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Wie geht es den Leibniz-Forscherinnen und -Forschern inmitten der Corona-Krise? Wie kommen sie im Homeoffice und mit dem völlig neuen Alltag klar? Wir haben sie gefragt, was sich für sie durch Corona geändert hat, welche Strategien sie für das Leben mit dem Virus entwickelt haben – und auf was sie sich für die Zeit nach der Pandemie schon jetzt wieder freuen. Dieses Mal haben wir unseren Corona-Fragebogen nach Freising geschickt: an den Geruchsforscher Patrick Marcinek.

Herr Marcinek, in welcher Situation treffen wir Sie an?

Ich befinde mich seit Mitte März im dauerhaften Homeoffice. Hier beschäftige ich mich einerseits mit wissenschaftlicher, andererseits mit administrativer Arbeit.

Was lesen Sie aktuell?

Ich lese gerade eine autobiografische Graphic Novel namens Follow your art von Roberta Gregory. Die habe ich bei einem Trip in die USA für mich entdeckt. Seit ich im Homeoffice bin, habe ich auch schon zweimal Der Ausreißer von Hideo Azuma durch. Darin geht es um einen japanischen Comiczeichner, der aussteigt und als Obdachloser lebt. Was ich jedem empfehle, sind die Sterntagebücher von Stanislaw Lem, der zeigt, das Sci-Fi auch lustig sein kann.

Gerade wird man mit Linktipps nur so bombardiert. Was ist Ihr Favorit?

Ein persönlicher Evergreen sind die Radioreisen von Alexander Tauscher. Die Reportagen sind handwerklich sehr gut produziert, die Themen interessant und man lernt auch Orte und Events jenseits der altbekannten Reisehighlights kennen. Vielleicht hat es mit der Quarantäne zu tun, dass ich mich gerade so gern mit dem Thema Reisen und Aussteigen beschäftige. Vorerst tröste ich mich mit Ausflügen an die Isar.

Und was kann man sich momentan gut im Internet anschauen?

Ich habe die in Kooperation mit arte und dem rbb gestreamte Reihe „United We Stream“ für mich entdeckt. Ursprünglich war das eine Initiative zur Rettung der Berliner Clubkultur, aber die Bewegung ist inzwischen deutschlandweit und auch im Ausland vertreten. Wer elektronische Musik mag und vermisst, wird hier fündig. Ansonsten bin ich seit Beginn der Quarantäne Fan von Urban Exploring auf YouTube. Das sind Leute, die verlassene Häuser, Tunnel und Vergnügungsparks besuchen und das filmen. Mein Lieblingskanal ist derzeit TheProperPeople. Ich selbst habe Urban Exploring einmal im Kieswerk erprobt.

Wie halten Sie sich zu Hause fit?

Neben Yoga mache ich Online-Workouts mit einer Kollegin. Das hilft sehr, weil man sich im Homeoffice dann halt doch weniger bewegt als im Alltag. Eine spezielle Übung kann ich dabei nicht empfehlen, jedem Menschen helfen schließlich andere Dinge. Ich habe aber gemerkt, dass es mir gut tut, immer mal den Arbeitsort zu wechseln, um Rücken- oder Nackenschmerzen vorzubeugen: Mal arbeite ich im Stehen an meiner Fensterbank, mal fläze ich mich mit dem Laptop aufs Sofa oder setze mich einfach auf den Boden.

Was ist ihr derzeitiges Lieblingsrezept?

Ich koche eigentlich genau so weiter wie bisher. Da so viele Restaurants jetzt leiden und zum Take-out übergegangen sind, bestelle ich aber auch ein- oder zweimal die Woche etwas, was ich zu normalen Zeiten nie getan habe. Das ist dann etwas teurer, aber ich sehe es als Unterstützung, von der ich selber auch etwas habe. Einmal habe ich aber auch traditionell Spaghetti Bolognese gekocht. Das stundenlange köcheln lassen war mir sonst immer zu langwierig, aber im Homeoffice geht das so nebenher.

Gibt es eine Gewohnheit, die Sie für den Moment ablegen mussten?

Ich bin ehrenamtlich beim Roten Kreuz. Wegen meiner Arbeit war es schon vor der Krise manchmal problematisch, Dienste wahrzunehmen oder beim Bereitschaftsabend dabei zu sein. Jetzt findet das alles gar nicht mehr statt, und ich merke, dass mir die Abwechslung fehlt. Im Homeoffice mariniert man schon etwas in der eigenen Forschung.

Welche Rituale haben Sie etabliert, um den neuen Alltag zu strukturieren?

