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Ganz oben, auf dem Dachboden des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg, arbeitet Jonas Schmidt-Chanasit. Eine schmale Treppe führt zu einer Brandschutztür, über staubige Dielen, vorbei an Lüftungsschächten und Rohren geht es zu einem klimatisierten Container. Er zieht die Tür auf und schiebt einen Vorhang beiseite. Im Inneren 25 Grad Celsius, 70 Prozent Luftfeuchtigkeit. Es riecht nach Moder. Entlang der Wände stehen Boxen, umspannt mit einem feinmaschigen Netz, in denen Mücken schwirren.

Jonas Schmidt-Chanasit ist Arbovirologe. Er arbeitet mit Viren, die durch Stechmücken übertragen werden, Dengue etwa, Zika oder Chikungunya. Und er leitet mit einem Kollegen das Kooperationszentrum der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am BNITM. Eigentlich.

Seit Beginn der Pandemie ist er zum Erklärer der Corona-Krise geworden – obwohl Coronaviren nicht sein Schwerpunkt sind, wie er selbst und auch das Institut betonen. Doch saß er so oft in Talkshows wie kaum ein anderer Virologe. Er wurde ins Hamburger Rathaus geladen und ins Schloss Bellevue. Und er geriet immer wieder in die Schlagzeilen, oft mit Kritik an harten Maßnahmen der Politik, mit kontroversen Aussagen. Zuletzt im April, als Schauspieler unter dem Hashtag #allesdichtmachen die Corona-Maßnahmen und die Berichterstattung darüber mit Videos kommentierten. Schmidt-Chanasit nannte die Aktion auf Twitter  ein Meisterwerk, das sehr nachdenklich machen sollte.

Schmidt-Chanasit, 42, wirft die Tür des Containers zu, eilt die Stufen hinunter, vorbei am Hochsicherheits-Insektarium, in dem er Mücken später mit Viren aus einem blutigen Wattebausch infizieren wird. Zeitweise sei er nicht mehr zu seiner Arbeit gekommen, sagt er, jetzt herrsche schon fast wieder Normalbetrieb. Sein Büro ist ein dunkles Erkerzimmer mit Teppichboden. Auf den Regalen ein buntes Sammelsurium, Relikte seiner Forschung: ausgestopfte Rötelmäuse, eine rumänische Kreuzotter im Glas, eine Mausefalle aus dem 19. Jahrhundert, die an ein Fallbeil erinnert. Neben seinem Schreibtisch prangt ein quadratmetergroßes WHO-Wappen. Schmidt-Chanasit rollt seinen Stuhl hinter dem Tisch hervor, setzt sich mitten ins Zimmer und redet darüber, wie schwierig es geworden sei, eine ausgewogene Debatte zu führen. Auch er selbst ist dabei nicht immer durch Ausgewogenheit aufgefallen.

Er war der Fachmann mit der größten Medienerfahrung, hatte zu Ebola, Zika oder Dengue Interviews gegeben.

Zu Beginn der Pandemie wurden Virologen zu gefragten Gesprächspartnern, auch Schmidt-Chanasit. Ich bin da eher reingerutscht, sagt er. Als im Januar vergangenen Jahres die ersten Fälle bekannt wurden, war der Vorstand des BNITM nicht sicher, ob man sich überhaupt zur aktuellen Situation äußern sollte, denn Sars-CoV-2 ist kein Tropenvirus. Doch als abzusehen war, welche Entwicklung die Pandemie nehmen würde, bestimmten sie Schmidt-Chanasit zum Sprecher.

Er war der Fachmann mit der größten Medienerfahrung, hatte zu Ebola, Zika oder Dengue Interviews gegeben. Er zeigt auf das blaue WHO-Wappen: Ich fand es wichtig, die Bevölkerung aufzuklären, so steht es auch in der Verfassung der WHO. Sich selbst habe er das Wissen über Sars-CoV-2 aus wissenschaftlichen Artikeln angelesen, aus Stellungnahmen anderer Forscher, der WHO, der Ständigen Impfkommission. Dass er oft angeeckt ist, hat natürlich mit ihm selbst zu tun, aber auch mit der Dynamik der Pandemie und damit, wie Wissenschaft und Medien, Politik und Gesellschaft miteinander kommunizieren.

