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Jedes Jahr werden mit dem illegalen Handel von Wildtieren Milliarden Dollar erwirtschaftet – noch höhere Summen erzielen Schwarzmärkte nur beim Geschäft mit Drogen, gefälschten Produkten und Menschen. Wildtiergenetiker wie Stefan Prost arbeiten mit forensischen Methoden, um geschützte Tierarten zu identifizieren und Handelsketten aufzudecken. Dass solch eine Nachverfolgung auch wichtig für die menschliche Gesundheit ist, wird in Zeiten des Coronavirus deutlich.

Was assoziieren Sie mit illegalem Wildtierhandel? Tauchen in Ihrem Kopf die traurigen Augen eines Zwergloris auf, der Sie durch die Gitterstäbe eines kleinen Käfigs anschaut? Oder denken Sie vielleicht an körnige Nachtaufnahmen von Wilderern, die die Steppen ferner Länder nach den letzten Nashörnern absuchen?

Immer wieder entflammt die Diskussion um das schmutzige Geschäft mit seltenen Arten – meist dann, wenn Zollbeamtinnen und -beamte eine besonders große Anzahl geschmuggelter Tiere finden oder die Rote Liste bedrohter Arten um eine neue Spezies erweitert wird. Aktuell bestimmt ein weiteres, eigentlich altbekanntes, Ereignis den Diskurs: Wie schon viele Krankheitserreger zuvor soll auch das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 von wilden Tieren auf den Menschen übergesprungen sein. Der inzwischen geschlossene Huanan Seafood Wholesale Market im chinesischen Wuhan steht dabei symbolisch für das Gesundheitsrisiko, das der menschliche Umgang mit Wildtieren mit sich bringt.

Foto STEFAN STRACHAN

Die Pandemie hat die Bekanntheit des Pangolins erheblich gesteigert.

An der Wand in Stefan Prosts Wohnzimmer hängen Bilder von einem Jaguar und einem Gepard. Auf schwarzen Untergrund hat jemand die unverkennbaren dunklen Flecken auf goldgelbes Fell gemalt. Die Bewahrung der beiden bedrohten Arten ist das Ziel zweier Projekte, an denen der Naturschutzbiologe und Genetiker von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung aktuell beteiligt ist. Ein Schuppentier habe ich auch, sagt er lachend und holt ein Pangolin im Plüschformat aus dem Schrank. Das habe ich 2018 bei der Head of States Conference of Illegal Wildlife Trade gekauft. Da sind Schuppentiere immer ein großes Thema.

Das überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass das Pangolin laut der Weltnaturschutzunion IUCN den Titel des weltweit meistgeschmuggelten Säugetiers innehat. Mittlerweile haben die Pangoline ihren Bekanntheitsradius allerdings weit über die Tagungsräume von Artenschutzkonferenzen hinaus in die breite Öffentlichkeit erweitert: War ihr Name vielen bis vor Kurzem gänzlich unbekannt, ist er nun, da Forschende weltweit sie als Glied in der Übertragungskette des Erregers Sars-CoV-2 diskutieren, in aller Munde. Die Coronaviren, die in Schuppentieren gefunden wurden, stimmen bis zu 94 Prozent mit jenen überein, die COVID-19 in Menschen auslösen, sagt Stefan Prost. Das ist schon relativ hoch, die Zahl an sich sagt jedoch wenig aus.

Ausschlaggebender sei die Analyse bestimmter Abschnitte des viralen Genoms gewesen: Coronaviren verdanken ihren Namen sogenannten Spikes, die ihre Hülle wie eine Krone aussehen lassen. Dank der Struktur dieser Spikes kann das Virus an die Rezeptoren von Wirtszellen andocken – zum Beispiel an die der Atemwegszellen des Menschen. Und nur wenn diese Andockstelle passt, kann es auch in die Zellen eindringen, sich dort vervielfältigen und die Krankheit auslösen.

