leibniz

"Goofy", "NPC" und "Side Eye" – das waren die Favoriten für das Jugendwort des Jahres 2023. Ob sie den Sprung in die Alltagssprache schaffen, wird sich zeigen. Wie gelangt das Neue in die Sprache? Und wird der Wortschatz „gerechter“, indem man bestimmte Wörter verbannt oder tabuisiert? Annette Klosa-Kückelhaus, Leiterin des Programmbereichs "Lexikographie und Sprachdokumentation" am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim, im Gespräch.  

LEIBNIZ Goofy", "NPC" und "Side Eye" – das sind die Favoriten für das Jugendwort des Jahres 2023. Was sagt Ihnen das als Sprachforscherin, als Wortschatzforscherin, als Linguistin?   

ANNETTE KLOSA-KÜCKELHAUS Erst mal freue ich mich, dass goofy dabei ist. Denn die Figur Goofy gefällt mir sehr gut und das Adjektiv kenne ich schon länger. Ich war ein bisschen überrascht, dass es in der Jugendsprache so hoch gekommen ist.

Sie meinen, weil Sie das Wort auch selbst benutzen?

Genau, weil ich mich mit über 50 nicht zu den jugendsprachlichen Sprecherinnen zählen würde. Aber vielleicht ist es mir auch aus dem Englischen präsent. Und da sind wir natürlich beim Thema, dass Anglizismen bei den Jugendwörtern immer wieder eine Rolle spielen.

Warum suchen sich Jugendliche eine eigene Sprache?

Die suchen sie vor allem, um miteinander zu kommunizieren. Der Sinn und Zweck von jeder Sprache ist, sich anderen verständlich zu machen. Das ist bei Jugendlichen nicht anders als bei uns. Aber mit dieser speziellen Jugendsprache grenzen sie sich gegenüber allen anderen ab, nicht nur gegenüber den Erwachsenen und den Kindern, sondern auch gegenüber anderen jugendlichen Gruppen. Da sehen wir den zweiten Zweck. Durch das Nutzen bestimmter Ausdrücke, solidarisieren sie sich untereinander und zeigen ihre Zugehörigkeit zu dieser Gruppe. Sobald ihre Ausrücke und Wörter auch außerhalb bekannt sind, werden sie wahrscheinlich von den Jugendlichen selbst kaum noch verwendet.

Unter welchen Bedingungen werden solche Begriffe zum allgemeinen Wortschatz gezählt?

Sie werden allgemein gebräuchlich, wenn sie über die Massenmedien verbreitet werden und ein bisschen in die allgemeine Alltagssprache übergehen. Das ist dann noch nicht unbedingt die Standardsprache, aber eben das, was wir vielleicht zu Hause sprechen. Das Phänomen kennt man sicher auch, wenn man selbst jugendliche Kinder hat, da färbt manches ab.

Sie haben eben schon gesagt, es gibt ganz viele Vokabeln, die aus dem Englischen und dem Amerikanischen in unseren Wortschatz einwandern. Welche Bedeutung hat das?

Es sind es gar nicht so viele Wörter, die aus dem Englischen in das Deutsche einwandern, auch wenn uns das immer so vorkommt. Wenn wir den Gesamtwortschatz betrachten und zum Beispiel ein Wörterbuch auswerten, etwa unser Neologismen-Wörterbuch, dann sehen wir, dass nicht einmal die Hälfte des neuen Wortschatzes Anglizismen sind, sondern vielleicht ein Drittel. Wir vergessen immer, dass das Deutsche viel produktiver ist, selbst neuen Wortschatz zu bilden. Auf der anderen Seite sind uns der entlehnte Wortschatz und die Anglizismen sehr präsent.

Wie meinen sie das?

Viele von diesen Wörtern kommen unheimlich häufig vor. Wenn man durch die Stadt geht, steht an den Schaufenstern zum Beispiel "Sale" und nicht mehr "Schlussverkauf". Auch während der Corona-Zeit, sind uns bestimmte Anglizismen ständig begegnet: "Social Distancing" zum Beispiel oder "Homeschooling". Dadurch entsteht ein bisschen das Gefühl, dass alles voll mit Anglizismen ist. In bestimmten Bereichen wie der Wirtschaft oder der Werbung zum Beispiel begegnen sie uns auch sehr häufiger.

Bücherei Arbeitsplatz Bücher Wortschatzwandel Leibniz Magazin

Merkt man an unserem Wortschatz, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist?

Klar. Es gibt Jugendliche, die sagen "Habibi" für Liebling. Das ist ein Lehnwort aus dem Migrationskontext. Es gibt Entlehnungen aus vielen Sprachen. Aus dem Italienischen etwa "Ciabatta" oder "Latte Macchiato". Oder auch aus asiatischen Sprachen, zum Beispiel "Feng Shui", „Karaoke" und "Matcha-Tee". Zahlenmäßig sind diese aber alle dem Englischen unterlegen.

Ob das mit uns als Einwanderungsland zu tun hat, das möchte ich bezweifeln. Wir sehen eher, dass sich Mischsprachen entwickeln. Es gibt viele Menschen, die zwischen zum Beispiel Türkisch und Deutsch ganz einfach hin und her wechseln können, teilweise im gleichen Satz. Das wirkt sich aber nicht stark auf den Wortschatz aus, denn wir beobachten nicht, dass wir viele türkische Lehnwörter haben.

Wie viel Wandel gibt es denn überhaupt in unserem Wortschatz?

