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FRANK BÖSCH

ist Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam. Für sein Buch Zeitenwende 1979 hat er zehn globale Umbrüche als Türen in die Gegenwart untersucht – vier davon stellen wir im Verlauf des Interviews in einem kleinen Geschichtsticker vor.

LEIBNIZ Herr Bösch, in Ihrem Buch betrachten Sie das Jahr 1979 als Zeitenwende. Warum gehen Sie von genau diesem Jahr aus?

FRANK BÖSCH Mir ging es darum, Herausforderungen unserer Gegenwart in ihrer Historizität zu begreifen. Dabei kam ich darauf, dass viele der Fragen, die wir heute diskutieren, Ende der 1970er Jahre ihren Ursprung genommen haben. Für mich stand also nicht das Jahr 1979 im Vordergrund, sondern wichtige Themen wie die Aufnahme von außereuropäischen Flüchtlingen, Umweltprobleme und der Umgang mit dem fundamentalistischen Islam. Weil mir auffiel, dass viele dieser Herausforderungen mit bestimmten Ereignissen von 1979 verbunden sind, bin ich dazu übergegangen, diese nebeneinander zu stellen und als narrativen Ausgangspunkt zu nutzen. Geschichte beginnt und passiert natürlich nicht in einem Jahr, sondern hat immer eine Vorgeschichte. Aber das Beispiel 1979 zeigt, dass es Momente gibt, in denen sich Entwicklungen rasanter vollziehen.

Wenn man in Deutschland über Umbrüche spricht, landet man meist bei 1945 oder 1989. Was unterscheidet diese Jahre von 1979?

Geschichte wird fast immer aus der eigenen Nation heraus gedacht, auch in Deutschland. Und in Deutschland, besonders in Ostdeutschland, ist 1989 natürlich die größere Zäsur, ebenso 1945. Aber: In der Geschichtswissenschaft – und auch ganz generell – gibt es den, wie ich finde, sinnvollen Trend, die Welt als Ganzes zu betrachten und auch die Geschichte anderer Nationen einzubeziehen. Das ist der Ausgangspunkt dieses Buches: In Staaten wie Iran, China, Afghanistan, Polen oder auch Nicaragua ereigneten sich Ende der 1970er Jahre zentrale Wendepunkte, die das Leben fundamental und längerfristig verändert haben. Insofern gehe ich von Entwicklungen im Ausland aus und frage, welche Rückwirkungen sie auch auf Deutschland hatten.

Das Zusammenspiel unterschiedlicher Entwicklungen führte zu Reformen.

FRANK BÖSCH

Was haben diese Entwicklungen mit unserem heutigen Leben zu tun?

Viele Ereignisse stießen Türen zu unserer Gegenwart auf. Das gilt zum Beispiel für die Iranische Revolution, die maßgeblich zum Aufkommen des Islamismus beitrug, aber auch die Wahrnehmung des Islams in Deutschland und der westlichen Welt verändert hat. Oder für die Proteste in Polen im Zuge des Papstbesuchs und der Formierung der Solidarność, die den Staatssozialismus herausforderten. Es gilt auch für die ökonomische Öffnung Chinas und die Reformen unter Deng Xiaoping, die die weltpolitische Tektonik verschoben und der Globalisierung den Weg geebnet haben. Und in Umwelt- und Energiefragen: Die zweite Ölkrise und der Unfall im US-Atomkraftwerk bei Harrisburg haben die Energieversorgung über Atomkraft und Öl nachhaltig infrage gestellt und Energiesparkonzepte befördert, die heute eine große Bedeutung haben.

Die zehn Ereignisse, die Sie betrachten, finden in den verschiedensten Regionen statt, teils weit voneinander und von Deutschland entfernt. Wie konnten sie derart globale Auswirkungen haben?

Eine Voraussetzung dafür war sicherlich die verdichtete mediale Kommunikation, vor allem das Aufkommen des Live-Fernsehens. In den Wohnzimmern nahmen so auch die Deutschen Teil an diesen Ereignissen und Umbrüchen. Ein weiterer Faktor war die zunehmende internationale Vernetzung, die wir heute Globalisierung nennen. Damals nannte man sie Interdependenz. Das führte dazu, dass Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft sofort die Rückwirkungen von Ereignissen spürten und auf sie reagierten.

Wie äußerte sich das?

