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Wie bewegt man Menschen dazu, etwas Neues auszuprobieren? Türen sind dabei hinderlich, hat Stefanie Nünchert festgestellt. Wer in unbekanntes Terrain eintreten soll, zögert vielleicht. Es ist besser, wenn man draußen unterwegs ist, so kommt man schneller in Kontakt, sagt sie. Die Idee gibt es schon länger. Nun, während der Corona-Pandemie, erweist sich das Kochen unter freiem Himmel außerdem als praktisch, um das Infektionsrisiko zu senken.

An diesem Sonntagnachmittag im Juli haben Nünchert und ihre Kollegen ihr Tonnen-Restaurant direkt auf der Oschatzer Straße in Dresden-Pieschen aufgebaut. Das Restaurant-Logo ist eine gezeichnete Mülltonne, denn die Zutaten sind Reste, die eigentlich für den Abfall bestimmt waren. Auf dem Fußweg warten hübsch gedeckte Tische.

Daneben steht Tonnja, eine Küche, die auf ein Fahrrad montiert ist. Das Angebot ist üppig. Es gibt Erdbeermilch und Waffeln, Orangen-Fenchel-Salat, Gemüsesuppe und würzige Brotaufstriche. Alles vegan und aus Second-Hand-Lebensmitteln zubereitet. Statt Bezahlung wird um Spenden gebeten.

Die Tische sind an diesem Nachmittag schnell besetzt. Einige kennen das Tonnen-Mobil schon länger und sind extra vorbeigekommen, um mal wieder vom Team bekocht zu werden. Andere Gäste wohnen im Viertel, ihnen ist das Gewusel auf der Straße aufgefallen. Sie sind neugierig, was hier passiert. Zwei 13-jährige Jungen stellen sich für Nachschlag an. Von ihnen hört man den überraschenden Satz: Wir lieben Gemüse!

Wir wollen Essen als gemeinsames Ritual stärken.

STEFANIE NÜNCHERT

Dass die Speisen vegan sind, schreibt Stefanie Nünchert nicht extra ans Buffett. Die Gäste sollen kosten und selbst herausfinden, auch über den Hintergrund der Küche. Die meisten Zutaten stammen von der Dresdner Tafel, dort werden überschüssige Waren von Supermärkten gesammelt und verteilt. Flyer auf den Tischen klären auf.

Resteessen soll das sein? Darüber staunen etliche Besucher. Wenn man selbst übrig gebliebene Lebensmittel im Kühlschrank hat, sieht es beim Kochen nie so appetitlich aus, sagt eine ältere Frau. Sie plauscht mit einem Mann an ihrem Tisch. Beide wohnen in der Nachbarschaft, aber kennen sich eigentlich nicht. Er hat gefragt, ob er sich zu ihr setzen kann. Wenn man zuhause allein isst, schmeckt es nicht so gut, sagt er.

Das Angebot des Tonnen-Mobils soll ein kulinarisches Highlight sein. Außerdem ist es ein Vehikel, um Themen in den Fokus zu rücken. Zum festen Restaurant-Team gehören Stefanie Nünchert und zwei Mitarbeiterinnen, außerdem einige Helfer. Sie retten Lebensmittel vor dem Müll und machen so auf deren Verschwendung aufmerksam machen. Außerdem wollen wir Essen als gemeinsames Ritual stärken, sagt Stefanie Nünchert.

Die 36-Jährige hat früher in anderen Bereichen gearbeitet, als Betriebswirtin und Schneiderin. Auch leidenschaftliche Köchin ist sie schon lange. Sie begann zunächst, privat Lebensmittel beim Containern zu retten und Rezepte auszuprobieren. Nachhaltigkeit, ein achtsamer Umgang mit der Natur, ist ihr wichtig. Irgendwann entstand die Idee, nicht nur allein etwas zu tun, sondern das Ganze größer anzugehen und ein Restaurant zu eröffnen.

Unterstützung hat Stefanie Nünchert bei der Zukunftsstadt gefunden, wo sie ihr Projekt einreichte und es unter vielen Bewerbungen ausgewählt wurde. Tonnja ist praktische Nachbarschaftsarbeit. Und ein Baustein einer Dresdner Initiative, in der das urbane Zusammenleben von morgen erprobt und erforscht wird.

