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Ich sitze am Schreibtisch. Durch die geöffneten Fenster weht vergnügtes Kinderlachen vom gegenüberliegenden Spielplatz herüber. Auch diese kleinen Menschen werden irgendwann von einem Termin zum nächsten rennen, denke ich. Fürs Spielen bleibt dann nicht mehr viel Zeit. Ahnen sie diese Zukunft schon, wenn sie die vorbeieilenden Erwachsenen sehen?

Spielend und spielerisch erschließen sich Kinder ihre Welt. In keiner Lebensphase lernen Menschen so viel und so schnell. Und sogar als Analysegegenstand können Spiele eine Quelle des Lernens und Erkennens sein. Seine Wahrscheinlichkeitslehre entwickelte Gottfried Wilhelm Leibniz ausgehend von Würfel- und Kartenspielen. Für herausragend hielt der privat vor allem Solitär spielende Universalgelehrte jedoch Schach. Ihn faszinierte diese »Übung der Denkfähigkeit und der Erfindungsgabe« so sehr, dass er schwärmte: »Die Menschen haben nie mehr Geist gezeigt, als wenn sie gespielt haben.«

Ohne Spiele gäbe es also möglicherweise keine so ausgefeilte Wahrscheinlichkeitsrechnung. Damit hatten die Erfinder von Gesellschaftsspielen wohl kaum gerechnet. Häufig erwächst aus Spielen ein unvorhergesehener Nutzen, was nicht nur am Geist, sondern auch an der Leidenschaft liegt, die Menschen beim Spielen entwickeln. Aus Begeisterung für die Sache stürzen sie sich ins Spielgeschehen und geraten in einen von der Psychologie als »Flow« bezeichneten Zustand. Ganz nebenbei entstehen in dieser Intensität neue Ideen. Im Gegensatz dazu arbeiten wir meist aus einer Mittel-Zweck-Logik heraus und verfolgen Tätigkeiten nicht um ihrer selbst willen. Weil der Sinn des Handelns dann nicht in der Gegenwart, sondern außerhalb der Handlung liegt, drohen wir, niemals wirklich im Hier und Jetzt zu leben. So lässt sich das Spielen weniger als Tätigkeit, sondern als Haltung und Weltbezug verstehen: Kinder spielen Fußball, Fußballprofis arbeiten.

Wir können also von Leibniz lernen — und noch weitergehen. Nicht nur durch Analyse von Spielen, auch durch das Spielen selbst können wir neue, kreative Perspektiven entwickeln. Erzwingen lässt sich das allerdings nicht. Sonst handeln wir aus Mittel zum Zweck, das Spiel wird Arbeit und verliert seine wunderbaren Eigenschaften. Vielleicht sollten wir auch als Erwachsene nicht immer überlegen, was der Nutzen einer Tätigkeit ist, sondern intuitiv, spielerisch ans Leben herangehen. Wer weiß, was daraus entsteht.

CHRISTIAN UHLE

ist Philosoph und lebt in Berlin. Wenn er sich nicht gerade für uns durch Leibniz‘ umfangreiches Werk gräbt, beschäftigt er sich unter anderem mit Fragen von Sinn, Freiheit oder neuen Technologien. Außerdem moderiert er die Veranstaltungsreihe Philosophie des Digitalen.

Auf einen Keks mit Leibniz · G. W. Leibniz · Philosophie