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Es ist ein Anfang zwischen Schutt und Trümmern. Der Krieg ist zu Ende, das Dritte Reich gibt es nicht mehr. Deutschland ist von den Siegermächten besetzt, aber von Befreiung will im Frühjahr 1945 kaum jemand sprechen. Das Wort vom Zusammenbruch trifft die Empfindungen der meisten Deutschen sehr viel mehr.

Vom besiegten Deutschland soll nach dem Willen der Besatzungsmächte keine Gefahr mehr für seine Nachbarn ausgehen. Ihnen geht es aber nicht nur um die Zerschlagung des Militärs und die Bestrafung der Verantwortlichen des Nationalsozialismus. Im Potsdamer Abkommen fordern die Alliierten am 2. August 1945 die endgültige Umgestaltung des deutschen politischen Lebens auf demokratischer Grundlage. Sie soll vor allem durch ein gewandeltes Bildungssystem erreicht werden. Das Bildungswesen in Deutschland muss so überwacht werden, dass die nazistischen und militaristischen Lehren völlig entfernt werden und eine erfolgreiche Entwicklung der demokratischen Ideen möglich wird.

Doch wie soll Erziehung zur Demokratie gelingen, wenn es am Nötigsten fehlt? Viele Schulen sind zerstört oder beschädigt, in Hamburg etwa können von 400 Schulen nur noch 60 genutzt werden. Besonders schwer wiegt der Mangel an Lehrern. Viele sind im Krieg umgekommen, befinden sich in Gefangenschaft oder werden, weil sie nationalsozialistisch belastet sind, aus dem öffentlichen Dienst entlassen: Mit mehr als 70 Prozent hatte die Berufsgruppe die höchste Quote an NSDAP-Mitgliedern. Nun werden Pensionäre an die Schulen zurückgeholt, neue Lehrer notfalls in Kurzlehrgängen ausgebildet. Noch im Frühjahr 1946 muss in Niedersachsen ein Lehrer bis zu 100 Schüler gleichzeitig betreuen.

Vor allem aber fehlt es an Lehrbüchern. Die nationalsozialistischen können nicht mehr verwendet werden, für neue fehlen Vorlagen und Papier. Die Abteilung für Erziehungswesen der US-Militärregierung druckt schon im Herbst 1945 fünf Millionen neue Lehrbücher. Eine bedeutende Leistung, allerdings von begrenztem Nutzen. Die Texte stammen zwar aus der Zeit vor 1933, taugen aber deshalb noch lange nicht für das demokratische Erziehungsziel. Druckvermerke betonen den Übergangscharakter: Die Tatsache des Neudruckes bedeutet nicht, daß dieses Buch vom erzieherischen oder anderen Gesichtspunkt aus völlig einwandfrei ist. Aber unter den gegebenen Umständen ist es das geeignetste Buch …

An den deutschen Hochschulen gibt man sich nach 1945 wenig Mühe, die Vertriebenen zurückzurufen.

In Mainz wird 1950 auf Betreiben der Franzosen und mit Unterstützung der Amerikaner das Institut für Europäische Geschichte gegründet – als eines von zahlreichen neuen historischen Forschungsinstituten. Neben dem Gründungsziel, auf wissenschaftlichem Weg auf ein einiges Europa und ein neues europäisches Geschichtsbewusstsein hinzuarbeiten, befasst sich das heutige Leibniz-Institut anfangs mit der »Revision«, der Überprüfung von Schulgeschichtsbüchern.

Die Aufgabe übernimmt bald das Internationale Institut für Schulbuchverbesserung in Braunschweig, das es sich zur Aufgabe macht, Geschichtsbücher von nationalistischen Feindbildern zu bereinigen. Die Forschungsbibliothek des Braunschweiger Instituts, mittlerweile heißt es nach seinem ersten Leiter Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung, bewahrt bis heute Schulbücher der Nachkriegszeit, die dokumentieren, wie sich die englischen Besatzer in Niedersachsen bemühten, verfügbares Lehrmaterial provisorisch von nationalsozialistischer Ideologie zu befreien: Fibeln mit überklebten Bildern von Hitlerjungen, Atlanten mit Stadtplänen, auf denen Adolf-Hitler-Straßen geschwärzt wurden.

