leibniz

Im Netz ist alles umsonst! Es demokratisiert die Welt wie von selbst! Gleichzeitig tummeln sich hier allenthalben Wahlfälscher und Cyberkriminelle! Um das Internet ranken sich unzählige Mythen, ob es nun um Privatsphäre, freie Meinungsäußerung oder Künstliche Intelligenz geht. Matthias C. Kettemann und Stephan Dreyer vom Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) in Hamburg haben sich die 50 am weitesten verbreiteten Annahmen angeschaut. Wir stellen unsere Top 15 davon vor.

Mythos 1: Online kann man sagen, was man will

Der Ton ist rau. Viele Internetnutzer äußern sich in digitalen Räumen ohne Rücksicht auf Verluste: Es wird gehetzt, gemobbt und verleumdet. Dabei ist das Internet kein rechtsfreier Raum – auch online gelten die klar definierten Grenzen der freien Meinungsäußerung. Wer etwa mit Hasskommentaren oder Rufmord die Rechte und Würde anderer verletzt, macht sich strafbar. Auch wer terroristische Pamphlete verbreitet oder zu Attentaten aufruft und so die nationale Sicherheit gefährdet, muss mit juristischen Konsequenzen rechnen. Da die Urheber rechtswidriger Inhalte häufig anonym bleiben, ist es allerdings schwierig, sie zu identifizieren. Soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder Twitter regeln den Umgang auf ihren Plattformen in ihren Nutzungsbedingungen. Unerlaubte Inhalte erkennen und sanktionieren sie mithilfe künstlicher Intelligenz.

Mythos 2: Der Cyberkrieg kommt

1991 warnten Cyberstrategen erstmals vor einem digitalen Pearl Harbor. Sie meinten damit einen überraschenden Cyberangriff, der Stromnetze sabotiert und ganze Volkswirtschaften lahmlegt. Seitdem prophezeien Weltuntergangsszenarien: Der Cyberkrieg kommt! Doch auch wenn jedes Jahr Millionen digitale Angriffe stattfinden, erzielen die meisten keine nachhaltige Wirkung. Denn anders als konventionelle Konflikte, in denen der Feind mittels physischer Gewalt unterworfen werden soll, sind Cyberangriffe nicht gewalttätig und oft Ausdruck finanzieller statt politischer Motive. Als eigenständige Waffe erzeugen Malware, Abhöraktionen und Co. kaum einen politischen Nutzen und kommen in physischen Konflikten daher nur ergänzend zum Einsatz. Ein rein digital geführter Krieg ist zwar möglich, aber unwahrscheinlich.

Mythos 3: Suchmaschinen liefern objektive Ergebnisse

Mit einem großen Versprechen ging der heute omnipräsente Internetriese 1997 online: Auf Grundlage eines neutralen Algorithmus schrieb sich Google auf die Fahnen, objektive Suchergebnisse zu liefern. Bis heute gelten die Vorschläge der Suchmaschine vielen Nutzern als besonders hochwertig. Dabei wurde der Algorithmus immer stärker kommerziellen Interessen angepasst, zeigt nun auch bezahlte Suchergebnisse und personalisierte Werbung. Nicht objektive Kriterien bestimmen den Algorithmus, sondern Googles Geschäftsmodell. Dass die Suchmaschinenbetreiber dafür persönliche Daten wie Browserverläufe oder Suchanfragen speichern, ist vielen Nutzern und Datenschützern ein Dorn im Auge.

Mythos 4: Das Internet verfälscht Wahlen

Bots und Trolle versuchen in sozialen Netzwerken gezielt, die Beliebtheit von Politikern vor Wahlen zu steigern oder zu senken, etwa, indem sie falsche Informationen verbreiten. Doch wie groß ist der Einfluss dieser (halb)automatisierten Fake-Accounts tatsächlich? Seit der US-Wahl 2016 und dem Brexit-Votum in Großbritannien wird diese Frage immer häufiger gestellt. Tatsächlich schwankt der Einfluss auf den Wahlausgang je nach Wahl und Land stark. Insgesamt ist es aber unwahrscheinlich, dass Bots und Trolle Wahlergebnisse entscheidend beeinflussen. Denn die wenigsten Wähler machen ihre Wahlentscheidung ausschließlich von Informationen aus dem Internet abhängig. Wem wir unsere Stimme geben, hängt vielmehr von unseren politischen Präferenzen und dem Austausch mit unserem – ganz analogen – sozialen Umfeld ab.

Mythos 5: Künstliche Intelligenz wird es schon richten

Wir stellen insgesamt 15 Internetmythen vor. Teil 2 der Serie finden Sie hier, zu Teil 3 geht es hier.

Viele Menschen hoffen, dass Künstliche Intelligenz (KI) die gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart und der Zukunft lösen wird. So sagte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, als er in einer Anhörung vor dem US-Kongress nach Fake News, Datenschutz und Hate Speech gefragt wurde: KI wird es schon richten. Die Annahme von KI als Allheilmittel geht weit: So soll sie unter anderem Krebs im Frühstadium erkennen, Steuerbetrug aufdecken und die urbane Mobilität revolutionieren. Dabei wird oft vergessen, dass KI nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern von Menschen erschaffen wird. Und nicht selten stecken im Algorithmus die kommerziellen Interessen von Unternehmen. Es besteht zwar die Chance, dass Menschen mithilfe moderner KI-Technologien Antworten auf einige der drängendsten Fragen der Gegenwart finden werden, aber grundsätzlich gilt: Nicht für jedes gesellschaftliche Problem gibt es eine technologische Lösung.

HINTERGRUND

Der Beitrag basiert auf dem Sammelband Stimmt’s? 50 Internetmythen auf dem Prüfstand, den Matthias C. Kettemann und Stephan Dreyer vom Leibniz-Institut für Medienforschung anlässlich des Internet Governance Forum 2019 herausgegeben haben. Die vollständige Publikation finden Sie hier. In 50 Texten gehen 58 Autorinnen und Autoren darin den wichtigsten Internetmythen auf den Grund – und entlarven sie. Mit den Mythen dieser Folge haben EMILY LAIDLAW (Meinungsäußerung), MATTHIAS SCHULZE (Cyberkrieg), ASTRID MAGER (Suchmaschinen), FRANZISKA OEHMER und STEFANO PEDRAZZI (Wahlen) und CHRISTIAN KATZENBACH (Künstliche Intelligenz) aufgeräumt. Ihre Texte haben wir für unsere Serie redaktionell bearbeitet und gekürzt.

Digital · Künstliche Intelligenz · Technologien · Medien · HBI