Die Leute fragten sich, inwieweit man Herausforderungen aufgreifen oder sich gegen sie schützen müsse. Was bedeutet die partielle Kernschmelze von Harrisburg für unsere Atomkraftwerke? Was bedeutet es für deutsche Unternehmen, wenn dieser Riesenmarkt in China mit potenziell einer Milliarde Konsumenten sich öffnet? Das gilt selbst für das vergleichsweise kleine Nicaragua: Die Revolution wurde für die bundesdeutsche Linke und die alternative Szene ein zentrales Ereignis, um Solidarität mit der Dritten Welt zu zeigen. Einige reisten ins Land, um den Aufbau einer neuen Form des Sozialismus, des Sandinismus, zu unterstützen und Fairtrade aufzubauen.

DIE IRANISCHE REVOLUTION

Am 1. Februar 1979 landet Ajatollah Khomeini in Teheran. Millionen Menschen empfangen den Geistlichen, schrittweise entsteht eine islamische Republik. Die Iranische Revolution markiert – wie der zeitgleiche Kampf afghanischer Mudschaheddin gegen die Sowjetunion – den Anfang des radikalen Islam, der sich gegen Ost und West wendet. Am 4. November 1979 stürmen Studenten die US-Botschaft in Teheran. Über ein Jahr lang halten sie 52 Geiseln gefangen – und besiegeln das Scheitern der Supermacht in der Region. Hinrichtungen und Frauen im Tschador verunsichern im Ausland. Der Islam wird im »Westen« nun als rückständig und bedrohlich wahrgenommen, Muslime erfahren Diskriminierung. Trotz Menschenrechtsverletzungen geht in der Bundesrepublik der Handel mit dem ölreichen Iran weiter. Der Grad der Sanktionen bleibt bis heute umstritten.

Ein weiteres Beispiel, in dem die Bedeutung der Medien eine Rolle spielt, ist die Erstausstrahlung der Serie Holocaust 1979. Der Philosoph Günther Anders schrieb damals von einem Geschichtssturm, den diese ausgelöst habe.

Die Ausstrahlung von Holocaust hat eine doppelte Bedeutung. Erst im Zuge der Serie wurde der Holocaust Ende der 1970er Jahre emotional in Deutschland verankert, rüttelte in einer breiten Wirkung auf, erschütterte und bewegte. Die Ermordung der Juden wird seitdem verstärkt in der Öffentlichkeit thematisiert, auch in den Schulen. Im Rest der Welt wurde der Holocaust ein Paradigma für die Bewertung von extremer ideologischer und politischer Gewalt. Die Serie steht aber auch für eine zweite Tür in die Gegenwart: die neue Bedeutung von Geschichte. Auch abseits des Holocaust wurde sie ein zunehmend wichtiger Ankerpunkt zur Verortung und Identitätsbildung, was sich beispielsweise bei der Rekonstruktion historischer Innenstädte oder im großen Andrang bei Ausstellungen zu geschichtlichen Themen zeigte. Geschichte stiftete wieder Orientierung.

Im Fall der Serie Holocaust tat sie das auch mit Blick auf eine weitere Debatte, die 1979 um die Boat People geführt wurde. Es ging um die Frage, ob man den mehr als eine Millionen Geflüchteten, die nach dem Sieg des kommunistischen Nordens im Vietnamkrieg auf maroden Booten das Land verließen, helfen sollte.

Es gibt Ende der 1970er Jahre eine neue Form der emotionalen Anteilnahme an globalem Geschehen und globalen Opfern. Sie äußert sich auch im Umgang mit Flüchtlingen. Die große Solidarität mit den Boat People aus Vietnam ging tatsächlich immer wieder mit Verweisen einher, man habe damals den Juden nicht geholfen. Jetzt müsse man wenigstens diesen Menschen helfen.

Gibt es weitere Querverbindungen dieser Art?

Das war für mich das Interessante: scheinbar unzusammenhängende und normalerweise auch unzusammenhängend behandelte Entwicklungen in ihrer Gleichzeitigkeit und wechselseitigen Beeinflussung zu thematisieren, um eine neue Sicht zu gewinnen. Eine weitere Querschnittsverbindung ist die neue Bedeutung von Religion, politischer Religion. Sie ist nicht nur in islamischen, sondern auch in christlichen Staaten zu beobachten. In Nicaragua etwa spielte die Theologie der Befreiung eine zentrale Rolle, bei den Protesten in Polen war es der Katholizismus. Noch eine Querschnittsverbindung findet sich beim Thema Energie: Die Iranische Revolution führte dazu, dass große Teile der Ölexporte ausfielen, während die Atomkraft durch den Unfall bei Harrisburg diskreditiert wurde und die erste Weltklimakonferenz von 1979 deutlich machte, dass das Verbrennen von Kohle mit Blick auf die nun auch öffentlich thematisierte Erderwärmung nachteilig ist. Es ist dieses Zusammenspiel von unterschiedlichen Entwicklungen, das zu Reformen führt.

