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»Vorspeise«, »Hauptgericht«, »Dessert« heißen drei Ordner auf Lana Chkaduas Rechner. In jedem befinden sich Interviews mit Menschen, die sich an den Krieg zwischen Abchasien und Georgien 1992 bis 1993 erinnern. Ich kann den Leuten nicht gleich das Töten zumuten, sagt die junge Frau. Also wähle ich Erinnerungen aus, wie sich der Lehrer plötzlich ablehnend gab oder unter Nachbarn das Misstrauen wuchs. Die zehn bis zwölf abchasischen Teilnehmer ihrer Workshops sollen erst die Methode kennenlernen: Du musst zuhören, was die Menschen in den Interviews erzählen. Es geht nicht darum zu sagen: ›Ich mag nicht, was sie sagen!‹, sondern sich zu fragen: ›Warum erzählen sie es so, wie sie es tun?‹

Danach kommen aus dem Ordner »Hauptgericht«: die Brutalitäten des Krieges. Das Blut, wie Lana Chkadua sagt. Etwa die Geschichte einer abchasischen Frau, deren Sohn bei den Kämpfen ein Bein verliert und mit einem russischen Helikopter in ein Krankenhaus in Russland ausgeflogen wird. Sie begleitet ihn und merkt, dass einer der verletzten Männer an Bord im Fieber auf Georgisch nach seiner Mutter fragt. Sie redet auf ihn ein, er solle schweigen, weil ihn die abchasischen Männer sonst aus dem Hubschrauber werfen würden. Im Hospital sorgt sie für seine Behandlung und schreibt seiner Familie in Georgien. 

Über diese Geschichte werde in ihren Workshops jedes Mal aufgeregt gesprochen, sagt Lana Chkadua. Hat die Frau richtig gehandelt? Schließlich war der junge Georgier der Feind! Als Moderatorin frage ich die Teilnehmer, was sie tun würden? Sollten nur Abchasen im Hubschrauber sitzen? In welchem Land wollen sie also leben?

Unser Ziel ist es, dass die Leute die andere Seite kennenlernen.

NUGZAR KOKHREIDZE

Abchasien, das Land, in dem Lana Chkadua ihre Workshops abhält, verdankt seine Existenz dem Zerfall der Sowjetunion. Das Riesenreich war ein ethnoföderales Gebilde, in dem Titularnationen größere Einheiten bildeten, erklärt Cindy Wittke vom Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg. In Kasachstan lebten aber nicht nur Kasachen, in Aserbaidschan nicht nur Aserbaidschaner und in Georgien nicht nur Georgier. Als die Forderungen nach nationaler Selbstständigkeit zunahmen, sagte Michail Gorbatschow, alle sollten sich doch so viel Unabhängigkeit nehmen, wie sie verdauen können. Damit spielte er darauf an, dass viele Republiken, die gerne unabhängig sein wollten, wiederum mit Forderungen nach Unabhängigkeit von kleineren Entitäten auf ihrem Territorium konfrontiert sein würden. 

Genau das passierte in Georgien. Die Abchasen (wie auch die Osseten) fühlten sich von der georgischen Nationalbewegung herausgefordert und fürchteten um ihre Selbstbestimmungsrechte. Als Abchasien sich 1992 für unabhängig erklärte, eskalierte der Konflikt und es kam zu einem Krieg, der bis zu 10.000 Opfer forderte und an dessen Ende fast 250.000 Georgier aus Abchasien vertrieben wurden.

Georgische Geflüchtete leben noch drei Jahren nach dem Krieg in Zugabteilen. Foto THOMAS DWORZAK/MAGNUM

Seit 1993 ist der Konflikt zwischen Abchasen und Georgiern eingefroren. Es gibt keinen Frieden. Wie schnell solch eine labile Situation wieder eskalieren kann, zeigen aktuell die schweren Kämpfe in den Nachbarländern Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach. Der Kaukasuskrieg von 2008, bei dem russische und georgische Truppen zwar vor allem um Süd-Ossetien kämpften, hat eine Annäherung weiter verzögert, einen Neuanfang blockiert. Abchasien könnte man einen De-Facto-Staat nennen, der aber auch nach 30 Jahren international nicht anerkannt ist, sagt Cindy Wittke. Trotz intensiver Mediation von Institutionen wie den Vereinten Nationen ist es zu keiner Einigung gekommen. Beide Seiten rücken nicht von ihren Maximalforderungen ab: hier die abchasische Unabhängigkeit, dort das Pochen auf die territoriale Einheit Georgiens. 