In nur wenigen Wochen wurde aus Schmidt-Chanasit, dem Arbovirologen, der Corona-Erklärer bei Illner, Lanz und Maischberger. Er sprach mit den Tagesthemen, dem Deutschlandfunk, der Bild-Zeitung. Es sei notwendig, sagt er, alle Bevölkerungsschichten zu erreichen. Dafür müsse man verschiedene Medien bedienen. Auf Twitter folgten ihm nicht mehr 800, sondern mehr als 21.000 Menschen. Politiker wollten seine Einschätzung hören. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher lud ihn ein, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bat ihn an eine Kaffeetafel, um mit Bürgerinnen und Bürgern zu diskutieren.

Ein Kameramann filmt Schmidt-Chanasit in seinem Labor.
Foto BNITM

Die Wissenschaft, sagt Schmidt-Chanasit, könne in der jetzigen Situation auf die eigene Arbeit aufmerksam machen. Andere, problematischere Viren werden auftauchen und zu größeren Einschränkungen führen als jenen, die wir erlebt haben, sagt er. Den Fokus auf diese Gefahr zu lenken hilft, mehr Forschungsgelder zu akquirieren. Da kann es nützen, auch Gast einer Talkshow zu sein.

Doch die Pandemie birgt Risiken in der Kommunikation. Je unübersichtlicher und widersprüchlicher die Lage, desto größer die Sehnsucht nach Antworten – am besten einfachen. Viele Menschen wollen kein Sowohl-als-auch, kein Abwägen. Sie wollen wissen: Was bedeutet das Geschehen? Und: Was können wir aus der Wissenschaft ableiten?

Und dann ist da die Logik der Medien, die nichts mit den Regeln der Wissenschaft zu tun hat. Interviews werden verdichtet und dramatisiert. Einzelne Sätze in zugespitzte Überschriften verwandelt. Talkshows leben oft von Kontroversen. Die Wahl der Gäste folgt nicht allein der Expertise; oft gibt es eine Rollenverteilung: die Expertin, der Kontrahent, die Politikerin, der Betroffene.

In diesem System ist Jonas Schmidt-Chanasit zum Kontrahenten geworden. Überhaupt schien es irgendwann nur noch zwei Lager zu geben: die Kritiker harter Maßnahmen und deren Verfechter. In einem Interview behauptet der Spiegel, die Virologen Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit hätten mit ihren Auftritten einen größeren Schaden als Corona-Leugner angerichtet.

Ein ungewöhnlich harter Vorwurf, auch für jemanden, der selbst hart formuliert. Schmidt-Chanasit sagt, er sei offen für Kritik und halte sie aus, aber das habe wehgetan. Es beschäftige ihn bis heute.

Der Ton wird mit der Zeit immer rauer, auch auf Twitter.

Schaut man sich an, mit welchen Aussagen er 2020 in den Schlagzeilen landete, ergibt sich zunächst ein widersprüchliches Bild. Im Januar, als das Virus in weiter Ferne schien, sagte er Sätze wie: Szenarien mit Tausenden von Toten in Deutschland halte ich für überzogen. Im Februar riet er dann doch dazu, Bundesligaspiele abzusagen. Im Juli hielt er es für falsch, immer mit dieser zweiten Welle zu drohen, sagte aber auch, ein Restrisiko bleibe.

Kritisch wird es für ihn erst, als er im Oktober zusammen mit dem Virologen Hendrik Streeck und dem Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Andreas Gassen ein Gemeinsames Positionspapier von Wissenschaft und Ärzteschaft zur Covid-19-Pandemie vorstellt. Sie werben für eine Strategieanpassung, fordern Gebote statt Verbote und warnen vor einem reflexartigen Lockdown um jeden Preis. Die Behörden sollten die Nachverfolgung von Infektionsketten aufgeben und stattdessen Risikogruppen besser schützen.

