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Dass sein Heimatdorf eines Tages Besuchergruppen aus der ganzen Welt empfangen würde, darauf wäre Tilo Sahlbach nicht gekommen, als ihm sein Nachbar Arndt Frost über den Maschendrahtzaun hinweg von einer verwegenen Idee erzählte. Auf der Wiese hinter seinem Hof ging es um Klärgruben, das war 2009. »Wenn wir gewusst hätten, was alles auf uns zukommt«, sagt Sahlbach heute — fast zehn Jahre später — und lacht, »ich glaube, wir hätten das niemals gemacht.«

»Wir«, das ist die Gemeinde Treptitz in Nordsachsen am Rande der Dahlener Heide, ein Ort mit exakt 135 Einwohnern. Jeder hier kennt diese Zahl, denn vergangene Woche kamen zwei kleine Mädchen auf die Welt. »Wir sind jetzt wieder zwei mehr«, sagt Sahlbach. Dass ein Dorf wächst — 1989 hatte Treptitz 99 Einwohner — das ist in einer Region wie Nordsachsen keine Selbstverständlichkeit.

Tilo Sahlbach hat ein Luftbild von Treptitz ausgedruckt und vor sich auf den Tresen der hölzernen Bar im Eingangsbereich seines Wohnhauses gelegt. Es zeigt: 700 Meter kopfsteingepflasterte Hauptstraße, die Treptitz in Ober- und Unterdorf teilen, rund 45 Grundstücke, die Mehr zahl davon alte Dreiseithöfe mit Wohnhaus, Scheune und Auszugshaus, die Wache der Freiwilligen Feuerwehr zentral in der Ortsmitte, einen Löschteich und eine Bushaltestelle.

Was die Aufnahme nicht zeigt, ist das Resultat der verwegenen Idee und die vielen Stunden Arbeit, die nötig waren, um sie zu realisieren. Es liegt zu großen Teilen unter der Erde, lediglich zwei unscheinbare Metallluken lassen erahnen, was die Dorfbewohner in einer beispielhaft solidarischen Gemeinschaftsaktion gestemmt haben: Zwei Kleinkläranlagen verbinden fast alle Grundstücke der Ortschaft; mithilfe des natürlichen Gefälles transportieren sie die Abwässer der Bewohner ab. Ein weiteres Rohrnetz versorgt die Häuser der Treptitzer mit Fernwärme aus der Biogasanlage des örtlichen Bauern. Eine Vererdungsanlage am Ortseingang schließlich wandelt den Klärschlamm aus der Anlage mit Mikroorganismen und Pflanzen in fruchtbare Erde um.

»Heute zahlen wir pro Person rund 30 Euro für Abwasser und Heizung — im Jahr«, sagt Tilo Sahlbach stolz. Seit die Rohr- und Kanalsysteme unterm Dorf fertig sind, kommen immer wieder Delegationen zu Besuch, um von diesem Bioenergiedorf in Sachsen zu lernen, aus Deutschland, Norwegen, der Ukraine, Ungarn und China. Ihre Idee hat den Treptitzern Auszeichnungen und Fördergelder eingebracht. Und sie hat ihr Dorf zu einem Forschungsobjekt gemacht.

»Treptitz ist ein Paradebeispiel für Innovationen im ländlichen Raum«, sagt Gabriela Christmann einige Tage zuvor in ihrem Büro in Erkner. Die Soziologin ist stellvertretende Direktorin des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung und leitet am IRS die Forschungsabteilung »Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum«. Treptitz ist eines von sechs Dörfern, in denen sich Christmanns Team in den vergangenen vier Jahren immer wieder wochenlang eingemietet hat, um Interviews zu führen, Planungstreffen zu besuchen und Fragebögen auszugeben. Die Orte in Thüringen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Brandenburg und Sachsen gelten als »geografisch abgehängt« und sind — gemessen am durchschnittlichen Bruttoinlandsprodukt ihres jeweiligen Bundeslandes — strukturschwach. Wie vielen Gemeinden in Deutschland fehlt es ihnen an Schulen, Geschäften, Arztpraxen, Arbeitsplätzen.

