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*Den Beitrag hat die Redaktion aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

Vor dem Virus sind nicht alle gleich. Zwei Trends lassen sich klar und deutlich erkennen, wenn wir die Auswirkungen von Covid-19 auf unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen betrachten: Erstens werden, ganz ähnlich wie bei Naturkatastrophen, ohnehin benachteiligte Menschen besonders hart von der Krankheit getroffen, zum Beispiel Migranten, Geflüchtete, in Armut lebende Menschen oder Tagelöhner.

Eines der aufschlussreichsten Beispiele dafür liefern die USA: Im Bundesstaat Louisiana und der Metropolregion Chicago etwa sind jeweils rund 70 Prozent der an Covid-19 Verstorbenen Afroamerikaner – und das, obwohl sie in beiden Regionen weniger als ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. Diese Zahlen spiegeln die dauerhaft prekären Lebensumstände vieler Afroamerikaner in den USA wider: Einerseits haben sie kaum Zugang zum Gesundheitswesen, andererseits arbeiten sie oft in Berufen, in denen die Ansteckungsgefahr nun besonders hoch ist.

Einen zweiten beunruhigenden Trend der Ungleichheit können wir dieser Tage auf der anderen Seite der Erdkugel beobachten: In Indien werden zunehmend Minderheiten beschuldigt, das Virus fahrlässig zu verbreiten, vor allem Muslime. Einige unterstellen ihnen sogar, dies absichtlich zu tun – aus einer kriminellen Motivation heraus. Diese Beispiele offenbaren eine strukturelle Spaltung in Nationalstaaten, die ihre Politik von einem Narrativ der religiösen oder ethnischen Identitäten nähren. Dieses Narrativ wird von willfährigen Mainstreammedien aufgegriffen und von einem bedeutenden Teil der Mehrheitsgesellschaft freudig unterstützt.

Bald wurden Muslime als Corona-Bomben karikiert, die der Gesellschaft Schaden zufügen wollen.

Die Hetzreden in Indien nahmen ihren Lauf, nachdem Ende März in einigen der führenden Nachrichtensender des Landes und in den Sozialen Medien von einem halben Dutzend Covid-19-Todesfällen berichtet wurde. Deren Untersuchung zeigte, dass die Toten Mitte des Monats in der Hauptstadt Neu Delhi eine Konferenz der islamischen Missionsbewegung Tablighi Jamaat besucht hatten. Das Treffen, zu dem mehrere tausend Laienprediger aus dem In- und Ausland angereist waren, sollte zum ersten Superspreader-Ereignis Indiens werden: Mehrere hundert Teilnehmer verließen die Konferenz infiziert, in der Folge konnten viele Fälle in Indien auf die Zusammenkunft zurückgeführt werden.

Doch während einige Medienhäuser sich in der Berichterstattung auf die Rolle der Tablighi Jamaat beschränkten, wurde mehrheitlich die muslimische Community als Ganzes für die Verbreitung des Coronavirus verantwortlich gemacht. In den indischen Twittertrends zeugte davon der Hashtag #coronajihad. Einige Nachrichtensender warfen den Tablighi Jamaat Virusterrorismus vor.

Erst nach einer langen Phase der Gleichgültigkeit gegenüber der Epidemie – noch am 13. März, dem ersten Tag der Versammlung der Tablighi Jamaat, hatte das Gesundheitsministerium in einer Presseerklärung mitgeteilt, dass wegen Covid-19 kein Grund zur Panik bestünde – begann die indische Regierung, die Krankheit ernst zu nehmen. Doch die war schon bald keine rein gesundheitliche Bedrohung mehr. Indiens gesamtes soziales Gefüge war ins Wanken geraten.

Die Suche nach einem Sündenbock ist in einer derart bedrohlichen Situation nicht ungewöhnlich. Zunächst konzentrierte man sich auf China (hier zeigt sich erneut ein globales Muster: auch Donald Trump sprach wiederholt vom China-Virus), was in Angriffe auf und erzwungene Quarantänemaßnahmen für chinesisch aussehende Menschen in den nordöstlichen Bundesstaaten resultierte, die in Indien abfällig chinkis genannt werden. Doch letztlich ebbten die Wut und die Attacken ab.

