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IRENE DINGEL
ist Kirchenhistorikerin und Theologin. Am Mainzer Leibniz-Institut für Europäische Geschichte, dessen Direktorin sie ist, leitet sie die Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte.

LEIBNIZ  Frau Dingel, früher sind die Menschen in Krisen immer religiöser gewesen als in Zeiten, in denen alles gut lief. Ist das auch in der Corona-Krise so?

IRENE DINGEL Ich glaube nicht, dass Menschen jetzt religiöser werden. Aber die ohnehin religiösen Menschen, die Gläubigen, werden sich bewusst, dass ihnen etwas fehlt, was man zuvor für selbstverständlich gehalten hatte: die öffentliche Religionsausübung. Sie ist weiterhin eingeschränkt, denken wir an Abstandsregeln, Besucherobergrenzen in Gotteshäusern oder das Verbot von Chor- und Gemeindegesang. All das bewirkt ein Nachdenken über die Präsenz der Religion in der Öffentlichkeit. Dass Gesellschaften in Krisensituationen aber insgesamt religiöser würden, halte ich für unwahrscheinlich. Vielleicht gibt es ein leichtes Ansteigen von Religiosität. Aber das wird sicherlich schnell wieder abflachen.

Hat das damit zu tun, dass wir heute auf andere Formen des Nachdenkens als den Glauben zurückgreifen können?

Mit Sicherheit! Phänomene, die früher unverständlich waren und bedrohlich wirkten, kann man heute naturwissenschaftlich erklären oder es zumindest versuchen. Solche Erklärungen sucht man ja auch jetzt in der Corona-Krise. Wenn wir an frühere Jahrhunderte denken, vor allem an die Zeit vor der Aufklärung, treffen wir auf andere Erklärungsmechanismen. Damals hat man die Natur als unbeherrschbare Gewalt empfunden. Naturkatastrophen, Missernten und Seuchen galten als Schicksalsschläge oder gar als Strafe Gottes für kollektiv begangenes Unrecht, für schlechtes Regieren oder fehlgerichtetes Leben. Für all das also, was man in religiöser Terminologie als Sünde bezeichnen würde.

Mit dem Beginn der Aufklärung ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begann man, Religion zu relativieren und den Verstand an die Stelle des Glaubens zu rücken.

Der große Wahlspruch der Aufklärung wurde ja  der lateinische Aufruf sapere aude, nach Immanuel Kant: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! So erhielten natürlich auch die naturwissenschaftlichen Erklärungen dessen, was man um sich herum erfuhr, einen großen Aufschwung.

Erklärt das, warum wir Virologen heute so wichtig finden?

Mit Sicherheit erklärt es das. Denn wir trauen unseren Virologen zu, dass sie ein bislang unbekanntes Virus entschlüsseln, Impfstoffe und Medikamente entwickeln. Wir kämen wohl kaum auf die Idee, uns auf Gebete oder auf Devotionen zu beschränken, um ein Virus oder eine Naturkatastrophe abzuwenden.

Gibt es denn Beispiele aus der Vergangenheit, in denen Religion bei der Krisenbewältigung eine bedeutende Rolle gespielt hat? Positiv oder negativ?

Wir können in die Geschichte zurückblicken und haben da Mitte des 14. Jahrhunderts zum Beispiel die große Pest.

Das war 1348.

Genau; sie hatte erschütternde Wirkungen auf die demografische und wirtschaftliche Entwicklung Europas. Man hat errechnet, dass damals ungefähr ein Drittel der europäischen Bevölkerung der Pest zum Opfer gefallen ist. Seit jener Zeit spricht man auch vom Schwarzen Tod. Und dann gab es die großen Pestwellen in der frühen Neuzeit.

Die Suche nach Ursachen ist ein genuin menschliches Bedürfnis.

IRENE DINGEL

Foto ANGELIKA STEHLE

Wie haben die Menschen darauf reagiert?

Sie haben in der Pest immer entweder das Wirken des Bösen in der Welt gesehen oder aber das strafende Eingreifen Gottes. Um dies abzuwenden, hat man sich in Gebeten, Bußritualen und Gelübden direkt an Gott gewandt, oder die Mutter Gottes und Pestheilige angerufen. Man hat zudem Stiftungen unternommen. Wir brauchen hier nur an die Pestsäulen, die es allenthalben gibt, zu denken. Die große Pestsäule in Wien zum Beispiel diente als Dankesausdruck für die überwundene Pest, sie diente aber auch der Devotion.

