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DANIEL GÜNTHER
ist Landesvorsitzender der CDU Schleswig-Holstein und dort seit 2017 Ministerpräsident. Mit FDP und Grünen regiert er in einer Jamaika-Koalition. Im November 2018 übernahm er turnusmäßig die Bundesratspräsidentschaft.

 

MATTHIAS KLEINER
ist seit 2014 Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, die in Schleswig-Holstein vier Mitgliedseinrichtungen zählt.

LEIBNIZ Herr Günther, als Sie studierten, war der Begriff Digital Science noch unbekannt. Welche papiernen Erinnerungen haben Sie an Ihr Studium?

DANIEL GÜNTHER Mein Studium liegt nicht mal 20 Jahre zurück, aber damals war alles vollkommen anders. Es gab Wartefristen, bis man überhaupt an ein Buch rankam. Insofern war es klug, in die Bibliothek zu gehen und mit den Präsenzexemplaren zu arbeiten. Computer standen in den Institutsbibliotheken kaum. Präsentationen habe ich nicht mit Power Point gemacht, sondern sie mit handschriftlichen Notizen vorbereitet.

MATTHIAS KLEINER Ich kann uns nochmal 20 Jahre weiter in die Vergangenheit führen. Als ich in den 1970er Jahren mit dem Studium anfing, gab es überhaupt keine PCs. Im ersten Semester habe ich im Rechenzentrum mit Lochkarten programmieren gelernt. Wenn der Stapel Karten runterfiel, musste man von vorne anfangen. Das Tempo, mit dem sich die Technik veränderte, war damals schon rasant. Meine Doktorarbeit habe ich zehn Jahre später bereits auf einem Apple IIc geschrieben.

Heute könnte theoretisch alles digital verfügbar sein. Doch noch ist das Wissen nicht schrankenlos zugänglich.

GÜNTHER Mit dem ZBW — Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft haben wir in Kiel jedenfalls schon ein digitales Vorzeigeprojekt. Da müssen wir den internationalen Vergleich nicht scheuen. Außerdem wird hier intensiv zu Open Science geforscht.

KLEINER Open Science beinhaltet verschiedene Aspekte. Open Publication und Open Data, das heißt frei zugängliche Inhalte und frei nutzbare Datensätze, betreffen eher die wissenschaftlichen Arbeitsweisen. Spannend wird es bei der Frage nach der gesellschaftlichen Offenheit der Wissenschaften: Sind wir open to the public?

GÜNTHER Da haben wir in vielen Bereichen Luft nach oben. Ich verstehe, dass es seitens der Wissenschaft teilweise Hemmungen gibt. Vor allem, wenn gar kein Printprodukt mehr entsteht, sondern Veröffentlichungen nur noch im Netz stattfinden. Es stellt sich dann die Frage nach Nutzungs- und Lizenzrechten.

KLEINER Es gibt derzeit eine massive Entwicklung Richtung Open Access. Die Gesellschaft fordert es ein, die Politik begleitet den Prozess. Das macht in den Geistes- und Sozialwissenschaften manchem Angst, denn dort ist die Monografie noch ein wichtiges Medium. In der Leibniz-Gemeinschaft wollen wir deshalb unterstützen, dass Monografien sowohl im Open Access zur Verfügung stehen, als auch in gedruckter Form erscheinen. Kostenlose Digitalausgaben ermöglichen eine viel größere Verbreitung. Das Buch wird trotzdem nicht verschwinden, davon bin ich überzeugt.

GÜNTHER In der Berliner Politik behaupten viele, dass sie bereits in einem papierlosen Büro arbeiten. Das funktioniert aber nur, wenn man digital vernünftig angebunden ist. Ich sitze oft im Auto und fahre übers Land. Das bedeutet, dass ich mir viele Texte notgedrungen als Ausdrucke mitnehmen muss. Und zugegebenermaßen ist meine Auffassungsgabe beim Lesen auf Papier besser. Am Bildschirm entgeht mir eher mal etwas.

Herr Günther, Sie betonen oft, dass gerade für Schleswig-Holstein die Digitalisierung ein wichtiges Thema ist.

GÜNTHER Ja, weil durch die Digitalisierung ländliche Regionen neue Perspektiven bekommen. Sobald die digitale Anbindung da ist, kann das Land gegenüber der Stadt sogar ein Standortvorteil sein. Denn viele Menschen fühlen sich in ländlichen Regionen wohl, schätzen die Lebensqualität. Und es gibt mittlerweile Arbeitszeitmodelle, die nicht mehr dauernde physische Präsenz erfordern. Für Schleswig-Holstein ist diese Entwicklung eine riesige Chance. Deshalb haben wir alle Signale auf Grün gestellt. Wir setzen beispielsweise schon lange auf Glasfasernetze und sind mittlerweile bei einem Ausbaustand von 35 Prozent. Das ist das Vielfache von dem, was die meisten anderen Bundesländer haben. Auch beim Thema eGovernment wollen wir Vorreiter sein. Unser Ziel ist es, bis 2022 über 500 Behördengänge komplett online anzubieten.

