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Die Bilder in diesem Beitrag sind Teil der Sammlung des Islamwissenschaftlers CHRISTIAAN SNOUCK HURGRONJE, die heute in der Bibliothek der Universität Leiden beheimatet ist. Hugronje besuchte Dschidda und die heiligen Stätte von 1883 bis 1884.

Wer in Saudi-Arabiens zweitgrößter Stadt Dschidda nach dem Weg ins Zentrum fragt, erntet nicht selten ungläubige Blicke: »Ins Zentrum? Wohin wollen Sie denn?« Das Stadtzentrum, die Altstadt der Küstenmetropole am Roten Meer, ist kein Ort, den ein Dschiddawi für gewöhnlich aufsucht. Viel mehr als ihre engen, morbiden Straßen locken die schicken Neubauviertel mit ihren weitläufigen Einkaufszentren, Freizeitparks und unzähligen Sterne-Restaurants von Sushi bis Schweizerisch.

Das alles findet sich auch in Riad, in Abu Dhabi und anderen Golfmetropolen. Was Dschidda aber ausmacht, ist seine Altstadt, das »Balad«, das die UNESCO kürzlich zum Weltkulturerbe erklärte. Helle, mehrstöckige Häuser mit aufwendig verzierten Holzfenstern prägen das Stadtbild. In den vollen Straßen bieten Händler Plastikware aus China feil, aber auch Weihrauch und die berühmten Datteln aus dem nahegelegenen Medina. Kinder spielen in den Gassen, während muslimische Pilger auf der Suche nach günstigen Absteigen durch die Straßen ziehen.

Überhaupt sind sie es, die Dschidda geprägt haben und ohne die die Stadt wohl nicht existieren würde. Über Jahrhunderte legten Muslime aus aller Welt im Hafen an. Auf ihrer Pilgerfahrt in die heiligen Städte Mekka und Medina betraten sie in dem kleinen Fischerdorf an der Westküste der Arabischen Halbinsel erstmals das Land. Das Meer, es war Dschiddas Pforte zur Welt. Über das Wasser brachte jeder Besucher ein kleines Stück seiner Heimat mit in die Stadt. Das hat Spuren hinterlassen. Noch heute ist Dschidda vielfältiger als andere Städte des Königreichs, ist eine gewisse Weltoffenheit zu spüren.

Die Stadt ist bunter als der Rest Saudi-Arabiens.

»Kosmopolitisch« nennt Ulrike Freitag die Stadt. »Saudi-Arabien gilt als traditionell abgeschlossen, aber in Dschidda zeigt sich, dass dies nicht immer zutrifft. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert ist die Bevölkerung ein recht buntes Mosaik.« Am Berliner Leibniz-Zentrum Moderner Orient (ZMO) befasst sich die Nahost-Historikerin seit Jahren mit Dschiddas Geschichte. Einmal im Jahr reist sie nach Saudi-Arabien.

Ihre Forschung ist Teil des Gesamtprojekts des ZMO, an dem Historiker, Anthropologen, Geografen, Wirtschafts-, Politik- und Islamwissenschaftler zusammenarbeiten, um die Vernetzung und Interaktion islamisch geprägter Gesellschaften zu erforschen. Es geht um die Globalisierung zu einer Zeit, in der dieser Begriff noch lange nicht geprägt war. Momentan arbeitet Freitag an einem Buch über die Geschichte Dschiddas im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Mit ihrem Zugang zu Rotem Meer und Indischem Ozean steht die Hafenstadt für die frühe weltumspannende Verflechtung von Gesellschaften.

Schon lange bevor die saudischen Herrscher in den 1920er Jahren Mekka, Medina und auch Dschidda eroberten und an die Stelle der jahrhundertelang herrschenden Osmanen traten, öffnete sich die Stadt der Welt. Im 7. Jahrhundert erklärte der islamische Herrscher Uthman den Ort wegen seiner Lage am Roten Meer zum offiziellen Hafen von Mekka, der Hauptstadt des damals noch jungen Reichs der Muslime. Ob nördlich, östlich oder südlich: Öde, nur schwer passierbare Wüste prägte das Umland. Blieb nur der Weg übers Meer.

Die Pilger, die alljährlich aus allen Teilen der Welt nach Dschidda strömten, brachten Waren aus ihren Heimatländern mit. Mit ihnen kamen Händler und eröffneten Niederlassungen. Und nicht wenige Besucher blieben ein Leben lang in der Stadt, so mancher, weil er für die Rückreise in die ferne Heimat schlicht nicht das nötige Geld in der Tasche hatte. Heute leben Nachfahren einstiger Einwanderer aus dem Jemen, aus Syrien, aber auch aus Afrika und Südostasien seit Generationen in der Stadt. Die Pilgerfahrt, sie war die Lebensgrundlage der Bewohner und, so Ulrike Freitag, »ein großes Geschäft« für die Stadt. Die Pilger kauften bei den Dschiddawis, nahmen ihre Dienste als Pilgerführer in Anspruch und mieteten ihre Häuser und Zimmer.

