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Wie erweckt man Geschichte zum Leben? Hanno Hochmuth hat auf diese Frage seine eigene Antwort gefunden. Er radelt durch die Stadt, in der er geboren wurde und bis heute lebt, und blickt sich um.

Vor acht Jahren hat der Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam (ZZF) begonnen, die Nachkriegsgeschichte von West- und Ostdeutschland systematisch auf ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu untersuchen. Und zwar genau dort, wo die beiden deutschen Staaten aneinander grenzten, getrennt nur durch Spree, Mauer und Ideologie: in Friedrichshain und Kreuzberg.

In seiner Doktorarbeit hat Hochmuth die Geschichte und Entwicklung der zwei Berliner Bezirke nachgezeichnet, die sich von armen Arbeitervierteln zu Szenekiezen wandelten. Mittlerweile ist sie als Buch erschienen. Der schlichte Titel: »Kiezgeschichte — Friedrichshain und Kreuzberg im geteilten Berlin«.

Das hier war der proletarische Berliner Osten.

Hanno Hochmuth

Ein Treffen an einem kalten Wintermorgen am Kottbusser Tor, im schmutzigen Zentrum von Kreuzberg. Hanno Hochmuth hat trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt zu einer Radtour geladen. Der 40-Jährige will einige Kapitel seines Buchs abfahren, will zeigen, was Straßen und Häuser über den Wandel einer Stadt erzählen. Er setzt einen weißen Fahrradhelm auf und steigt auf seine Gazelle.

»Friedrichshain und Kreuzberg waren sich bis zum Mauerbau sehr ähnlich«, sagt Hochmuth. »Bis 1945 bildeten sie den proletarischen Berliner Osten, das Armenhaus der damaligen Reichshauptstadt.« Auf je zehn Quadratkilometern drängten sich jeweils mehr als 300.000 Menschen. Lebten, arbeiteten und schliefen im Akkord.

Nach einigen hundert Metern manövriert Hochmuth das Hollandrad auf den Gehsteig. Auf den ersten Blick ist an dieser Straße nur erwähnenswert, dass fast alle ihre Häuser grau sind. »Aber früher war die Ritterstraße eines der Schmuckstücke der Stadt«, sagt der Leibniz-Historiker. »Im Volksmund hieß sie Goldene Meile.«

Aus heutiger Sicht mag es überraschen: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Berlin neben dem Ruhrpott die am stärksten industrialisierte Region Deutschlands — und Kreuzberg sein Silicon Valley. In den Schaufenstern präsentierten die mittelständischen Unternehmen der Umgebung ihre Uhren, Kronleuchter und Druckmaschinen neben Einrichtungsgegenständen aus Bronze. Händler aus der ganzen Welt besahen die Waren und gaben ihre Bestellungen auf.

Doch am 3. Februar 1945 beendete einer der letzten Luftangriffe auf Berlin den Glanz. Von der Goldenen Meile sind nur das Gebäude mit der Hausnummer 11 und der dahinter liegende Ritterhof geblieben. Sie sind steinerne Zeugen des Wandels von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft: Heute hat hier ein Preisvergleichsportal seinen Sitz. Gleich um die Ecke sind mehrere Designläden zuhause.

Sie wollen auf Hanno Hochmuths Spuren wandeln? Hier finden Sie eine Karte zu unserem Kiezspaziergang.

Er habe früh angefangen, sich für Geschichte zu interessieren, erzählt Hanno Hochmuth. Auch sein Vater hat Geschichte studiert, beim Abendessen erzählten ihm die Eltern Episoden aus der Vergangenheit seines Geburtshauses im Ost-Bezirk Prenzlauer Berg. Später hat er sich Teile seines Studiums als Stadtführer finanziert. In dieser Rolle scheint er sich noch immer wohl zu fühlen: Beschwingt radelt er entlang der Hochbahngleise der U1, Berlins ältester U-Bahn-Strecke, die die vier Spuren der Skalitzer Straße trennt.

Dann geht es rechts ab zur nächsten Station. Die Sorauer Straße liegt im Wrangelkiez, einer lebhaften Gegend mit Cafés, türkischen Supermärkten und Falafel-Läden. In den vergangenen Jahren geriet sie immer mal wieder in die Schlagzeilen, weil hier inzwischen viele Wohnungen nicht mehr bewohnt, sondern an den »Easy-Jet-Set« vermietet werden, die Wochenendbesucher, die nur zum Feiern nach Berlin kommen. Der Arbeiterkiez Kreuzberg ist »hip« geworden.