Die Abchasin Lana Chkadua, 21, leitet seit zwei Jahren Workshops, die die Berghof-Foundation organisiert, eine deutsche Stiftung, die sich weltweit für Konfliktvermeidung und Friedensarbeit einsetzt. Außerdem führt die Studentin Interviews mit Zeitzeugen, wie sie im Zoom-Gespräch erzählt, zu dem Oliver Wolleh, 55, bei der Stiftung verantwortlich für den Kaukasus, eingeladen hat. Auch Nugzar Kokhreidze, 39, hat sich zugeschaltet, ein georgischer Mitarbeiter, der in seinem Land dasselbe tut wie Lana Chkadua in Abchasien. 

Die Workshops sind streng in einen abchasischen und georgischen Teil getrennt. Ich kann zu jedem Nationalisten gehen und sagen: ›Wir wollen verstehen, wie ihr gelitten habt.‹ Da sagen die immer: ›Na dann macht mal. Da gibt es was zu erzählen!‹, erklärt Oliver Wolleh die Idee. Das sei der Eintritt. Das Positive, was in den Workshops passiere, sickere dann in kleinen Dosen in die Gesellschaft.

Das Zerwürfnis ist tief, daher ist es eine enorme Herausforderung, die andere Seite in den Blick zu nehmen.

CINDY WITTKE

Am Anfang war es schwer, Menschen zu überzeugen, über ihre Erinnerungen an den Krieg zu sprechen, erinnert sich Wolleh. Es hieß zum Beispiel: ›Ich bin nur eine alte Frau, fragt einen General.‹ Aber nach und nach haben die Leute gesehen, dass wir uns wirklich für ihre Erlebnisse interessieren. Mittlerweile gibt es mehr als 400 Interviews mit Georgiern und Abchasen. Sie sind die Basis für die Arbeit in den Workshops, aber auch ein Audioarchiv für beide Seiten. In Georgien und Abchasien wird die Erinnerung an den Krieg verdrängt. Es gibt zweifelhafte Narrative, um sich nicht mit der Geschichte auseinandersetzen zu müssen. Sie destabilisieren die Gegenwart und blockieren einen Neuanfang in der Zukunft. 

Für Thorsten Gromes vom Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt am Main gibt es schon eine Art Neuanfang, da es in den vergangenen Jahren keinen neuen Krieg um Abchasien gegeben hat. Wir haben einen Datensatz zu den nach 1989 beendeten Bürgerkriegen erstellt. In rund einem Drittel der Fälle brach der Krieg wieder aus. Die Abwesenheit kriegerischer Gewalt sollten wir daher nicht für selbstverständlich halten, auch wenn wir uns eine weitergehende Transformation des Konflikts wünschen. Cindy Wittke vom Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung ergänzt: Das Zerwürfnis ist tief, daher ist es eine enorme Herausforderung, die andere Seite in den Blick zu nehmen. In einer Zeit, in der eine neue Generation auf beiden Seiten herangewachsen ist, spielt die Erinnerung an den Krieg, aber auch seine Instrumentalisierung, eine große Rolle.

Tatsächlich haben die meisten Workshopteilnehmer in Abchasien und Georgien den Krieg nicht mehr bewusst erlebt. Viele sind jung und haben in Schulen und Universitäten von den Workshops erfahren. Grundsätzlich darf jeder teilnehmen. Mittlerweile gibt es Wartelisten.

An der georgisch-abchasischen Grenze, 1996. Foto THOMAS DWORZAK/MAGNUM

Seit die Georgier zugeschaltet sind, dauern die Workshops mehr als drei Stunden. Es gibt ein großes Bedürfnis, sich auszutauschen.

LANA CHKADUA

Die Erzählung in der georgischen Gesellschaft geht so: ›Die Abchasen sind unsere Schwestern und Brüder, unser Feind ist Russland‹, erklärt Nugzar Kokhreidze. Mit meinen Workshops möchte ich erreichen, dass die georgische Gesellschaft die andere Seite wahrnimmt, und dazu gehört ihre Forderung nach Unabhängigkeit. Nur so können wir Vertrauen aufbauen. In Abchasien dagegen wolle niemand daran erinnert werden, was man den georgischen Nachbarn angetan habe. Man blende die Tatsache der Verbrechen an der Zivilbevölkerung und die Vertreibung einfach aus, sagt Lana Chkadua. Stattdessen heißt es: Alle Georgier waren Aggressoren, wir mussten uns verteidigen. Sie haben verloren und jetzt sind sie weg.

