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ROSHAN ADHIHETTY
Hüllenlos über Stock und Stein. Für seine Reportage begleitete der Fotograf zwei Jahre lang Nacktwanderer durch die Alpen. Die einzige Bedingung: Auch er selbst musste die Outdoorkleidung zu Hause lassen.

»Auch ich in Arkadien!«, diesen Ausruf stellte Johann Wolfgang von Goethe seiner tagebuchartigen »Italienischen Reise« voran. Goethe reiste per Kutsche, dem Fortbewegungsmittel der Wohlhabenden im 18. Jahrhundert. In diesen Genuss kamen längst nicht alle seiner Zeitgenossen. Viele waren auf die eigenen Füße angewiesen. Und diese Fußreisen Fußreisen waren ein großes Abenteuer. Als sich im 17. Jahrhundert, dem »Goldenen Zeitalter« der Niederlande, unter einigen der damals zahlreichen Maler die Mode ausbreitete, zum Kunststudium nach Italien aufzubrechen, vor allem um die Bilder des späten Caravaggio zu studieren, ist so mancher unverrichteter Dinge zurückgekehrt.

Den gesundheitlichen Herausforderungen einer langen Fußreise war nicht jeder gewachsen, vor allem aber bereiteten Wegelagerer der Reise durch brutale Überfälle oft ein Ende. Wer ausgeraubt war, musste umkehren. Und auch das muss äußerst schwierig gewesen sein: Wie haben sich Menschen lange vor Western-Union-Überweisungen eigentlich wieder bis nach Hause durchgeschlagen?

Die Freude am Naturerlebnis, die wir heute mit dem Wandern verbinden, hat mit den abenteuerlichen Fußreisen der Vergangenheit nicht mehr viel gemeinsam. Dieser Wandel zeigt sich auch im — nicht erst durch Hape Kerkelings Jakobswegbericht »Ich bin dann mal weg« ausgelösten — weltweiten Wanderboom seit den späten 1990er Jahren.

Über das Wandern nachzudenken, hat dabei eine lange Tradition. Bereits 1802 hielt der Schriftsteller Karl Gottlob Schelle in »Spatziergänge oder die Kunst Spatzieren zu gehen« fest: »Die Aufgabe ist: geistige Thätigkeit mit körperlicher zu verbinden, ein bloß mechanisches Geschäft (des Gehens) zu einem geistigen zu erheben.«

Da die Tätigkeiten Gehen, Denken und Schreiben eng miteinander verbunden scheinen, führt das Projekt, sich einer Kulturgeschichte des Wanderns anzunähern, zu einer immer reicher werdenden Auswahl literarischer Quellen. Auch die Bildende Kunst spielt eine bedeutende Rolle. So ging die Ausstellung »Wanderlust« in der Berliner Nationalgalerie im vergangenen Jahr der Frage nach, wie Maler, vor allem seit dem 18. Jahrhundert, unser Naturempfinden geprägt haben.

Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg verbindet in der noch bis Ende April laufenden Ausstellung »Wanderland« ästhetische mit gesellschaftlichen Komponenten zu einer »Reise durch die Geschichte des Wanderns«.

Die Ausstellungsmacher des Leibniz-Forschungsmuseums spüren dem Wort »Wandern« zunächst etymologisch nach. Im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm heißt es: »erst die neuere zeit kennt wandern als das frohe durchstreifen der natur, um körper und geist zu erfrischen. nachdem durch die romantik und die turnerei die wanderfreude erweckt war, ist das wort in diesem sinne beliebt.« Es folgt ein Hinweis auf den Autor Johann Gottfried Seume, der 1801 mitten in einer Lebenskrise zu seinem »Spaziergang nach Syrakus« aufbrach. Reines Idyll war das Wandern aber auch da noch lange nicht, so berichtet Seume von Schluchten, in denen »die Arme und Beine der hingerichteten Straßenräuber zum Denkmal und zur Warnung aufgehängt« waren.

