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Es sei schon seltsam, sagt Joachim Neumann, als wir vom Holzsteg am Südufer zurück zum Wagen gehen. Wenn er durch die Laubwälder und Hügel am Berzdorfer See fahre, vorbei an ausrangierten Kränen und verlassenen Arbeiterheimen, dann sehe er sie deutlich vor sich: die Kumpel, die in Bussen durchs Werktor zur Schicht rollen, die Kohle, die auf Förderbändern zu den Kraftwerken in Hagenwerder ruckelt. War ganz schön was los, erinnert sich Neumann. Besonders, wenn bei Unwettern urplötzlich das Regenwasser in den Tagebau schoss. Er habe damals gelernt, dass man mit all den Maschinen, den dickköpfigen Kumpeln und sogar mit dem Plan, der zu DDR-­Zeiten die Fördermenge vorgab, fertig werden könne. Mit dem Wasser sei es anders. Das reiße alles mit sich. Da kannst du nur beiseite treten und schauen, dass du nicht mitgerissen wirst.

Am Morgen sind Neumann und wir, Fotograf und Autor, aus Görlitz raus zum Berzdorfer See gefahren, der an diesem Oktobertag unter einer Nebeldecke ruht. Mit der Halbglatze, dem runden Gesicht und dem weißen Vollbart sieht Neumann, 67 Jahre alt, aus, wie man sich einen Bergmann vorstellt. Ein Arbeitsleben lang haben Neumann und die Kumpel hier draußen Braunkohle abgebaut, die die Industrie der sächsischen Oberlausitz mit Energie fütterte. Dann versenkten sie ihren Arbeitsplatz in 380 Millionen Kubikmetern Neißewasser und bepflanzten die rundum zu Halden aufgeschüttete Erde mit Espen, Birken, Lerchen und Kiefern. Heute ist nicht viel übrig von der Vergangenheit. Am See stehen dafür Parkbänke und eine Snackbude. Das Braunkohlerevier ist jetzt Naherholungsgebiet für die Menschen im Dreiländereck, für Polen, Tschechen und Deutsche.

Nach der Wiedervereinigung erging es Görlitz ähnlich wie dem Tagebau mit dem Wasser: Die politische Wende kam plötzlich und riss fort, was im Weg stand. Die Wirtschaft brach ein. Fabriken, Kraftwerke und Tagebau machten dicht. Arbeitsplätze gingen verloren. Und mit ihnen die Menschen. Ein Viertel seiner Bevölkerung hat Görlitz, das heute 56.000 Einwohner zählt, zwischen 1990 und 2013 verlassen. Mit zum Teil unkonventionellen Ideen versucht die Stadt, die Abwanderung zu bremsen. Und neue Einwohner zu locken.

Früher Braunkohlerevier, jetzt Erholungsgebiet: der Berzdorfer See.

Eine dieser Ideen hat uns aus Berlin nach Görlitz geführt: Probewohnen heißt das Projekt der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft und der Stadt. Mehr als 300 Menschen von auswärts werden bis zum kommenden Herbst je eine Woche in der Görlitzer Altstadt verbringen. Die ist berühmt für die Schönheit ihrer historischen Bauten, doch vom Leerstand besonders betroffen: 30 Prozent der Wohnungen sind verwaist.

Alles toll saniert, aber es fehlt an Menschen, fasst Stefanie Rößler vom Dresdner Leibniz-­Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) die Situation zusammen. Mit energischen Schritten führt die Raumwissenschaftlerin uns in ein mittelalterliches Gebäude an der Peterskirche. Seit 2014 sitzt hier das Interdisziplinäre Zentrum für ökologischen und revitalisierenden Stadtumbau (IZS) des IÖR und der TU Dresden. Für Rößler, die das Probewohnen gemeinsam mit einer Kollegin wissenschaftlich begleitet, ist Görlitz nicht nur Deutschlands östlichste Stadt, sondern ein Fallbeispiel. Das Wissen, das wir hier sammeln, kann auch anderen Städten helfen, mit Dingen wie Schrumpfung, Alterung, Strukturschwäche oder einer Grenzlage umzugehen.

Menschen ziehen nur dorthin, wo sie sich etwas aufbauen können.

