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Wie geht es den Leibniz-Forscherinnen und -Forschern inmitten der Corona-Krise? Wie kommen sie im Homeoffice und mit dem völlig neuen Alltag klar? Wir haben sie gefragt, was sich für sie durch Corona geändert hat, welche Strategien sie für das Leben mit dem Virus entwickelt haben – und auf was sie sich für die Zeit nach der Pandemie schon jetzt wieder freuen. Dieses Mal haben wir unseren Corona-Fragebogen nach Hamburg geschickt: an die Politikwissenschaftlerin Janina Pawelz.

 

Frau Pawelz, in welcher Situation treffen wir Sie an?

Seitdem die Kitas geschlossen sind, versuchen mein Partner und ich unsere beiden Vollzeitjobs im Homeoffice zu meistern, während wir uns um unsere wilde zweijährige Tochter kümmern. Unser Zuhause ist zu einem Kita-Büro-Zuhause geworden, in dem sich Knete und Laptop gefährlich nahekommen.

Man wird dieser Tage mit Onlineangeboten bombardiert. Was ist Ihr derzeitiger Favorit?

Mein persönlicher Evergreen ist die Podcastreihe von Natascha Wegelin, besser bekannt als Madame Moneypenny. Sie ist eine Inspiration zum finanziellen Umdenken und Handeln.

Was kann man sich momentan gut anschauen?

Mir ist gerade alles andere als langweilig, denn bei uns zuhause gibt es mehr zu tun als je zuvor. Für alle, die viel oder wenig Zeit haben, empfehle ich jedoch das Festival »Keiner kommt, alle machen mit« am 12. Mai. Das ist ein Solidaritäts-Festival für die Hamburger Kulturszene, zu dem keiner kommt. Selbst die Beatles kommen nicht!

Wie halten Sie sich fit?

Als kleine Familie haben wir neue Routinen zuhause eingeführt. Dazu gehört eine Yoga-Session am Morgen mit Videos von HappyAndFitYoga. Meine Kampfsportschule, das Gorilla Gym, hat derzeit geschlossen, aber auch tolle Videos im Angebot, um fit zu bleiben.

Wie halten Sie Ihre Tochter bei Laune?

Unsere Zweijährige fordert vollen Einsatz. Neben altbewährten Wachsmalstiften, Knete, Fingerfarbe, Büchern und Puzzles kommt Backen sehr gut an. Fast täglich will sie mit uns Kuchen oder Brot backen, eine schöne Beschäftigung, bei der am Ende auch etwas Essbares rauskommt – siehe Beweisfoto.

Welche Rituale haben Sie etabliert, um den neuen Alltag zu strukturieren?

Mein Alltag ist derzeit ein Drahtseilakt. Mein Partner, unsere kleine Tochter und ich sind jeden Tag den ganzen Tag zusammen, mit kurzen Ausnahmen natürlich. Die Herausforderung besteht darin, unsere Jobs in diesen Familienalltag zu integrieren. Das war anfangs frustrierend, da wir unsere Termine für Telefon- und Zoom-Konferenzen aufeinander abstimmen mussten und am Ende des Tages nicht viel von dem geschafft haben, was wir uns vorgenommen hatten. Es brauchte eine Weile, um die Einsicht zu gewinnen, dass wir nicht die normale Produktivität leisten können. Jetzt haben wir den Schreibtisch ins Wohnzimmer gestellt, damit wir die Möglichkeit haben, in Ruhe zu arbeiten. Wir haben uns gut eingependelt und teilen uns die Vor- und Nachmittage auf. Daneben haben wir auch noch Zeit für quality time mit der Familie.

Haben Sie neue Seiten an sich oder Ihren Lieben entdeckt?

Ich habe entdeckt, dass mein Partner ganz gut Haare schneiden kann ;-) Ich würde sagen, dass ich – wenn man das könnte – jetzt wieder unter Leute gehen kann.

Was hilft Ihnen, den Lockdown für einen Moment zu vergessen?

Es klingt total spießig, aber wir haben tatsächlich einen eigenen Schrebergarten. Dort lässt es sich wunderbar aushalten. Wenn ich im Garten pflanze, streiche, Blumen gieße und Sonne tanke, gibt es tatsächlich Momente, in denen ich vergesse, dass die Welt Kopf steht.

Wen bewundern Sie derzeit am meisten?

Für mich sind Heldinnen und Helden hier überall unter uns, denn Corona stellt die meisten Menschen vor unglaubliche Herausforderungen. Die Kinder, die nicht verstehen, warum die Freunde weg und die Spielplätze geschlossen sind. Die Eltern, die an die Grenzen ihrer Kräfte kommen. Die Alleinwohnenden, die mit Einsamkeit kämpfen. Menschen, die ihre schwerkranken Angehörigen nicht besuchen dürfen. Mütter, die im Kreißsaal alleine gebären müssen. Die Liste ist lang.

Was hat sich für Sie durch Corona sonst noch verändert oder ist Ihnen aufgefallen?

Mir ist aufgefallen, dass sich unser Wohnviertel sehr verändert hat. Wir wohnen auf St. Pauli in unmittelbarer Nähe zur Reeperbahn. Ein lautes Nachtleben mit vielen Touristen ist eigentlich prägend für den Kiez. Ohne Bars, Clubs und Nachtschwärmer ähnelt St. Pauli plötzlich einem beschaulichen Wohnviertel. Es gibt kaum Verkehr und viele Parkplätze. Und auch viel Innovation: Jetzt macht die Kiezkneipe Elbschlosskeller Essensausgabe an Bedürftige, das Restaurant Mexikostraße verkauft Taco-Kits zum Mitnehmen und die kleinen Läden zeigen ihr virtuelles Schaufenster auf Instagram. 

Worauf freuen Sie sich nach Ende der Krise am meisten?

Ich habe unglaubliches Fernweh. Doch am meisten freue ich mich auf meine Eltern, mit denen eigentlich ein gemeinsamer Winterurlaub in Österreich geplant war. Ich freue mich außerdem auf Geselligkeit mit Freundinnen und Stadionbesuche in einer lauten, vollen Südkurve. 

JANINA PAWELZ
ist assoziierte Mitarbeiterin am Institut für Asien-Studien des GIGA German Institute of Global and Area Studies / Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien. Für das Horizon 2020 Projekt CRISEA arbeitet sie zum Thema Identität, Jugend und gewaltbereite Gruppen in Timor-Leste. Noch im Februar war sie auf einem internationalen Workshop im thailändischen Chiang Mai – heute nicht mehr vorstellbar. Außerdem forscht Janina Pawelz am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg zu Radikalisierung und rechtsextremen Mobilisierungskampagnen in der realen und virtuellen Welt.

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