Und doch verbindet sie mehr als marode Infrastrukturen und eine herausfordernde Demografie: Da ist das Bestreben, die Situation zu verbessern — und ein konkreter Lösungsansatz, um einer Sache Herr zu werden. Die Forscherinnen aus Erkner fragten sich: Was bringt Menschen dazu, aktiv zu werden? Und was entscheidet darüber, ob sie Erfolg haben oder mit einer Innovation scheitern? »Frische Ideen, Expertise, Räume für Kommunikation und ein Netzwerk aus Unterstützern«, fasst Gabriela Christmann rückblickend zusammen. »Schon hat man die wichtigsten Zutaten, um so eine soziale Idee zu backen.«

Oft würden neue Wege vor Ort dabei erstmal negativ bewertet oder sogar als »verrückt« abgetan. »Die Semantik ›Wir sind innovativ!‹ kommt in ländlichen Regionen meist erst im Nachhinein«, sagt Christmann. Im Vordergrund stünde zunächst das Problem, das einer Lösung bedarf. In Treptitz war das, ganz pragmatisch, eine neue EU-Richtlinie, die alle Haushalte dazu verpflichtete, ihre Abwasserversorgung auf den neusten Stand der Technik umzustellen.

Der Hof des Ideengebers liegt wenige Schritte weiter dorfeinwärts. An der Eckbank in seiner geräumigen Wohnküche erzählt Arndt Frost von früher, als Treptitz noch ein Dorf in der DDR und sein Hof Teil einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft war. Kühe, Kälber, Schweine, 18 Hektar Land, sieben Hektar Wald. »Ein richtiger Bauernbetrieb war das«, erinnert er sich und streicht die Wachstischdecke glatt. Nach der Wende machte die Kooperative dicht; statt 20 Bauern hat Treptitz heute einen. Und der kam aus Kulmbach nach Treptitz, um Land zu kaufen, weil das daheim in Bayern knapp geworden war.

Frost selbst ist seit der Wende im Vorruhestand. Entsprechend euphorisch war er, als seine Idee, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, bei Tilo Sahlbach auf Zustimmung stieß. »Eigentlich stammt sie aus DDR-Tagen«, sagt er. Schon damals, in den 1980er Jahren, habe es in Treptitz eine Gemeinschaftsklärgrube gegeben; ebenso wie eine Gemeinschaftsantenne, um Westfernsehen zu gucken. »Man wusste sich zu helfen«, fasst Frost das zusammen.

Auf der anderen Seite des Maschendrahtzauns fand er in Thilo Sahlbach einen Mitstreiter mit Sachverstand. Sahlbach sorgte dafür, dass Frosts Idee Fahrt aufnehmen konnte. Er ist zwar ein Treptitzer »Ureinwohner«, wie er sagt, das Gehöft, auf dem er mit Frau und Tochter wohnt, ist seit 1845 in Familienbesitz. Aber der Bauingenieur leitet auch das Institut für Wasserbau und Siedlungswasserwirtschaft an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig. Ein Fachmann, der im Dorf akzeptiert und gut vernetzt ist? »Idealbedingungen«, sagt Gabriela Christmann.

In einem nächsten Schritt mussten Frost und Sahlbach nun das Dorf für ihre Idee gewinnen. Eine Voraussetzung dafür ist laut Soziologin Christmann ein Raum, in dem sich die Dorfbewohner treffen und ins Gespräch kommen können. In strukturschwachen Regionen gingen allerdings gerade solche Räume mit dem Aus der klassischen Dorfkneipe häufig verloren. Auch in Treptitz war das so, der Gasthof »Zum wilden Hengst« ist schon lange geschlossen. »Das ist nicht banal«, sagt Christmann und verweist auf ihre Umfrageergebnisse. Der fehlende Austausch sei für viele Menschen in strukturschwachen Regionen der Faktor, unter dem sie am meisten leiden. Und ein zentraler Grund dafür, dass sich nichts entwickeln könne. Wer nicht miteinander spricht, kommt nicht auf Ideen und arbeitet nicht zusammen. Nicht so in Treptitz.

Hans-Günther Hesse parkt seinen Geländewagen vor dem Gebäude der freiwilligen Feuerwehr, die heute dort steht, wo zu DDR-Zeiten der Konsum stand. Hesse ist sichtlich erfreut, dass er zeigen darf, worüber er wacht. »Unser Feuerwehrhäuptling«, hatte Tilo Sahlbach ihn genannt. Fast alle Männer und zwei junge Frauen aus dem Ort — eine davon ist Sahlbachs Tochter — sind in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv, die Hesse ehrenamtlich leitet. Ihre Monturen und Helme hängen ordentlich aufgereiht an der Wand der Garage.