DIE »BOAT PEOPLE«

Auf maroden Schiffen fliehen nach dem Sieg des kommunistischen Nordens im Vietnamkrieg hunderttausende Menschen übers Meer in überfüllte Lager. Sie erfahren weltweite Solidarität. Für Deutschland sind die »Boat People« die erste große Gruppe außereuropäischer Flüchtlinge. Bis 1990 kommen rund 35.000 Vietnamesen, auch die Einwanderung aus anderen Regionen nimmt zu. Mit der Häufung der Asylanträge um 1979/80 wächst die Furcht vor Ausländern, die Regeln für Einwanderung werden restriktiver, eine »Neue Rechte« verübt zahlreiche tödliche Anschläge. Auch im »Fluchtsommer« 2015 folgen auf Solidarität Ressentiments und schärfere Gesetze, obgleich die Aufnahme der »Boat People« gezeigt hat, wie Integration gelingen kann. Für Vietnam werden die »Boat People« zum Globalisierungstreiber. Bis heute profitiert das Land von den weltweiten Netzwerken.

Können wir heute aus den Erfahrungen von 1979 lernen?

Geschichte wiederholt sich zwar nicht, ich glaube aber schon, dass man aus bestimmten Entscheidungen lernen kann, indem man sie vergleichend betrachtet. Am Ende kommt es dann oft anders, aber trotzdem macht das Wissen darum Entscheidungen sicherer.

Gerade beim Thema Flucht sind die Parallelen zu heute augenscheinlich, wenn man etwa an den Fluchtsommer 2015 denkt.

Wenn wir das Beispiel der vietnamesischen Flüchtlinge betrachten, zeigt sich, dass ihre unkomplizierte Aufnahme, neue Integrationsmaßnahmen und die Solidarität in der Bevölkerung dazu beigetragen haben, dass in Deutschland erstmals in großem Maßstab außereuropäische Flüchtlinge Anerkennung gefunden haben. Natürlich gab es für viele vietnamesische Familien in den 1980er Jahren Probleme, aber insgesamt fanden sie eine sehr gute Aufnahme. Insofern haben wir hier tatsächlich einen Fall, an dem man erfolgreiche Migrationsbedingungen studieren kann, auch wenn die Bedingungen mit der viel größeren Zahl an Menschen, die 2015 nach Deutschland kamen, andere waren.

Wiederholen sich auch Fehler?

Infolge der Aufnahme der Boat People kamen um 1980 auch gewaltsame rechtsradikale Strömungen auf, die mit Morden an vietnamesischen Flüchtlingen einhergingen. Dass konservative Akteure wie Franz Josef Strauß und einzelne Medien diese ausländerfeindliche Stimmung förderten, ist sicherlich ein folgenschweres Verhalten, das sich Anfang der 1990er Jahre und auch 2015 wiederholt hat. Um 1980 hat dies sicherlich mit dazu beigetragen, dass es zu dieser Radikalität mit Anschlägen kam. Die Täter und ihre Hinterleute glaubten, dass zumindest Teile der Bevölkerung auf ihrer Seite stehen.

DER AKW-UNFALL VON HARRISBURG

Am 28. März 1979 zeigt die partielle Kernschmelze im US-Atomkraftwerk »Three Mile Island« der Welt: Ein Super-GAU ist wahrscheinlicher als angenommen. Zuvor gilt Atomkraft als Versprechen, endlichen Rohstoffen und Ölkrisen zum Trotz soll sie die Energieversorgung sichern. Jetzt wird sie zur »Übergangstechnologie«, eine globale Anti-AKW-Bewegung fordert den Ausstieg. 1979 gründen sich die Grünen. Ihre Erfolge resultieren auch aus Unfällen wie denen in Harrisburg und Tschernobyl 1986. Nach dem Unfall von Fukushima beschließt die Bundesregierung 2011 den Atomausstieg bis 2022, 2050 sollen 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen. Das Zeitalter der Atomkraft ist aber nicht vorbei. Einige Staaten planen neue AKWS, um unabhängig zu sein. Ein weiterer schwerer Unfall gilt als wahrscheinlich.

Sie selbst wurden 1979 zehn Jahre alt. Haben Sie Erinnerungen an das Jahr?

Ich habe vage Erinnerungen, etwa an die Iranische Revolution und die starken Bilder von Ayatollah Khomeini, der im Fernsehen sehr präsent war. Auch die Auswirkungen der Friedensbewegung und der Anti-Atomkraft-Bewegung sind in meiner Erinnerung an die 1980er Jahre enthalten: die Protestplakate, die Aufkleber gegen Atomkraft, die Angst, die angesichts der atomaren Aufrüstung herrschte. Wir alle sind, selbst wenn wir zehn oder auch nur fünf Jahre alt sind, allein deshalb Zeitzeugen, weil unser Umfeld uns prägt, die Erzählungen der Eltern und Angehörigen. Als Historiker ist es aber gut, etwas Abstand zu halten von den Dingen, über die man schreibt. Es schützt vor subjektiven Fehlurteilen.

