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Irgendwann mit Anfang 20 hatte Nisren Habib genug von den Männern, die mit schwitzigen Händen bei ihren Eltern im Wohnzimmer hockten. Die um ihre Hand anhielten. Die hofften, dass sie endlich ja sagen würde.

»Ich will noch nicht heiraten«, sagte sie mit fester Stimme, als sie eines Abends mit ihrem Vater beisammensaß, beide müde von den Besuchen. »In Ordnung, ich respektiere deinen Wunsch«, sagte er. Auch wenn er wusste, dass ihre strenggläubigen Nachbarn reden würden: Eine junge Frau wie sie — warum ist sie noch nicht verheiratet?

»Ich habe nicht verstanden, warum eine Frau sofort heiraten muss, es gibt andere Optionen«, sagt Nisren Habib heute. Fast 15 Jahre nach diesem Abend sitzt sie in einer Shisha Lounge im Berliner Stadtteil Charlottenburg, eine junge Frau mit rötlichen Locken und lebhaften Augen. Seit einem Jahr lebt Habib in der Stadt. Ein Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung brachte sie an das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Als Gastwissenschaftlerin erforschte sie an dem Leibniz-Institut die Situation nach Deutschland geflüchteter Syrerinnen. Was bedeutet die Flucht für die Frauen? Für sie und ihre Familien? Wie können sie auch dauerhaft in Deutschland ankommen?

Zurzeit schreibt Habib, die selbst Syrerin ist, erste Ergebnisse ihrer Studie nieder, 46 Frauen hat sie dafür befragt. Frauen wie Hala, die in Syrien eine Abendschule managte und mit ihrer Tochter vor zwei Jahren nach Berlin floh. Frauen wie Marwa, die vor der Flucht als Lehrerin arbeitete und ihre Kinder zurücklassen musste.

Hala kommt jetzt rein, lässt sich gegenüber von Habib auf ein Sofa fallen. Eine energische Frau mit kurzen Haaren, mit einer Handbewegung winkt sie den Kellner herbei. Marwa, die einige Minuten später kommt, verbirgt ihre Haare unter einem Kopftuch, sie wirkt schüchtern. Zur Begrüßung drückt sie die beiden anderen kurz an sich und setzt sich dann neben Hala. Auch nach Habibs Interviews sind die drei Frauen in Kontakt geblieben, treffen sich mal auf einen Spaziergang im Park, mal wie heute zum Shisha rauchen und Reden. So unterschiedlich sie auch zu sein scheinen, eint sie ein Gefühl: das Heimweh.

Seit 2011 herrscht in Syrien Bürgerkrieg. Rund 4,9 Millionen Menschen haben das Land seitdem verlassen. Zwölf Prozent von ihnen leben in Deutschland, seit 2014 stellen sie hier die größte Gruppe unter den Schutzsuchenden. Krieg und Flucht haben ihre Familien auseinandergerissen und so das Fundament der syrischen Gesellschaft erschüttert.

»Die Frauen und Mädchen leiden besonders«, sagt Habib, die einen Kaffee trinkt, stark und dickflüssig, aus einem kleinen Porzellantässchen. Sie selbst wuchs in einem Dorf auf, in einer liberalen Familie. Ihr Vater sagte: Du kannst alles, was dein Bruder auch kann. An der Universität in Damaskus studierte Habib Technische Informatik. Dann weckten die Revolutionen in Ägypten und Tunesien die Hoffnung auf ein neues, freieres Syrien. Doch die Erwartungen, die auch Habib teilte, wurden enttäuscht. Als die ersten Flüchtlinge nach Damaskus kamen, half sie, die Frauen und Mädchen unter ihnen zu betreuen. Ihren Job bei einer der größten Banken des Landes, den sie nach dem Studium angenommen hatte, kündigte sie.

Stattdessen ging Habib in den Libanon. In einem Flüchtlingslager erforschte sie im Auftrag einer Nichtregierungsorganisation, wie die Flucht das Familienleben verändert. »Die familiären Strukturen sind erschüttert, besonders der Anstieg der häuslichen Gewalt ist besorgniserregend.« Habib sprach mit Männern, die tagein, tagaus im Lager festsaßen, anstatt wie gewohnt ihre Familie zu ernähren. Mit Männern, die mit dieser neuen Rolle nicht klarkamen. »Den Vätern fällt es oft noch schwerer, sich mit der Flucht zu arrangieren als den Müttern«, sagt sie.

Und auch die wirtschaftliche Situation vieler Familien sei bedrückend. »Sie kommen mit dem, was sie tragen können, mussten ihren Besitz in Syrien zurücklassen.« Habib, die an der Universität von Beirut später auch noch einen Master in Gender Studies abgeschlossen hat, kennt die Zahlen der Hilfsorganisationen: So schätzt UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, dass etwa in den Lagern Jordaniens jedes dritte syrische Mädchen verheiratet wird, weil seine Mutter nicht weiß, wie sie es sonst ernähren soll.

Ein Problem sei auch, dass der Krieg viele Familien entzweit habe, sagt Habib. Die Familie hat in Syrien einen hohen Stellenwert. Weil das Land kein Sozialstaat wie etwa Deutschland ist, stehen die Angehörigen eng zusammen, stützen einander finanziell und sozial. Umso schwerer wiegen die Folgen von Krieg und Flucht: Das Netz aus Verwandten und Freunden reißt. In Jordanien etwa müssen fast 40 Prozent aller syrischen Flüchtlingsfamilien ohne Männer auskommen, weil die an der Front kämpfen oder ihr Leben verloren haben. Fast doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren.

