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Nicht alles im Leben können wir kontrollieren. Immer wieder funkt der Zufall dazwischen. Gleichzeitig haben wir ihm eine Menge zu verdanken. Hätten unsere Eltern einige Stunden später miteinander geschlafen, hätte vermutlich ein anderes Spermium das Rennen gemacht und uns gäbe es nicht. Unsere Existenz fußt damit auf einem großen: Glück gehabt!

Wir neigen dazu, diesen Einfluss von Zufällen auf unser Leben und den gesellschaftlichen Gang zu unterschätzen. Und auch die Kraft gewollter kleiner Veränderungen sollten wir ernster nehmen. Wir sprechen viel über vermeintliche Sachzwänge und betrachten zum Beispiel technologische Entwicklungen, als vollzögen sie sich wie von magischer Hand. Damit übersehen wir Gestaltungsmöglichkeiten. Wir können und dürfen Zukunft gestalten, anstatt bloß passiv zu orakeln, was morgen sein »wird«. Eine solche deterministische Haltung kommt auch in der Kritik an der Fridays for Future-Bewegung zum Ausdruck. Deren Visionen werden vor allem behauptete Grenzen des Machbaren entgegengestellt. Nicht andere Ziele.

Erstaunlich ist für mich, dass sogar Gottfried Wilhelm Leibniz, ein ausdrücklicher Vertreter des Fatalismus, mehr Gestaltungsspielraum sah, als wir es häufig tun. Laut ihm ist der Lauf der Welt vorgegeben, alles ist göttlicher Plan — festgeschrieben in den sogenannten Monaden, die hinter den sichtbaren Dingen wirken. Damit wollte Leibniz den Menschen mit seinem Schicksal und Leid versöhnen, ihn jedoch keinesfalls aus der Verantwortung nehmen. Zwar sei »die ganze Zukunft bestimmt«, da wir aber nicht wissen, »was vorgesehen oder beschlossen worden ist, so müssen wir unsere Pflicht tun nach der uns von Gott vorgegebenen Vernunft.«

Leibniz trat mit ganzer Kraft für Veränderungen ein, er bewegte Menschen. Natürlich, er hatte in seiner Position starke Möglichkeiten. Aber so wie schon winzige Zufälle einen gewaltigen Einfluss auf unser Leben entfalten, können auch wir selbst nach außen wirksam werden und Akzente setzen. Auf vielen Feldern befinden sich unsere Gesellschaften im Umbruch. Damit sind wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Schließlich, so brachte Leibniz es auf den Punkt: »Kleine Dinge machen oft große mächtige Veränderungen. Ich pflege zu sagen, eine Fliege könne den ganzen Staat verändern, wenn sie einem großen König vor der Nase herumsauset«. Lasst uns Fliegen sein!

CHRISTIAN UHLE

ist Philosoph und lebt in Berlin. Wenn er sich nicht gerade für uns durch Leibniz‘ umfangreiches Werk gräbt, beschäftigt er sich unter anderem mit Fragen von Sinn, Freiheit oder neuen Technologien. Außerdem moderiert er die Veranstaltungsreihe Philosophie des Digitalen.

Auf einen Keks mit Leibniz · G. W. Leibniz · Philosophie · Zukunft · Gesellschaft