Welche Quellen haben Sie genutzt, um diese Entwicklungen nochmals aufzuarbeiten?

Zunächst habe ich sie nicht nochmals aufgearbeitet, sondern Grundlagenforschung betrieben. Ein Großteil der Themen ist historisch unerforscht. Es ging bei dem Buch insofern auch darum, neue Felder für die Zeitgeschichte zu öffnen. Ich bin dafür in sehr unterschiedliche Archive gegangen, habe Regierungsakten durchgeguckt, etwa die Bestände des Kanzleramtes, des Auswärtigen Amtes und von Ministerien, aber auch Unterlagen von Botschaften und Nuklearkommissionen. Ebenso habe ich Akten von zivilgesellschaftlichen Akteuren ausgewertet und Gespräche geführt. Viele Quellen habe ich erstmals erschlossen.

Hat Sie etwas besonders erstaunt?

Erstaunt hat mich etwa der kühle Pragmatismus, den das Auswärtige Amt im Umgang mit anderen Staaten gezeigt hat, gerade mit diktatorischen Systemen wie Iran oder China. Erstaunt hat mich umgekehrt aber auch das zivilgesellschaftliche Engagement. Ich habe zum Beispiel mit dem mittlerweile verstorbenen Journalisten Rupert Neudeck gesprochen, der die Aktionen des Rettungsschiffs Cap Anamur organisiert hat, das den Boat People in Seenot half. Zu sehen, mit welchem persönlichen Einsatz jemand ehrenamtlich so etwas aufzieht, ist sehr bemerkenswert.

THATCHERS NEOLIBERALISMUS

Im Mai 1979 wird Margaret Thatcher Premierministerin und verspricht, die British Disease zu heilen: eine von Wirtschaftskrise, Inflation und Streiks gebeutelte Ökonomie. Thatchers Formel lautet weniger Staat, mehr Markt, individuelle Verantwortung. Ihre Reformen umfassen Steuersenkungen, Sparmaßnahmen, Privatisierung und die Entmachtung der Gewerkschaften. Der Neoliberalismus wird Vor- und Schreckbild: Die Kürzung von Sozialleistungen saniert weltweit Haushalte, die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander. In Deutschland wird die »Iron Lady« kritisiert – und kopiert. Zunächst von Wirtschaftsliberalen und Christdemokraten, später in der rot-grünen »Agenda 2010«. International zeigt Thatcher Verhandlungshärte. Sie reduziert die Zahlungen an die Europäische Gemeinschaft – und begründet so die Europaskepsis der Briten.

Wir unterhalten uns im mittlerweile zweiten Teil-Lockdown seit Beginn der Corona-Pandemie – einer Art Superereignis, das gerade die ganze Welt beschäftigt. Ist 2020 eine ähnlich einschneidende Zäsur?

Es spricht vieles dafür. Selbst wenn bald ein Impfstoff zur Verfügung stehen sollte, wird das menschliche Verhalten sich ändern. Der Umgang in Gruppen, unsere Kommunikation, vielleicht auch der Reiseverkehr. Auf jeden Fall ist 2020 bereits jetzt eine Erfahrungszäsur: Wir nehmen die Pandemie als einen zentralen Einschnitt auf allen Ebenen wahr. Das war übrigens auch 1979 so. Die Zeitgenossen gingen davon aus, inmitten historischer Umbrüche zu leben, die die Welt dauerhaft und über Grenzen hinweg verändern.

Wissen konnten sie das aber so wenig wie wir, oder?

Geschichte ist nicht vorhersehbar. Kausalitäten entstehen erst im Nachhinein, indem wir die Vergangenheit deuten und rekonstruieren. 1979 war offen, ob Ajatollah Khomeini überhaupt im Iran würde landen können, ob die Rote Armee Afghanistan in einem Schlag einnehmen oder geschlagen würde, ob die neugewählte Iron Lady Margaret Thatcher in Großbritannien mit ihren marktliberalen Reformen durchkommen oder gleich wieder abgewählt würde. Oft wurde das Gegenteil von dem angenommen, was am Ende rausgekommen ist, und auch 2020 wissen wir nicht, was in der Zukunft passiert. Das ist das Typische an Geschichte: Sicher ist nur, dass wir es nicht sicher voraussagen können.

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