leibniz

Wenn Reiner Brunsch den holprigen Feldweg zu seinem Hof entlangfährt, blickt er auf Felder, auf denen Gräser wachsen, im Sommer auch Hafer, im Winter Roggen. Er sieht die Rinder, die sich in den kühlen Monaten an der Waldkante sammeln, im Windschatten, im Frühjahr stehen sie in der Kuhle, in der das Weidegras besonders saftig ist. Die Landschaft ist oft menschenleer und trotzdem vom Menschen durchdrungen. Reiner Brunsch nennt sie: »Ein robustes Betriebssystem.« Manchmal auch: »Mein Experimentierfeld.«

Brunsch ist Wissenschaftler, eigentlich. An der Humboldt-Universität in Berlin hat er Agrarwissenschaften studiert, promoviert und später als Professor gelehrt. Von 2005 bis 2017 war er Direktor des Leibniz-Instituts für Agrartechnik und Bioökonomie in Potsdam, an dem er noch immer forscht. Aber er ist auch Landwirt: Eigentümer und Geschäftsführer des Rinderhofs Gorinsee in Brandenburg nahe der nördlichen Berliner Stadtgrenze, in Hörweite der Autobahn A10 und trotzdem im Grünen. Der Hof umfasst 350 Hektar Land, also etwa 400 Fußballfelder, der größte Teil davon sind Ackerflächen, der Rest ist Weide, auf der ein Bulle, rund 50 Mutterkühe und etwa ebenso viele Kälber leben. Ein System, das ohne Brunschs Arbeit am Leibniz-Institut vermutlich anders aussähe.

An diesem Montag im Januar parkt Brunschs Auto, ein weißer Geländewagen, bereits auf dem Hof, als über den Feldern die Sonne aufgeht. Er wohnt nördlich von hier, das Institut liegt südlich und der Hof quasi auf dem Weg. Im Sommer stoppt er hier jeden Morgen, im Winter einmal die Woche. Auf dem Hof lebt niemand, die drei Gebäude werden als Lager, Büro und Küche genutzt. In einem der grauverputzten, lang gestreckten Häuser, das früher als Stall gedient hat, sitzen Brunsch und seine beiden Mitarbeiter in einem kleinen Raum im Neonlicht, um die Woche zu besprechen. Es geht um die Qualität des Futters, um die Gesundheit der Rinder (einige sind derzeit von Parasiten befallen, sogenannten Haarlingen) und um den Beschnitt der Feldkanten, auf denen Äste und Sträucher die Bewirtschaftung behindern.

Die Luft riecht nach Kaffee und Wurstschrippen, eine Elektroheizung brummt. Brunsch, 61 Jahre alt, ist groß und glattrasiert, er trägt ein gebügeltes Hemd unter einem hell-blauen Strickpullover. Auf dem Hof agiert er im Hintergrund als eine Art Manager. Seine beiden Mitarbeiter, die sich jeden Tag um die Tiere und die Felder kümmern, haben sich dicke Flanellhemden und Fleecejacken angezogen. Einer setzt sich später einen Cowboyhut aus Leder auf den Kopf.

Wie können wir Menschen gut leben, ohne die Natur zu zerstören? Diese Frage beschäftige ihn am Leibniz-Institut wie auf dem Hof, sagt Brunsch. Als Wissenschaftler arbeitet er daran, die Belastung des Zitzengewebes während des Melkens zu reduzieren, etwa durch besseres Melkgeschirr. Es geht also um Details. Als Landwirt müsse er den Blick dagegen weiten und die Zusammenhänge sehen. »Zwischen der Natur, der Technik, den Tieren und auch den Mitarbeitern. Wie kann ich das alles so miteinander verknüpfen, dass ein ausgewogenes Verhältnis entsteht?«

Natur, Technik, Tiere, Mitarbeiter — wir mussten eine Balance finden.

Reiner Brunsch

Reiner Brunsch

Als er den Hof 1999 übernimmt, findet Reiner Brunsch ein unausgeglichenes und damit ineffektives System vor: Der Vorbesitzer hat bis zu 400 Rinder gehalten und auf den Ackerflächen nur Futter für seine Tiere angebaut, kein Getreide. Damit fehlte ihm das Stroh, um die Ställe oder Teile der Weide auszulegen; Rinder bewegen sich ungern auf gefrorenem Boden. Auch in die Bodenqualität hat er nicht investiert, sondern geerntet, was eben wuchs.

Brunsch bringt den Mist der Rinder im Winter auf die Äcker, um die Fruchtbarkeit des Bodens anzuregen. Aus demselben Grund sät er Gras-Leguminosen-Gemenge, also Gräser und bestimmte Kleearten, die — vereinfacht gesagt — besonders viel Stickstoff aus der Luft aufnehmen und in ihren Trieben und Wurzeln speichern können, und so den Boden düngen.

Von Beginn an betreibt Brunsch seinen Hof nach den Regeln der ökologischen Landwirtschaft. Er glaubt an die Ziele der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992, die damals den Grund bereiteten für das Leitbild der Nachhaltigkeit. Seine Mitarbeiter setzen weder Mineraldünger, noch chemischen Pflanzenschutz ein. »Wir mussten zuerst die Kräfte des Systems mobilisieren«, sagt Brunsch, »um gesunde Pflanzen zu produzieren, die wiederum die Grundlage für gesunde Tiere sind.«

20 Jahre später warten diese bereits auf der Winterkoppel, laufen aufgeregt umher, stoßen tiefe »Muuuhhh«-Geräusche aus, als Brunsch in seinem Auto vor den Elektrozaun rollt und aussteigt, seine beiden Mitarbeiter kommen im Traktor hinterher. Montagmorgen ist Fütterungszeit. Der Boden ist matschig, die vergangenen Nächte waren es minus zehn Grad, in der Sonne taut die gefrorene Erde.

