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Obwohl ich Sporthistorikerin bin, würde ich mich nicht als sportbegeistert bezeichnen. Viele meiner Kollegen sind glühende Fußballfans oder sogar ehemalige Leistungssportler. Ich schaue gerade einmal mit Freunden die Fußball-WM. Als historisches Thema ist Sport für mich allerdings außerordentlich ergiebig. Ich habe mich zum Beispiel mit der Republikflucht von Leistungssportlern aus der DDR beschäftigt.

Der ehemalige Langstreckenschwimmer Axel Mitbauer erzählte mir, wie er eines Nachts am Ufer der Ostsee auf das zweiminütige Ausschalten des Grenzscheinwerfers wartete. Dann ist er die 25 Kilometer bis in die Lübecker Bucht geschwommen, durch eiskaltes Wasser. Solche Zeitzeugenberichte sind immer sehr bewegend. Sie zeigen, wie viel Menschen riskiert haben, um in den Westen und in die Freiheit zu gelangen.

Sport und Politik sind in der Moderne eng verwoben. Deshalb kann man anhand der Sportgeschichte wunderbar politisches Zeitgeschehen erklären. Vor allem Diktaturen instrumentalisieren den Sport, um ein vorteilhaftes Bild von sich zu zeichnen. Für die DDR dienten die sportlichen Erfolge als ein Nachweis der Leistungsfähigkeit des kommunistischen Systems. Und der Westen schaute neidisch auf die vielen olympischen Medaillen des Nachbarn. Man wollte wissen: Wie machen die das? Heute kennen wir die Schattenseiten: Überwachung durch die Stasi, Gängelung, Doping.

Für mich ist das Schöne an meiner Arbeit, dass Sport auch bei Menschen, die sich sonst kaum mit Geschichte beschäftigen, das Interesse an historischen Gegebenheiten weckt. Ein Beispiel: Für den Geschichtsunterricht an Berliner und Brandenburger Schulen haben wir Materialien erstellt, die besonders denkwürdige Momente der Sportgeschichte — wie das Tor von Jürgen Sparwasser bei der WM 1974 — in einen größeren Zusammenhang stellen. Als sie sich mit dem runden Leder im Kalten Krieg beschäftigten, merkten die Schüler, dass Geschichte sehr viel mit dem eigenen Leben zu tun haben kann.

JUTTA BRAUN ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Zeithistorscieh Forschung Potsdam, einem Leibniz-Institut.

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