Die Welt steht vor großen Umbrüchen: Klimawandel, Digitalisierung, Wachstum – das alles sind Herausforderungen, die auch Städte meistern müssen. Das Projekt Zukunftsstadt Dresden ist ein Labor, um Neues auszuprobieren. Das Ziel: Wandel im Kleinen anstoßen und probieren, wie das auch in größeren Maßstäben gelingen kann. 2018 wurde die Stadt neben sieben weiteren Orten in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgewählt. Etwa zwei Millionen Euro Fördergeld bekommt Dresden für die Umsetzung der Zukunftsstadt vom Bundesministerium, für einzelne Projekte kommen städtische Fördermittel hinzu.

Das Projekt ist basisdemokratisch angelegt. Gesucht wurden ganzheitliche, nachhaltige, innovative Ideen. Jeder Dresdner, der einen Vorschlag hatte, konnte sich beteiligen. In Workshops wurden die Visionen entwickelt. Rund 90 Ideen sind entstanden. 25 standen schließlich zur Wahl, als es darum ging, mit welchen Konzepten sich Dresden für die Umsetzungsphase der Zukunftsstadt bewirbt. Sechs Projekte wählte eine Jury aus, zwei konnte die Bevölkerung per Internet-Voting küren.

Zu den acht Gewinnern gehört das Tonnen-Restaurant. Ein anderes Team legt Stadtgärten an, ein nächstes pflanzt essbares Grün, ein weiteres will einen tristen Schulhof umgestalten und eine Werkstatt vermittelt übrig gebliebene Materialien wie Knöpfe und Holz an Theater und Künstler. All das sind Ideen von Bürgerinnen und Bürgern, die sich weiterverbreiten sollen.

Das Dresdner Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) begleitet die Zukunftsstadt von Anfang an. Markus Egermann, Leiter des Forschungsbereichs Nachhaltigkeits-Transformation in Städten und Regionen, hat ab 2015 an den ersten Anträgen mitgeschrieben. Seither erforscht er die Entwicklungen der Zukunftsstadt. Eine Frage, die ihn interessiert: Welche Potenziale hat es, wenn Bürger ihre Stadt selbst verändern wollen? Ein Schlüsselbegriff für den Wissenschaftler: systemischer Wandel.

Egermann sagt: Es soll nicht nur hier und da etwas ein bisschen besser gemacht, sondern grundlegend gedacht werden. Alle Projekte haben Ansätze, um das Leben in der Stadt ökologischer und nachhaltiger zu gestalten. Diese Ideen wurden ausgewählt, damit sie über das eigene Umfeld hinaus Wandel anstoßen.

Die Zukunftsstadt durchlief zunächst Phase eins: Visionieren, danach Phase zwei, die Planung der ausgewählten Projekte. In Phase drei wird seit 2019 experimentiert, also umgesetzt. Egermanns Team verfolgt, wie sich die Projekte verwirklichen. Auf welche Hürden sie stoßen. Wie der Umgang mit Fördergeldern klappt. Welche Rollen das Umfeld, die Verwaltung, die politischen Akteure bei den Prozessen spielen.

Markus Egermann ist zufrieden mit den Fortschritten und Entwicklungen nach jahrelanger Planung. Er hatte sich von Anfang an auf einen Langstreckenlauf eingestellt und so ist es auch gekommen. Der bürokratische Aufwand ist groß, die Vernetzung von Akteuren mitunter aufwendig. Manche Idee wird in der Stadt kontrovers diskutiert.

Das größte Echo hat bisher die Woche des guten Lebens ausgelöst. Das Vorhaben: Ein Teil der Dresdner Neustadt soll für eine Woche Fußgängerzone werden. Im Kerngebiet des Kiezes sind in dieser Zeit weder fahrende noch parkende Autos erlaubt. Stattdessen sollen die Anwohner die freien Straßen mit neuem Leben füllen. Basteltische auf dem Pflaster? Mobile Hochbeete? Platz für Fußballturniere und Skateboards? Viele Ideen wurden schon gesammelt. Noch ist aber völlig unklar, ob und in welchem Umfang die Woche des guten Lebens stattfinden kann.