Das neuartige Coronavirus besitzt in diesem Bereich sechs für die Bindung wesentliche Aminosäuren, die bei den in Schuppentieren und Menschen gefundenen Erregern identisch sind. Zum Vergleich: Obwohl die Coronaviren in Fledermäusen jenen in Menschen sogar zu 96 Prozent gleichen, stimmt bei diesen nur eine der sechs ausschlaggebenden Aminosäuren überein. Stefan Prost sagt: Allgemein besteht bei Schuppentieren also weniger genetische Ähnlichkeit zu uns, aber auf einer der wesentlichen Positionen sind die Viren quasi identisch mit jenen in Menschen. Dies habe Pangoline, die auch auf dem Wildtiermarkt in Wuhan verkauft wurden, als mögliche Zwischenwirte bei der Übertragung der Coronaviren ins Gespräch gebracht.

Foto STEFAN PROST

Prost bezweifelt dennoch, dass ein Schuppentier der gesuchte Zwischenwirt ist. Neben der Bindungsstelle gebe es weitere Bereiche im Genom, die für die Virulenz und die Wirtsbandbreite des Erregers zuständig sind – und hier stimmen die Proben aus Schuppentieren nicht mit den menschlichen überein. Doch die sich häufenden Berichte über die kleinen und äußerst begehrten Säugetiere haben einen positiven Nebeneffekt: Mit ihnen steigt auch das kollektive Bewusstsein dafür, dass Tiere als Überträger von Krankheiten eine potentielle Gefahr darstellen.

Blickt man auf die vergangenen Jahre zurück, mangelt es nicht an Beispielen für sogenannte Zoonosen: SARS ging auf Schleichkatzen zurück, bei MERS waren es Dromedare, Flughunde und Primaten bei Ebola. Die Liste ist lang. 2019 steht man wieder vor demselben Problem – und Stimmen, die Konsequenzen fordern, werden lauter.

Wohl die wenigsten Leserinnen und Leser dieses Textes hatten schon mal Kontakt mit einem Pangolin. Die meisten würden sich womöglich sogar weigern, einen Wildtiermarkt zu betreten. Die Pandemie hält uns nun allen den Spiegel vor: So oft wir die Kategorien von Mensch und Zivilisation auf der einen und Natur und Wildnis auf der anderen Seite auch bemühen – der Mensch bleibt wie alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten Teil eines Ökosystems, in dem einige Viren nicht nur zwischen den Individuen einer Art, sondern auch munter zwischen den Arten springen.

Foto POK RIE

Die zu klärende Frage sollte nun sein, warum die Anzahl an Zoonosen immer weiter steigt. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind 75 Prozent der im vergangenen Jahrzehnt ausgebrochenen Infektionskrankheiten von Tieren auf den Menschen übertragen worden. In einer Studie von 2016 warnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zudem davor, dass erst das menschliche Verhalten zoonotischen Krankheitserregern das Potential zur Übertragung verleihen. Es lohnt sich demnach, den Blick nicht nur auf das Eindringen des Menschen in die Natur, sondern auch auf sein Eingreifen und Umgestalten dieser Lebensräume zu richten, etwa für Viehzuchtbetriebe oder Palmölplantagen.

Stefan Prost macht dies am Beispiel Indischer Löwen deutlich: In freier Wildbahn kommen die Tiere nur noch in einem kleinen Gebiet vor, in dem sie intensiv vor Wilderei geschützt werden. Die Kontrollen führen dazu, dass ihre Zahl wieder steigt. Das sei zunächst natürlich erfreulich, sagt Prost, berge aber auch einen Nachteil: Die Löwen sind an große Territorien angepasst, treffen jetzt aber immer häufiger auf Artgenossen – ihr Lebensraum wächst nun mal nicht mit. In der Folge steige das Stresslevel. Und je gestresster ein Tier ist, desto anfälliger ist es für Infektionskrankheiten.

Die Bedingungen in derart überfüllten Naturschutzgebieten könne man, so Prost, im Grunde genommen mit den Zuständen auf vielen Wildtiermärkten vergleichen: Die dort oft lebendig verkauften Tiere haben eine lange Reise hinter sich, befinden sich in engen Käfigen und in unmittelbarer Nähe zu Artgenossen oder Arten, mit denen sie normalerweise nie in Kontakt gekommen wären. Das bedeutet eine erhöhte Alarmbereitschaft und somit Stress. Über Fäkalien, Blut und Fleisch können Viren sich in einer solchen Umwelt munter verbreiten, denn die hygienischen Zustände auf den Märkten sind meist sehr schlecht, erklärt der Biologe.