Zeitgleich beschließen die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin den Wellenbrecher-Shutdown. Das Positionspapier wirkt wie eine Gegenposition dazu. Drei Berufsverbände und die Gesellschaft für Virologie veröffentlichen eine Stellungnahme zu Schmidt-Chanasit, Streeck und Gassen, in der es heißt: Wir distanzieren uns von der Art und Weise, wie verschiedene Vorschläge zur Pandemieeindämmung vorgebracht werden, und auch von einigen Inhalten. Unterzeichnet haben sie zahlreiche Virologen, darunter Christian Drosten – eine Ohrfeige für Schmidt-Chanasit und seine Kollegen.

Der Ton wird mit der Zeit immer rauer, auch auf Twitter. Schmidt-Chanasit bezeichnet eine Einschätzung des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin als gute und ausgewogene wissenschaftliche Stellungnahme. Christian Drosten kommentiert: Im Ernst? Ich finde diesen Text polemisch und emotional, sicherlich nicht evidenzbasiert. Das Netzwerk hatte sich ungeschickt gegen die geltenden Corona-Maßnahmen ausgesprochen und damit viel Kritik auf sich gezogen, auch von Anhängern einer evidenzbasierten Medizin.

Stühle und Tische eines Cafés im Freien, im Vordergrund rot-weißer Absperrband
Foto MARKUS SPISKE/UNSPLASH

Man fragt sich, worum es Schmidt-Chanasit eigentlich geht, woher sein Wille zum Widerspruch kommt. Er selbst bezeichnet sich lieber als diskursfreudig, als jemand, der sich gerne einbringt, und niemand, der sich wegduckt. Vielleicht hängt das mit seinen Eltern zusammen. Er wuchs in der ehemaligen DDR auf, in Ost-Berlin, Friedrichshain. Von seinem Zimmerfenster blickte er auf ein Lenin-Denkmal am heutigen Platz der Vereinten Nationen. In der Schule war er ein Außenseiter. Die Eltern der anderen Kinder hätten fast alle bei der Polizei, der Staatssicherheit oder der Nationalen Volksarmee gearbeitet. Seine Eltern waren Intellektuelle, die Mutter Regisseurin für Dokumentarfilm, der Vater Journalist. Im Jahr 1976 erhielt er faktisch ein Berufsverbot, weil er eine Petition gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterstützt hatte.

Von nun an saß die Stasi zu Hause am Küchentisch. Getarnt als Nachbarin oder Klempner, irgendeinen Vorwand gab es immer. Der Vater schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Er hatte jetzt viel Zeit für seinen Sohn, nahm ihn mit in die US-amerikanische Botschaft zu Filmvorführungen – und immer wieder raus in die Natur. Frösche fangen, Herbarien anlegen. Kleine Fluchten in einem eingezwängten Leben. Trotzdem zerbrach der Vater, erst an den Repressalien, später daran, dass seine Peiniger nach der Wende erneut zu Ämtern und Ansehen kamen. Zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung nahm er sich das Leben.

Der Sohn Jonas war da elf Jahre alt.

Ein Ventil für seinen Schmerz fand er im Sport. Durch die Sportförderung der DDR hatte er schon früh mit dem Eisschnelllauf begonnen. Disziplin und Ausdauer halfen ihm, einen neuen Fokus zu finden. Als Gymnasiast trainierte er zusammen mit Jenny Wolf. Doch während sie 2010 bei den Olympischen Spielen in Vancouver Silber holte, hatte er sich gegen den Hochleistungssport entschieden und für ein Medizinstudium an der Charité.

Virusinfektionen kann man nicht ohne die Bevölkerung bekämpfen.

JONAS SCHMIDT-CHANASIT

Als Doktorand reiste er zum ersten Mal nach Thailand, streifte durch die Reisfelder und fing Ratten, um sie auf Hantaviren zu untersuchen und ein Nachweisverfahren zu entwickeln. Später, schon am BNITM, erforschte er in brasilianischen Favelas Dengue-Viren, die von Stechmücken übertragen werden. Sein Team konnte die Slums selbst nicht betreten, ging aber an die umliegenden Schulen und erklärte im Unterricht, wie sich die Insekten in stehendem Wasser vermehrten, etwa in Regenrinnen. Die Kinder sollten den Eltern davon erzählen, die wiederum den Nachbarn – so sollte das Virus eingedämmt werden.