Dann wurde erstmals über die Verbreitung des Coronavirus im Umfeld der Tablighi Jamaat berichtet, und das Virus schaffte es zurück in die Schlagzeilen. Nun konnte einer Gruppe die Schuld für das Virus zugewiesen werden, die bereits als fremd in der eigenen Gesellschaft betrachtet wurde. Das Narrativ war elektrisierend: eine große Gruppe Muslime, die konspirative Treffen abhält und sich dann im ganzen Land verstreut, um das Virus in allen Regionen zu verbreiten. Muslime wurden als Coronabomben karikiert, um zu zeigen, dass sie der indischen Gesellschaft absichtlich Schaden zufügen wollten. Selbst Menschen, die im Markaz verblieben, dem Hauptquartier der Tablighi Jamaat in Neu Delhi, wurde unterstellt, Teil einer Verschwörung zu sein und sich nun versteckt zu halten.

Die Autoren: Nitina Sinha ...
... und Reyazul Haque vom Leibniz-Zentrum Moderner Orient.

Es geht hier nicht darum, abzustreiten, dass Mitglieder der Tablighi Jamaat das Virus verbreiteten, als sie sich nach der Konferenz in verschiedene Teile des Landes zerstreuten. Anlass zur Sorge gibt jedoch die Erfindung eines diskriminierenden öffentlichen Diskurses, der zugleich verhindert, dass das zu Beginn der Pandemie nachlässige Handeln der Behörden kritisch hinterfragt wird.

Besorgniserregend sind auch die massenhaft bei WhatsApp geteilten fake videos und fake news. Ihre Botschaft, die Muslime seien schuld an der Ausbreitung des Coronavirus, bleibt in vielen Köpfen selbst dann als gefühlte Wahrheit hängen, wenn sich später herausstellt, dass sie manipuliert waren. Auch die Sprecher der Hindu-nationalistischen Regierungspartei Bharatiya Janata Party führen in ihrem täglichen Infektionsbericht auf, wie viel Prozent der Neuerkrankungen angeblich auf die Tablighi Jamaat zurückzuführen seien. Damit treiben sie die Spaltung der Gesellschaft weiter voran und beschwören zugleich die konfliktreiche Vergangenheit des Landes wieder herauf.

Sowohl lang- als auch kurzfristig gesehen war die Schuldzuweisung an die Muslime unausweichlich. Schon seit langem gelten sie rechten Kreisen als Bedrohung für die beiden tragenden Säulen des sozialen und politischen Lebens: die Familie und die Nation. Oft bemühte Bedrohungsszenarien sind interreligiöse Hochzeiten oder die muslimische Bevölkerungsexplosion.

Seit einiger Zeit erfolgt die politische Stimmungsmache durch weitere Vorwürfe: Muslimischen Männern wird unterstellt, Hindu-Mädchen zu verführen, um sie dann zu bekehren (die Rede ist von einem Liebes-Dschihad); es werden Gerüchte gestreut, sie würden Kühe, die in Indien als heilig gelten, töten und verspeisen. Und es bleibt nicht bei verbalen Attacken: Die Provokationen führten bereits zu einer Reihe von Lynchmorden.

Im vergangenen Dezember verstärkte die Verabschiedung des umstrittenen Staatsbürgerschaftsgesetzes die Marginalisierung und Unsicherheit der Muslime noch. Erstmals machte es laut Experten die Religionszugehörigkeit zu einem Kriterium für die indische Staatsbürgerschaft – zu Ungunsten muslimischer Bewerberinnen und Bewerber. Ein zweimonatiger Sitzstreik gegen das Gesetz in Delhi, der maßgeblich von Muslimen getragen wurde, gipfelte Ende Februar in einem Pogrom: Mindestens 36 Muslime wurden getötet.