Doch mehr noch als die menschliche Spezies scheint die Natur selbst das Schreckgespenst des Reisenden gewesen zu sein. Vor der Romantik galt sie in Mitteleuropa vielfach als schrecklich, dämonisch und unkontrollierbar. Man war ihr ausgesetzt — ohne Hightechkleidung und reservierten Schlafplatz. Apropos Schlafplatz: Basho, der japanische Avantgardist unter den wandernden Dichtern, beschrieb in einem Gedicht, wie man sich so ein vorromantisches Nachtlager vorzustellen hat: »Nichts als Flöhe und Läuse! / Und nah an meinem Kopfkissen / Pisst auch noch ein Pferd.«

Als Gegenmodell zur unbeherrschbaren, überwältigenden Natur galt bis ins 18. Jahrhundert hinein der Barockgarten: ein safe space, in dem alles in geometrische Formen gestutzt und das Chaotische, wie der Soziologe Peter Becker es im Katalog der Nürnberger »Wanderland«-Ausstellung formuliert, ins Harmonische verwandelt wurde. Höhepunkt der Beherrschung der Natur war die Zähmung des Wassers. Das »stets ausbrechende, zum Zorn neigende Element Wasser« verwandelte sich durch Kaskaden und Fontänen zur »lebendigen Seele« des Gartens.

Die Erfindung des Wanderns, wie wir es heute kennen, ist im tatsächlichen Wortsinn weniger ein Natur- als ein Kunstprodukt. Die Kunst war ausschlaggebend für das Wagnis, sich der ungezähmten Natur auszusetzen. Eine Schlüsselrolle wird dabei Albrecht von Hallers Gedicht »Alpen« von 1729 sowie Jean-Jacques Rousseaus Briefroman »Julie oder Die neue Heloise« von 1761 zugesprochen. Diese Werke weckten die Begeisterung für die Bergwelt.

Die Bildende Kunst nahm den Impuls auf. Die Maler zogen in die Landschaft und entdeckten dort ihre Motive. Statt wie in der Renaissance Fantasielandschaften oder wie im niederländischen Goldenen Zeitalter realistische Landschaften zu entwerfen, wurde Landschaft in der Romantik zum Symbol des Erhabenen sowie zur sinnbildlichen Begleiterin der Lebensreise des Menschen. Bekannte Beispiele sind Caspar David Friedrichs »Der Wanderer über dem Nebelmeer« und »Der Mönch am Meer«. Anhand der mit geistiger Klärung assoziierten Stimmungen der Gemälde lässt sich ein weiterer wichtiger Einfluss auf das Wandern ausmachen: das Pilgern.

Das Gehen ist eine Reise in die Welt, die uns geschaffen hat.

Als Gegenmodell zur unbeherrschbaren, überwältigenden Natur galt bis ins 18. Jahrhundert hinein der Barockgarten: ein safe space, in dem alles in geometrische Formen gestutzt und das Chaotische, wie der Soziologe Peter Becker es im Katalog der Nürnberger »Wanderland«-Ausstellung formuliert, ins Harmonische verwandelt wurde. Höhepunkt der Beherrschung der Natur war die Zähmung des Wassers. Das »stets ausbrechende, zum Zorn neigende Element Wasser« verwandelte sich durch Kaskaden und Fontänen zur »lebendigen Seele« des Gartens.

Die Erfindung des Wanderns, wie wir es heute kennen, ist im tatsächlichen Wortsinn weniger ein Natur- als ein Kunstprodukt. Die Kunst war ausschlaggebend für das Wagnis, sich der ungezähmten Natur auszusetzen. Eine Schlüsselrolle wird dabei Albrecht von Hallers Gedicht »Alpen« von 1729 sowie Jean-Jacques Rousseaus Briefroman »Julie oder Die neue Heloise« von 1761 zugesprochen. Diese Werke weckten die Begeisterung für die Bergwelt.

Die Bildende Kunst nahm den Impuls auf. Die Maler zogen in die Landschaft und entdeckten dort ihre Motive. Statt wie in der Renaissance Fantasielandschaften oder wie im niederländischen Goldenen Zeitalter realistische Landschaften zu entwerfen, wurde Landschaft in der Romantik zum Symbol des Erhabenen sowie zur sinnbildlichen Begleiterin der Lebensreise des Menschen. Bekannte Beispiele sind Caspar David Friedrichs »Der Wanderer über dem Nebelmeer« und »Der Mönch am Meer«. Anhand der mit geistiger Klärung assoziierten Stimmungen der Gemälde lässt sich ein weiterer wichtiger Einfluss auf das Wandern ausmachen: das Pilgern.

