leibniz

Der Blick fällt über die Palmen auf diesen hollywoodblauen Himmel. Dahinter glitzert der Pazifik in der Sonne, am Pier von Santa Monica dreht sich das Riesenrad. Nach den Rekordregenfällen des Winters ist die Luft frisch und klar, Kolibris schwirren von Eukalyptusbäumen zu Wildblumen. So ein Märztag in Los Angeles kann schon fast unverschämt paradiesisch sein. Besonders, wenn man im Garten der Villa Aurora steht.

Entspannt geht Daniel Hess durch das üppige Gras, entlang der weißen Mauern der Villa. Mit ihren gusseisernen Toren und den roten Ziegeln wurde sie vor 90 Jahren nach dem Vorbild eines spanischen Schlosses in die Hügel von Pacific Palisades gebaut, einem Stadtteil im Westen von Los Angeles. Hess zeigt auf einen Holztisch im Schatten eines Sonnenschirms. »Hier erzählen wir uns abends bei Wein, was wir den Tag über gemacht haben, woran wir gerade arbeiten, oder schauen einfach nur auf die Lichter der Bucht.«

»Wir«, das sind Hess und die sechs anderen Stipendiaten, die gerade in der Villa Aurora leben. Ein Installationskünstler, zwei Filmemacher, ein Komponist, eine bildende Künstlerin und ein experimenteller Technomusiker. Daniel Hess ist Kunsthistoriker und stellvertretender Direktor des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg. Sie alle nutzen die Ruhe hier draußen bis zu drei Monate lang, um bestehende Projekte voranzutreiben und neue Ideen zu sammeln. Und sie sind nicht die ersten, die diese Ruhe nutzen. In der Villa Aurora knüpfen sie an eine Tradition des Miteinanders und kreativen Austauschs an.

Gerade ist keiner der anderen Stipendiaten zu sehen. »Die arbeiten in ihren Zimmern oder sind auf Entdeckungsreise durch die Stadt«, sagt Hess, während er aus dem Garten hinauf zur Villa geht. Durch enge Flure führt er durch das verwinkelte Gebäude, unter Kronleuchtern hindurch, vorbei an Regalen, auf denen Büsten und Vasen stehen. Schließlich tritt er in den Salon. Der ist leer bis auf einen Blüthner-Flügel und die prall gefüllte Bücherwand gegenüber vom Kamin. An den Wänden dokumentieren Schwarz-Weiß-Fotografien die Geschichte der Villa.

Vor fast 75 Jahren versammelt ein junges Ehepaar aus München hier Künstler und Intellektuelle. Als Marta und Lion Feuchtwanger nach Kalifornien kommen, liegen zehn Jahre Flucht und Exil hinter ihnen. Der Schriftsteller und seine Frau sind als Juden früh den Repressionen der Nationalsozialisten ausgesetzt. Im Frühjahr 1933 brennen auch Lions Bücher. Wenig später steht sein Name auf Hitlers erster Ausbürgerungsliste.

Über das südfranzösische Sanary-sur-Mer, Moskau und New York fliehen die Feuchtwangers nach Los Angeles. Gerade hat Lion seinen Roman »Die Brüder Lautensack« verkauft. Das Honorar stecken er und Marta in ein verfallenes Gemäuer am Rande der Stadt: Für 9.000 Dollar kaufen sie die Villa Aurora. Die Fensterscheiben sind zerbrochen, im Keller vergnügen sich die Ratten zwischen Spinnenweben. Im Schlafsack übernachten Lion und Marta im zugewucherten Garten, bis sie sich Möbel leisten können. Schon bald entwickelt sich die Villa Aurora zum wichtigsten Treffpunkt der deutschsprachigen Exilanten der Stadt. Marta Feuchtwanger kocht für große Gesellschaften.

Im Esszimmer gleich neben der Küche finden hitzige Debatten statt. Schriftstellerinnen wie Vickie Baum, Regisseure wie Fritz Lang und Komponisten wie Arnold Schönberg treffen hier auf Filmemacher, Philosophen und Schauspieler aus aller Welt. Bei den Feuchtwangers diskutieren sie über Kunst und die neuesten Entwicklungen in der Politik. Nur Thomas Mann und Bertolt Brecht dürfen nie gleichzeitig eingeladen werden. Die beiden können sich nicht leiden.

Heute ist die Küche der Feuchtwangers die Gemeinschaftsküche. Wie in einer Studenten-WG kochen die Stipendiaten hier, frühstücken zusammen und planen Wochenendausflüge nach Los Angeles oder in die Natur der Umgebung. Die Villa wurde aufwendig restauriert, seit 1995 ist sie Begegnungsstätte für in Deutschland lebende Künstler und Intellektuelle. Neben den regulären Stipendien der Villa Aurora erinnert das »Feuchtwanger Fellowship« an die Umstände, unter denen ihre Begründer nach Amerika kamen. Einmal im Jahr wird es an einen Schriftsteller oder Journalisten vergeben, der sich für Menschenrechte einsetzt oder sich in seiner Heimat nicht frei äußern kann.