KLEINER Wir müssen davon wegkommen, ländliche Räume als Reste eines Wirtschaftens von gestern zu sehen. Das sind die Zukunftsräume der Gesellschaft! Eine Hightech-Nation wie Deutschland muss mit dem ländlichen Raum ganz anders umgehen — ihn wertschätzen, nutzen, unterstützen und entwickeln.

Mit reinem Parteibuchdenken kommen wir nicht weit.

DANIEL GÜNTHER

GÜNTHER Beim 5G-Netz wollen wir definitiv dabei sein, nur lässt sich das in der Tat nicht einfach flächendeckend umsetzen. Wir brauchen in allen ländlichen Räumen aber mindestens 3G! Moderne Landwirtschaft ist ohne dieses Minimum an Breitbandversorgung überhaupt nicht mehr professionell zu managen. Die Digitalisierung in der Landwirtschaft hat viele positive Effekte, zum Beispiel, dass weniger Düngemittel eingesetzt werden müssen. Dank Sensoren und Datenanalysen lässt sich der Einsatz zielgerichteter steuern.

KLEINER Übrigens sind die Leibniz-Institute im Bereich der Agrarforschung sehr aktiv bei der Konzeptentwicklung einer Landwirtschafts-Cloud. Da geht es um standortangepasste Optimierungen, um Klimaschutz und den schonenden Umgang mit Ressourcen.

Nicht nur ländliche Regionen, auch Schulen und Hochschulen hinken bei der Digitalisierung hinterher. Hat das mit dem Föderalismus zu tun? Gerade erst hat die Öffentlichkeit erlebt, wie das Milliarden-Paket des Bundes für den Digitalpakt im Bundesrat stockte.

GÜNTHER Es gibt unionsgeführte Länder, die große Sorge haben, dass der Bund sich nach einer Aufhebung des Kooperationsverbots zwischen Bund und Ländern zu sehr in die Hoheit der Länder einmischt. Diese Sorge teile ich überhaupt nicht. Wir haben als Länder ein Interesse daran, dass der Bund sich beim Thema Bildung finanziell beteiligt. Fünf Milliarden Euro Digitalpakt, das hört sich nach sehr viel an. Aber seien wir ehrlich: Die Digitalisierung der Schulen kostet ein Vielfaches. Deshalb wünsche ich mir mehr Kooperationen mit dem Bund.

KLEINER Da haben Sie aus meiner Sicht ein wichtiges Thema angeschnitten: die Fähigkeit zur Kooperation. Zu Beginn meiner Amtszeit in der Leibniz-Gemeinschaft habe ich den Begriff »kooperative Wissenschaft« in den Mittelpunkt gerückt. Denn für die großen Herausforderungen unserer Zeit brauchen wir Forschungskooperationen in viel größerem Umfang und Maßstab als bisher. Gibt es da aus Ihrer Sicht eine Parallelität zwischen Wissenschaft und Politik?

GÜNTHER Ich glaube, dass die Politik durchaus noch von der Wissenschaft lernen kann. Forschungseinrichtungen könnten schließlich nicht so gut zusammenarbeiten, wenn sie sich nur gegenseitig blind Konkurrenz machen würden. In der Politik war es lange üblich, nach außen den Eindruck zu vermitteln, nur die eigene Partei mache alles richtig. Aber man ist dann erfolgreich, wenn man auch anderen Erfolg gönnt. Wenn man zulässt, dass das Gegenüber seine Stärken ausspielen kann. In Schleswig-Holstein fahren wir sehr gut damit, dass wir uns in der Koalition gegenseitig Erfolge gönnen. Ich wünsche mir, dass das insgesamt in der Politik hoffähig wird. Mit reinem Parteibuchdenken kommen wir nicht mehr weit. Wir müssen kooperationsbereit sein und auch die Ideen anderer Parteien antizipieren und einbinden.

KLEINER Ich habe das Gefühl, dass es derzeit eine neue Generation von Politikern gibt, die diesen kooperativen Stil zukunftsweisend betreibt. Als Bürger macht mich das sehr optimistisch. Denn die Probleme, die auf uns zukommen, sind gewaltig. Die globale Erwärmung wird man nicht mit konfrontativen Mitteln verhindern können.

Die Themen Klimawandel und Energiewende sind in Schleswig-Holstein, dem Land der Windräder, omnipräsent. Wie gut klappt der Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik?

