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IGOR PALMIN
arbeitete als Geologe, Korrespondent und Kameramann, bevor er sich für die Kunstfotografie entschied. In den 1970er Jahren begleitete er junge Hippies durch ihren Alltag in der Sowjetunion.

Flatternde Gewänder und lange Haare, der süßliche Duft von Blumen und Hasch. Es ist August 1969, der Sommer der Liebe. Auf einer Interstate-Straße im US-Bundesstaat New York stecken zehntausende Blumenkinder im Riesenstau zum Woodstock-Festival. Aus geöffneten Autofenstern driften Gitarrenklänge, zwischen den Wagen versuchen viele, das Festivalgelände zu Fuß zu erreichen. Mitten unter den Hippies: zwei 15-jährige sowjetische Staatsbürger.

Schon am frühen Morgen haben sich Sergei Batowrin, Sohn eines Diplomaten bei den Vereinten Nationen, und seine Begleiterin, die Tochter des Korrespondenten Genrikh Borowik, aus ihrem New Yorker Wohnblock geschlichen, um mit den amerikanischen Blumenkindern Liebe, Frieden und Rock ’n’ Roll zu feiern.

Die Stunden vergehen, während sie durch die Menge laufen. Und irgendwann dämmert es den beiden, dass sie einen internationalen Zwischenfall auslösen werden, wenn sie bis zur Sperrstunde nicht zurück in der sowjetischen Vertretung sind. Schweren Herzens kehren sie um, tief beeindruckt von ihrem Ausflug ins Hippieparadies.

Zwei Jahre später wird Familie Batowrin nach Moskau zurückbeordert. Sergei traut seinen Augen kaum: An der Majakowskaja Metrostation, in der Gorki-Straße, vor der Lomonossow-Universität, wenige Meter vom Kreml entfernt — überall trifft er langhaarige Typen in selbstgenähten Schlaghosen und Mädchen mit Blumen im Haar. Echte Hippies. Mitten im Herzen der Sowjetunion.

»Damals gab es allein in Moskau mindestens 3.000 Hippies«, sagt die Historikerin Juliane Fürst vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF). »In der gesamten Sowjetunion geht die Zahl in die Zehntausend.« Nach Woodstock hatte der Auslandskorrespondent Genrikh Borowik den Auftrag bekommen, etwas über die Hippies zu schreiben. Juliane Fürst sagt: »Seine Tochter war im Teenageralter. Also fragte er sie und ihren Freund Sergei aus.«

Die begeisterte Schilderung der beiden fand ihren Weg in den Artikel »Reise durch das Hippieland« — und damit direkt in die Herzen von vielen sowjetischen Jugendlichen. »Fast jeder meiner Gesprächspartner hat sich an den Artikel im Jugendmagazin ›Wokrug Sweta‹ erinnert«, sagt Fürst. »Für viele war er der Einstieg in die Szene.«

Das Sowjetregime blickt zunächst verhalten positiv auf die Blumenkinder. »Borowiks und andere Artikel schilderten schließlich, wie junge US-Amerikaner vor dem schrecklichen Kapitalismus wegliefen und dem Konsum abschworen«, sagt Fürst. »Auch ihre lautstarke Kritik am Vietnamkrieg entsprach durchaus der sowjetischen Linie.«

Als allerdings die ersten Langhaarigen im eigenen Land auftauchen, wird der Staat aufmerksam. Die Hippies passen nicht in das bekannte Schema politischer Dissidenten: Sie agitieren nicht aktiv gegen das System, sondern sitzen einfach kiffend und trinkend auf den Straßen herum. Zudem sind es ausgerechnet die Kinder von hohen Generälen, von Diplomaten, Funktionären und Prominenten. »Sogar Stalins Enkel Wasia lebte als Hippie«, erzählt Fürst: »Angeblich ein wunderschöner junger Mann, der leider auch extrem morphiumabhängig war.«

Die sowjetischen Blumenkinder kopieren die Outfits ihrer westlichen Idole und studieren jedes Detail, das durch den Eisernen Vorhang sickert. »Die Musik war ein wichtiges Vehikel für das westliche Lebensgefühl«, sagt Fürst. »Und mit der Musik kam auch die Mode, denn die Bands waren ja auf den Plattencovern abgebildet.« Manche haben Verwandte im Westen und bekommen Pakete mit Zeitschriften und Platten.

