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Für die allermeisten Menschen war und ist die Corona-Krise eine große Belastung – auch finanziell. Für einige wenige jedoch war sie ein extrem gutes Geschäft: Neue Zahlen belegen, dass Milliardäre und Milliardärinnen weltweit ihre Vermögen im vergangenen Jahr um fünf Billionen Dollar (das sind mehr als vier Billionen Euro) steigern konnten.

Das ist nicht nur mehr als die jährliche Wirtschaftsleistung Deutschlands oder knapp sechs Prozent der Wirtschaftsleistung der Welt. Es ist vor allem ein sprunghafter Anstieg ihrer Vermögen um rund 60 Prozent innerhalb eines Jahres auf nun 13 Billionen Dollar. Während nach Schätzung der Weltbank also weltweit mehr als 100 Millionen Menschen durch die Pandemie in absolute Armut gefallen sind und von weniger als 1,80 Dollar pro Tag leben müssen, war 2020 für die Hochvermögenden das finanziell erfolgreichste Jahr in der Menschheitsgeschichte. Wie sind diese Zahlen einzuschätzen, was sind deren Ursachen und welche Konsequenzen beinhalten sie?

Diese Vermögen sind nicht durch einen Boom der Weltwirtschaft gewachsen – sondern trotz und auch wegen ihres Einbruchs.

MARCEL FRATZSCHER

Die neuen Zahlen, die die Financial Times zusammen mit Morgan Stanley veröffentlicht hat, sind schwer fassbar und vorstellbar. So ist die Anzahl der Superreichen im Pandemiejahr von 2.000 auf 2.700 weltweit gestiegen. Eines der schillerndsten Beispiele ist der Tesla-Gründer Elon Musk, der 2020 sein persönliches Vermögen von 25 Milliarden auf 150 Milliarden Dollar gesteigert hat. Aber er ist keine Ausnahme. Es gibt mit Amancio Ortega in Spanien (Inditex-Modekonzern), Carlos Slim in Mexiko (Telekommunikation) oder Bernard Arnault in Frankreich (Luxusmode) sogar einzelne Personen, deren individuelle Vermögen mehr als fünf Prozent der Wirtschaftsleistung ihres eigenen Landes ausmachen.

Die weltweit 2.700 Milliardäre und Milliardärinnen haben also im Corona-Jahr 2020 ihr Vermögen um sechs Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung steigern können, während diese um 3,3 Prozent einbrach. Allein dieser Vergleich zeigt die Perversität dieser Entwicklung. Es ist also nicht so, als seien die Vermögen der Hochvermögenden durch einen Boom der Weltwirtschaft gewachsen – bei dem die Mehrheit der Menschen eine Teilhabe am steigenden Wohlstand hat –, sondern trotz und auch wegen des Einbruchs der Weltwirtschaft.

Auch in Deutschland ist diese Entwicklung zu beobachten. So zeigen die Berechnungen der Financial Times, dass die Zahl der Milliardärinnen und Milliardäre hierzulande um 29 auf 136 Personen gestiegen ist. Deren Vermögen sind im Jahr 2020 um mehr als 100 Milliarden Euro oder drei Prozent der Wirtschaftsleistung Deutschlands angewachsen – während diese im gleichen Zeitraum um circa 170 Milliarden Euro oder 4,9 Prozent schrumpfte.

Dies deutet darauf hin, dass sich die Ungleichheit der Vermögen während der Pandemie auch in Deutschland massiv vergrößert hat, auch wenn noch keine Zahlen für die gesamte Verteilung der Vermögen für 2020 vorliegen. Allerdings haben Umfragedaten für 2019, die im Juli vergangenen Jahres im Rahmen des sozio-ökonomischen Panels am DIW Berlin ausgewertet wurden, gezeigt, dass schon vor der Pandemie das reichste ein Prozent der Deutschen (1,5 Prozent der Deutschen besitzen mindestens eine Million Euro an Nettovermögen) 35 Prozent der gesamten privaten Vermögen in Deutschland hält. Damit besitzt dieses eine Prozent mehr als die unteren 90 Prozent der Bevölkerung, die zusammen auf 33 Prozent kommen.

Foto WWW.DIETLB.DE

MARCEL FRATZSCHER
ist Wirtschaftswissenschaftler und Präsident des Leibniz-Instituts DIW Berlin. Sein Kommentar ist zunächst in der Kolumne »Fratzschers Verteilungsfragen« auf Zeit Online erschienen.

Die Financial Times unterscheidet in ihren Berechnungen zwischen »guten« und »schlechten« Vermögen. Gute Vermögen sind solche, die in Wirtschaftssektoren entstanden sind, die neue Technologien entwickeln und/oder auf Industrieproduktion beruhen. Schlechte Vermögen werden als solche definiert, die vor allem durch Rohstoffe – mit oft großen negativen Folgen für die Umwelt – oder mit Einkünften aus Immobilien erzielt werden, also in Bereichen, die nur zu einem geringen Teil auf eigener Innovation beruhen und zu einem erheblichen Teil auf ein sogenanntes rent-seeking zurückzuführen sind, also auf ein Abschöpfen eines Mehrwerts, der von anderen in der Gesellschaft geschaffen wurde.

