leibniz

Der Osten, das muss auch der eingefleischteste Wessi zugeben, ist der aufregendere Teil Deutschlands. Erst ging es, statt dass Landschaften blühten, steil bergab. Dann entdeckten die Filmleute, dass die gründlich umgerührten »neuen Bundesländer« bessere Geschichten zu erzählen haben als der satte Westen. Inzwischen gibt es Pegida und seine Gegner. Nicht alles schön. Aber in Bewegung.

Die jungen Leute haben das als erste kapiert, sie ziehen seit Jahren in ostdeutsche Städte. Nach Dresden, Jena, sogar nach Greifswald, das näher an Lettland liegt als am Schwarzwald. Aber nur eine Stadt ist so erfolgreich, dass sie peinliche Etiketten aufgeklebt bekommt: Boomtown, Hypezig, das bessere Berlin. Leipzig, so liest man, sei ein unermesslicher, als Stadt verkleideter Freiraum, dessen Hausbesitzer jedem eine Prämie überreichen, der einen Mietvertrag unterschreibt. Ein Wunschort für alle, die viel Fantasie und wenig Geld haben.

Zunehmend aber auch für die, bei denen es umgekehrt ist. Die Mieten sind nach wie vor niedrig, noch immer stehen viele Graubauten leer. Aber der Bevölkerungszuwachs seit der Jahrtausendwende beträgt 75.000 Menschen. An diesem Punkt muss eine Stadt hinnehmen, dass Zeitungen und Blogs von anderswo plötzlich eine Meinung über sie haben. Dass Leute sie beurteilen, die sie kaum kennen.

Ich finde das unfair. Man sollte diejenigen hören, die sich dauerhaft auf die Stadt eingelassen haben. Ihr Urteil wiegt mehr als das eines Trendjägers, der übermorgen weiterzieht. Machen wir also einen Versuch, das neue Leipzig zu ergründen: eine Stadttour mit zwei Langzeitbewohnern durch den wilden Osten. Mit dem Fahrrad, so sieht man am meisten.

Eine lebendige Stadt braucht die Veränderung, die neue Bewohner mitbringen.

SEBASTIAN LENTZ

Rosa Loy ist Künstlerin und Ur-­Sächsin. Ihre sehr bildhaften Gemälde und Zeichnungen zeigen meist Frauen und werden der sogenannten Neuen Leipziger Schule zugeordnet. Wenn man ein Bild von Loy kaufen möchte, geht man zu einem ihrer Galeristen in Leipzig, Los Angeles oder Seoul und nimmt in Kauf, dass der Kontostand hinterher um eine vier­ bis fünfstellige Summe gesunken ist.

Sebastian Lentz, gebürtig aus Trier, hergezogen 2003, ist Humangeograf und Direktor des Leibniz-­Instituts für Länderkunde. Die Wissenschaftler dort erforschen die Wechselwirkung zwischen Menschen und dem von ihnen bewohnten Raum. Ihre Erkenntnisse vermitteln sie vor allem über Karten, Grafiken oder Fotos. Seine Habilitationsschrift hat Lentz darüber verfasst, wie sich in Moskau nach der Entstehung eines privaten Wohnungsmarkts die verschiedenen Bevölkerungsgruppen neu verteilten. Er muss wissen, was passiert, wenn eine Stadt ihre Kleider wechselt.

Dass die beiden übereinstimmend vorschlagen, die Tour ausgerechnet am Völkerschlachtdenkmal zu starten, diesem Riesenklotz des Deutschtums südöstlich des Zentrums, finde ich seltsam. Der steht für das neue Leipzig?

Klar, sagt Loy. Hier versammeln sich jedes Jahr zehntausende Anhänger der Gothic­-Szene zum Wave-­Gotik­-Treffen, dem inzwischen größten der Welt. Außerdem habe man von hier oben den besten Überblick. Etwa auf die Schuttberge der Stadt, errichtet aus Kriegstrümmern, seltene Erhebungen in der Tieflandsbucht. »Die sind interessant, weil einfach nix da ist. Das sind grüne Oasen.«

Der Startpunkt: das Völkerschlachtdenkmal

Am Horizont klebt das ehemalige Zentralstadion mit seinen zwei wirbelsäulenartigen Dachbögen. Da spielt der von Red Bull erfundene Fußballverein RB Leipzig, der wohl bald als erster Ostklub seit 2009 in die erste Bundesliga aufsteigen wird. Oder, Richtung Flughafen, die gelbe Riesenhalle von DHL, wo stündlich 100.000 Luftfrachtpäckchen sortiert werden. Loy sagt, sie liebt die Tieflandsbucht, in deren Mitte Leipzig liegt. »Italien wäre mir zu schön zum Arbeiten.«

Wir fahren stadteinwärts zum jahrhundertealten Messegelände. Zur DDR­-Zeit trafen sich da Geschäftsleute aus beiden Deutschlands zum Ost­-West­-Handel. Nach der Wende wurde ein neues Gelände außerhalb der Stadt gebaut. Am Ende der Straße des 18. Oktober steht der mächtige Sowjetische Pavillon mit seiner goldenen Kirchturmspitze.