Die sowjetische Polizei verwirrt das alles offenbar fürchterlich. 1970 observieren sie zum Beispiel junge Leute, die in Moskau die »Marseillaise« singen, aber einen englischen Text einsetzen: »Let there not be war, love, love, love.« Fürst las den Komsomol-Bericht: »Die Hippies hatten einfach den Beatles-Hit ‚All you need is love‘ gesungen, der mit der Marseillaise beginnt.« Als französisches Revolutionslied gehörte sie zum Repertoire jedes Kommunisten — und Liebe war schließlich nicht verboten.

In der Sowjetunion beginnt in den 1960er Jahren unter Generalsekretär Leonid Breschnew eine lange Phase der Stagnation. Gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich, kulturell — in beinahe jedem Bereich gibt es strikte ideologische Vorgaben, wie ein Sowjetbürger sein Leben zu führen habe. »Der Kommunismus strebte nach Gleichheit. Deswegen wurde es so stark verdammt, wenn jemand versuchte, sich über sein Aussehen abzugrenzen. Es galt als unsozial und gefährlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt«, sagt Juliane Fürst.

Nicht nur die Polizei schnappt die Hippies bald von der Straße weg, um ihnen die Haare abzuschneiden. Jugendliche aus den Arbeiterbezirken fühlen sich von ihnen gestört und verprügeln sie. Die ältere Generation wirft ihnen »ideologische Leere« und »Passivität« vor.

Dabei leben die Hippies gerade jene Ideale, die in der Frühzeit des Kommunismus viele Menschen begeistert hatten. Sie verzichten auf Komfort und Privilegien, versuchen ein unverfälschtes Leben zu führen — mit Kunst und Musik und durch die Nähe zur Natur. Sie glauben, dass jeder Mensch das Recht habe, sich frei zu entfalten.

Und wie die Kommunisten sind sie überzeugt, dass der Einzelne etwas beitragen müsse, um eine neue Gesellschaft zu schaffen. Vertrauen und Liebe sollen ihr Zusammenleben auszeichnen. Deswegen richten sie Kommunen ein. Doch nach wenigen Wochen steht jedes Mal die Polizei vor der Tür und schmeißt die jungen Leute raus. Juliane Fürst sagt: »Die Hippies waren wie ein Bumerang, der revolutionäre Ideen und Ideale aus der Vergangenheit zurückbrachte. Und mit dieser Spontaneität, mit der Aktion von unten, konnte das Regime nicht umgehen.«

Hätte die Sowjetunion vom Schwung der Jugendbewegung profitieren können? Es gibt einen Moment, in dem es so aussieht. Im Mittelpunkt der Moskauer Hippie-Gemeinde gibt es einen Jungen, der beweisen will, dass auch die Blumenkinder ihren Teil zum kommunistischen Traum beitragen können: Iuri Burakow, von allen nur »Solntse« genannt, die »Sonne«, um die alle anderen Hippies wie Planeten kreisen. Seine Idee: eine Demonstration gegen den Vietnamkrieg, ordnungsgemäß angemeldet und durchgeführt. Und tatsächlich genehmigen die Moskauer Behörden zum Internationalen Tag des Kindes am 1. Juni 1971 Solntses Demonstrationszug, der von der Universität zur amerikanischen Botschaft führen soll.

Tausende Hippies kommen an diesem Sommertag, malen Transparente. Doch kaum hat sich der Zug im Innenhof der Moskauer Universität formiert, fahren draußen Busse und Autos vor. Die Hippies sind dem KGB direkt in die Falle getappt. Agenten riegeln den Hof ab, verschleppen mindestens 600 junge Leute zu »prophylaktischen Gesprächen«. Juliane Fürst sagt: »Danach hatte der KGB einen guten Überblick, wer zur Szene gehörte.«

Doch Solntse gibt nicht auf. Wieder auf freiem Fuß, knüpft er weiter an einem Netzwerk, in dem die Hippies bis zum Ende der Sowjetunion überleben werden: das Sistema — eine Anspielung auf das sowjetische System. Wer zum Sistema gehört, weiß, dass er den anderen vertrauen kann. Und während Hippies im Westen bald als naiv und uncool gelten, pflegt das Sistema Liebe, Frieden und Rock ’n’ Roll bis in die frühen 1990er Jahre. Es ist ausgerechnet die staatliche Repression, die das Hippie-Leben für junge Sowjets so attraktiv macht.

»In meinen Interviews war eine meiner Standardfragen, was es heißt, Hippie zu sein«, sagt Juliane Fürst, »viele haben mit einem ganz bestimmten Wort geantwortet: Freiheit.« Die Hippies verachten die sowjetische Gesellschaft, ihre Enge, ihren Konformismus. Und sie verachten die Sovky, die normalen Sowjetbürger, die mit dem bisschen Freiheit zufrieden sind, das ihnen ihre Datscha bietet. Gleichzeitig lernen die Hippies, meisterhaft alle Möglichkeiten auszunutzen, die sich ihnen im real existierenden Sozialismus bieten. Das Sistema liefert ihnen die nötigen Informationen und Kontakte.

