelpreisträgern davon.

Auf einer Pressekonferenz berichten Michael Rosbash und Michael W. Young, die »jüngsten« Nobelpreisträger von 2017, über ihr Forschungsthema: die innere Uhr des Menschen und die molekularen Mechanismen der Circadianen Rhythmik. Der dritte Mann in ihrem Nobelpreisbund, Jeffrey C. Hall, ist in Lindau nicht dabei, sondern zu Hause in Maine, weil er seine sieben Hunde nicht alleine lassen wollte. Selbst den Anruf aus Stockholm nahm er deswegen angeblich eher resigniert entgegen und seufzte: »Ich fürchte, mir wird nichts anderes übrig bleiben, als Ihre Einladung anzunehmen.«

Am Nachmittag werden wir zu Zeugen einer »Master Class«. Hier hat der Nachwuchs eine Chance zum Kurzvortrag, der dann direkt darauf von zwei Nobelpreisträgern auseinandergenommen wird. »Sie waren zu schnell!«, mahnt Rolf Zinkernagel, exzentrisch hochgezogene Anzughose, gut gebräunt mit Minischnurrbart im Kurzarmhemd, und dreht sich zum Publikum um. »Wer von Ihnen weiß, um was es hier gerade ging?« Und Peter C. Doherty, dessen silbern glänzendes Haar perfekt zum Navy-Blazer mit beigen Chinos passt, ergänzt: »Und wenn nicht, wer will es jetzt wenigstens unbedingt wissen?«

Die jungen Forscher nehmen die Kritik der Herren, die für ihre Arbeit zur Rolle der Zelle in der Immunabwehr 1996 ausgezeichnet wurden, ernst, aber gelassen. Die Spannung eines langen Tages fällt wenig später auf dem Weg zum »Grill & Chill« am See deutlich von ihnen ab. Sie flanieren durch die historische Altstadt Lindaus, auch die Leibnizianer haben wieder zusammengefunden.

Und während man sich im Toskanapark, begrüßt von Gräfin Bettina Bernadotte, der Tochter des Mitbegründers der Lindauer Treffen, an langen Bänken gegenseitig mit Radler oder Hefeweizen versorgt, oder beim Anstehen in der Schlange zum Würstchen-Buffet abwechselt, werden auch die Gespräche persönlicher. Es geht zum Beispiel um die Frage, warum auch Männer beim Heiraten den Namen ihrer Frau annehmen sollten. Oder um gebotene Vorsicht beim Konsum von Keksen auf Uni-Parties in den USA, es könnte sich ja um Hash-Brownies handeln.    

Auf dem Heimweg im Bus, der nach der ersten Partynacht etwas früher angetreten wird, weil am nächsten Morgen ab sieben Uhr das »Science Breakfast« mit dem Krebsforscher Sir Tim Hunt ansteht, kommen die Leibnizianer mit Einheimischen ins Gespräch. So wohlerzogen und geduldig, wie sie die Fragen zum Nobelpreiskongress und den eigenen Forschungsgebieten beantworten, stellt sich die letzte Erkenntnis dieses erlebnisreichen Tages ein: dass man die Zukunft unserer Welt und die Lösung ihrer dringlichsten medizinischen Probleme eigentlich guten Gewissens in derart sachkundige und von gesundem Menschenverstand geprägte Hände und Köpfe legen darf.

ECKHART NICKEL

wurde 1966 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte Kunstgeschichte sowie Literatur in Heidelberg und New York und gehörte später dem popliterarischen Quintett „Tristesse Royale“ (1999) an. Sein Debut „Was ich davon halte“ – einen Erzählband – veröffentliche er im Jahr 2000. Von 2004 bis 2006 leitete Nickel gemeinsam mit Christian Kracht vom Redaktionssitz in Kathmandu aus die Literaturzeitschrift Der Freund. Sein zuletzt erschienener Roman Hysteria wurde 2017 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet und landete 2018 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. 2019 erhielt er außerdem den Literaturpreis Friedrich-Hölderlin-Förderpreis der Stadt Bad Homburg. Heute schreibt Eckhart Nickel vorwiegend für die FAS, die FAZ und ihr Magazin.

Karriere · Wissenschaftsfreiheit · FMP · HPI

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