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Neugier gilt als ein Motor des Philosophierens. Da verwundert es nicht, dass, wie viele Philosophen, auch Gottfried Wilhelm Leibniz gerne reiste. Ungewöhnlich ist indessen die Leidenschaft, mit der er sich durch Europa bewegte, Gelehrte und Bildungsstätten besuchte. Zwanzigtausend Kilometer legte er per Kutsche zurück.

Zusammen mit Leibniz gelangten auch Erkenntnisse an neue Orte. Seine Reisen bereicherten nicht nur ihn selbst, sondern ganz Europa. Denn Leibniz war bereit zum ehrlichen Dialog, ohne den kultureller Austausch schnell ein Überstülpen von Wertvorstellungen wird. Vielleicht sollten wir das Reisen daher weniger als Tätigkeit denn als innere Haltung verstehen, aus der heraus ein Verhalten entspringt. Eine Haltung des Reisens ist ein Aufbruch ins Ungewisse. Und reisend die Welt zu erschließen, ist nur möglich, wenn wir nicht schon wissen, was auf uns zukommt.

Da scheint es geradezu widersinnig, wenn wir vor dem Restaurantbesuch Erfahrungsberichte lesen, mit dem Smartphone durch fremde Städte navigieren oder in standardisierten Unterkünften absteigen. Mit unserer Planungsroutine werden wir zu vermeintlichen Reiseprofis, doch verlernen möglicherweise gerade dadurch, im philosophischen Sinne zu reisen und die eröffnende Kraft des Zufalls zu bejahen. In diesem Sinne bewegen wir uns zwar immer mehr, reisen aber immer weniger. So geraten wir in ein von Paul Virilio als »rasender Stillstand« bezeichnetes Spannungsverhältnis.

Dabei brauchen wir gar nicht immer auf Achse zu sein. Mit der hohen Mobilität von Menschen, Waren und Informationen nehmen auch Unterschiede zwischen entfernten Ländern ab. Gleichzeitig nimmt die kulturelle Vielfalt innerhalb geographischer Räume zu. Die Bandbreite unterschiedlicher Restaurants ist ein anschauliches Zeichen hierfür. Noch stärker als zu Leibniz’ Zeiten ist es uns daher möglich, auch in der eigenen Umgebung zu reisen, Neues zu entdecken und mit unterschiedlichen Menschen in Austausch zu treten.

Leibniz selbst wurde von Kurfürst Georg Ludwig wegen Vernachlässigung seiner Pflichten mit Reiseverboten behängt. Also zog er teilweise heimlich los. Er war ein bewegter Beweger, von dem wir lernen können, dass eine äußere Bewegung nur innere Reise sein kann, wenn wir auch innerlich aufbrechen.

CHRISTIAN UHLE

ist Philosoph und lebt in Berlin. Wenn er sich nicht gerade für uns durch Leibniz‘ umfangreiches Werk gräbt, beschäftigt er sich unter anderem mit Fragen von Sinn, Freiheit oder neuen Technologien. Außerdem moderiert er die Veranstaltungsreihe Philosophie des Digitalen.

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