Deutschland schneidet bei dieser Unterscheidung relativ gut ab, auch wenn in den USA, China oder Südkorea ein sehr viel größerer Anteil des Vermögens durch neue Technologien entstanden ist. Weniger gut steht Deutschland dagegen im internationalen Vergleich da, wenn es um den Ursprung der Milliardenvermögen geht. Berechnungen zeigen, dass zwei Drittel der Vermögen der deutschen Milliardäre nicht durch eigene Arbeit geschaffen wurden, sondern durch Erbschaften und Schenkungen. In den USA dagegen ist weit mehr als die Hälfte »neues Geld«.

Was bedeuten diese Zahlen, was sind deren Ursachen und Konsequenzen? Es ist Vorsicht geboten, diese Zahlen und Entwicklungen sofort negativ zu bewerten und somit in eine Neiddebatte zu geraten. Zahlreiche Hochvermögende haben in der Pandemie einen enorm wertvollen Beitrag zur Bekämpfung der Krise geleistet und dadurch ihre Vermögen vergrößern können. Man denke an die Gründerin und den Gründer von BioNTech und die zahlreichen anderen Unternehmen in der Gesundheitsbranche, die mit neuen Impfstoffen, Medikamenten und medizinischer Ausstattung geholfen haben, Menschenleben zu retten. Kaum jemand würde diesen Menschen ihren finanziellen Erfolg neiden. Ähnliches betrifft Unternehmen des Onlinehandels oder der Streamingdienste, die vielen Menschen das Leben in diesen schwierigen Zeiten etwas erleichtert haben.

Aber es sind in Summe nur wenige Superreiche, die ihre Vermögen durch eine aktive Pandemiebekämpfung vergrößern konnten. Die meisten haben an den boomenden Aktienmärkten dazuverdient. Auch hier liegt ein vermeintlicher Widerspruch: Während sich die Weltwirtschaft in einer tiefen Rezession befand, haben die Aktienkurse vieler weltweit agierender Unternehmen deutlich an Wert gewonnen.

Große Vermögen müssen sehr viel stärker als bisher an der Pandemie-Bewältigung beteiligt werden.

Den Boom an den Aktienmärkten mitbefeuert hat eine sehr expansive Geldpolitik der Notenbanken, die Milliarden an Liquiditätshilfen an Banken gegeben und im großen Stil Anleihen aufgekauft haben, um die Zinsen niedrig zu halten. Und auch eine expansive Finanzpolitik mit direkten Unternehmenshilfen hat vielen Firmen nicht nur das Überleben ermöglicht, sondern auch deren finanzielle Position gestärkt – und damit direkt oder indirekt die der Hochvermögenden. So haben beispielsweise die im Dax gelisteten Unternehmen in Deutschland im ersten Quartal 2021 die größten Gewinne der vergangenen zehn Jahre gemacht. Nicht selten haben auch Unternehmen in Deutschland staatliche Hilfen in Anspruch genommen und ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeiternehmer mit Staatshilfen in Kurzarbeit geschickt, gleichzeitig aber den Aktionären Dividendenausschüttungen gegönnt.

Somit hat sich nicht nur die Ungleichheit privater Vermögen während der Pandemie vergrößert, sondern es ist auch eine zunehmende Unwucht zwischen Staat und Privatwirtschaft entstanden. Denn vor allem in reichen Industrieländern wie Deutschland hat der Staat wegen der Pandemie enorme Ausgaben zur Unterstützung von Unternehmen getätigt, um eine noch schlimmere Wirtschaftskrise mit Arbeitsplatzverlusten zu verhindern. Der deutsche Staat hat im vergangenen Jahr mehr als 200 Milliarden Euro (sechs Prozent des BIP) an zusätzlichem Geld ausgegeben – und damit Schulden aufgenommen, die letztendlich von den Bürgerinnen und Bürgern langfristig über ihre Steuern bedient werden müssen.

In anderen Worten: Es gab während der Pandemie eine massive Umverteilung von finanziellen Ressourcen vom Staat hin zu den Bürgerinnen und Bürgern. Nur dass viele Menschen trotzdem den Gürtel enger schnallen mussten, während die Hochvermögenden den größten Teil des Kuchens abbekamen. Daher wäre auch die Politik in Deutschland klug beraten, ernsthaft über Optionen nachzudenken, wie diese Unwucht wieder korrigiert werden und die Lasten der Pandemie fair auf die Schultern aller Bürgerinnen und Bürger verteilt werden kann.

Der Staat hat sich in der Pandemie als unverzichtbar erwiesen: Er hat Millionen Arbeitsplätze gerettet und viele Menschen durch Kurzarbeitergeld vor dem Absturz gerettet. Das war richtig. Lässt sich die dadurch entstandene Unwucht aber nicht korrigieren, könnte dies verheerende Folgen für den sozialen Frieden und für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands haben. Es wird weder wirtschaftlich noch moralisch ein Weg daran vorbeiführen, auch große Vermögen in Deutschland sehr viel stärker als bisher an den Zukunftsherausforderungen und an der Bewältigung der Pandemie zu beteiligen. Doch wird die Politik den Mut dazu haben?

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