In der sowjetischen Zone hinterlässt der »Aufbau des Sozialismus« tiefe Spuren in der Bildungslandschaft. Schulreform und Entnazifizierung dienen dem Umbau der Gesellschaft und dem Austausch der Eliten. Von rund 28.000 Lehrern an allgemeinbildenden Schulen bleiben 1946 nur noch etwa 8.000 im Schuldienst. Rund 40.000 Antifaschisten werden in der Folgezeit in Schnellkursen als Neulehrer herangebildet. Mehr als die Hälfte entstammt Arbeiter-, Handwerker- und Bauernfamilien.

Kaum anders als bei den Schulen ist der Neubeginn an den Universitäten von Improvisation und Pragmatismus geprägt. Vor allem in den Großstädten sind sie weitgehend zerstört, Bibliotheken abgebrannt. Von 32 Hochschulen in den Westzonen sind nur sechs unversehrt. In Kiel finden die Vorlesungen des Wintersemesters 1945/46 auf Schiffen im Hafen statt. Auch an den Hochschulen fehlen Lehrkräfte. Schon bald nach 1933 waren rund 1.700 jüdische Wissenschaftler, darunter mehr als 300 Ordentliche Universitätsprofessoren, von den Nationalsozialisten aus ihrem Amt vertrieben worden. Viele emigrierten in die USA oder nach England.

An den deutschen Hochschulen gibt man sich nach 1945 allerdings wenig Mühe, die Vertriebenen zurückzurufen. Personelle Lücken stopft man lieber mit Emeriti und Pensionisten. Die Emigranten wussten zudem, dass sie in ein Umfeld zurückkehren würden, in dem man sie nicht freudig aufnehmen würde, sagt Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Leibniz-Instituts für Zeitgeschichte und Experte für Antisemitismus und die Geschichte des Nationalsozialismus. Nur wenige jüdische Emigranten kehren nach Deutschland zurück. Unter ihnen etwa der Historiker Hans Joachim Schoeps sowie die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.

Bis weit in die 1950er Jahre ist es allgemeine Geisteshaltung, dass es noch zu früh sei für eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.

MAGNUS BRECHTKEN

Die meisten Verantwortlichen in Westdeutschland dagegen betrachten die deutsche Universität als im Kern gesund. Im Mittelpunkt der Diskussion an den Hochschulen steht weniger die Frage nach Mitschuld als das Bemühen, an eine Bildungstradition anzuknüpfen, die nicht durch die NS-Zeit diskreditiert ist. Der deutsche Geist sei zwar missbraucht worden, aber er bestehe fort. So bedeutet Neuanfang für die deutschen Hochschulen Rückkehr zu den hehren Idealen einer zweck- und wertfreien Wissenschaft. Man setzt, in Anlehnung an Humboldt, auf Persönlichkeitsentfaltung durch wissenschaftliche Bildung. Oder, wie etwa am Institut für Europäische Geschichte, auf das Ideal eines christlichen »Abendlandes«, das als Bollwerk gegen den Kommunismus dienen soll.

Im Gegensatz zu anderen Bereichen des öffentlichen Dienstes wird die Entnazifizierung zunächst den Hochschulen selbst übertragen. Professoren, die sich besonders kompromittiert hatten, darunter der Philosoph Martin Heidegger und der Staatsrechtler Carl Schmitt, verlieren ihre Lehrstühle. Ansonsten bleibt die Personalkontinuität weitgehend gewahrt, und es wird großzügig rehabilitiert. In einer Regierungserklärung gibt Konrad Adenauer am 20. September 1949 das Signal. Wo es ihr vertretbar erscheine, sei die Bundesregierung entschlossen, Vergangenes vergangen sein zu lassen. Fast alle NS-belasteten Hochschullehrer kehren nach und nach an die Hochschulen zurück.

Der Kirchenhistoriker Joseph Lortz, Mitbegründer des Instituts für Europäische Geschichte, hatte im NS-Regime anfangs einen Bundesgenossen der katholischen Kirche im Kampf gegen die Moderne gesehen. Im Entnazifizierungsverfahren wird er entlastet. Dafür organisiert er mehr als 40 Schreiben von teils prominenten Personen, sogenannte Persilscheine. Nach dem Krieg tritt er für eine Rechristianisierung Europas als Schutz gegen Säkularisierung und die Bedrohung des Bolschewismus im Osten ein. Sein Direktoren-Kollege Martin Göhring, der an der Reichsuniversität Straßburg tätig gewesen war, sieht es nach 1945 als seine Aufgabe, an der demokratischen Bildung der Deutschen mitzuwirken. Das hindert ihn nicht, Kollegen, die wegen ihrer NS-Vergangenheit keine Anstellungen an Universitäten erhalten, als Stipendiaten zu fördern oder als Mitarbeiter einzustellen.