Mit einer Art Greifarm, der an der Front des Traktors montiert ist, packt einer der Mitarbeiter große, gepresste Grasballen und fährt sie auf die Koppel. Die Rinder umringen die Ballen sofort. Dampf steigt aus ihren Mäulern, während sie fressen. Ihr Fell ist braunweiß gefleckt und in dieser Jahreszeit etwas lockig, eine Art Wintermantel. Das gesamte Jahr verbringen sie draußen auf der Weide. Und wenn es gut läuft, gebärt jede Mutterkuh im Frühjahr ein Kalb.

In den ersten Jahren hätten sie eine Zeit lang ausprobiert, wie viele Mutterkühe zu ihrem Betrieb passten, sagt Brunsch. Der Boden, auf dem sie wirtschaften, sei besonders ertragsschwach. Viel Sand, wenig Nährstoffe, typisch für Brandenburg. Sie könnten deshalb mehr Rindermist gebrauchen, um die Flächen zu düngen. Mehr Rinder, mehr Rindermist — aber dann benötigten sie auch mehr Futter und könnten am Ende weniger Getreide anbauen. Brunsch sagt: »Wir mussten eine Balance finden.«

Mit seinem Hof macht er rund 250.000 Euro Umsatz im Jahr. Etwa 70 Prozent der Erlöse nehmen sie durch den Verkauf des Getreides ein, 30 Prozent durch den der Kälber. 2018 war das Verhältnis anders: rund 50 zu 50 Prozent, weil der Sommer so heiß war und das Getreide verdorrte. Um diese natürlichen Schwankungen ausgleichen zu können, sei es wichtig, verschiedene Produkte herzustellen, sagt Brunsch: Getreide und Tiere.

Auf der Koppel beobachtet er nun eine Mutterkuh, an deren Euter ein Kalb und ein ausgewachsenes Rind saugen. »Das ist unerlaubter Diebstahl«, sagt er. Die Diebin sei etwa zweieinhalb Jahre und damit viel zu alt, um noch Milch zu trinken. Seine Tiere täten das nur die ersten neun Monate nach ihrer Geburt. »Aber das ist Natur, ich kann dem Rind das schlecht verbieten.«

Seine Kälber verkauft Brunsch, sobald sie sechs Monate alt sind. Manche, ausschließlich weibliche, behält er, wenn er neue Mutterkühe für seine Herde braucht. Die Diebin ist so eine Nachwuchskuh; im Alter von drei Jahren wird sie ihr erstes Kalb austragen (und damit vom Rind zur Kuh). In der intensiven Tierhaltung gebären Kühe ihr erstes Kalb, wenn sie zwei Jahre alt sind. Sie bekommen dort Kraftfutter zu fressen, vor allem Getreide, und wachsen deshalb schneller. Brunschs Rinder ernähren sich ausschließlich von Weidegras, Heu und sogenannter Grassilage. Sie entwickeln sich langsamer, leben aber länger: Manche Tiere auf der Koppel sind 18 Jahre alt. »Diese Entschleunigung ist ein Prinzip des ökologischen Wirtschaftsgedankens«, sagt Brunsch. Er versuche nicht, den letzten Kick an Ertragspotenzial auszuschöpfen. »Ich habe große Ehrfurcht vor der Natur.«

Die Erkenntnisse, die seine Kollegen und er am Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie gewinnen, kann er auf seinem Hof in der Praxis anwenden und ausprobieren: die Wasserversorgung seiner Herde über ein solarbetriebenes Pumpsystem zum Beispiel oder den Einsatz spezieller, mit GPS-Sendern ausgestatten Tablets. Mit ihnen kann Brunsch die Arbeit auf dem Hof auch dann genau dokumentieren, wenn er am anderen Ende der Welt auf einer Konferenz ist. Sie zeichnen beispielsweise die Fahrspuren der Traktoren auf, mit denen seine Mitarbeiter kompostierten Mist auf das Feld ausbringen — Informationen, mit denen Brunsch nachweisen kann, dass der Mist nicht zu nah an einem Gewässer verteilt wurde, den Umweltstandards entsprechend.

Andererseits habe ihm der unternehmerische, ganzheitliche Blick, den er als Landwirt entwickelt hat, geholfen, seine leitende Funktion am Institut auszufüllen, sagt Brunsch. Schon seit Beginn seiner Ausbildung bewegt er sich zwischen Theorie und Praxis: Als Jugendlicher hat er den Beruf des Melkers gelernt, in der DDR — Brunsch wurde in Görlitz geboren — hieß das »Zootechniker-Mechanisator mit der Spezialisierungsrichtung Milchproduktion«. Nach seiner Promotion zum Thema »Technologisch bedingte Leistungsbeeinflussung von Kühen« war er vier Jahre lang »Betriebsteilleiter« auf einem Hof in Bernau, einem volkseigenen Milchkuhbetrieb, bevor er an die Humboldt-Universität zurückkehrte.

Was macht Sinn für Mensch und Tier? Diese Frage stellt sich Brunsch seither immer wieder. Auf seinem Hof möchte er bald etwas Neues ausprobieren. Er will ein weiteres pflanzenfressendes Nutztier halten, das mit dem nährstoffarmen, sandigen Brandenburger Boden besser zurechtkommt als das Rind. Ein Nutztier, dessen Milch und Fleisch er verkaufen könnte, weil beides sehr gut schmecke, wie er während einer Syrienreise gelernt habe. Brunsch denkt an eine Herde Dromedare.

Menschen und Projekte · Land · Landwirtschaft · Nachhaltigkeit · Natur · Technik · Tiere · ATB