Andere haben Sündenböcke gesucht – so wie heute auch.

Das kommt leider wieder auf, aber natürlich in weniger erschreckender Weise als etwa in Pestzeiten. Damals suchte man sehr oft in kulturellen und gesellschaftlichen Randgruppen nach Schuldigen. Vor allem Juden wurden in den Verdacht gebracht, das Verderben ausgelöst zu haben, etwa unter Rückgriff auf die typischen Topoi der Giftmischerei und Brunnenvergiftung. Das hat zu großen Judenverfolgungen geführt. Wenn wir auf heute und die Corona-Epidemie schauen, so finden wir mit Sicherheit auch in unserer Gesellschaft extremistisch ausgerichtete Gruppierungen, die wieder Antisemitismus oder andere Ressentiments schüren, aber – wie wir doch alle hoffen – die Gesamtgesellschaft nicht in dem Maße anstecken können wie dies noch im Mittelalter in ähnlichen Situationen der Fall war.

Dennoch suchen Menschen auch heute nach Schuldigen. Das sieht man beim US-Präsidenten, der von der chinesischen Seuche spricht oder, wenn anfangs Asiaten gemieden werden. Ist es menschlich, jemanden verantwortlich machen zu wollen?

Die Suche nach Ursachen ist, glaube ich, tatsächlich ein genuin menschliches Bedürfnis. Man muss aber unterscheiden zwischen der Suche nach einem Sündenbock und jener Suche nach Ursachen, die etwa über eine vernunftgesteuerte, naturwissenschaftlich oder überhaupt wissenschaftlich ausgerichtete Betrachtung der Fakten verläuft. In ihr spielen Schuld und Sühne keine Rolle.

Es ist nachvollziehbar, dass gläubige Menschen früher davon ausgingen, dass ihr Gott es in der Hand hat, sie zu verschonen oder eine Sünde zu vergeben. An was glauben Menschen heute?

Auch da kommen wir noch einmal auf die Naturwissenschaft zurück. Heute erfahren wir die Welt und vor allem Umwelt und Natur als beherrschbar. Im Grunde ist es doch so, dass sich die Menschen, die Natur weitgehend untertan gemacht und sie ausgebeutet haben. Folglich sind Naturschutz, Umweltgerechtigkeit, Klimaschutz die beherrschenden Themen. Das heißt, die Adressaten des Appells zur Abwendung befürchteter Katastrophen sind im Grunde die Menschen, die Gesellschaften, die Regierungen selbst. Wir brauchen letzthin nur an die Klima-Aktivisten mit ihrer großen Galionsfigur Greta Thunberg zu denken. Das ist der Impuls, der die Menschen heute bewegt.

Ist Greta Thunberg also eine Art Heilige der neuen Zeit?

Man könnte es fast meinen, wenn man die Medien anschaut und mitverfolgt, wie sie eine große Gefolgschaft hinter sich bildet.

Wenn man religiös ist, drängt sich eine Frage auf: Wie kann Gott so etwas wie Corona dulden? Wie kann der Allmächtige es zulassen, dass die Menschheit so leidet?

Das ist die Theodizee-Frage. Sie kam erstmals nach dem verheerenden Erdbeben von Lissabon auf, das die Stadt 1755 fast vollständig zerstörte und zahllose Todesopfer forderte. Wie kann ein gerechter, ein gütiger und allmächtiger Gott so etwas zulassen? Voltaire kritisierte daraufhin in seiner bissigen Satire Candide Gottfried Wilhelm Leibniz, der die eigentlich theologiefreundliche Theorie entwickelt hatte, dass unsere Welt die beste aller nur möglichen Welten sei. Letztlich musste sich die christliche Religion aber mit der brennenden Theodizee-Frage auseinandersetzen.

Mit welchem Ergebnis?

Das Resultat der Debatte war meist entweder die Ablehnung von Religion, Kirche und Glauben oder aber der Mut – man könnte auch sagen: die Zumutung – solche Spannungen auszuhalten: die Vorstellung von einem einerseits gerechten und gütigen Gott, der sich aber andererseits jeglichem menschlichen Verstehen entzieht, indem er solche Katastrophen zulässt.