UMVERTEILUNG

Seit der Wiedervereinigung ist die Herstellung »gleichwertiger Lebensverhältnisse« ein erklärtes Ziel der Bundesregierung. Im Grundgesetz ist sie in Artikel 72 verankert. Dabei meint gleichwertig nicht identisch. Vielmehr geht es darum, einen Ausgleich zwischen Teilräumen zu schaffen, zwischen Ost und West, Stadt und Land. Weil dieses Ziel auch 30 Jahre nach dem Mauerfall vielerorts nicht erreicht ist, soll eine von der Bundesregierung eingesetzte Kommission erarbeiten, wie Ressourcen und Teilhabechancen gerechter verteilt werden können. Ökonomen hinterfragen jedoch, wie sinnvoll Investitionen in den ländlichen Raum angesichts des demografischen Wandels sind. So fordert etwa Joachim Ragnitz vom ifo Institut, dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, manche Dörfer besser dicht zu machen. Sein Vorschlag: »Warum nicht den Menschen in kleinen Siedlungen eine Prämie zahlen, wenn sie in die nächste 10.000-Einwohner-Stadt ziehen, und diese dafür gescheit anschließen.«

Die Namensschilder über den Kleiderhaken lesen sich wie das Telefonbuch von Treptitz. Neben dem blank gewienerten Löschzug lässt ein Turm aus Bierkisten erahnen, dass die Dorfbewohner mit dem Gemeinschaftsraum der Wache einen adäquaten Ersatz für den »wilden Hengst« gefunden haben. Feuerwehrfest, Maibaumaufstellen, Grillen, Stollenanschnitt, Weihnachtsfeier. Das Dorf kommt häufig zusammen. Man kennt sich, isst und trinkt gemeinsam. Wenn jemand mal nicht zu einem Fest erscheint, fällt das auf.

2010 versammelten Tilo Sahlbach und Hans-Günther Hesse »die Treptscher«, wie Hesse sie in breitem Sächsisch nennt, im Gemeinschaftsraum der Feuerwehr zu Bier und Bockwurst und unterbreiteten ihnen den Plan, gemeinsam eine Kläranlage zu bauen. Eine Studentin von Sahlbachs Leipziger Hochschule eruierte in einer Machbarkeitsstudie außerdem verschiedene Szenarien und zeigte auf, dass die Kleinkläranlagen die für die Treptitzer günstigste Variante wären. Rund 3.500 Euro würden sie pro Einwohner kosten — statt um die 10.000 Euro wie im ursprünglich von der Gemeindeverwaltung vorgesehenen Plan. Jetzt hatten Sahlbach und Hesse die Mehrheit der Treptitzer hinter sich.

Aus ihren Erfahrungen aus den anderen fünf Gemeinden weiß Gabriela Christmann, dass es nicht überall so harmonisch läuft. In einem Dorf in der Uckermark etwa riss ein Politiker ein Projekt an sich und bootete die lokalen Akteure aus. Die Folge: Aus dem bereits preisgekrönten Konzept für einen Dorfladen wurde nichts.

Auch die Treptitzer hatten zwischenzeitlich mit Behörden zu kämpfen. Der Gemeindeverwaltung missfiel die Idee einer Gemeinschaftskläranlage zuerst gewaltig. Zum einen war so eine Anlage im Abwasserbeseitigungsgesetz schlicht nicht vorgesehen, zum anderen wollte die Gemeinde nicht auf die Regenwassergebühren verzichten, die nur dann anfallen, wenn die Bewohner einer Gemeinde deren Rohrleitungen nutzen. Doch die Treptitzer ließen sich nicht beirren. Sie umgingen die störrische Verwaltung und sprachen dank Tilo Sahlbachs guter Kontakte direkt bei der Umweltbehörde in Dresden vor. Ein Verein zum ökologischen Gewässerschutz wurde gegründet. Im Juni 2011 erfolgte der Spatenstich.

Die Dorfbewohner erledigten in den kommenden beiden Jahren so viel wie möglich selbst. »80 Stunden Eigenleistung pro Grundstück«, sagt Bauingenieur Sahlbach. Wer mehr arbeitete, bekam seine Mühen vergütet. Wer weniger beitrug, musste zahlen. Sahlbach stellte die Berechnungen an, entwarf die Pläne und überwachte die Arbeiten. Die Treptitzer baggerten, schachteten, schippten und hoben die Gruben aus. »Am meisten gearbeitet hat die Rentnerarmee«, sagt Tilo Sahlbach und lacht. Immer mit dabei: Nachbar und Ideengeber Arndt Frost.

2012 waren die Anlagen fertiggestellt. Heute sind die Treptitzer stolz auf sich und ihr ökologisches Abwasser- und Fernwärmesystem. Die Arbeit daran hat sie zusammengeschweißt, noch heute profitiert das Dorf von diesem Gemeinschaftsgefühl. Auch junge Familien siedeln sich in den vergangenen Jahren wieder in Treptitz an. Die Zuwachsrate der 135-Seelen-Gemeinde ist inzwischen größer als die der »Boomtown« Leipzig.

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