Die Villa liegt am Ende des Sunset Boulevard, weit ab vom Trubel der Innenstadt. »Man kann sich wunderbar konzentrieren «, sagt Hess, »viel besser als zu Hause, wo der Museumsalltag zu wenig Zeit für konzentriertes Arbeiten oder gar Muße lässt.« Die Stipendiaten arbeiten, tauschen sich aus und knüpfen Kontakte in die Kulturszene der Stadt. Sie treiben alte Projekte voran oder beginnen neue.

Auch Daniel Hess hat sich für L.A. einiges vorgenommen. Mit dem Stipendium möchte er unter anderem der deutschen Kulturgeschichte in Südkalifornien nachspüren. Viele Tage hat er in der Bibliothek des »Getty Research Institute« die Geschichte der deutschen Einwanderer und Entdecker recherchiert. Besonders haben den Schweizer die Berichte jener Deutschen gefesselt, die an der Besiedlung Amerikas beteiligt waren. »Die erste Karte des Colorado River hat der fränkische Adelige Friedrich von Egloffstein gezeichnet«, sagt er. »Und die Deutschen hatten früh Kontakt zu den indigenen Völkern.« Hess hofft, dass sich daraus ein deutsch-amerikanisches Forschungs- und Ausstellungsprojekt entwickeln lässt.

Wenn er nicht im Getty-Institut recherchiert oder in der Stadt unterwegs ist, zieht Hess sich in die Villa Aurora zurück. Er möchte jetzt seinen Lieblingsort zeigen: Marta Feuchtwangers Leseraum. Auf einem Schreibtisch hat der Kunsthistoriker mehrere Bücher ausgebreitet, aus den Lautsprechern seines Laptops klingt klassische Musik. Der Blick geht raus auf den Pazifik.

Abends und an den Wochenenden hat Hess hier gearbeitet. Und gelesen: 22.000 Bände umfasst Lion Feuchtwangers Bibliothek, die bis heute in der Villa Aurora steht. An einem langen, stürmischen Wochenende ist Hess auf das Gesamtwerk von Robert Louis Stevenson gestoßen, dem Autor der »Schatzinsel«. Vollendet hat Stevenson den Roman während eines Kuraufenthalts 1880 und 1881 in Davos. Seine Briefe sind erschütternde Zeugnisse des Lebens dort. Davos war damals die letzte Hoffnung für unzählige Kranke, etwa Tuberkulosepatienten. Erst später mutierte der Ort zum Wintersport-Mekka, zum Ferienparadies und seit den 1970er Jahren zum Treffpunkt der Weltwirtschaftsforen.

Daniel Hess arbeitet seit längerem an einem Ausstellungsprojekt zu diesem Kapitel europäischer Kulturgeschichte, zum Kontrast zwischen Urbanität und Alpenidyll, Krankheit und Luxus. Unter der kalifornischen Sonne ist das Projekt neu aufgeblüht. Wie Los Angeles war Davos ein Paradies mit Schattenseiten. »Keiner hat das besser verdeutlicht als Thomas Mann. In seinem ›Zauberberg‹ wurde Davos zur Metapher für die gescheiterten Träume und Utopien Europas.«

In der Villa Aurora gewinne man eine Ahnung von der schmerzvollen Spannung solcher Sehnsuchtsorte. »Man hat diesen Palast und den tollen Blick«, sagt Hess, »aber die Abgeschiedenheit zeigt ja auch, dass die Feuchtwangers und ihre Gäste nicht Teil des Lebens von Los Angeles wurden. Sie waren und blieben in ihrer Sprachkultur Außenseiter, und trugen schwer an der Bürde ihres Vetriebenseins.«

Die Tour endet im Erdgeschoss. Unter dem säulengestützten Balkon des dreistöckigen Gebäudes hat Hess sein Zimmer. Vor dem Fenster baumelt ein Neoprenanzug von der Brüstung. In den vergangenen sechs Wochen hat er sich unten am Strand das Surfen beigebracht. »Ein wunderbarer Ausgleich für die vielen Stunden am Schreibtisch.«

Jetzt muss Daniel Hess den Neoprenanzug einpacken. In wenigen Tagen wird er die Villa Aurora verlassen. Mit ins Gepäck kommen Ideen für die Arbeit am Germanischen Nationalmuseum. »Sechs Wochen sind zu kurz, um Projekte zu vervollständigen, aber die Zeit ist optimal, um neue Perspektiven zu finden, Kooperationen zu vereinbaren.« Er fliege mit vielen Impulsen zurück.

Forschungsmuseen · Kunst · Geschichte · Flucht · Nationalsozialismus · Antisemitismus · USA · GNM