leibniz

Weitere Beiträge der Reihe Meine Welt ist ... gibt es hier.

Wenn ich abends in den Händen halte, was wir tagsüber hergestellt haben, erfüllt mich das mit einem Glücksgefühl. Für uns Buchbinder zählt nicht nur, wie Bücher aussehen, sondern auch, wie sie sich anfühlen. Leder und Pergament etwa sind tolle Materialien für Einbände. Da mir das Haptische wichtig ist, lese ich nicht gerne digital. Die Digitalisierung hat aber auch vor uns nicht Halt gemacht, und wir haben in den vergangenen Jahren große Teile unserer Bibliotheksbestände digitalisiert. Aus unserer einst großen Buchbinderei ist so ein kleinerer Betrieb geworden. Bald werden wir die Ausbildung einstellen, denn es wird für junge Menschen immer schwerer, in der schrumpfenden Branche einen Arbeitsplatz zu finden.

Trotzdem kümmern wir uns weiterhin um besonders schützenswerte Exemplare und reparieren beschädigte Bücher aus unseren Beständen. Eine besondere handwerkliche Herausforderung ist die Vergoldung der äußeren Schnittkanten des Papiers von Büchern. Es erfordert viel Übung, den richtigen Zeitpunkt zur Glättung des »Goldschnitts« zu erkennen, denn das Hühnereiweiß, das Papier und Blattgold verbindet, darf dann weder zu feucht noch zu trocken sein.

Meine Arbeitszeit verbringe ich am liebsten in unserer Großraumwerkstatt mit meinen — zum Teil gehörlosen — Kollegen. Vor mehr als 30 Jahren lernte ich dort an meinem ersten Arbeitstag das Wort »Buch« in Gebärdensprache: die Hände aneinanderlegen und die Außenkanten leicht nach oben kippen. An einer Abendschule belegte ich einen Kurs, seitdem kommuniziere ich in der Werkstatt diskriminierungsfrei mit lautsprachbegleitenden Gebärden.

Ich bin mir sicher, dass wir auch in Zukunft Bücher brauchen werden, um Wissen zu vervielfältigen und zu erhalten — das Buchbinderhandwerk wird nicht aussterben. Mehr als 100.000 Bücher sind bereits durch meine Hände gegangen und ich hoffe, dass noch viele hinzukommen. Wie die Welt für mich ohne Bücher wäre, wurde ich kürzlich gefragt. In Anlehnung an Loriot antwortete ich: Ein Leben ohne Buch ist möglich, aber sinnlos.

ELKE SCHNEE ist Leiterin der Buchbinderei des ZBW — Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft in Kiel.

Meine Welt ... · Digitalisierung · Literatur · ZBW