Geradeaus eine Waschbetonplatte vom Anfang der Achtziger, Büroräume bis 4.000 Quadratmeter zu vermieten (die Wende kostete die Stadt 90.000 Arbeitsplätze). Rechts holt einen dann die Gegenwart ein; da hat nämlich die Firma Soccer World einen geschätzten Hektar rostrotes Wellblech um eine alte Messehalle gebaut; in den Nachbarpavillons gibt es einen Möbel-­ und einen Baumarkt.

»Typisch Leipzig«, sagt Lentz. Der zweifache Bruch: »Zuerst schnitt die Mauer die Stadt von ihren Verbindungen nach Westen ab. Nach 1989 hinterließen der Zusammenbruch der sozialistischen Wirtschaft und die abwandernde Bevölkerung erneut große Lücken.« Wenn eine Messe­ in eine Sporthalle umgewidmet wird, bezeichnen Stadtgeografen das als Palimpsest. Nach dem Begriff für Pergamente, deren ursprünglicher Text abgekratzt und überschrieben wurde (im Fall der Soccer World muss man festhalten: Der neue Autor war kein Kalligraf).

Das Büchermachen ist hier drin in den Menschen.

ROSA LOY

Jedenfalls machen meine beiden Stadtführer ihre Arbeit richtig gut: Statt von einer weißgetünchten Verlegervilla zur nächsten zu zuckeln, haben sie mich an einen Punkt geführt, wo Leipzig eine Herzrhythmusstörung hat: Am ehemaligen Haupthandelsplatz der altehrwürdigen Messestadt spielt man heute Hallenfußball.

Zu den Verlegervillen kommen wir trotzdem: Im Graphischen Viertel östlich des Stadtzentrums, darauf können sich Loy und Lentz einigen, wohnt die Seele der Stadt. Da ist das fabelhaft schlichte, 1929 erbaute Gebäude der Gutenbergschule, wo seit 160 Jahren Schüler das Buchhandwerk erlernen. Da ist das vanillepuddingfarbene, schlossförmige Reclam­-Haus — wer im deutschen Buchgeschäft vor 1945 einen Namen hatte, saß im Graphischen Viertel: Brockhaus, Teubner, Seemann, Edition Peters.

Wirtschaftsgeografen nennen so etwas Gewerbecluster, erklärt Lentz: Statt ihre Geschäfte über die Stadt zu verteilen, hockte die Branche aufeinander. Nach dem Krieg wanderten die einen nach Westen ab, die anderen machten weiter, zu den Bedingungen der Diktatur. »Das Büchermachen ist hier drin in den Menschen«, sagt Loy.

Ist übrigens immer schön, mit Künstlern unterwegs zu sein. Die ziehen sich auch im Winter bunt an. Loy trägt zum Beispiel ihre — Zitat — Spiegeleimütze und einen ebenso gelben Schal. Sie fährt ein »Rotor«, das in der Leipziger Baumwollspinnerei gefertigt wurde, gleich neben ihrem Atelier. Auch Lentz ist berufsgemäß ausgerüstet: hervorragendes Fahrrad samt wasserdichter Satteltasche. Damit kann er, so stelle ich mir das jedenfalls vor, seinem Forschungsobjekt, eben der Stadt, jederzeit nah sein und dabei wichtige Forschungsutensilien mitführen.

»Noch Anfang der 2000er Jahre hat man hier 4,50 Euro Miete pro Quadratmeter gezahlt«, sagt Lentz (Loy: »Und das war schon viel«). Heute steigen die Preise; das Graphische Viertel mit seinen Loggien und Erkern an makellos restaurierten Bürgerhäusern muss man sich leisten können. Also eher Professoren als Erstsemester sowie die laut Lentz gar nicht so kleine Gruppe der Berufspendler, denen Berlin zu anonym ist oder Halle zu grau.

Ein Hinweis darauf steckt in der amtlichen Statistik: Wenn, wie in Leipzig, die Einwohnerzahl schneller steigt als die Zahl der Arbeitsplätze, spricht das dafür, dass die Stadt zum Leben besonders attraktiv ist. Im Graphischen Viertel passiert also, was immer passiert, solange weiter draußen noch ein paar verfallene Altbauten herumstehen. Die Avantgarde der Gentrifizierung zieht weiter. In diesem Fall nach Reudnitz, zehn Fahrradminuten weiter östlich: anfangs aufgeräumt, stadtauswärts aber immer schäbiger. Wer in den frühen Neunzigern nach Berlin-­Mitte zog, wird angesichts des Reudnitzer Leerstands nostalgisch: Fenster, hinter denen keiner wohnt, der sie putzen könnte; Fassaden, zu farblos, um als grau zu gelten.

