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KARL LENHARD RUDOLPH ist ehemaliger Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Alternsforschung in Jena und erforscht dort weiterhin unter anderem die molekularen Ursachen der Alterung.

In den vergangenen 100, 150 Jahren hat sich die mittlere Lebenserwartung in Deutschland verdoppelt. Im Moment beträgt sie bei Männern 78 und bei Frauen mehr als 82 Jahre, und ich denke, dass sie sich in den nächsten 20 Jahren noch einmal um vier, fünf Jahre erhöhen wird, weil wir dann bestimmte Alterserkrankungen besser behandeln können. Vielleicht wird es uns gelingen, das Immunsystem länger funktionsfähig zu erhalten. Ich glaube auch, dass wir das Auftreten von Stammzellmutationen, die zu Krebs führen, verlangsamen können. Die älteren Menschen werden auf jeden Fall fitter sein als heute und länger am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Das ist es auch, worum es uns Alternsforschern vor allem geht: die Lebensqualität im Alter zu steigern. Denn den Alternsprozess als solchen wird man nicht aufhalten können, dafür ist er zu komplex. Es treten auf so vielen Ebenen Schäden auf, dass es nur gelingen kann, einzelne dieser Pathologien zu verstehen und hinauszuzögern. Deshalb wird sich auch die maximale Lebenserwartung nicht ändern: 120 — das scheint eine natürliche Grenze zu sein.

Die Krux ist: Der Mensch ist von der Evolution darauf getrimmt, sich fortzupflanzen und die nächste Generation aufzuziehen. Darauf sind unsere Gene, unsere Signale ausgerichtet. Ist diese Funktion aber erfüllt, können die gleichen Signale, die uns vorher optimiert haben, zum Altern beitragen.

Ein Grund des Alterns besteht darin, dass viele Gewebe auf Zellteilung angewiesen sind, menschliche Zellen sich aber nur fünfzig bis sechzig Mal teilen können. Das liegt an den sogenannten Telomeren, das sind die Enden der Chromosomen. Man weiß, dass diese Telomere sich mit jeder Zellteilung verkürzen — bis schließlich keine Zellteilung mehr möglich ist.

Die eingebaute Zellteilbremse hat durchaus ihre Vorteile, sie verhindert nämlich auch, dass mutierte Zellen sich teilen, sie stoppt also das Weiterwachsen möglicher Tumore. Nun gibt es im Zellkern das Enzym Telomerase, das der Verkürzung der Telomere entgegenwirkt und sie sogar verlängern kann. Aktivieren wir dieses Enzym, können sich Zellen tatsächlich ewig teilen. Man hat einen positiven Effekt auf das Überleben von Mäusen beobachtet — aber nur, solange sie keine Tumore entwickeln. Denn gleichzeitig steigt das Tumorrisiko. Deshalb ist die Aktivierung der Telomerase ein zweischneidiges Schwert.

Ähnliches gilt für die Verminderung der Kalorienzufuhr. An unserem Institut haben wir eine Studie durchgeführt, die zeigt, dass die Restriktion von Kalorien die Teilung von Stammzellen verlangsamt. Die Zellen bleiben länger funktionsfähig. Gleichzeitig vermindert sich aber die Bildung von Abwehrzellen und das Immunsystem wird geschwächt. Auch hier muss man genau zwischen Vorteilen und ihren negativen Begleiterscheinungen abwägen.

Wir werden also auch in Zukunft nicht ohne Krankheiten altern, aber die Krankheitsphase wird sich verkürzen. Im Moment gehen wir davon aus, dass der Mensch eine zehnjährige Morbiditätsphase durchläuft. Diese Spanne auf vier oder fünf Jahre zu verkürzen — das ist eines unserer Ziele.

Meine Großmutter

»Die Dame auf dem Foto ist meine Großmutter. Unsere Beziehung ist immer sehr eng gewesen, in meiner Kindheit hat sie viel auf uns aufgepasst und wir sind auch später noch oft zusammen verreist. Die Entscheidung, eine Fotoarbeit über sie zu machen, war eine natürliche Entwicklung. Ich hatte die Kamera bei unseren Treffen dabei und habe sie in den verschiedenen Situationen fotografiert. Meine Großmutter ist ein fröhlicher Mensch und mag meine Fotos. Auch ihr war es immer sehr wichtig, gemeinsame Essen und Familienfeiern mit ihrer kleinen Konica festzuhalten. Über die Jahre sind meine Bilder auch eine Dokumentation des Älterwerdens und der Vergänglichkeit geworden. Viele Freunde meiner Großmutter sind bereits gestorben, was besonders bei den Geburtstagsfesten auffällt. In diesem Herbst wird sie 95 Jahre alt. Ich bin immer wieder beeindruckt von der Selbstverständlichkeit, mit der sie die Veränderungen in ihrem Leben und in der schnellen Welt um sie herum wahrnimmt und akzeptiert.« (2016)

MILENA CARSTENS ist Bildchefin des Zeit-Magazins. Die Fotos ihrer Großmutter sammelte sie in der Serie »Frau Willmann«. Weitere Bilder der Fotografin gibt es hier

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