Eigentlich war sie für diesen Sommer geplant, doch dann kam die Corona-Pandemie und hat vieles auf Eis gelegt. Zudem fühlen sich längst nicht alle Anwohner von dem Projekt mitgenommen, es gibt Kritik an den Plänen: Händler, die ihre Läden in der Neustadt haben, fragen besorgt, wie Waren und Kunden zu ihnen kommen sollen. Anwohner wollen wissen, wo sie parken sollen. Das Vorhaben hat schon jetzt etliche kommunale Gremien beschäftigt.

Es soll grundlegend gedacht werden.

MARKUS EGERMANN

Es wurden mehr als 1.900 Kilogramm Lebensmittel gerettet.

Inzwischen gibt es zumindest einen neuen Termin im Mai 2021. Wie die Woche des guten Lebens dann aussehen wird? Judith Kleibs, die in dem Projekt mitarbeitet, weiß es noch nicht. Aber wir haben jetzt ja Zeit, noch ausführlicher zu diskutieren. Weitere Rundgänge im Viertel sind in den nächsten Monaten geplant, das Verkehrskonzept soll noch ausführlicher besprochen, die Kommunikation mit den Anwohnern intensiviert werden.

Das Feedback zur autofreien Woche erlebt Kleibs als vielfältig, teils hitzig. Ich habe den Eindruck, dass unser Projekt sehr hoch gehandelt wird, sagt sie. Es gibt Bewohner, die den Plan als Bevormundung empfinden. Andere finden es gut.

Auch für Markus Egermann vom Dresdner IÖR ist die autofreie Woche das dickste Brett der Zukunftsstadt. Bei diesem Experiment ist der Hebel am längsten, ein Diskurs wurde angestoßen, sagt der Geograf. Der Stadtrat und die Verwaltung müssen sich damit beschäftigen, ob und wie so etwas möglich ist. Für Egermann ist ein Ziel der Zukunftsstadt damit schon jetzt erfüllt: Es wird ausgelotet, wie Wandel funktioniert.

Gerade die Bürgerbeteiligung und die Diskussionen, die sich im Rahmen der Zukunftsstadt entsponnen haben, könnten Dresden voranbringen. In den vergangenen Jahren hat die Stadt viele aufgewühlte Debatten erlebt. In etlichen politischen Fragen sind ihre Bewohnerinnen und Bewohner gespalten, radikale Bewegungen wie Pegida haben tiefe Gräben gerissen. Die Zukunftsstadt dagegen rückt das Miteinander in den Fokus: Es geht darum, konstruktiv über die Zukunft nachzudenken und gemeinsam Kompromisse zu erarbeiten. Auch Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert von der FDP macht sich deshalb immer wieder für das Projekt stark.

Auch die anderen sieben Projekte entwickeln sich stetig – auch wenn viele Workshops und Bürgerversammlungen wegen der Corona-Beschränkungen verschoben werden mussten. Bis 2022 läuft die Dresdner Zukunftsstadt noch. Danach wird man sehen, welche Wirkung die Projekte entfalten: Wo wurde tatsächlich Wandel angestoßen? Was bleibt von der Zukunftsstadt?

Tonnja, das Rad-Restaurant, ist in diesem Sommer ständig unterwegs. Das Team kocht in verschiedenen Dresdner Vierteln. Mal mit Familien in einem Plattenbaugebiet, mal in einem interkulturellen Begegnungsort, mal auf dem Fußweg in einem Kiez. Bisher wurden knapp 80 Termine organisiert. Und beim gemeinsamen Kochen mehr als 1.900 Kilogramm Lebensmittel gerettet.

Vielleicht hätte das Team die Idee für das Rad-Lokal auch allein umgesetzt, sagt Stefanie Nünchert. Doch die Zukunftsstadt sei eine entscheidende Hilfe gewesen. Die Beratung und Unterstützung war wichtig für uns. Manches war anfangs anders gedacht. Zunächst war ein Food-Truck geplant, dann ein festes Restaurant, nun ist daraus Tonnja geworden. Stefanie Nünchert ist mit dieser Entwicklung zufrieden. Mit einem Rad ist man flexibler unterwegs. So kommt man auch an Orte, an denen ihre Tonnen-Küche noch unbekannt ist.

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