Um die von Wildtiermärkten ausgehende Gefahr einzugrenzen, hat China diese vorübergehend geschlossen. Zunächst eine sinnvolle Maßnahme, findet Prost, aber keineswegs eine Dauerlösung: Wildtiermärkte pauschal zu schließen halte ich für Unsinn. Der Wildtiermarkt an sich ist nicht das Problem. Vielmehr müsse man zuerst verstehen, wieso Menschen überhaupt Wildtiere essen. In einigen Teilen Afrikas etwa, in denen Viehzucht aufgrund klimatischer Bedingungen und der Bedrohung durch die Tsetse-Fliege nicht möglich ist, ist Buschfleisch für viele Haushalte die einzige bezahlbare Proteinquelle. In vielen Metropolen der Welt hingegen gilt es als Delikatesse und Zeichen von Reichtum. Wer beispielsweise in China Pangolin auf den Tisch bringt, demonstriert seinen Gästen, dass er oder sie sich eine Mahlzeit für mehrere tausend Euro leisten kann.

 

Je gestresster ein Tier ist, desto anfälliger ist es für Infektionen.

STEFAN PROST

Foto MARKUS WINKLER

Der Verkauf gefährlicher Arten muss verboten werden.

Neben ihrem Verzehr führt auch der Einsatz in der traditionellen Medizin einiger Kulturen zu der hohen Nachfrage nach Wildtieren. Und solange diese fortbesteht sei ein Ende des Wildtierschmuggels nicht in Sicht, sagt Stefan Prost – Wildtiermärkte hin oder her: Wenn man sie schließt, verlieren zuallererst Menschen ihre Arbeit und den Zugang zu Lebensmitteln. Das kann nicht die Lösung sein.

Prost vertritt einen anderen Ansatz: Statt Märkte zu schließen, sollten wir genauer unter die Lupe nehmen, welche Arten dort gehandelt werden und vor allem wie. Die Bedingungen für die Tiere müssten verbessert und die geltenden Hygieneregeln drastisch verschärft werden. Ein Ziel müsse es auch sein, die Zahl der Arten, die aufeinandertreffen, zu reduzieren und diejenigen auszumachen, die besonders viele Erreger in sich tragen. Im Verdacht stehen vor allem Fledermäuse, die ein Reservoir für zahlreiche Viren sind. Der Verkauf solcher potentiell gefährlichen Arten müsse verboten werden.

Aber auch soziale und wirtschaftliche Interessen spielen eine Rolle: Bräuche, die seit Generationen weitergegeben werden, lösen sich nicht auf einmal auf. Um das Risiko für weitere Pandemien zu verringern, plädiert Stefan Prost zudem für einen Zusammenschluss von Naturschutz, Medizin, Evolutions- und Wildtierbiologie. Genetische Analysen können zwar nicht akut bei der Herstellung von Medikamenten oder Impfstoffen helfen. Wenn wir aber verstehen, woher ein Virus kam, können wir in Zukunft wachsamer und besser auf Gefahren vorbereitet sein.

Doch was passiert, wenn Corona nur noch in den Geschichtsbüchern, nicht aber in den Köpfen der Menschen stattfindet? Stefan Prost sagt: Das Problem ist, dass wir eigentlich nie vorausschauend genug planen. Ich befürchte, dass viele Menschen wieder in ihre gewohnten Muster verfallen, sobald die aktuellen Maßnahmen gelockert werden. Dennoch wagt er einen positiven Blick in die Zukunft: Ein chinesischer Verlag etwa habe kürzlich Pangoline aus einem Schulbuch für traditionelle Medizin genommen. Zudem erzählen mir Kollegen, dass sich die Einstellung gegenüber wilden Tieren in der jüngeren Generation ändert.

Trotzdem berichtete die Tierschutzorganisation WWF erst vor wenigen Wochen von sechs Tonnen Pangolinschuppen, die in einem malaysischen Hafen beschlagnahmt worden waren. Genau wie Geparde, Jaguare und viele andere, werden die Schuppentiere wohl noch lange die Tagesordnung auf Artenschutzkonferenzen bestimmen.

Spätestens jetzt sollten sie auch mehr Platz auf der Agenda von Konferenzen zur globalen Gesundheit finden.

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