Mein Körper ist hier, aber meine Gedanken und mein Geist sind in Syrien.

NISREN HABIB

Ich bin dem Krieg entflohen und fühle mich trotzdem nicht sicher.

MARWA

Mit ihrer Tochter hat sich Hala entlang der Balkan-Route durchgeschlagen, zwei Wochen über Budapest bis nach München. »Es war der Horror«, sagt sie. 4.000 Euro zahlte sie den Schleppern. Als die beiden in einem Taxi die Grenze überquerten und durch das hügelige bayrische Land fuhren, ahnte Hala nicht, wie schwer es werden würde, in Deutschland anzukommen.

»Wir sind hier eine Nummer«, sagt Hala. Über ein Jahr dauerte es, bis sie und ihre Tochter ihre Massenunterkunft verlassen durften. Bis der Deutschkurs begann — wie auch Nisren Habib erzählt Hala ihre Geschichte auf Englisch. Gleichzeitig will sie nicht missverstanden werden. Immer wieder betont sie: »Ich bin dankbar. Ich weiß, dass Deutschland sehr viel für uns tut.«

Hala gehört zu jener Generation syrischer Frauen, die sich emanzipiert hat, gut ausgebildet ist und unabhängig. Sie war es gewohnt, ihren eigenen Weg zu gehen. In der Flüchtlingsunterkunft in Berlin wurde sie von religiösen Männern angefeindet. Wieso hast du dir kein Kopftuch umgebunden? Warum trägt deine Tochter einen kurzen Rock?

»Gerade für die liberalen Frauen ist die Umstellung schwer«, sagt auch Nisren Habib. Der soziale Druck in den Heimen sei enorm. Die Frauen, die sie interviewte, beschrieben oft das Gefühl, jeden Schritt unter kontrollierenden Blicken zu tun. »Für manche gleicht Deutschland deshalb einem großen Gefängnis.«

Auch der deutsche Staat gibt Regeln vor. Im ersten Jahr darf Hala nicht arbeiten, nicht reisen, nicht selber ihren Wohnort wählen. Erst seit einer Woche haben sie und ihre Tochter ein eigenes Zuhause: eine Einzimmerwohnung in Charlottenburg, einfach, aber groß genug für die beiden. »Unser Leben in Deutschland beginnt eigentlich erst jetzt.«

Marwa nickt. Zurzeit wohnt sie in einer Gemeinschaftswohnung mit anderen Frauen. Nach ihrer Ankunft in Deutschland vor einem Jahr schlief sie zunächst in einer Sporthalle. Stockbetten, Männer und Frauen in einem Raum. »Keine Privatsphäre.« Eines Nachts kam ein Sicherheitsmann und riss das Tuch weg, das sie über ihr Bett gehängt hatte. Andere Flüchtlinge standen ihr bei und zogen ihn von ihr weg. Es sei schon paradox, sagt Marwa. »Ich bin dem Krieg entflohen und fühle mich trotzdem nicht sicher.«

In ihren Interviews hörte Nisren Habib häufig schlimme Geschichten. Immer wieder komme es zu sexueller Belästigung. »Den Frauen fehlt Schutz«, sagt sie. »Besonders, wenn sie ohne ihren Mann und ihre Familie geflohen sind.«

In Deutschland hoffen derzeit fast 300.000 syrische Flüchtlinge darauf, Angehörige nachholen zu dürfen. Doch seit die syrischen Flüchtlinge nur noch unter »subsidiärem Schutz« stehen, also nicht automatisch den vollen Schutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention erhalten, ist dies deutlich schwieriger geworden.

Auch Marwas Sohn möchte zu ihr nach Deutschland kommen. Mit Freunden lebt er an der syrischen Grenze zu Jordanien, 15 Jahre ist er alt. Marwa und er schreiben sich so oft es geht auf dem Smartphone. »Mama, hast du meinen Pass?« fragt er dann. Ohne ihn kann er Syrien nicht verlassen. Marwa war schon in der syrischen Botschaft in Berlin. Doch für einen Pass braucht sie das Einverständnis des Vaters, von dem sie sich bereits in Syrien scheiden ließ. Der stellt sich quer, weil er die Rache des Islamischen Staates fürchtet, sollte sein Sohn nach Europa fliehen.

Auf einem Intergrationskongress in Berlin hat Nisren Habib kürzlich einige Maßnahmen empfohlen, die den syrischen Frauen und ihren Familien das Ankommen in Deutschland erleichtern könnten. Ihre Forschung habe gezeigt, dass etwa die Gemeinschaftsunterkünfte besser überwacht werden müssten, um Übergriffe zu verhindern und mehr Privatsphäre zu gewährleisten. Auch bräuchten die Frauen schneller eine eigene Wohnung, sollten früher arbeiten dürfen, um ein eigenes Leben beginnen zu können. Weil sie ihr altes Leben aber auch so nicht einfach vergessen könnten, die Bilder vom Krieg, der Flucht, den Verlust von Angehörigen, müsse man sie noch intensiver psychologisch betreuen. Und auch die Familienzusammenführung sollte ihnen erleichtert werden.

Nisren Habib selbst spricht immer wieder mit ihren Eltern über Deutschland. Ob sie nicht zu ihr kommen wollten? Bisher haben sie verneint. »Mein Körper ist hier, aber meine Gedanken und mein Geist sind in Syrien«, sagt Habib. Wenn der Krieg vorbei ist, möchte sie zurück.

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