STEFANIE RÖSSLER

Das Probewohnen soll den Teilnehmern zeigen, dass die Altstadt nicht nur eine schmucke historische Kulisse ist, sondern auch eine schöne Wohngegend. Und den Initiatoren der Studie Hinweise liefern, wie Görlitz seinen alten Kern noch lebenswerter gestalten kann. Die meisten Bewerbungen kamen aus Berlin und Nordrhein­-Westfalen. Das IZS hat bevorzugt junge Familien ausgewählt, die mit Görlitz und seiner Umgebung verbunden und auf der Suche nach einem neuen Wohnort sind. In Fragebögen erfassen die beiden Wissenschaftlerinnen zunächst, mit welchen Erwartungen die Probewohner anreisen und was ihnen an einem Wohnort wichtig ist. Nach einer Woche sollen sie Bilanz ziehen: Wie haben ihnen Wohnung und Stadt gefallen? Ist ein Leben in Görlitz für sie denkbar?

Es ist Nacht, als der Hausmeister der Wohnungsbaugesellschaft uns einige Tage zuvor am Bahnhof aufliest. In einem Kleinbus gleiten wir durch die Straßen, bis wir in einer dunklen Gasse halten. Willkommen in der Schwarzen Gasse, sagt der Hausmeister und erzählt, dass außer uns gerade zwei Familien in Haus Nummer 5 zur Probe wohnen. Ihr könnt ja mal klingeln.

Müde schleppen wir die Taschen in Wohneinheit IL3. Unser Zuhause auf Probe wirkt freundlich und ist behaglich warm. Es hat: zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und eine kleine Küche. Vom Bad geht ein viertes Zimmer ab. Wir nennen es den Kerker, weil es keine Fenster hat, aber auf dem Boden ein Sitzsack liegt, der an ein Strohlager erinnert.

Draußen hat außer dem Rhodos alles dicht. Dafür ist das Moussaka groß wie die Pflastersteine in der Schwarzen Gasse. Und es gibt schon vorm Essen Ouzo aufs Haus. Bei griechischer Schlagermusik planen wir die kommenden Tage. Wir wollen so viele Leute wie möglich treffen, ein Gefühl für diese Stadt bekommen, die wunderschön wirkt — aber auf den ersten Blick tatsächlich auch sehr leer. Was macht diese Leere mit einer Stadt und ihren Menschen, fragen wir uns. Und welche Gründe könnten die Probewohner finden, trotzdem nach Görlitz zu ziehen?

Verrückt, dass Görlitz diese Probleme haben soll. Touristen (links) und Hochzeitsgesellschaft (oben) in der herausgeputzten Altstadt.

Am nächsten Morgen haben sich die Gassen mit Touristen gefüllt. Vor der Haustür treffen wir Marcel und Kathleen, die mit ihren Söhnen Davos und Thies einige Tage vor uns angekommen sind. Während Marcel den Buggy klackernd übers Pflaster schiebt, erzählt Kathleen, dass sie Görlitz schon früher besucht haben. Ist ja nur eine Stunde von Dresden. Nun wollen sie die Stadt anders kennenlernen. Die Spielplätze, die Parks, das sei schon mal nicht schlecht. Genug, um hier zu leben? Vielleicht nach der Uni, sagt Kathleen vorsichtig. Marcel räuspert sich. lso, wenn wir hier Jobs finden.

Die Arbeitslosigkeit: zwölf Prozent. Doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt. Die Wirtschaft? Hat es weiter schwer, sich zu entwickeln. Und die Bedingungen für Wachstum werden in den kommenden Jahren eher schlechter, schreiben Ökonomen des ifo Instituts. Weitere Unternehmen könnten die Lausitz verlassen, weil sie in der schrumpfenden und alternden Bevölkerung nicht genug Fachkräfte finden.

Wenn man an all den Renaissancebauten und Barockhäusern vorbeiläuft, erscheint es verrückt, dass Görlitz diese Probleme haben soll. Von außen glänzt doch alles wie neu! 2015 haben wohl auch deshalb fast 260.000 Gäste in Görlitz übernachtet, mehr als je zuvor. Auf der geschwungenen Treppe vor dem Rathausturm posiert ein Bilderbuchpärchen für Hochzeitsfotos.

Von der Neiße schiebt sich eine Gruppe reisender Rentner zur Altstadt hinauf. Schmuckstück! stößt einer kehlig hervor. An den frisch gemachten Fassaden zeugen die Plaketten der Denkmalschutzstiftungen davon, dass in den vergangenen Jahren viel Geld in die Altstadt geflossen ist. Hinzu kommen private Spender. Seit 1995 überweist einer von ihnen jedes Jahr 511.500 Euro (anfangs waren es eine Million D-­Mark) auf ein Konto der Stadt. Unter zwei Bedingungen: Das Geld muss für Sanierungsmaßnahmen ausgegeben werden — und sein Name anonym bleiben. Einen Fan hat Görlitz also schon mal.