GÜNTHER Ideal ist es noch nicht. Wir sind froh und dankbar, dass es die vier Leibniz-Institute in Schleswig-Holstein gibt. Aber im Bereich Erneuerbare Energien brauchen wir noch mehr Forschung. Im Moment sind wir durch den schleppenden Stromnetzausbau in der völlig absurden Lage, dass wir in Schleswig-Holstein zu viel Strom produzieren. Wir haben mittlerweile einen sogenannten Überschussstrom von rund 300 Millionen Euro. Das heißt, der Stromkunde zahlt hunderte Millionen für abgeschaltete Windkraftanlagen. Die Akzeptanz der Windenergie erhöht das nicht unbedingt. Es gibt immensen Bedarf bei der Erforschung von Speichertechnologien. Wie kann man den Strom umwandeln? Da ist ein stärkerer Austausch zwischen Wissenschaft und Unternehmen dringend nötig. Wir versuchen das seitens der Politik durch Veranstaltungen wie Science Matches zu fördern, die sie vernetzen.

KLEINER Die Wissenschaft muss in unserer Gesellschaft generell aktiver werden, mit Haltung auftreten und mehr Verantwortung übernehmen. Wir dürfen nur die Rollen nicht vermischen. Wir dürfen uns nie einbilden, dass die Wissenschaft die besseren Entscheidungen treffen könnte. Das bleibt Aufgabe der Politik. Ich würde auch nie sagen, dass Wissenschaft Wahrheit produziert. Sie produziert Erkenntnisse, die manchmal eine gewisse Halbwertzeit haben. Wissen, das überholt sein kann, wenn neues Wissen auf den Tisch kommt.

Die Wissenschaft muss mehr Verantwortung übernehmen.

MATTHIAS KLEINER

Herr Günther, suchen Sie manchmal aktiv den Rat von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern?

GÜNTHER Der Kontakt ist auf jeden Fall eng. Mir fallen zahlreiche Beispiele ein: Wenn wir über künstliche Intelligenz nachdenken, dann gucken wir, welche Forschungsgemeinschaft sich um dieses Thema kümmert oder wo an den Universitäten und Fachhochschulen Experten sitzen. Ich glaube eher, dass die Schranken zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ein Problem darstellen. Weil manche Wissenschaftler um die Freiheit von Forschung und Lehre fürchten oder sich nicht zu sehr in Abhängigkeit von bestimmten Wirtschaftszweigen begeben wollen. Dabei lebt gerade die anwendungsorientierte Forschung davon, dass sie in Unternehmen erprobt und marktfähig gemacht wird.

KLEINER Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und den oft strapazierten Begriff vom »Wissenstransfer« streichen. Weil er suggeriert, es gäbe einerseits die erkenntnisorientierte Forschung — früher sagte man Grundlagenforschung — und andererseits die Anwendungsforschung, bei der man das Wissen transferiert. Ich gehe mittlerweile von einer starken Wechselwirkung zwischen Erkenntnis, Anwendung und Praxis aus. Am besten gelingt die Interaktion, wenn man zu einem gemeinsamen Forschungsprozess kommt, bei dem alle Akteure im Austausch sind. Da gibt es viel aufzuholen, obwohl die Wissenschaft in den vergangenen zehn Jahren deutlich unternehmerischer geworden ist. Dass es trotzdem oft hakt, liegt nicht nur an den Forschern. Viele kleine und mittlere Unternehmen gehen strategische Partnerschaften mit Fachhochschulen, Universitäten, der Leibniz-Gemeinschaft oder anderen Institutionen nicht entschieden genug an.

GÜNTHER In Schleswig-Holstein gibt es wenige Großkonzerne, das merken wir deutlich bei den Drittmitteln. Wir sind außerdem ein armes Bundesland, das heißt, wir können das nicht vollständig durch staatliche Finanzierungen ausgleichen. Bei den öffentlichen Bildungsausgaben sind wir eines der Schlusslichter im Ländervergleich. Deswegen haben wir ein riesiges Interesse daran, dass die hiesigen Mittelständler mehr in Forschung investieren.

KLEINER Gerade in Bundesländern wie Schleswig-Holstein, Bremen oder Hamburg, also den weniger finanzstarken Ländern im Norden, sollten wir die Kooperationen von Wissenschaft, Wirtschaft und anderen Akteuren viel stärker als eigenen Wirtschaftszweig sehen. Es geht darum, die Ergebnisse aus der Forschung zu exportieren und als wertschöpfend zu begreifen. Als wissensbasierte Gesellschaft müssen wir diesen Gedanken einer Forschungswirtschaft unbedingt stärken.

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