Wer eine der sanierten Wohnungen ergattern möchte, muss das Glück haben, aus einer Besichtigung mit 50 Mitbewerbern und mehr als Sieger hervorzugehen — und sich die Miete von durchschnittlich knapp 16 Euro pro Quadratmeter leisten können. Die ollen Matratzen und ausrangierten Sofas stehen trotzdem noch auf dem Gehweg.

Schon früher sei Kreuzberg eine der am dichtesten besiedelten Gegenden der Stadt gewesen, sagt Hanno Hochmuth. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten hier mehr als doppelt so viele Menschen wie heute, vor allem Arbeiter und ihre Familien. Die Sorauer Straße, die in den 1870er Jahren nach Plänen des Handschuhmachers und Spekulanten Emil Paul Haberkern gebaut wurde, ist ein besonders gut dokumentiertes Beispiel für die Bedingungen, unter denen sie hausten. Selbst in den Küchen standen Betten, in denen im Rhythmus der Schichten geschlafen wurde: Tagsüber, wenn die Bewohner zur Arbeit gingen, kamen die »Schlafgänger«.

Eine Studie der Arbeiter-Sanitätskommission hielt 1893 fest, dass die Menschen in 70 Prozent der Wohnungen des Kiezes weniger Raum zur Verfügung hatten als die Insassen im Gefängnis Plötzensee am anderen Ende der Stadt. Das erklärt auch die Bedeutung der Eckkneipen zu dieser Zeit: Für viele Arbeiter waren sie eine Art Ersatzwohnzimmer.

Allen Mietsteigerungen zum Trotz gilt Kreuzberg noch immer als Viertel der Subkultur. Und als Hort des Widerstands. Diesen Ruf haben seine Einwohner hart erkämpft, in handfesten Auseinandersetzungen mit der Staatsgewalt. Am 1. Mai liefern sich Demonstranten seit 1987 Straßenschlachten mit der Polizei, bis heute wiederholt sich das Katz-und-Maus-Spiel zum Tag der Arbeit alljährlich.

Seit den 1960er Jahren war der Bezirk zudem Anlaufpunkt für Menschen aus dem damaligen Westdeutschland, die keine Lust hatten auf Bundeswehr und den bürgerlichen Mief ihrer Elternhäuser. Hier konnten sie alternative Lebensformen erproben. Dafür besetzten sie die von Verfall gezeichneten Mietshäuser — und retteten die heute so begehrten Altbauten vor dem Abriss.

WIRTSCHAFTSHELFER

Ohne sie wäre das deutsche »Wirtschaftswunder« nicht möglich gewesen. Zwischen 1955 und 1973 warb die Bundesrepublik mehrere Millionen Menschen als Gastarbeiter an. Sie kamen aus Italien, Spanien, Portugal und der Türkei, um im Bergbau, an Fließbändern oder auf dem Bau zu arbeiten. Von den 14 Millionen Gastarbeitern, die bis zum Anwerbestopp 1973 kamen, gingen elf Millionen  zurück in ihre Heimatländer. Die übrigen, insbesondere die türkischen Arbeiter, blieben und bauten sich in Deutschland ein neues Leben auf. Die Frage nach der Integration der ehemaligen Gastarbeiter wurde durch die Politik lange ignoriert. Stattdessen versuchte man, sie zur Rückreise zu bewegen. In Berlin bilden die 200.000 türkischstämmigen Einwohner die größte Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund. Besonders im ehemaligen Arbeiterbezirk Kreuzberg prägen sie, ihre Kinder und Enkelkinder, noch heute das Stadtbild. Die Gegend wird deshalb auch »Klein-Istanbul« genannt.

Hanno Hochmuth schwingt sich galant aufs Fahrrad. Jenseits der Hochgleise will er am Mariannenplatz ein Beispiel dafür zeigen, wie sich der Umgang mit der Bausubstanz im Lauf der Jahrzehnte gewandelt hat. Vor einem monumentalen Backsteinkomplex mit zwei Türmen hält er an. »Heute käme niemand auf die Idee, so einen Bau abzureißen«, sagt er. »In den 1960er Jahren aber stand er für alles Marode und Alte, das dem Neuen weichen sollte — ungeachtet seiner Geschichte.«

Das »Bethanien« ist Kreuzbergs drittältestes Gebäude. Die Berliner Diakonissen errichteten das Krankenhaus in den 1840er Jahren, als der blühende Kapitalismus die Menschen auf der Suche nach Arbeit in die Stadt lockte, wo sie zunehmend verelendeten. Meist waren es die Kirchen, die sich ihrer annahmen. Noch bis in die 1960er Jahre betrieben die Schwestern die Anstalt, doch mit dem Mauerbau verloren sie die Patienten aus dem Ostteil der Stadt. Das Krankenhaus wurde zahlungsunfähig und sollte den funktionalen Wohnblöcken weichen, die damals überall hochgezogen wurden.