Von außen glänzt doch alles wie neu!

Wenige Schritte nach Polen: Blick von Zgorzelec auf Görlitz (oben). Mannschaftsleiter René Schulz (gelbe Jacke) im Stadion »Junge Welt« (rechts).

Viele Gebäude der Altstadt stammen aus dem 15. Jahrhundert. Seine Lage an der Handelsstraße Via Regia machte Görlitz damals zu einer wohlhabenden Stadt. Seine goldenste Zeit erlebte es im Zuge der Industrialisierung. Badeanstalten entstanden, das Stadttheater, die Synagoge. Ab 1897 beförderte eine elektrische Straßenbahn preußische Beamte, die Görlitz als Alterssitz entdeckten, durch baufrische Gründerzeitviertel. Vom Görlitzer Bahnhof in Berlin fuhren die pensionierten Staatsdiener in eine Stadt mit über 90.000 Einwohnern. Pensionopolis wurde sie genannt.

Heute kommen neben Rentnern auch Filmleute in die Oberlausitz. In Görliwood finden sie eine Kulisse, die Mittelalter, Kaiserzeit, Zweiter Weltkrieg, Sozialismus und Wendezeit sein kann. Und auch die Leere hat endlich mal ihr Gutes: keiner da, der stört. Quentin Tarantino hat hier Inglorious Basterds gedreht. Kate Winslet kam für Der Vorleser. Der Regisseur Wes Anderson hat das alte Warenhaus an der Frauenkirche zum Grand Budapest Hotel umfunktioniert. Der Stadt bescheren die Produktionen Einnahmen — und Selbstbewusstsein. Gleich mehrere Görlitzer erzählen uns stolz, in welchen Filmszenen sie als Statisten zu sehen sind und wo Ralph Fiennes eingekauft hat.

10. Spieltag in der Oberlausitzliga, Bockwurstduft zieht durchs Stadion Junge Welt. Die 2. Mannschaft des Niederschlesischen Fußballvereins Gelb-­Weiß Görlitz 09 empfängt den SV Gebelzig. René Schulz ist wie jedes Wochenende dabei. Als ehrenamtlicher Mannschaftsleiter wäscht er Trikots, teilt dem Schiedsrichter die Aufstellung mit, kümmert sich ums Wasser. Mit einem roten Verbandsköfferchen eilt er zum Spielfeldrand, wo sich Nummer 11 den rechten Knöchel hält.

Am Abend zuvor haben wir Schulz beim Abschlusstraining kennengelernt. Im Flutlicht schummerte der Kunstrasenplatz wie ein grünes Raumschiff, während der 39 -Jährige die Stationen seines Berufslebens aufzählte. Ich war in Berlin, Potsdam, Frankfurt, sagte er. Und fuhr fort: Rosenheim, Unterhaching, Bremen. Magdeburg, Halle, Erfurt …

Eigentlich hat Schulz Einzelhandelskaufmann gelernt. Weil er in Görlitz keinen Job fand, disponierte er um und ist jetzt Personaler bei der Deutschen Bahn. Zurzeit in Leipzig. Schulz’ Odyssee durch Deutschland ähnelt vielen Lebensläufen hier. Seine Jugendfreunde? Arbeiten in Hamburg, München, Manchester. Heute im Stadion lehnen einige von ihnen an einem rostigen Geländer neben der Trainerbank. Rufen Ey, ey! Oder: Ran da jetzt! Einer erzählt in der Halbzeitpause, dass sie kaum die Mannschaften vollkriegen, weil alle, die anständig sprinten und passen können (also die Jüngeren), weg sind. Schöne Scheiße. Weggehen gehört dazu, wenn man in Görlitz bleiben will, scheint es. Kein einladender Gedanke.

Schnapstroll in der Landskron Brauerei (oben). Streetart und Plakate gegen Rechts (rechts).

Mit Straßenbahn 3 fahren wir raus nach Königshufen: das andere Görlitz sehen. Am Fenster wechselt Plattenbau Jugendstil ab. Kinder in Hexen-­ und Dinosaurierkostümen rennen von Hausaufgang zu Hausaufgang. Es ist Halloween. Manche Görlitzer leben lieber hier als in den Wohnungen der Altstadt, das hat uns schon Stefanie Rößler vom Leibniz-­Institut für ökologische Raumentwicklung erzählt. Schlecht geschnitten, keine Fahrstühle, zu wenig Grün sagen sie. Und vor der Tür keine Parkplätze!