Die toxische Mischung aus einer hassgeladenen Politik und fake news konnte sich in der Echokammer regierungstreuer Nachrichtenredaktionen wirkmächtig entfalten. Sie bildet den Nährboden für eine Gesellschaft, in der die faktische Verbreitung des Coronavirus durch einzelne Mitglieder einer muslimischen Gruppierung bereitwillig in schwelenden Zorn gegen die gesamte muslimische Community des Landes übersetzt wird.

Für viele scheint Distanzierung der zentrale Begriff beim Social Distancing zu sein.

Auch im Zuge der Corona-Krise kam es bald zu gewaltsamen Übergriffen. In Delhi wurde eine Moschee geplündert und teilweise in Brand gesteckt. Auf eine weitere Moschee wurde geschossen. Eine muslimische Familie wurde mit Waffen angegriffen, weil sie dem Aufruf von Premierminister Narendra Modi, am Abend des 5. Aprils als Zeichen des gemeinsamen Kampfes gegen das Virus für neun Minuten das Licht auszuschalten, nicht nachgekommen war.

In der Pandemie werden Muslime zudem zunehmend von ökonomischen Aktivitäten ausgeschlossen: In einer gated community im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand verwehrte man muslimischen Händlern den Zutritt. Im Bundesstaat Haryana wurde ein muslimischer Obstverkäufer gezwungen, seinen Laden zu schließen, während die Geschäfte von Hindus weiterhin öffnen durften. Im Bundesstaat Karnataka in Südindien wurden muslimische Milch- und Gemüseverkäufer zusammengeschlagen und mit einem Arbeitsverbot belegt. In Bangalore, der Hauptstadt von Karnataka, wurden sogar Muslime angegriffen, die sich in der Nothilfe engagierten und Nahrungsmittel verteilten. Vielfach geteilte SMS und WhatsApp-Nachrichten warnten, kein Geld von Muslimen anzunehmen, um eine Infektion mit dem Coronavirus zu verhindern.

Auch die Dalits, die im Kastensystem als Unberührbare gelten, und städtische Migranten werden in Indien diskriminiert. Allerdings legen Studien nahe, dass Muslime ökonomische Turbulenzen im Land generell stärker zu spüren bekommen. 19 Prozent der Muslime arbeiten in Gelegenheitsjobs, unter den Hindus sind es 13 Prozent. 48 Prozent aller Selbstständigen in Indien sind Muslime. Generell gibt es in Indien, wo geschätzt 90 Prozent aller Arbeitskräfte im informellen Sektor arbeiten, keinerlei soziale Absicherung. Historisch betrachtet waren Muslime jedoch in gesicherten Arbeits- und Bildungsverhältnissen stets unterrepräsentiert. Sie jetzt auch noch von informellen Tätigkeiten auszuschließen, wird sie daher besonders hart treffen.

Das Coronavirus wird das Leben verschiedener sozialer Gruppen somit auf unterschiedliche Weise beeinflussen. Beim social distancing – der Maßnahme zum Abflachen der Ansteckungskurve – scheint in Indien für viele Menschen die Distanzierung der entscheidende Begriff zu sein. Für benachteiligte Menschen und Minderheiten in Indien dürfte dagegen der Begriff sozial in den Fokus rücken. Nicht nur weil sie schon heute überdurchschnittlich oft mit Hunger und Tod konfrontiert sind, sondern auch, weil Teile von Politik, Medien und Gesellschaft in der Corona-Krise versuchen, das soziale Gefüge weiter zu spalten.

NITIN SINHA & REYAZUL HAQUE

forschen am Leibniz-Zentrum Moderner Orient (ZMO) in Berlin. Nitin Sinha ist dort Senior Research Fellow. Kürzlich hat er ein mit einem ERC Starting Grant des Europäischen Forschungsrates finanziertes Projekt zur Geschichte der Hausangestellten im kolonialen Indien abgeschlossen. Reyazul Haque ist Forschungsstipendiat am ZMO. Sein Dissertationsprojekt befasst sich mit der Schaffung von Bildern von Indien in Wochenschauen der DDR während des Kalten Krieges.