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Judy Garland: Over the Rainbow (1939)

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Der sehnsuchtsvolle Blick zum Himmel ist oft mit der Suche nach einer anderen Wirklichkeit gekoppelt. Hinter dem Regenbogen, dieser bunt leuchtenden Lichtbrücke, muss es doch noch irgendetwas anderes geben? Den Soundtrack dazu lieferte die Schauspielerin Judy Garland mit ihrer Darstellung der kleinen Dorothee. Ein Wirbelsturm bläst das Mädchen, samt Holzhütte, in das Zauberland Oz, wo es einen Traum in Technicolor erleben darf. Garlands Regenbogenlied aus dem Musicalfilm ist heute eine akustische Ikone queeren Lebens: Irgendwo über dem Himmel soll es einen Ort geben, wo jede und jeder in seiner Art geliebt wird.

The Beatles: Lucy in the Sky with Diamonds (1967)

Ähnlich märchenhaft geht es in diesem von John Lennon geschriebenen Klassiker zu: Auch hier schwebt ein Mädchen durch den Himmel — mit Diamanten. Worum es in dem Lied wirklich geht, ist seit Erscheinen des Albums »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« ein Dauerthema im Popdiskurs. Dass der Song eigentlich von der Droge LSD handle, hat Lennon sein Leben lang bestritten, stattdessen habe ihn eine kindliche Zeichnung seines Sohns Julian inspiriert. Herausgekommen sind wunderbar surrealistische Sprachbilder, darunter die »marmalade skies«.

Nick Drake: Pink Moon (1972)

Ist der Regenbogen ein Zeichen von Hoffnung, ist der sich rot färbende Mond die Ankündigung der Apokalypse. So steht es schon in der Bibel und Nick Drake wusste das: Keiner von Euch wird stark genug sein, der pinkfarbene Mond wird Euch alle kriegen, sang er im Titelsong seines dritten Albums sinngemäß, mit zuckersüßer Stimme. Die PR-Manager eines Wolfsburger Automobilherstellers waren wohl weniger bibelfest, als sie knapp 30 Jahre später den Werbespot für ein Cabriolet mit »Pink Moon« unterlegten. Vier Jugendliche glitten darin glücklich durch eine sternenklare Nacht. Die missglückte Kampagne hat Nick Drake den ihm gebührenden Ruhm beschert. Erlebt hat er ihn nicht mehr. Nach »Pink Moon« hat er keine Platte mehr aufgenommen. Er starb 1974 an einer Überdosis Antidepressiva.

Soundgarden: Black Hole Sun (1994)

Himmelserscheinungen werden in der Popmusik selten pathosfrei besungen. Sie sind nie nur Ausdruck interstellarer Ereignisse. Wenn der Mond sich vor die Sonne schiebt, ist das Ende, die Auslöschung des Lebens, nah. Chris Cornell, Sänger und Mastermind der Band »Soundgarden«, hat das Bild der Sonne, die zu einem schwarzen Loch wird, als Seelenzustand beschrieben. Schwarze Löcher haben die Eigenschaft, alles, was ihnen zu nahe kommt, aufzusaugen und nicht wieder frei zu geben. Leider beschreibt das nicht nur ein physikalisches Gesetz von toten Himmelskörpern, sondern auch den Effekt der Krankheit, an der wohl auch Chris Cornell litt, so wie Nick Drake. Im Mai 2017 hat ihn die schwarze Sonne Depression verschluckt.

Bob Dylan: Knocking on Heavens Door (1973)

»Eine große schwarze Wolke senkt sich über mich«, singt Bob Dylan in einem seiner meistgecoverten Songs. Es sind die Worte eines Sterbenden, der sich der Insignien seiner Macht entledigt, um sich der völligen Dunkelheit hinzugeben. Und dem Gefühl, vor der Himmelspforte zu stehen — in der Hoffnung, eingelassen zu werden. Dylan hat das Lied für den sterbenden Sheriff aus dem Film »Pat Garrett & Billy the Kid« geschrieben. Sein repetitives »Knock, Knock, Knocking on Heavens Door« aber hat sich in der Musikgeschichte verselbständigt wie das Bild von Petrus, der an der Pforte steht, um den Gestorbenen Einlass zu gewähren.