Als überzeugte Altbaubewohner ist uns das schleierhaft. An »IL3« in der Schwarzen Gasse gibt es nämlich nichts auszusetzen. Auf der Rückfahrt ins Zentrum malen wir uns aus, wie sie sich zuhause in Berlin bei Besichtigungen die Beine in den Bauch stehen würden, um Wohnungen wie die in der Altstadt und den Gründerzeitvierteln zu ergattern.

Tags darauf besichtigen wir die Landskron-­Brauerei. Im Souvenirshop warten die Besucher neben dem großen grünen Schnapstroll auf die nächste Führung. »Bier ist der Beweis, dass Gott uns liebt«, steht in schnörkeliger Schrift an der Decke. Zu Beginn erfahren wir, wie die Brauerei das Bier herstellt, mit dem sie die Lausitz seit 150 Jahren versorgt. Und dass sie in Jackie Chans Remake von Jules Vernes »In 80 Tagen um die Welt« der Hafen von New York war (die Altstadt war Paris). Dann beginnt der Guide, mehrdeutige Bemerkungen zur Asylpolitik zu machen und fügt spitz an, dass hier noch nie etwas weggekommen sei, obwohl die Grenze so nah ist. Ein guter Zeitpunkt, die Tour zu beenden, finden wir.

Es sind nur wenige Schritte von Deutschland nach Polen. Bis 1945 waren Görlitz und Zgorzelec eine Stadt. Seit 2004 verbindet die neue Altstadtbrücke sie wieder. Am östlichen Ufer wirkt das Leben alltäglicher. Weniger Touristen sind unterwegs, mehr Häuserwände unverputzt. Familien mit Kindern und flirtende Teenager spazieren an der Neiße entlang. Auf der frisch hergerichteten Promenade machen sie Selfies vor Görlitz’ adrettem Profil.

Für manche seiner Freunde sei die Grenzlage das größte Argument, hier zu leben, sagt Philip Bormann auf der Bühnenkante des Görlitzer Stadttheaters sitzend. Zwei Städte, zwei Kulturen, kaum mehr als zwei Stunden bis Breslau. Und auch das tschechische Riesengebirge ist nah. Klar, sagt Bormann, dessen Frau aus dem ostpolnischen Kielce nach Görlitz gezogen ist, die Ressentiments seien noch da. »Ich glaube aber, dass sich das geraderücken wird, je mehr interessante Menschen die Leute auf der anderen Seite treffen.«

Bormann selbst kam 1997 nach Görlitz. Vier Jahre studierte er hier an der Fachhochschule. Nach einem Zwischenstopp in Dresden nahm der Niedersachse eine andere Richtung als viele Einheimische: Er zog erneut nach Görlitz. Und blieb.

Es sei die Leere, die ihn hier halte. »Es gibt so viele Räume zu erobern, nach wie vor.« Für Kreative sei es kein Problem, einen Ort für eine Ausstellung oder ein Festival zu finden. Die Neuen verändern die Stadt, eröffnen Galerien, Ateliers und Manufakturen. Auch eine alternative Szene hat sich entwickelt. An den Häuserwänden sehen wir Streetart und Plakate gegen Rechts. »Offene Grenzen, Bleiberecht für alle!« steht auf einem.

Unterwegs in Görlitz (oben). »So viele Räume zu erobern.« Philip Bormann, Stadttheater (rechts).

Vielleicht ist die Vergangenheit aber auch eine Chance?

Unsere Zeit in Görlitz geht zu Ende. Am Abend vor der Abfahrt klingeln wir ein Stockwerk über uns bei Beata und Marcel. In der Küche trinken wir Mineralwasser mit Johannisbeer-­Sirup, während ihre Söhne Caspar und Kajetan im Wohnzimmer Trickfilme gucken. Sie dächten schon länger darüber nach, an die deutsch­polnische Grenze zu ziehen, sagt Beata, weil Kajetan und Caspar zweisprachig aufwachsen. Während des Probewohnens hat die Familie über verwinkelte Gassen und Torbögen gestaunt. Sie war in Zgorzelec auf dem Markt. Und auch die Wohnung hat ihr gefallen.

