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Die Antarktis sei von einer Schönheit, wie er sie zuvor nie erlebt habe. Er könne ihren Anblick nicht als etwas Reales begreifen, fasst der amerikanische Autor Jonathan Franzen seine Erlebnisse auf einer touristischen Expedition im Magazin »The New Yorker« zusammen. Einer der gewandtesten Schriftsteller sieht sich außerstande, seine Eindrücke vom Meer zu verarbeiten?

Meereswissenschaftler machen sich das zur Aufgabe: Sie wollen das Meer erkunden und verstehen. Seit bald 150 Jahren fahren sie dafür zur See. Sie schlüpften in Anzüge, die Rüstungen gleichen, und riskierten auf Tauchgängen ihr Leben. Heute lassen sie hochelaborierte Roboter zu Wasser. Der Mensch hat den Küstenverlauf aller Kontinente kartografiert, er stand am Nord- und am Südpol. Wir wissen, welche Ströme das Wasser um den Erdball tragen, selbst vom Meeresgrund haben wir eine Vorstellung. Und trotzdem, sagen Meeresforscher, wissen wir vieles nicht.

Bis ins 19. Jahrhundert galten Forschungsreisen den letzten weißen Flecken des Globus. Die moderne Ozeanografie beginnt mit der britischen »Challenger«, einem umgebauten Kriegssegelschiff. 1872 sticht sie im südenglischen Portsmouth in See. An Bord gibt es auch ein Fotolabor, um Tier- und Pflanzenfunde zu dokumentieren. Mit Loten vermisst die Mannschaft den Marianengraben im Westpazifik.

Niemand an Bord ahnte, dass hier 88 Jahre später, 1960 nämlich, der Schweizer Ozeanograf Jacques Piccard und ein amerikanischer Marineleutnant mit ihrem Tiefsee-U-Boot auf den Grund reisen würden. »Challengertief« heißt die Stelle bis heute. Piccard maß eine Wassertiefe von knapp 11.000 Metern. Noch immer hält er den Tieftauchrekord.

Überhaupt war die Geschichte der Meeres- und Polarforschung lange die eines Wettlaufs, sagt Martin Weiss vom Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven. Welche Nation erkundet zuerst die Tiefen, sichert sich ihre Rohstoffe? »Wer das Meer versteht, glaubte man, beherrscht die Welt«, sagt der Historiker von dem Leibniz-Forschungsmuseum. Ein Beispiel ist das Rennen zum Südpol, das 1911 der Norweger Roald Amundsen für sich entschied. Sein Kontrahent, der Brite Robert Falcon Scott, erfror auf dem Rückweg unweit der Basis.

Es braucht weder Muskelkraft noch markige Sprüche, sondern Gelassenheit und kluge Ideen.

Seit 1976 ist die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN) Eigner und Reeder des Forschungskutters „SENCKENBERG“.

Dass die Disziplin die politische Weltlage spiegelt, zeigte sich auch 1989. West- und ostdeutsche Polarstation lagen nicht weit voneinander. Nach der Kunde vom Mauerfall trauten sich die ostdeutschen Forscher zunächst nicht, mit ihren westdeutschen Kollegen zu sprechen. »Sie glaubten an eine Finte der Stasi«, sagt Weiss. Trotz aller Rivalitäten gehen Wissenschaftler verschiedener Nationalitäten und Disziplinen seit jeher gemeinsam auf Forschungsfahrt. Sie bilden dabei eine Gemeinschaft mit der Besatzung. Den Matrosen kann es nicht egal sein, ob eine Probenentnahme klappt. Umgekehrt müssen die Wissenschaftler an Deck auch mal mit anpacken.

Als die Meeresbiologin Maren Voß vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) in den 1980er Jahren ihr Studium beginnt, sagte man ihr an der Universität Kiel, dieser Knochenjob sei nichts für Frauen. Heute ist das Geschlechterverhältnis ausgewogen. »Wenn wir ein ganzes Labor an Bord bringen, ist es wahrscheinlich, dass einzelne Analysen schieflaufen«, sagt Voß. Dann brauche es weder Muskelkraft noch markige Sprüche, sondern Gelassenheit und kluge Ideen.

Denn der Zeitdruck ist enorm. Ein Forschungsschiff ist teuer. Die Probenentnahmen sind eng getaktet, sie erfolgen in Schichten am Tag und in der Nacht, oft bei schwerem Seegang und schlechtem Wetter. Dafür ist das Leben auf See komfortabler geworden. Die militärischen Hierarchien sind nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebrochen, heute speist man gemeinsam in der Messe. Der bordeigene Internetanschluss hat der Isolation auf See ein Ende gesetzt.

Wer sich Meeresforscher im Dauereinsatz an Bord vorstellt, liegt übrigens falsch. Meist werten sie im Labor Daten aus, schreiben Anträge und Artikel. Immer häufiger übernehmen autonome Gleiter die Feldarbeit, Roboter, die durchs Meer treiben und per Satellit Daten übermitteln. Für die Forschung ist das ein Vorteil. Aber es bedeutet auch, dass Expeditionen seltener werden. Als Wissenschaftler mag man das bedauern. Etwas anderes betrübt Maren Voß vom IOW jedoch mehr: Die meisten ihrer Studenten wollen das Meer erforschen, um es zu schützen, sagt sie. »Aber damit geht es nur langsam voran.«

Auch der Schriftsteller Jonathan Franzen sorgt sich um das Ökosystem der Antarktis, um Krill und Pinguine. Sein Reisebericht endet dennoch zuversichtlich: »Even in a world of dying, new loves continue to be born.«

Vom Schreibtisch auf den Forschungskutter sind es keine 20 Minuten. Drei Wintertage werden der Geologe Alexander Bartholomä (Titelfoto) aus der SGN-Meeresforschungsabteilung »Senckenberg am Meer« und die Doktorandinnen Susanne Coers und Sandy Bohnert auf der »Senckenberg« verbringen.
Gegen Mittag machen der Matrose und Karl Baumann (Foto) die Taue los. Seit 20 Jahren ist Baumann Kapitän des Forschungskutters; das hier ist seine letzte Fahrt.
Bis in die Nacht holt ein Greifarm Sedimentproben an die Oberfläche, ein Seitensichtsonar (Foto) vermisst den Meeresgrund. Die Forscherinnen und Fahrtenleiter Bartholomä untersuchen so die räumliche Verteilung von Sedimenten und Lebensgemeinschaften sowie bestimmte Kleinorganismen am Nordseegrund.
Gemeinsam lassen sie den torpedoförmigen Sonar-Fisch zu Wasser und bereiten die Probenentnahmen vor.
Einer überprüft am Bildschirm die gesammelten Daten.
Die Nächte verbringt die »Senckenberg« ankernd vor Helgoland. Auf der Rückfahrt geht es die Weser hinunter. Zurück in Wilhelmshaven sichern die Forscher Daten und Proben — dann stoßen sie in der Schiffsmesse an.
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