Aber nicht nur die Pilger haben Dschidda zu dem gemacht, was es heute ist. Auch der internationale Handel hat die Stadt geprägt. In einem saudischen Archiv stieß die Historikerin jüngst auf zwei vollgestopfte Kisten, in denen sie alte Rechnungen, Telegramme und Preislisten eines Händlers aus Dschidda fand — eine seltene Entdeckung, befinden sich vergleichbare Dokumente aus Saudi-Arabien doch meist in Privatbesitz und sind für internationale Wissenschaftler nur schwer zugänglich.

Der »Jeddah Islamic Seaport« liegt mit einem Umschlag von jährlich 4,117 Millionen TEU (2018) auf Platz 40 der größten Häfen weltweit. Platz 1 belegt Shanghai mit 42,010 Millionen TEU.

Von seinem Haus nahe des alten Hafens betrieb Muhammad bin Himd, Sprössling einer alten, einst aus dem Jemen eingewanderten Händlerfamilie, zwischen den 1920er und 1940er Jahren regen Seehandel. »Größtenteils war er im Roten Meer tätig, vor allem im Jemen«, sagt Freitag, »er hatte aber auch Verbindungen ins indische Kalkutta und nach Manchester, tauschte sich mit Geschäftspartnern im Iran, Eritrea und anderen Teilen der Welt aus.«

Noch heute steht das Haus der Familie Bin Himd in Dschiddas Altstadt. »Nach zahlreichen Telefonanrufen konnte ich es besuchen.« Das mehrstöckige Gebäude ist unbewohnt, doch noch immer im Besitz der Familie, die weiterhin im Handel aktiv ist. Mit den braunen Holzfenstern und einem länglichen Innenhof, der Häuser für mehrere Familienzweige, Büroräume und Gästezimmer für Handelspartner miteinander verbindet, ist das Anwesen typisch für die alten Händlerhäuser im Balad.

In großen, heute leerstehenden Gewölben im Erdgeschoss lagerte Bin Himd das Getreide, das er aus Ägypten und dem Jemen importierte, bevor er es weiterverkaufte. »Muhammad bin Himd handelte außerdem mit Gewürzen, Stoffen, Kaffee und Honig. Auch Streichhölzer spielten eine Rolle«, sagt Freitag. Anhand seiner Geschichte könne sie ein komplettes Handelsnetzwerk nachvollziehen.

Trotz Pilgerfahrt und Seehandel blieb Dschidda lange eine beschauliche Stadt. Die Historikerin schätzt die Einwohnerzahl Ende des 19. Jahrhunderts auf rund 20.000, darunter Sklaven, die meist zum Islam konvertieren mussten. Erst als 1947 die alte Stadtmauer eingerissen wurde, konnte Dschidda wachsen. »Das war eine Zäsur: Auf einmal wuchs die Stadt schnell und ungehindert in alle Richtungen.«

Der bald einsetzende Ölreichtum des saudischen Königreichs und der Zuzug von Gastarbeitern taten ihr Übriges. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts platzte Dschidda aus allen Nähten. Rund vier Millionen Menschen leben hier heute, die Hadsch beschert der Stadt alljährlich einen Besucheransturm von weiteren Hunderttausenden. Am Flughafen hat eine deutsche Baufirma ein eigenes Pilgerterminal mit einer schattenspendenden Zeltdacharchitektur errichtet, um die in Massen ankommenden Gläubigen abfertigen zu können.

»Dschidda ghair«, Dschidda ist anders, bekommt der Besucher heute immer wieder zu hören, ein Slogan, der auch zum Spitznamen eines Kulturfestivals geworden ist. Die Stadt ist bunter als der Rest Saudi-Arabiens, weltoffener und — ein Wort, das im saudischen Kontext eine gänzlich andere, für viele Saudis auch negative Bedeutung hat — liberaler. Eine Kultur- und Partymetropole wie Kairo, Beirut oder einst Damaskus ist die Stadt noch lange nicht. Und doch haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Galerien ihre Türen geöffnet. Kritisch beäugt von den Konservativen veranstalten Hip-Hop-Musiker erste Konzerte. Stand-up-Comedians ziehen ein meist junges Publikum an, das gern mal die strikte Trennung von Männern und Frauen umgeht.

Vielleicht deshalb, weil die Stadt so anders ist als der Rest des Wüstenreichs, hat die Regierung mitten in Dschidda den mit 171 Metern höchsten Fahnenmast der Welt aufstellen lassen. Hoch über der Stadt erinnert eine gigantische saudische Nationalflagge daran, dass auch Dschidda dem saudischen Königshaus in Riad untersteht.

Von dem alten Pilger- und Importhafen in der Altstadt ist heute nichts mehr zu sehen. Ein gigantischer Containerhafen hat die Anlage verdrängt. Das alte Dschidda mit seinen Händlerhäusern ist vom Wasser abgeschnitten. Wer zum Meer will, fährt zur »Corniche«, zur Strandpromenade im Norden der Stadt, entlang der sich über zehn Kilometer internationale Hotelketten und unzählige Fastfood-Restaurants aneinanderreihen.

In der alten Hafenstadt Dschidda ist auch das Meer in die Neustadt gezogen.

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