Wegen der vielen Videokonferenzen fällt es mir eigentlich nicht so schwer, den Alltag zu strukturieren, das wird quasi für mich erledigt. Allerdings achte ich jetzt deutlich mehr auf meine Arbeitszeit. Ich fange immer zwischen elf und zwölf meine Mittagspause an, und halte die dann auch ein. Und ich höre zwischen vier und fünf auf. Früher habe ich gearbeitet, bis ich fertig war, und dann ist mir teilweise zu Hause noch etwas eingefallen, was ich erledigen könnte. Jetzt, wo alles zu Hause ist, bin ich da strikter.

Was für neue Seiten haben Sie an sich entdeckt?

Ich kann sehr strukturiert im Homeoffice arbeiten – ich hätte gedacht, dass mir das wesentlich schwerer fallen würde. Und ich kann mich wesentlich konzentrierter mit meiner Schreibarbeit beschäftigen. Ohne die Notwendigkeit, alles möglichst optimal miteinander zu verschachteln, hat sich mein Schreibstil verbessert, wie ich finde.

Was haben Sie sich für die Krise vorgenommen?

Eigentlich wollte ich wieder mit dem Zeichnen anfangen, das habe ich etwas vernachlässigt. Aber wenn man den ganzen Tag vor dem Computer sitzt, hat man dafür abends nicht mehr den Nerv. Dafür bin ich dann eben kreativ beim Schreiben von Artikeln – oder wenn sich mal anderweitig die Gelegenheit ergibt (zum Beispiel in der Küche).

Ein guter Satz, den Sie kürzlich gelesen oder gehört haben?

„Wenigstens kann man mit Mundschutz noch mit den Augen rollen.“

Was rettet Sie, wenn Ihnen die Decke auf den Kopf fällt?

Ich habe eine breite Fensterbank, auf der ich bequem sitzen und nach draußen schauen kann. Ich finde das sehr entspannend, und es ist wie ein kleiner Urlaub.

Wen bewundern Sie derzeit am meisten?

Unser Institut hat Ende letzten Jahres eine neue Leitung bekommen, es stehen zwei Evaluierungen (dieses und nächstes Jahr) und ein Umzug an, und dann kam noch Corona. Trotzdem haben alle zusammengehalten und sich füreinander eingesetzt. Ich finde das sehr bewundernswert.

Was haben Sie für sich persönlich durch die Corona-Krise gelernt?

Ich habe gelernt, dass Wissenschaftler zu den privilegierteren Berufsgruppen gehören. Klar, Zeitverträge und die schwierige Zukunftsplanung sind problematisch. Aber für mich stand nie im Raum, dass mein Unternehmen pleitegehen könnte oder dass ich in Kurzarbeit müsste.

Hat die Krise Ihren Blick auf die Welt verändert?

Ich bin zu der Auffassung gekommen, dass Wissenschaft im Alltag präsenter sein muss. Ein großer Teil der Probleme, die durch Corona entstanden sind, kommt daher, dass die Allgemeinheit kein wissenschaftlich fundiertes Verständnis von der Krise hat. Es bringt nicht viel, im stillen Kämmerlein Durchbrüche zu erzielen, wenn ich niemandem klar machen kann, warum er oder sie davon betroffen ist. Dafür, denke ich, müssen auch knallhart Ressourcen eingesetzt werden, also Geld und Arbeitszeit. Was zum Beispiel ein Professor Drosten an Aufklärung geleistet hat und immer noch leistet, war für ihn zusätzliche Mühe neben seiner wissenschaftlichen Arbeit. Wir brauchen ein Konzept der Wissenschaftskommunikation, das mindestens gleichwertig zu Impact Factor und H-Index behandelt wird. Hier sind Politik und wissenschaftliche Führung gefragt, liebgewonnene Qualitätsindikatoren zu überdenken.

Worauf freuen Sie sich nach Ende der Krise am meisten?

Auf einen Badeausflug an den See, den Biergarten passend zum Biergartenwetter und darauf, meine Familie wieder zu sehen, die in einem anderen Bundesland lebt.

PATRICK MARCINEK

ist Postdoktorand am Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München (LSB@TUM). Hier arbeitet er in der Gruppe „Odor System Reception & Biosignals“, die sich mit der Funktion von Geruchsrezeptoren auseinandersetzt. Marcinek: „Uns interessiert hierbei natürlich, welche Gerüche welche Rezeptoren anregen, aber auch welche Funktionen Geruchsrezeptoren in der Beeinflussung von Verhalten, oder im Immunsystem einnehmen.“

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