Heute bietet das »Künstlerhaus Bethanien« etwa zwei Dutzend sozialen und kulturellen Einrichtungen Raum für Ausstellungen, Musikunterricht oder auch Gärtnerseminare. Dass es noch steht, ist dem Widerstand der Kreuzberger zu verdanken, die in den Kirchen streitlustige Partner fanden. »Sie wurden zu einem Zentrum des Protests«, sagt Hanno Hochmuth und zeigt auf die Thomaskirche gleich nebenan.

Als nächstes geht es auf der Schillingbrücke über die Spree gen Osten. »Das Interessante an Kreuzberg und Friedrichshain ist: Obwohl sich die benachbarten Stadtteile nach dem Bau der Mauer unter völlig unterschiedlichen Bedingungen weiterentwickelten, verliefen viele Prozesse parallel«, sagt Hochmuth. Im Osten wie im Westen boten leerstehende Gebäude Freiräume für soziale Experimente.

1969 etwa entstand in der Friedrichshainer Samariterstraße die »Kommune 1 Ost«. In Anlehnung an ihr Vorbild in West-Berlin verwirklichten die Kinder bekannter Dissidenten der DDR ihre Vorstellung alternativer Lebensformen, einer von ihnen war ein Sohn Robert Havemanns. Und auch im Osten ging man am 1. Mai auf die Straße.

Doch während keine vier Kilometer weiter das Chaos losbrach, war der »Kampftag der Arbeiterklasse« ein bis ins kleinste Detail inszenierter Staatsakt. Hunderttausende sammelten sich in Friedrichshain, um sich in drei Marschsäulen auf der Karl-Marx-Allee einzufädeln. Auf ihrem Weg zum Alexanderplatz passierten sie mit Fahnen und Transparenten die große rote Ehrentribüne, von der Erich Honecker die Parade abnahm. Eine viereinhalbstündige Machtdemonstration.

Dieser Teil Friedrichshains war das Chicago Berlins.

Hinterm Ostbahnhof fährt Hanno Hochmuth unter den Bahngleisen hindurch auf die Straße der Pariser Kommune, die früher einmal Fruchtstraße hieß. Wie drüben in der Sorauer Straße lebten hier bis zum Zweiten Weltkrieg vor allem Arbeiter. Und es herrschten ganz ähnliche Zustände: tiefe Hinterhöfe, jämmerliche Wohnverhältnisse. Vor allem aber war das Viertel für Prostitution und Gewalt bekannt. »Man nannte es auch das ›Chicago von Berlin‹«, erklärt Hochmuth. »Diesen Ruf verdankte es den Ringvereinen: syndikatähnlichen Zusammenschlüssen von Einbrechern, Straßenräubern, Zuhältern und Rauschgifthändlern.«

In den 1970er Jahren ersetzte die DDR die Mietskasernen der Straße der Pariser Kommune im Zuge ihrer brachialen Baupolitik durch elfgeschossige Plattenbauten. Die Linienbusse, die hier durchkommen, wirken zwischen ihnen wie zu groß geratene Spielzeugmodelle. Am 6. Januar 1969 wurde der Grundstein für den Neubau von Redaktion und Druckerei des »Neuen Deutschland« gelegt, des Zentralorgans der SED-Führung. Der kantige Klotz am Franz-Mehring-Platz 1 sollte dem Sitz des Springer-Verlags die Stirn bieten, den Axel Cäsar Springer einige Jahre zuvor — samt goldener Fassade — an die Sektorengrenze gesetzt hatte.

Heute ist von der Großspurigkeit nur die Hülle übrig. Die Redaktion des Neuen Deutschland ist auf ein Stockwerk zusammengeschrumpft, in den übrigen Fluren sind der Fundus der drei großen Opern und zahlreiche Start-ups untergekommen.

Es sei faszinierend, wie viel Gebäude und ihre Nutzer über den Wandel einer Stadt verrieten, sagt Hanno Hochmuth. Und darüber, wie ihre Menschen leben und arbeiten. Dann verabschiedet er sich, drüben in Kreuzberg warten seine Söhne in der Schule. Auf dem Weg dorthin fährt Hochmuth vorbei an den Touristen an der East Side Gallery, einem Teilstück der Mauer, das nach deren Fall von mehr als 100 Künstlern bemalt wurde. Er überquert die Oberbaumbrücke, den Ort, der Ost und West seines Forschungsgegenstandes verbindet.

Seit 2001 bilden die beiden Bezirke den gemeinsamen Verwaltungsbezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Etwas Schlimmeres hätte man vielen Einwohnern nicht antun können. Gemeinsame Geschichte hin oder her.

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