Helen Thein ist Geschlechterforscherin und arbeitet am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.
Bright Eyes: At the Bottom of Everything (2005)

Lebend kommen Menschen also nur selten in den Himmel. Es sei denn, sie steigen in ein Flugzeug. Über den Wolken zu sein, ist aber nur solange schön, wie keine Luftlöcher stören oder technische Pannen Panik auslösen. Aviophobiker sollten sich den Eröffnungstrack des Albums »I’m Wide Awake, It’s Morning« besser nicht anhören. Mit beiläufiger Stimme, nebenbei einen Drink schlürfend, erzählt Conor Oberst, wie eine junge Frau einen Flugzeugabsturz erlebt. Bevor die Traumsequenz in einen Alptraum kippen kann, greift Oberst zur Gitarre und wandelt die Geschichte in eine Allegorie vom Ende der Zeit. Leichtfüßiger sind selten Handlungsanweisungen für die letzten Minuten vertont worden.

Belinda Carlisle: Heaven is a Place on Earth (1987)

Nun, zu sterben, um in den Himmel zu kommen, oder aus dem Himmel zu stürzen, um zu sterben, sind nicht die einzigen himmlischen Optionen. Es gibt auch eine profane, ganz irdische Variante, nämlich die, die Welt zum Himmel auf Erden zu machen. Wie das geht? Belinda Carlisle macht das mit dem Holzhammer, nein, mit satten Diskoklängen und einem lauthalsen Frauenchor klar.

Tom Waits: Little Trip to Heaven (1973)

Etwas subtiler geht Tom Waits vor. Bevor er mit seiner uralten Stimme von dem Bananenmond da oben singt, lässt er eine Trompete säuseln, drückt ein paar Klaviertasten. »Ich muss keinen Trip in andere Sphären nehmen, ich muss nur in Dein Gesicht sehen. Aber bevor ich das tue, bewege ich mich in dem Orbit, der Dich umgibt, und danke den Sternen, dass es Dich gibt.« Wer so anhebt, bekommt den Himmel geschenkt. Bevor das Pathos überhandnimmt und der Barsound einen völlig trunken macht, stiehlt sich der alte Barde mit einem »Shoobbie do bab ba da« davon. Zu spät. »Closing Time«, das Debüt von Tom Waits, ist eine einzige Verführungsplatte — von einem, der behauptet, genau das nicht zu tun.

Small Faces: Afterglow of Your Love (1969)

Und danach? Kommt im besten Fall das »Afterglow«, womit nicht nur das Abendrot gemeint sein muss. Die Originalbesetzung der »Small Faces« hat sich mit dieser Single von ihren Fans verabschiedet. Sänger und Songschreiber Steve Marriott verließ die Small Faces, um sich der Band »Humble Pie« um Peter Frampton anzuschließen. 1991 starb er mit nur 44 Jahren an einer anderen Form des Nachglühens. Er war mit einer brennenden Zigarette eingeschlafen.

Einstürzende Neubauten: Letztes Biest (am Himmel) (1985)

Bevor »Rammstein« ihre Feuerwerke zündeten, waren die »Einstürzenden Neubauten« der Exportschlager deutscher Popkultur. Ihre Lust, auf allem, was brachial klingt, herumzuhämmern, kann vergessen machen, dass einige ihrer Stücke zu den poetischsten Liedern deutscher Zunge gehören. Blixa Bargeld kann schreien, ohne zu toben, sich in die Sonne hineinversetzen, ohne zu verbrennen. »Ich bin das letzte Biest am Himmel. Ich bin das letzte schöne Sternentier. Ich bin das letzte fiebrige Gestirn. Halt mich fest, halt mich fest, halt mich fest, in der Morgendämmerung.« Selbst die schlagwerkende Instrumentierung klingt wie vertonte Umlaufbahnen der Gestirne.

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