Dabei habe er gelernt, sagt Schmidt-Chanasit, dass man Virusinfektionen nicht ohne die Bevölkerung bekämpfen könne.

Im Dezember sitzt er wieder in einer Talkshow, bei Lanz. Es geht um Kitas und Schulen, auch um Alten- und Pflegeheime. Diese seien die weiche Flanke, sagt Schmidt-Chanasit, würden in der Stellungnahme der Leopoldina überhaupt nicht betrachtet. Da spielen Schulen eine sehr große Rolle, aber: In der Schule stirbt niemand. Der letzte Satz wird zur Schlagzeile. Schmidt-Chanasit fühlt sich missverstanden. Das ist ein gutes Beispiel, wie einzelne Sätze, aus einer Diskussion herausgelöst, zu einer völlig anderen Aussage führen.

Leeres Klassenzimmer, eine FFP2-Maske hängt an einem Stuhl.
Foto MARCO FILECCIA/UNSPLASH

Er ist sicher: Die Wissenschaft lebt vom Widerspruch, von Argumenten.

Trifft man ihn ein paar Monate später am BNITM, scheint er mit dem kontroversen Schmidt-Chanasit der Talkshows und Tweets nichts gemein zu haben. Er redet ruhig, auch über eigene Fehler. Der Zeitpunkt des Positionspapiers war ungünstig, sagt er rückblickend. Er habe eine Abkehr vom alleinigen Blick auf die Neuinfektionen erreichen wollen, hin zu einer langfristigen Strategie. Dass dabei der Eindruck entstanden sei, er und Streeck wollten die Einschätzungen der Kollegen untergraben, bedauere er. Es klingt nicht verbittert, wie er das sagt, sondern nüchtern, nach einer Feststellung. Inhaltlich halte ich es aber nach wie vor für eine diskussionswürdige Alternative. Der Lockdown sollte immer die letzte aller Möglichkeiten sein.

Er ist sicher: Es braucht verschiedene Perspektiven, gerade in Zeiten der Pandemie, wenn die Stimmung aufgeheizt ist. Die Wissenschaft lebe vom Widerspruch, von Argumenten. Das sei vielleicht einer der Irrtümer der Pandemiebewältigung gewesen: die alleinige Fokussierung auf die Virologen. Denn eine Pandemie sei ja nicht nur eine medizinische Katastrophe, sie befällt im übertragenen Sinne die Wirtschaft, die Kunst, das gesamte gesellschaftliche Leben. Deshalb brauche man den Rat so unterschiedlicher Wissenschaftler wie Pädiater, Biologen, Psychologen, Ökonomen.

Das mag stimmen. Allerdings wird der akademische Prozess nun öffentlich ausgetragen. In Medien, in denen oft nicht das beste Argument zählt, sondern die aufrührerische These; in denen Meinung allzu oft als Evidenz verkauft wird.

Im Dezember, kurz nach dem Auftritt bei Lanz, zieht er sich für eine Zeit zurück, im März wird er zum zweiten Mal Vater. Mit der neugeborenen Tochter und dem dreijährigen Sohn ist er mehr auf Spielplätzen unterwegs, weniger in Talkshows. Die aktuelle Lage verfolgt er aber: Öffnungen, Impfungen, die Delta-Variante. Ob eine vierte Welle kommt und wie schlimm sie wird, sei schwierig vorherzusagen. Zu viele Faktoren spielten hinein: Impffortschritte, Schulferien, Wetter, Gegenmaßnahmen. Gerade stehen wir gut da, aber im Herbst könnte es wieder in die andere Richtung kippen, sagt er. Wir müssen darauf vorbereitet sein. Jonas Schmidt-Chanasit ist vorsichtiger geworden, auch in seinen Prognosen.

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