Das Gefährliche an dem Konflikt zwischen Abchasen und Georgiern ist die Abwesenheit eines Dialogs, sowohl auf offizieller Ebene als auch zwischen den Menschen. Deshalb folgt in den Workshops von Lana Chkadua und Nugzar Kokhreidze nach drei, vier Zeitzeugenberichten von Landsleuten der Moment, in dem die Gegenseite zu Wort kommt. Oft ist es dann so, dass die Gruppe den Wunsch äußert, nach jedem abchasischen Interview auch ein georgisches zu hören«, sagt Lana Chkadua. Und ihr georgischer Kollege Nugzar Kokhreidze ergänzt: »Unser Ziel ist es, dass die Leute die andere Seite kennenlernen.

Bis Ende 2020 wird es in Georgien und Abchasien an die 900 Workshops gegeben haben. Trotz der Corona-Krise oder eigentlich: wegen Corona. Als die Pandemie im Frühjahr den Kaukasus erreichte, entschied man sich, alle Workshops per Videokonferenz abzuhalten. Die digitalen Treffen entpuppten sich als Volltreffer. Schnell und unkompliziert zu organisieren, fanden mehr Workshops statt als geplant – und sie veränderten sich. 

Bisher trafen sich zweimal im Jahr georgische und abchasische Mitarbeiter der Stiftung in der armenischen Hauptstadt Jerewan. Nun sprechen auch die an den Workshops teilnehmenden Schüler und Studierenden aus beiden Ländern miteinander – in bisher mehr als 40 Zoom-Treffen. Die Workshops dauern jetzt länger, erzählt Lana Chkadua. Seit bei uns die Georgier zugeschaltet sind, sind es mehr als drei Stunden. Es gibt ein großes Bedürfnis, sich auszutauschen.

Wie viele Menschen erreichen die Workshops? Und wie nachhaltig ist ihre Wirkung?

THORSTEN GROMES

Ganz sicher aber wird es ohne Dialog keinen Fortschritt geben, glaubt Cindy Wittke. Solche Begegnungsformate sind bedeutsam, denn je mehr informelle Kontakte es gibt, desto besser. Kein Dialog ist gefährlich bei eingefrorenen Konflikten, die schnell wieder heiß werden können, wie 2008 der Krieg in Georgien um Süd-Ossetien und Abchasien gezeigt hat.

Dialogformate können bei den Teilnehmenden negative Einstellungen gegenüber der anderen Konfliktpartei reduzieren, sagt Thorsten Gromes. Die Frage ist: Wie viele Menschen erreichen die Workshops? Und wie nachhaltig ist ihre Wirkung? Neue Medien könnten helfen, dass die Teilnehmenden auch nach den Workshops in Kontakt bleiben. Auch entschärfen sie die oft sensible Frage, wo die Zusammenkunft stattfindet. Das Internet bietet einen neutralen Ort. Gleichzeitig gebe es Bedenken: Wie sicher ist die Verbindung? Ist das Treffen vor den Blicken Dritter abgeschirmt?

Der Austausch zwischen Abchasen und Georgiern soll 2021 den geschützten Rahmen der Workshops verlassen und auf der größtmöglichen Bühne fortgesetzt werden. Dann wird es im georgischen Fernsehen ein Format geben, das sich an die Methode der Workshops anlehnt: Zwei Georgier und zwei Abchasen plus Moderatorin oder Moderator unterhalten sich über das, was sie zu Beginn der Sendung gesehen und gehört haben. Dafür werden ausgesuchte Interviews animiert. In einem der Filme beschreibt ein Abchase, wie er beobachtet, dass ein alter Mann von georgischen Soldaten gezwungen wird, Wasser aus einem Brunnen zu holen. In der Kultur des Kaukasus, die Georgier und Abchasen teilen, ist es eigentlich unvorstellbar, einen alten Mann zu seinem Diener zu machen. Aber dann sagt der Abchase: Die Vergangenheit ist vorbei. Die Georgier sind heute nicht mehr meine Feinde. 

Ein solcher Satz widerspricht dem, was die meisten Abchasen immer noch denken. Lana Chkadua serviert ihn immer als »Dessert« zum Ende ihrer Workshops. Sie hofft, dass ihre Teilnehmer dann soweit sind, darin den Anfang von etwas Neuem zu schmecken.

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