Schnell spricht sich herum, welche Jobs mit langen Sommerpausen einhergehen.

Zwar herrscht Arbeitspflicht, aber es spricht sich schnell herum, welche Jobs mit langen Sommerpausen einhergehen. »Die Überwachung der zentralen Heizkessel war ein typischer Dissidentenjob«, sagt Fürst. »Bei der Arbeit konnte man lesen, dichten oder zeichnen, und im Sommer genoss man die bezahlte Freizeit.« Dann verschwinden die Hippies mit Gleichgesinnten in den Wäldern oder gehen auf die Suche nach spiritueller Erleuchtung im asiatischen Teil der Sowjetunion. Hier versorgen sie sich auch mit Marihuana oder Opium, das sie selber aus den Samen der Mohnblume gewinnen. Weil es in der Sowjetunion kein LSD gibt, kursieren im Sistema diverse Rezepturen für die bewusstseinserweiternde Verwendung von Schmerztabletten oder Putzmitteln.

Die größte Bedrohung ihrer Freiheit ist für männliche Hippies die Einberufung in die Sowjetarmee. Es gilt die allgemeine Wehrpflicht, von der nur »Untaugliche, Unwürdige und Zurückgebliebene« ausgenommen sind. Brutale Disziplinierung, riskante Einsätze und Mobbing sind an der Tagesordnung.

Wieder ist es Solntse, der Erfahrungen aus erster Hand in das Sistema der Hippies einspeist. Schon wenige Wochen nach seiner Musterung landet er mit einem schweren Schädeltrauma im Militärhospital. Und begreift schnell, welche Vorteile mit diesem neuen Standort verbunden sind. »Jedes Mal, wenn er über Kopfschmerzen klagte, bekam er Betäubungsmittel und Schmerztabletten«, sagt Fürst. »Schließlich hatte er die Ärzte so weit, dass sie ihm Wehruntauglichkeit attestierten.«

Bis zum Ende der Sowjetunion benutzen die Hippies die sowjetische Psychiatrie, um sich dem Wehrdienst zu entziehen. Sie spielen schon bei der Musterung verrückt, kommen barfuß, in wallenden Gewändern und mit bemalten Gesichtern. Für die Wehrunwilligen ist das Problem mit der Diagnose »Schizophrenie« und einem kurzen Klinikaufenthalt gelöst. Aber diese Diagnose macht auch verwundbar. Von nun an werden die Hippies jedes Mal, wenn sich die Sowjetunion als blitzblankes Vorzeigeland präsentieren will, von der Straße gegriffen und in psychiatrische Anstalten gesteckt.

»Als 1980 die Olympiade in Moskau stattfand, war das für viele ein schreckliches Jahr«, sagt Juliane Fürst. »Die Kliniken waren dreifach überbelegt.« Manche Hippies beschuldigen die Psychiatrie später, sie ruhiggestellt oder für Experimente missbraucht zu haben. »Man gab Sulphazin, gereinigten Schwefel, was extrem schmerzhaft war und zu vegetativen Zuständen führte. Ab Mitte der 1970er Jahre erzeugte man künstlich Insulinschocks, um ›das innere Gleichgewicht wiederherzustellen‹.« Solntse überlebt die Odyssee durch die Kliniken wie viele andere als Schwerstabhängiger. 1991 stirbt er an den Folgen jahrelangen Alkoholmissbrauchs.

Nach dem Untergang der Sowjetunion verliert die Hippie-Bewegung ihren Zusammenhalt. Plötzlich bietet die russische Gesellschaft alle Freiheiten, um die junge Menschen den Westen immer beneidet hatten. Und alle Nachteile, die damit verbunden sind. Das Leben im Kapitalismus war hart und hielt Enttäuschungen bereit. »Viele ehemalige Hippies sind heute Patrioten, einige Nationalisten«, sagt Juliane Fürst.

In einer Hinsicht unterscheiden sich die früheren Aussteiger jedoch bis heute von der Mehrheitsgesellschaft. In Russland sei es weit verbreitet, die Vergangenheit zu verherrlichen, sagt Fürst: »Viele Russen wünschen sich die Sowjetunion zurück.« Den meisten Hippies käme das nicht in den Sinn: »Sie erinnern sich, wie unbarmherzig das sowjetische Regime mit ihnen verfuhr.«

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