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Sie heißen »Berner Rosen«, »Brandywine Pink« und »Lizzy Hellfrucht«. Oder auch etwas weniger poetisch »Ochsenherz«, »Harzfeuer« und »Zahnradtomate«. Selbst eine »Moneymaker« ist unter ihnen.

Im Zeitalter industrieller Landwirtschaft und weil der Verbraucher sich lange nach perfekt geformten und makellosen Früchten sehnte, wären die alten Tomatensorten trotz ihrer Namen fast in Vergessenheit geraten. Erst jetzt erleben sie, aber auch allerlei anderes altes Obst und Gemüse, einen zweiten Frühling. Dahinter stecken eine neue Lust am Besonderen, die Rückbesinnung auf traditionelle, regionale und ökologische Landwirtschaft — und die in Teilen der Gesellschaft wachsende Bereitschaft, auch mal etwas mehr für Geschmack zu bezahlen.

Dass Moneymaker, Ochsenherz & Co. heute wieder auf Beeten und in Gewächshäusern wachsen, ist keine Selbstverständlichkeit. Sie verdanken es nicht zuletzt Einrichtungen wie der Genbank des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben. Hier, im Harzvorland im Osten Sachsen-Anhalts, bewahren Andreas Börner und seine Kollegen das Erbe der Kulturpflanzen. Bei minus 18 Grad Celsius lagern mehr als 150.000 Saatgutproben von knapp 3.000 verschiedenen Pflanzenarten in den Kühlhäusern des Instituts. Getreide, aber auch Gemüse wie Sellerie, Kohl, Erbsen, Möhren. Und 3.700 Tomatenmuster. Die Genbank in Gatersleben ist damit die größte in der Europäischen Union, weltweit liegt sie auf Platz sieben.

»Immer dann, wenn eine Sorte in Deutschland vom Feld verschwindet, lagern wir ein Muster ein«, sagt Andreas Börner. Am IPK leitet er die Arbeitsgruppe »Ressourcengenetik und Reproduktion«, die für die Erhaltung der Genbanksortimente verantwortlich ist. In den vergangenen 10.000 Jahren habe der Mensch die meisten Kulturpflanzen von sich abhängig gemacht. »Wenn wir sie nicht pflegen, sind sie gar nicht überlebensfähig.« Ohne Genbanken wären deshalb viele Sorten unwiederbringlich verloren gegangen. Als Kulturgut, aber auch als Genpool.

Häufig stecken vermeintlich bessere Neuzüchtungen hinter dem Aus einer Sorte. »›Besser‹ heißt in der Landwirtschaft aber nicht unbedingt, dass eine neue Sorte besser schmeckt«, stellt Andreas Börner klar. »Oft geht es um Vorteile für die Produzenten: längere Haltbarkeit, größere Einheitlichkeit, einfachere Verarbeitung.«

Noch vor einigen Jahren wurde in der Landwirtschaft zudem fleißig Gebrauch von Pflanzenschutzmitteln gemacht — da war es relativ egal, wenn eine neue Apfelsorte nicht widerstandsfähig gegen Schädlinge war. Seit ökologischer Anbau an Bedeutung gewonnen hat, ist es aber ein Problem. In Andreas Börners Genbank gibt es Sorten, die natürliche Resistenzen gegen Krankheiten und Schädlinge entwickelt haben, lange bevor es chemische Mittel gab. In den hallenhohen Regalen des Kühlhauses ruht eine Vielzahl solcher genetischen Ressourcen und Eigenschaften, die neuen Sorten bei Bedarf gezielt wieder eingezüchtet werden können.

2012 erschien »Alte Gemüse. Die Wiederentdeckung des Geschmacks« von Bärbel Steinberger. Zum Buch geht es hier.