Als Rentner wäre das hier alles super, sagt Marcel. Aber …

Da sei die Leere. Er kenne einen Fotografen, der überfüllte Märkte fotografiert und im Nachhinein die Menschen wegretuschiert. Hier bräuchte er kein Photoshop. Der zweite Grund hat mit der Grenze zu tun. Sie hätten nicht das Gefühl, dass das europäische Miteinander wirklich gelebt werde, sagt Beata. Die meisten scheinen nur nach Polen zu fahren, um günstig zu tanken. Vielleicht sei eine Woche ja zu kurz, um zu urteilen. Aber es kann sein, dass wir in Berlin mehr Interkulturalität haben als hier an der Grenze.

Einige Wochen später berichtet Stefanie Rößler vom IÖR am Telefon von den ersten Zwischenergebnissen der Probewohn-­Studie. Die Auswertung der Fragebögen zeichnet ein positives Bild: Den meisten gefielen die Wohnungen in der Schwarzen Gasse. Sie mochten auch die Lage in der Altstadt und den historischen Baubestand. Die Hälfte der Probewohner hat die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, nach Görlitz zu ziehen, mit Ja beantwortet. Auch Kathleen und Marcel, unsere anderen Probenachbarn, schreiben später aus Dresden, dass sie über einen Umzug nachdenken.

Kritik gab es kaum, eher Anregungen, sagt Stefanie Rößler. Mehr Barrierefreiheit könnte nicht schaden. Und die Balance zwischen Tourismus und Alltag sollte zurechtgerückt werden — weniger Souvenirshops, dafür auch mal ein Gemüseladen. Ein Punkt habe die Probewohner besonders beschäftigt: Hätten sie in Görlitz eine Perspektive? Die Frage nach Görlitz‘ Zukunft sei eben keine rein stadtplanerische, erklärt Rößler, das müsse man ganz klar sagen. Menschen ziehen nur dorthin, wo sie auch Arbeit finden und sich etwas aufbauen können.

Auch wir haben uns gefragt, wie unsere Chancen in Görlitz stünden. Es ist ja nicht so, dass der Journalismus anderswo einen Aufschwung erlebt. Aber ob sie hier auf unsere Fotos und Artikel gewartet haben? Ein bisschen zu klein ist uns Görlitz auch. Das mag daran liegen, dass wir unflexible Großstadtkinder sind — und als solche von Klein­ und Mittelstädten per se überfordert. Die herausgeputzte Altstadt mit ihren Touristen erschien uns zudem manchmal kulissenhaft. Sonst hat die Stadt wirklich viel zu bieten: die Wohnungen, die Nähe zu Polen, die Freiräume. Die Geschichte und interessante Menschen.

Joachim Neumann

Vor der Abfahrt treffen wir noch einmal Joachim Neumann. Er möchte uns etwas zeigen. In einem Dorf in der Nähe des Berzdorfer Sees betreten wir ein blau gestrichenes Haus: das Museum des Bergbauvereins, dessen Vorsitzender Neumann ist. An den Wänden hängen Porträts von Bergleuten aus der DDR­-Zeit. Er habe nie mit dem Ende des Tagebaus gehadert, sagt Neumann, sondern dessen Abwicklung als berufliche Herausforderung begriffen. Trotzdem ist es ihm wichtig, die Tradition zu pflegen. Um zu dokumentieren, was in Görlitz schiefgelaufen ist und wo seine Stärken liegen. Die Vergangenheit sei doch immer Teil der Zukunft, nicht wahr?

Im Zug nach Berlin müssen wir über diesen Satz nachdenken. Vielleicht ist das gerade in Görlitz so? Ihre Vergangenheit steht dieser Stadt ins Gesicht geschrieben, mal luxussaniert, mal bröckelnd. Sie scheint immer ein fester Bezugspunkt zu sein. Und verleiht Görlitz so eine gewisse Melancholie: Früher war alles gut; so gut wie früher wird es nie wieder.

Durch die Frontscheibe des Zugs blicken wir auf Gleise, Wald und Wiesen und fühlen uns wie in einem dieser Nachtprogramme, in denen alte Loks durch Landschaften schnaufen, ohne je anzukommen. Vielleicht ist die Vergangenheit aber auch gerade eine Chance? Wir fragen uns, ob Görlitz die Grenze in den Köpfen weiter öffnen und seine Freiräume mit Zukunft füllen kann. Und irgendwann auch mit Menschen.

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