CORONA-PODCAST

Unser Gespräch mit Irene Dingel können Sie in voller Länge im Podcast Tonspur Wissen von t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft hören. Für leibniz haben wir es leicht gekürzt und bearbeitet. Im Podcast hat sich die Journalistin Ursula Weidenfeld in den vergangenen Monaten verschiedenen Aspekten der Corona-Krise gewidmet und dafür mit wechselnden Leibniz-Wissenschaftlerinnen und –Wissenschaftlern gesprochen. Alle Folgen finden Sie hier.

Religiöse Menschen gelten in Krisen als widerstandsfähiger. Wie kommt das?

Nun, man könnte Religion als ein Koordinatensystem sehen, das Gemeinschaft vermittelt, selbst wenn man diese Gemeinschaft wie in den vergangenen Monaten nicht mehr praktizieren kann. Und das gibt religiösen Menschen eine Orientierung, einen Halt, den sie nicht selbst hervorbringen müssen. Eine weitere Perspektive wäre: Religion ruft dazu auf, dem Destruktiven nicht die Macht über das eigene Leben und das anderer Menschen zu geben. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum sich bei religiösen Menschen eine etwas gesteigerte Resilienz deutlich macht.

Sind die modernen, weniger religiösen Gesellschaften für Krisensymptome, -empfindungen und auch -hysterie anfälliger, weil ihnen der Glaube fehlt?

Das ist schwer zu beantworten. Man könnte aber mutmaßen, dass schneller eine Orientierungslosigkeit, eine Sprachlosigkeit eintritt, wenn man sich nicht innerhalb eines bestimmten Koordinatensystems zu Hause fühlt, sei es in einer Religion oder in einem anderen Sinnstiftungsangebot.

Sie haben eingangs gesagt, dass es nach der großen Pestwelle wichtig gewesen sei, sich spirituell zu reinigen, indem man etwa Pestsäulen aufgestellt oder Wallfahrten gemacht hat. Welche Rolle spielen Rituale heute? Viele religiöse Menschen sind gerade ja von ihren Ritualen abgeschnitten.

Rituale bieten feste äußere Formen und eine feste geprägte Sprache, in die sich Menschen hineinbegeben können, wenn sie selber orientierungslos oder sprachlos geworden sind. Insofern bieten Rituale ein gewisses Gerüst zur Bewältigung von Krisensituationen. Das bieten sie, denke ich, auch heute noch. Schließlich lassen sich Rituale über die neuen Medien auch in Krisenzeiten in das eigene Wohnzimmer, in die eigene Abgeschlossenheit hineintransportieren.

Diese Rituale heißen eigentlich Gebet, oder?

Sie heißen Gebet, gemeinschaftliches Singen, Verstorbenen in einer Beisetzung das letzte Geleit zu geben und generell Mitteilung von Trost und Hoffnung.

Das sind dann doch immer auch Gemeinschaftserlebnisse, die wichtig sind.

Im Prinzip ist die Grundlage dafür das Gemeinschaftserlebnis, ja.

Gefragt, ob man aus der Geschichte lernen kann, sagen Historiker eigentlich immer: Nein, kann man nicht. Denn jede Geschichte sei anders, Geschichte wiederhole sich nicht. Würden Sie dem zustimmen oder lehrt uns die Geschichte vielleicht doch etwas, um besser mit der aktuellen Corona-Krise fertig zu werden?

Lernen können wir ganz sicher, dass Gesellschaften immer verletzlich sind und dass man Zukunft nicht planen kann. Lernen könnten wir auch, dass Menschen eine verlässliche, am Gemeinwohl orientierte Regierung und eine persönliche ethische Bildung brauchen. Denn beides ist notwendig, um den Zusammenhalt der Gesellschaft zu erhalten, um Ungerechtigkeiten zu erkennen, um menschenwürdiges Verhalten in Krisenzeiten zu gewährleisten.

Aber genau das ist in der Vergangenheit oft sehr, sehr schlecht gemacht worden.

Dann wäre es doch ein schönes Fazit, dass man auch aus den Fehlern der Vergangenheit lernt.

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