Rund 500 Kilometer weiter südlich beobachtet auch Bärbel Steinberger die Rückbesinnung auf alte Werte. Im niederbayerischen Großklöpfach gestaltet Steinberger eigentlich Hausgärten. Sie ist so etwas wie eine Pionierin des Anbaus alter Sorten. Als die Gartenbauingenieurin Anfang der 1990er Jahre eine Diplomarbeit über Bauerngärten schrieb, interessierte das Thema kaum jemanden. Doch mit der »Landlust«-Bewegung wuchs die Sehnsucht nach einer ursprünglicheren Landwirtschaft und traditionellen Produkten. Steinberger wurde Autorin. 2012 veröffentlichte sie ihr Buch »Alte Gemüse«. Der Untertitel: »Die Wiederentdeckung des Geschmacks«.

»Besonders alte Tomaten- und Kartoffelsorten bieten Geschmackserlebnisse, die wir im modernen Einheitsbrei völlig verloren haben«, sagt Steinberger. Für ihr Buch hat sie fast alle Sorten probiert, die sie vorstellt. Einer ihrer Favoriten ist ein Verwandter der Roten Bete: Die auch rot-weiße Ringelbete genannte Chioggia ist nicht nur ein Hingucker, sondern bereichert die Küche mit ihrem mild-süßlichen Geschmack. Die Rübe ist vielfältig einsetzbar: roh als Carpaccio, frittiert als Chips oder auch mild-sauer vergoren. »Sie hat das Potenzial, wieder größere Verbreitung zu finden«, sagt Steinberger. Eine Prognose, die sie nicht allen Rückkehrern ausspricht. Die »Bayerische Rübe« etwa sei zwar eine echte Rarität, aber geschmacklich eine Herausforderung. Ihr würzig-strenges Aroma dürfte verhindern, dass sie zurück auf unsere Teller findet.

Nicht jede lila Möhre ist eine alte Karotte.

Bärbel Steinberger lebt als Selbstversorgerin auf einem Einödhof. Ihr ist bewusst, dass die alten Sorten nicht für den industriellen Anbau geeignet sind. Sie sind zu uneinheitlich in Form und Reifezeitpunkt, um sie wirtschaftlich anzubauen und dürften deshalb ein Nischenprodukt bleiben. Wer bereit ist, sich an alte Geschmäcke zu gewöhnen, lebt dabei möglicherweise gesünder. Denn die Bitterstoffe, die den modernen, auf Süße gezüchteten Gemüsen fehlen, seien ernährungsphysiologisch durchaus empfehlenswert.

In Gatersleben erinnert sich Andreas Börner an die Winteräpfel auf dem Hof seiner Großeltern: »Die waren bei der Ernte steinhart und mussten über Monate lagern, bevor wir sie essen konnten. Dafür waren sie eine Vitaminquelle im Winter, die nicht erst aus Neuseeland, Chile oder Südafrika nach Deutschland verfrachtet werden musste.«

Am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung kann Börner die Rückkehr der alten Sorten jeden Tag in Echtzeit verfolgen. Die Genbank gibt Samen nicht nur an Forscher und Züchter ab, auch Privatleute können sie bestellen. Tomaten sind die Bestseller. »Die Nachfrage ist in den vergangenen Jahren gigantisch gewachsen«, sagt Börner. »Zu Hochzeiten haben wir pro Jahr 50.000 Proben verschickt — vor zwei Jahren mussten wir sogar eine Bearbeitungsgebühr einführen.« Sie finanziert einen Teil der aufwändigen Arbeit der Genbank. »Saatgut ist ein lebendiger Organismus. Wenn wir es nur ins Regal stellen, ist es über kurz oder lang tot.« Andreas Börner und seine Kollegen prüfen das Saatgut deshalb regelmäßig auf seine Keimfähigkeit. Sinkt sie unter einen bestimmten Wert, säen sie die Sorte auf den Feldern ums Institut aus, um wieder frische Samen zu gewinnen und die Vielfalt zu bewahren.

Auch in der Stadt sind die alten Sorten mittlerweile angekommen. Auf Wochenmärkten drängen sich junge Kiezbewohner um verwachsenes Wurzelgemüse. Sogar ins Supermarktregal haben es einige alte Sorten geschafft. Aber jeder Trend hat seine Trittbrettfahrer. So ist mitnichten jede lila Möhre im Sortiment eine alte Karotte, sondern mitunter schlicht eine Marketingzüchtung.

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