»Das ist Osten«, sagt Loy. »Richtig tiefer Osten«, sagt Lentz, weist aber darauf hin, dass in den heruntergekommensten Buden das Leben oft am wildesten tobt. Wenn man in Reudnitz in eine Bar will — Geheimwissen Loy –, muss man wissen, bei welcher Wohnung man klingelt, damit einen einer reinlässt. Das Leipziger Baudezernat teilt zu Reudnitz übrigens mit, dass die Bewohner wegziehen, »sobald sie dazu wirtschaftlich in der Lage sind.«

Schriebe man jetzt dem äußeren Leipziger Osten allein Gräue und Leere zu, täte man der Gegend aber unrecht: Da gibt es den wunderbar hergerichteten Lene-­Voigt-­Park auf dem Gelände eines ehemaligen Bahnhofs. Da gibt es, Richtung Norden, den neu angelegten Stadtteilpark Rabet. Und da gibt es — Loy wäre sterbensunglücklich, bliebe er unerwähnt — den Feinkosthändler Dr. Sehmisch, der noch Perlhuhn und Pferdefleisch verkauft, bedarfsweise gar Zebrafleisch beschafft. »Halb Leipzig« kaufe hier seine Martinsgans.

Wenn das die schlimmste Straße ist, ist Leipzig nicht zu bremsen.

Jetzt fahren wir nordwärts zur letzten Station unserer Rundfahrt. Die Eisenbahnstraße führt geradenwegs zum Hauptbahnhof. Dass der Aufschwung in Leipzig heftiger ausfällt als in Dresden oder Greifswald, sagt Lentz, liege auch an der perfekten Anbindung der Stadt: Bahnlinien in alle Himmelsrichtungen (plus der Flughafen vor der Tür).

Die Rolle des zugehörigen Bahnhofsviertels füllt die Eisenbahnstraße tadellos aus. Vor ein paar Jahren wurde sie in einer Fernsehreportage als schlimmste Straße Deutschlands bezeichnet — Drogen, Schießereien. Billige Frisörläden, Supermärkte aus aller Herren Länder. Die Statistik sagt, in diesem Stadtteil passiert täglich ein Körperverletzungsdelikt. Sie sagt aber auch, dass die Zahl der Gewalttaten anderswo in Leipzig stärker steigt.

Früher sei die Eisenbahnstraße das Herz des Arbeiterviertels gewesen, erklärt Loy. »Die hatten schlechte Laune, aber wenigstens waren sie nur besoffen.« Heute fühle sie sich nicht mehr sicher. »Zu viel Testosteron.« Und vor der Tür kehre auch keiner.

»Ich mag die Straße«, sagt Lentz. Viertel wie das um die Eisenbahnstraße zwängen Alteingesessene, sich mit dem Ungewohnten auseinanderzusetzen und es allmählich zu integrieren. »Eine lebendige Stadt braucht die Veränderung, die neue Bewohner mitbringen.« Er sagt aber auch, dass einige seiner Kollegen in den letzten Jahren weggezogen seien. »Auch weil sie auf Kinderspielplätzen Spritzen gefunden hatten.«

Jetzt muss ich meinen beiden Stadtführern mal ein unverhülltes Kompliment machen. Die zweite Hälfte unserer Tour ist richtig ausgefuchst. Eine Zeitreise rückwärts, vom durchsanierten Graphischen Viertel nach Reudnitz, das mancherorts aus der Gentrifizierung schon herauswächst, anderswo aber gerade erst reinrutscht, bis hin zur Eisenbahnstraße.

Die steckt übrigens auch schon drin: Als wir die Fußgängerampel über die größte Querstraße mit unseren Fahrrädern versperren, tippt mir ein junger, bärtiger Blonder mit schicker Brille auf die Schulter — ob er, Entschuldigung, mal vorbei dürfe — und bugsiert ein Bettgestell aus Bambus, das nicht nach Sperrmüll aussieht, in einen offenen Hauseingang. Wenn das die schlimmste Straße Deutschlands ist, dann ist der Leipziger Aufschwung nicht zu bremsen.

Was nimmt man mit zu so einer winterlichen Radtour? Eine Mütze, dicke Handschuhe — und im Fall von Rosa Loy und Sebastian Lentz auch zwei Einwegkameras. Dabei ging es weniger um Andenken an den gemeinsamen Tag als darum, den persönlichen Blick der beiden auf die Stadt einzufangen (unten). »Auto-Fotografie« heißt diese Methode. Humangeografen wie Lentz möchten mit ihr herausfinden, wie verschiedene soziale Gruppen eine Stadt wahrnehmen und nutzen. Sie bekommen so auch Einblick in marginalisierte Milieus. In die Welt der Straßentrinker zum Beispiel.
Architektur · DDR · Gemeinschaft · Ostdeutschland · Stadt · IfL