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HANS WOLLER
ist Geschichtswissenschaftler. Fast 30 Jahre lang war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, einem Leibniz-Institut.

München 1974, WM-Finale, 42. Minute. Von rechts außen dribbelt Rainer Bonhof in den gegnerischen Sechzehner, schüttelt den niederländischen Verteidiger ab und passt stramm ins Zentrum, wo die deutsche Nummer 13 lauert. Eine schnelle Drehung um die eigene Achse, Schuss – Tor. 2:1.

Gerd Müllers Siegtreffer ist die logische Konsequenz einer unwahrscheinlichen Geschichte, die 1945 in bayrischen Nachkriegstrümmern beginnt und knapp 29 Jahre später im Münchener Olympiastadion ihren Höhepunkt erreicht. Bis heute sind die Quoten des Bombers – 365 Treffer in 427 Bundesligaeinsätzen und 68 Tore in nur 62 Länderspielen – unerreicht. So weit, so bekannt, die Müller-Legende.

Beim Geschichtswissenschaftler Hans Woller, bis 2017 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, liest sich der Aufstieg Müllers als Erzählung über die Kommerzialisierung des Fußballs in den 1960er und 1970er Jahren, von der wie kaum ein anderer deutscher Verein der FC Bayern München profitierte.

Um Weltklassespieler wie Müller, Beckenbauer und Hoeneß zu finanzieren, schreckten die dauerhaft klammen Münchener auch vor illegalen Geschäftsmethoden nicht zurück: Steuerhinterziehung und Schwarzgeldkassen wurden nicht nur geduldet. Die bayrische Landespolitik förderte sie sogar. Vor allem die CSU suchte die Nähe zum Verein und den Spielern – und umgekehrt.

Detailliert zeichnet Woller nach, wie eine Phalanx aus Politikern, Funktionären und Sportlern den Aufstieg des FCB entschlossen vorantrieb. Selbst der eigentlich nicht sonderlich politische Gerd Müller ließ sich auf den Doppelpass mit der Politik ein und sicherte der CSU während des Bundestagswahlkampfs 1972 öffentlichkeitswirksam seine Stimme zu. Seine guten Verbindungen halfen ihm Jahre später, als die Staatsanwaltschaft im Zuge ihrer Ermittlungen im Umfeld des FCB seine stattliche Steuerschuld feststellte, er die Steuern aber nur nachzahlen musste und einer Strafe entkam.

Der schüchterne Held konnte sich mit dem Ruhm seiner Lieblingstätigkeit – dem Toreschießen – nie wirklich anfreunden.

Hans Wollers Buch Gerd Müller oder Wie das große Geld in den Fußball kam ist bei C.H. Beck erschienen. Wir verlosen drei Exemplare der Biografie. Mehr zur Teilnahme finden Sie am Ende des Artikels.

Der Schatten, den die Kommerzialisierung des Fußballs schon damals auf den Sport warf, ist nicht kleiner geworden. Nur heißen die Protagonisten nun anders: Statt Gerd Müller und Franz Beckenbauer hinterziehen heute Lionel Messi und Christiano Ronaldo ohne nennenswerte strafrechtliche Konsequenzen Steuern in Millionenhöhe. Und dass Milliardeninvestments aus den Taschen reicher Oligarchen Reglements wie das Financial Fairplay ad absurdum führen, passt in die Logik eines Sports, dessen Weltverband konsequent dem Ruf des großen (und schmutzigen) Geldes folgt.

Wer hoffte, dass systematische Korruption und Vetternwirtschaft in der FIFA mit dem Ende der Amtszeit ihres ehemaligen Präsidenten Sepp Blatters abklingen würden, wurde von dessen Nachfolger Gianni Infantino ab 2016 eines Besseren belehrt. Es lohnt sich auch deshalb, Hans Wollers Buch zu lesen, weil es anhand von Müller den Beginn einer Entwicklung beschreibt, die wir noch heute beobachten können.

Die Jahre nach dem WM-Titel liefen für den sensiblen Torjäger nicht immer nach Plan. Verletzungen, vereinsinterne Machtkämpfe und Eheprobleme warfen Müller sportlich zurück und setzten ihm seelisch zu. Seinen Kummer behandelte er selbst, meist mit Whiskey-Cola. Der Wechsel in die USA, gescheiterte Geschäftsideen und der Absturz in den Alkoholismus klingen bei Woller wie das Ende einer Karriere, deren schüchterner Held sich mit dem Ruhm seiner Lieblingstätigkeit – dem Toreschießen – nie wirklich anfreunden konnte. Oder um es mit Woller zu sagen: Er war zu groß für sich.

Zwar bezwang Gerd Müller seine Sucht in den 1990er Jahren und kehrte als Nachwuchstrainer und Scout zum FC Bayern München zurück. Doch er erkrankte an Demenz, vermutlich eine Spätfolge vieler Kopfbälle. Heute lebt er abseits der Öffentlichkeit in einem Pflegeheim. Dass der Jahrhunderstürmer deshalb in Vergessenheit gerate, glaubt Hans Woller aber nicht: Der Strom des Vergessens kann einem Gerd Müller nichts anhaben.

Verlosung

Falls Sie Hans Wollers Buch in Gänze lesen wollen: Wir verlosen drei Exemplare von Gerd Müller oder Wie das große Geld in den Fußball kam. Wenn Sie an der Verlosung teilnehmen möchten, schreiben Sie bitte eine E-Mail mit dem Stichwort Gerd Müller an: verlosung(at)leibniz-gemeinschaft.de. Einsendeschluss ist der 15. Juni 2020. Die Gewinner werden von uns per E-Mail benachrichtigt. Wir wünschen Ihnen viel Glück!

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