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Mit dem Siegeszug des Kapitalismus erklangen immer wieder Warnungen vor einer zügellosen Individualisierung. Die Furcht vor der Vereinsamung in der kalten Massengesellschaft verbindet das Industriezeitalter mit unserer Internetwelt. Nicht weniger dramatisch wurden mit dem Aufkommen der Demokratie der Parteiegoismus, religiöse Trennlinien oder die Teilung der Nation beklagt. Entsprechend wirkungsmächtig wurde Ferdinand Tönnies Unterscheidung zwischen der Gemeinschaft, die aus willentlicher Verbundenheit ein »Gemeinwohl« anstrebe, und dem eigennützigen Denken in der Gesellschaft. Begriffe wie »Volksgemeinschaft«, »Überparteilichkeit« oder »Augusterlebnis von 1914« wurden daher sehnsuchtsvoll aufgeladen.

Diese Gemeinschaftsentwürfe beruhten jedoch stets auf Exklusion. »Überparteilichkeit« bedeutete de facto meist den Ausschluss der Linken. Und die »Volksgemeinschaft« der Nationalsozialisten war nicht nur eine ideologische Legitimationsformel, sondern schuf eine soziale Praxis der Ausgrenzung.

Derartige Topoi erscheinen uns heute fern, da der Nationalsozialismus sie diskreditierte. Die Suche nach der Gemeinschaft und die Klage über ihren Verlust ging aber auch nach 1945 weiter. In der Bundesrepublik diagnostizierten Politiker, Feuilletonisten und Sozialwissenschaftler eine Fragmentierung und Individualisierung. Und sie fanden — nun gestützt auf Statistiken und Umfragen — zahlreiche Beispiele, sei es die Erosion der Familie, der Bedeutungsverlust der Kirchen oder der Rückgang des Nationalbewusstseins und lokaler Verbundenheit. Vor allem der jungen Generation unterstellte man, zunehmend egoistisch, materialistisch und hedonistisch zu sein.

Individualisierung und Gemeinschaft sind kein Gegensatz.

In dieser recht normativen Debatte wurde selten gefragt, ob der Wandel traditioneller Bindungsformen nicht auch positive Effekte habe und neue Formen von Gemeinschaft schaffe. Die Abnahme religiöser Bindungen ermöglichte etwa eine Annäherung von Katholiken und Protestanten, die nach 1945 gemeinsame Parteien, Gewerkschaften und Vereine aufbauten. Die vermeintlich anonyme Großstadt bot neue Räume selbstbestimmter Vergemeinschaftung. Und an die Stelle der idealisierten Großfamilie und Dorfgemeinschaft traten Freundschaften, Partnerschaften oder neue lokale Netzwerke.

Trotz Kapitalismus und Wohlfahrtsstaat kamen neue Formen der institutionalisierten Gemeinschaftsbildung auf. In den 1970er Jahren wuchs die Zahl der Vereine und ehrenamtlichen Helfer stark an, und auch das Engagement in Parteien und Bürgerinitiativen nahm zu. Wohlstand und Medialisierung standen dieser Entwicklung nicht im Weg, sondern beförderten sie eher. Meinungsumfragen ermittelten zwar, dass die Menschen nun stärker nach Selbstverwirklichung strebten, übersahen aber den wachsenden ehrenamtlichen Einsatz. Gerade die Möglichkeit, zu entscheiden, wem man hilft oder für was man sich einsetzt, schuf neue Verbundenheit. Individualisierung und Gemeinschaft sind somit kein Gegensatz.

In Ostdeutschland versuchte die SED mit großem Aufwand, neue Formen der Gemeinschaft zu inszenieren, sei es durch Massenorganisationen oder Rituale. Diese Bemühungen unterstrichen die Bedeutung von Gemeinschaft als Form der Herrschaftssicherung — aber auch die Grenzen ihrer Inszenierung. Nach dem Ende des Sozialismus entstand in den neuen Ländern kein vergleichbar dichtes Netz zivilgesellschaftlicher Institutionen. Vielmehr kursiert im Osten die nostalgische Erinnerung an Gemeinschaft und Solidarität in der DDR, die stärker gewesen sei als im Westen. Die damalige Ausgrenzung Andersdenkender wird dabei selten mitbedacht.

Gemeinschaft ist mit Idealen verbunden, die stets bedroht erscheinen.

Auch im Westen nahmen im Internetzeitalter traditionelle Bindungen ab. Parteien und Bürgerinitiativen verloren Mitglieder, und ehrenamtliche Gemeinschaften wie die freiwillige Feuerwehr bekamen Nachwuchsprobleme. Der Blick auf das breite Engagement in den 1970er und 1980er Jahren unterstreicht aber, wie vorsichtig man mit teleologischen Schlüssen über die Individualisierung in der kapitalistischen Welt sein muss. Es gibt Wellen des Engagements, und die Sehnsucht nach Gemeinschaft ist kein konservatives Konstrukt.

Der Begriff »Gemeinschaft« hat sogar an Strahlkraft gewonnen. Im »Werte-­Index 2016« liegt er auf Platz 5, gleich hinter Gesundheit, Freiheit, Erfolg und Natur und noch vor Familie, Sicherheit oder Gerechtigkeit. Die Befragten assoziieren Gemeinschaft vor allem mit Freundschaften und suchen eine engere lebensweltliche Verbindung mit Gleichgesinnten. Studien zeigen, dass in den USA immer mehr Menschen gezielt in Stadtviertel und Regionen ziehen, deren Bewohner ähnliche Ansichten und Lebensweisen haben. Auch in Deutschland deutet sich diese Homogenisierung an.

Gemeinschaft ist mit Idealen verbunden, die stets bedroht erscheinen. Hinter der neu geschaffenen Gemeinschaft »alternativer« Altbaubewohner etwa lauert die Gefahr der Gentrifizierung. Wer eine bestimmte Gemeinschaft idealisiert, sollte bedenken, dass deren Ziele nicht nur bei der politischen Rechten immer auch eine Ausgrenzung bedeuten. Eine Individualisierung lässt sich im 20. Jahrhundert in dem Sinne ausmachen, dass mehr Menschen sich ihre Gemeinschaft aussuchen konnten. Diese Wahlmöglichkeiten führten nicht zur Auflösung von Gemeinschaft, sondern zum Wandel ihrer Form.

FRANK BÖSCH

ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung, einem Leibniz-Institut, und Professor für deutsche und europäische Geschichte an der Universität Potsdam.

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