Wortschatzwandel beobachten wir praktisch täglich. Ich glaube, es ist auch vielen bewusst, dass uns immer wieder neue Wörter begegnen. Der Wortschatz wächst insgesamt allein durch immer wieder neue Gegebenheiten in der Welt. Neue Dinge entstehen, neue Gegenstände, die bezeichnet werden müssen.

Auf der anderen Seite verschwinden auch immer wieder Wörter.

Genau, das passiert aber viel seltener. Wörter verschwinden dann, wenn das, was wir damit bezeichnen, nicht mehr existiert. Eine Wählscheibe auf dem Telefon gibts zum Beispiel überhaupt nicht mehr. Wenn wir nicht auf die frühere Zeit verweisen, dann würden solche Wörter verschwinden. Menschen verkleinern ihren eigenen Wortschatz aber nicht nur weil sie im Gespräch mit anderssprachigen Menschen bewusst auf bestimmte Wörter und Ausdrücke verzichten. Denn wir unterscheiden zwischen aktivem und passivem Wortschatz.

Was bedeutet das?

Das, was wir aktiv tatsächlich benutzen, ist immer nur ein Teil dessen, was wir passiv, wenn wir Texte lesen oder was hören, verstehen. Und diese Wörter verlernen wir nicht, weil wir in bestimmten Situationen darauf verzichten, damit wir dem Gegenüber verständlich werden. Die bleiben bei uns im mentalen Lexikon verankert und können jederzeit im Gespräch mit anderen wieder hervorgerufen werden.

Also, wir verstehen viel mehr, als wir sprechen. Wie viele Wörter gehören denn zu einem guten aktiven Wortschatz?

Man schreibt Goethe zu, dass er um die 90.000 Wörter aktiven Wortschatz hatte. Das erreichen kaum andere Schriftsteller. Es kommt auf den Bildungsstand und das Alter an – aber bei einem durchschnittlichen erwachsenen Bürger schätzt man den aktiven Wortschatz auf 40.000 bis 50.000 Wörter. Das ist schwer zu messen und verändert sich individuell ständig. Und natürlich verlieren Menschen krankheitsbedingt im Alter wieder Wortschatz, etwa durch bestimmte Demenzerscheinungen.

Gespräch auf der Straße zwischen zwei älteren Personen Leibniz Magazin

Benutzen wir bestimmte Signalwörter, um anzuzeigen, dass wir zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht gehören oder eine bestimmte politische Einstellung haben?

Ganz sicher. Das Phänomen, dass Menschen bewusst Fremdwörter verwenden, um ihren akademischen Hintergrund zu betonen, hat wahrscheinlich jeder schon mal erlebt. Genauso wie man auch bewusst, um auf die Jugendsprache zurückzukommen, hier und da solche Termini verwendet, um vielleicht zu signalisieren: Ich bin am Puls der Zeit, ich bin noch gar nicht so alt, wie ich aussehe. In der Werbung wird das zum Beispiel ganz gezielt genutzt.

Im Moment diskutieren wir nicht nur über Anglizismen, sondern vor allem auch über Wörter, die man nicht mehr verwenden soll - wie das N-Wort. Merken Sie am Wortschatz, dass diese Wörter wirklich verschwinde?

Man kann solche Phänomene natürlich beobachten. Wenn wir große Textkorpora über die Zeit hinweg untersuchen, können wir erkennen, wie häufig bestimmte Wörter verwendet oder auch nicht mehr verwendet werden und welche Wörter stattdessen benutzt werden. So könnte man auch nachvollziehen, dass zum Beispiel das N-Wort abnimmt in der Frequenz und dafür das Wort "N-Wort" selbst immer häufiger vorkommt.

In unserer Arbeit am Wörterbuch müssen wir überlegen: Wie wird denn so ein Wort beschrieben? Darf man das noch in das Wörterbuch aufnehmen? Und was muss man dazu erklären? Das stellt einen vor Herausforderungen, ähnlich wie wenn es darum geht, ob in literarischen Texten diese Wörter weiter stehen bleiben dürfen oder nicht. Da müssen sich auch Autorinnen und Autoren und die Verlage Gedanken machen.

Wird denn der Wortschatz gerechter dadurch, dass man Wörter verbannt,  sie tabuisiert oder in Anführungszeichen setzt?

Ich weiß gar nicht, ob man davon sprechen kann, dass der Wortschatz gerecht oder ungerecht ist. Denn die Wörter an sich sind es nicht, sondern das, was wir als Sprecherinnen und Sprecher damit machen. Was man bemerken kann, ist, dass sich viele Menschen dieser Tatsache immer stärker bewusst werden und versuchen, entsprechend politisch korrekt oder vor allem angemessen, wenig abwertend, nicht ausgrenzend zu sprechen.  Das bedeutet aber nicht, dass bestimmte Wörter aus dem Wortschatz für immer verschwinden werden und dass man sie dann nie mehr finden wird. Die Wörter als Wörter gibt es noch, aber ihre Verwendung verändert sich.

TONSPUR WISSEN

Das Gespräch mit Annette Klosa-Kückelhaus vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) können Sie in voller Länge im Podcast Tonspur Wissen von Rheinischer Post und der Leibniz-Gemeischaft hören. Für leibniz haben wir es leicht gekürzt und bearbeitet. Im Podcast widmet sich die Journalistin Ursula Weidenfeld aktuellen Themen und Entwicklungen und spricht darüber mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der Leibniz-Gemeinschaft. Alle Folgen des Podcasts finden Sie hier.

Vielleicht auch interessant?