Pilgerreisen sind aus allen Weltreligionen überliefert. In ihrem Essayband »Wanderlust. A History of Walking« differenziert die US-amerikanische Kulturhistorikerin Rebecca Solnit: Während Wanderer sich mit Trekkingstiefeln und Walkingstöcken bewaffnen, um sich Land und Natur möglichst bequem anzunähern, machen Pilger sich die Wallfahrt so schwer wie nur möglich. Das Pilgern soll Körper und Seele von triebgesteuerten Affekten befreien. Es hat eine spirituelle Läuterung zum Ziel. Um sie zu erlangen, sind aus unterschiedlichsten Pilgertraditionen Techniken zur Erschwerung der körperlichen Fortbewegung überliefert: das Gehen auf den Knien ebenso wie das Ausmessen der gesamten Wegstrecke mit der eigenen Körperlänge.

Zwar ist die Selbstgeißelung beim Pilgern ein vorwiegend religiöses Motiv, der selbstreinigende und selbstreflexive Effekt ist jedoch, trotz Treckingstiefeln, auch ein Begehren heutiger Wandernder. So steigen die Zahlen der Fußtouristen auf dem berühmtesten europäischen Pilgerweg nach Santiago de Compostela stetig. 2018 kamen, laut dem dortigen Pilgerbüro, fast 350.000 Menschen zu Fuß in den nordspanischen Wallfahrtsort.

Oft spielen religiöse Motive dabei weniger eine Rolle als das Verlangen nach einem selbstbestimmten Tempo, das bereits seit den gesellschaftlichen Umbrüchen der Französischen Revolution als subversives Mittel gegen akzelerationistische Gesellschaftsentwicklungen gesehen werden kann. »Gehen ist eine Reise aus der Welt, die wir geschaffen haben, in die Welt, die uns geschaffen hat«, überlegt der Schriftsteller Ilija Trojanow in seiner Anthologie »Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß«.

Neben Naturerlebnis und Selbsterfahrung hat auch eine dritte Komponente maßgeblich zum anhaltenden Wanderhype beigetragen: der Fitnessfaktor. »Aktiv sein«, »etwas für die Gesundheit tun« rangieren in Umfragen nach den häufigsten Wandermotiven weit oben. »Sechshundert Muskeln und hundert Gelenke« werden, wie Trojanow recherchiert hat, beim Gehen aktiviert. Fitness allein lässt sich jedoch auch auf anderen Wegen erreichen. Das Besondere sei die Verbindung von körperlichem und seelischem Wohl beim Wandern, die inzwischen sogar wissenschaftlich erklärt werden kann.

Trojanow verweist auf den Hippocampus, eine knopfgroße Hirnregion, in der unsere Gedanken aus dem Kurz- ins Langzeitgedächtnis übertragen werden. Aus Im-pressionen werden Erinnerungen, aus Wahrnehmung wird Fantasie. Das funktioniere besonders gut, wenn die Nervenzellen in einem gleichmäßigen Rhythmus arbeiten — wie dem des Gehens. »Keep the beat«, schreibt Trojanow. »Wer hätte gedacht, dass die freiwillige Wiederholung des ewig gleichen Schrittes das Denken befördert.«

Gedacht vielleicht nicht, gefühlt hingegen schon. So ist nicht nur die Wanderlust ein Produkt der Kunst, sondern auch die Kunst ein Produkt des Gehens. Die Liste der Künstler, die sich ihre Werke ergingen und ergehen, ist unendlich lang. Von Beethoven bis Björk, von Basho bis Thomas Bernhard, von Caspar David Friedrich bis zur Performancekünstlerin Marina Abramović.

Wie aber nehmen wir heute, 200 Jahre nach unseren die »Wanderlust« entdeckenden Vorfahren, die Welt um uns herum wahr? Ein Blick in das Auge der Gegenwart — das heißt: die sozialen Medien — lässt in Bezug auf das Wandern erst einmal keinen großen Unterschied zu den Motiven der Romantik erkennen. Die wandernde Internetcommunity postet idyllische Picknickbilder oder erhabene Panoramen mit Klippen, steilen Abgründen, Bergmassiven, gebogenen Bäumen, Licht- und Wolkenspielen. Je spektakulärer, desto besser. Dass Shootings für Instagram und Facebook schon zu Todesfällen geführt haben, verwundert kaum.

Barbara Leven, Mitkuratorin der Nürnberger Ausstellung »Wanderland«, zeigt am Beispiel der German Roamers, einer Gruppe junger Outdoorfotografen, noch eine weitere Tendenz auf: Effekte und Filter scheinen neoromantische Stimmungen in eine Fantasy-Welt im Stil von »Der Herr der Ringe« zu überführen. Je weiter die Natur vom Menschen wegrückt und umgekehrt, desto größer die Sehnsucht, mit ihr zu verschmelzen — und sei es durch Inszenierung und Verfremdung.

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