Die Mehrheit der Professoren sieht keine Not, über die eigene und die gesellschaftliche Verantwortung Rechenschaft abzulegen. Gerade in der Geschichtswissenschaft lässt die Selbsterkundung lange auf sich warten. Bis weit in die 1950er Jahre, so Magnus Brechtken, ist es allgemeine Geisteshaltung, dass es noch zu früh sei für eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Die deutsche Gesellschaft habe sehr genau um ihre Geschichte und das Engagement von Nachbarn und Kollegen gewusst. Aber sie wollte daran nicht rühren, um die Gegenwart nicht zu belasten. Es ist, so die bekannte Formulierung des Philosophen Hermann Lübbe, die Zeit des kommunikativen Beschweigens der Vergangenheit.

Als ab 1947 auf eine parteiübergreifende Initiative deutscher Politiker hin in München das Institut für Zeitgeschichte gegründet wird, das als erstes deutsches Institut die Geschichte des Nationalsozialismus erschließen soll, ist das auch eine Reaktion auf die Rolle der Zunft vor 1945. Diese Politiker waren der Meinung, dass die Universitäten nicht in der Lage seien, den Nationalsozialismus wissenschaftlich und selbstkritisch aufzuarbeiten, weil sie selbst zu stark von ihm kontaminiert seien, sagt Magnus Brechtken.

Auch der Generationenwechsel Anfang der 1960er Jahre trägt zum gesellschaftlichen Wandel bei.

Im Osten Deutschlands waltet bei aller Härte der Entnazifizierung durchaus Pragmatismus. So werden die Kriterien auf Mediziner deutlich weniger streng angewendet als auf Juristen und Historiker, da Ärzte dringend gebraucht werden. Marxismus-Leninismus wird zum Pflichtfach in allen Studienplänen. Ziel der Hochschulpolitik ist von Anfang an, eine neue sozialistische Intelligenz heranzubilden. Wegen Konflikten mit der SED fliehen bis 1961 rund 2.700 Hochschullehrer und rund 35.000 Studenten und Abiturienten in den Westen. Die Berliner Freie Universität wird, mit amerikanischer Unterstützung, 1948 auf Initiative von Studenten gegründet, die von der SED an der Humboldt-Universität im sowjetischen Sektor verfolgt und exmatrikuliert worden waren.

Es sind juristische Auseinandersetzungen, die das kommunikative Beschweigen langsam aufbrechen: der Ulmer Einsatzgruppenprozess 1958, der Eichmann-Prozess 1961 und der Auschwitz-Prozess ab 1963, bei dem erstmals die Ermordung von Millionen Juden vor einem deutschen Gericht verhandelt wird. Die zentralen Gutachten werden vom Institut für Zeitgeschichte erstellt. Die akademische Geschichtsschreibung beginnt, die NS-Zeit intensiver zu erforschen.

Auch der Generationenwechsel Anfang der 1960er Jahre trägt zum gesellschaftlichen Wandel bei. Junge Erwachsene beginnen die Vätergeneration nach ihrer Rolle im Nationalsozialismus zu befragen und tragen zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Medien und Hochschulen bei. Die Achtundsechziger radikalisieren diese Kritik. Sie sind ein Spiegelbild dieser Entwicklung, aber sie sind weder ursächlich dafür noch besonders einflussreich in der konkreten Forschung, sagt Magnus Brechtken.

Auch die Bildungspolitik drängt auf Veränderung. Die Hochschulreformen beginnen Anfang der 1960er Jahre mit Neugründungen und einer Demokratisierung der inneren Strukturen. Von 1965 an beschleunigt sich die Entwicklung. Sie führt zu einem Ausbau vor allem der höheren Schulen, Universitäten und Forschungsinstitute. In vorsichtigen Schritten entspannt sich auch das Verhältnis zum kommunistischen Osten. So öffnet sich eine Einrichtung wie das Institut für Europäische Geschichte, gegründet ganz im Zeichen des Kalten Krieges, Anfang der 1960er Jahre für wissenschaftliche Stipendiaten aus dem Ostblock und wird für sie zu einem Fenster zum Westen.

Eine Gesellschaft ist in Bewegung geraten: kein Neuanfang, aber endlich ein Aufbruch.

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