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ALEXANDRA W. BUSCH
ist Generaldirektorin des Römisch-Germanischen-Zentralmuseums, dem Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie.
Mit ihrer Forschungsgruppe untersucht sie, weshalb manche Menschen und Gruppen Krisen besser überstehen als andere.

LEIBNIZ Frau Busch, der Begriff Resilienz, die psychische Widerstandsfähigkeit von Menschen, ist in aller Munde. Sie beleuchten ihn aus archäologischer Sicht. Weshalb?

ALEXANDRA W. BUSCH Der Umgang mit Stress und Herausforderungen war immer schon wesentliches Merkmal und Antrieb menschlichen Handelns. Das macht Resilienz für uns interessant. Unter Resilienz verstehen wir dabei etwas, das Menschen oder Gemeinschaften dazu bringt, Stress und Krisen zu bewältigen: zum Beispiel Widerstandskraft oder bestimmte Fähigkeiten, Potenziale und Eigenschaften sowie die genetische oder sozialisierte Disposition. Im Vordergrund unserer Forschung steht die Frage, welche Faktoren unsere Widerstandsfähigkeit verbessern und ob diese für alle Menschen, Gemeinschaften und Lebenssituationen gleich relevant sind. Um dann Empfehlungen und Ratschläge für konkretes Handeln abzuleiten.

Warum der Blick in die Vergangenheit?

Um den Menschen zu verstehen, muss man seine Geschichte kennen. 99 Prozent der Menschheitsgeschichte sind uns nur über Ausgrabungen zugänglich, und zwar vor allem über Objekte, die der Mensch geschaffen hat und ihre Fundkontexte, in denen menschliches Handeln seinen Niederschlag findet. Derzeit gibt es ein großes Interesse an aDNA-Analysen: Das sind Untersuchungen alter Erbinformationen, um Erkenntnisse über unsere Evolution zu gewinnen. Doch allein anhand seiner Gene lässt sich der Mensch nicht begreifen. Erst in der materiellen Kultur zeigt sich, wie er »getickt« und was ihn resilient gemacht hat.

Was macht Menschen widerstandsfähig?

In der Psychologie und den Lebenswissenschaften wurden eine Reihe von Faktoren beschrieben, die seine Widerstandskraft beeinflussen: Spiritualität, soziale Eingebundenheit, Selbstwirksamkeitserwartung, Optimismus. Wir untersuchen, ob sich diese Faktoren durch archäologisches Material bestätigen lassen: Wie lange sie schon existieren, ob frühe Faktoren heute noch wirksam sind und ob sie sich in verschieden geprägten Gesellschaften unterscheiden. Dabei gehen wir bis in das Paläolithikum, also bis mehr als eine Million Jahre zurück. Wir untersuchen aber nicht nur die bekannten Resilienzfaktoren. Ziel unserer Forschung ist auch, Einflussfaktoren zu finden, die in der Wissenschaft noch nicht beschrieben wurden.

Haben Sie dafür schon Anhaltspunkte?

Ein Faktor, der die psychische Widerstandskraft erhöht, scheint die soziale Identität eines Menschen zu sein: das Gefühl, zu einer gesellschaftlichen Gruppe zu gehören. In der Antike war das zum Beispiel die berittene Leibgarde des römischen Kaisers. Deren Mitglieder kamen aus dem ganzen Römischen Reich, waren fern von zu Hause und hatten dann diese Einheit als Bezugspunkt und machten dies auch optisch deutlich. Heute erfüllen zum Beispiel Fußballclubs diese Funktion. Die Mitglieder eines Fanclubs stehen dem Einzelnen zwar nicht automatisch bei persönlichen Rückschlägen bei; dennoch hilft die Zuordnung zur Fangruppe offenbar, besser mit Krisen, etwa Abstieg, zurechtzukommen.

Wie können Sie Resilienzfaktoren an Ausgrabungsfunden erkennen?

Erkenntnisse über Spiritualität ziehen wir zum Beispiel aus Gräbern: Sie bieten zu allen Zeiten einen beeindruckenden Einblick in das Leben der Menschen. Gab es Bestattungsrituale? Welche Grabbeigaben wurden den Toten mitgegeben? Wurden sie an einem besonderen Ort oder in einer speziellen Haltung bestattet? Daraus können wir Rückschlüsse ziehen, wie die Menschen mit den Themen Tod und Trauer umgegangen sind und den Weg ins »normale« Leben zurückgefunden haben. Hier treffen individuelle Trauerprozesse auf gesellschaftliche Regeln der »richtigen« Verlustverarbeitung.

Wie lassen sich solche Erkenntnisse auf ganze Gesellschaften übertragen?

Gesellschaften ändern sich ständig. Wie diese Transformationen aussehen, liegt unter anderem an der Resilienz einer Gesellschaft. Wie sie mit Krisen umgeht, ob sie daraus Muster zur Bewältigung künftiger Herausforderungen entwickelt, bestimmt ganz wesentlich, in welcher Art sie fortbesteht, sich eventuell auch reformiert oder ganz auflöst. Wenn die Gesellschaft eine geringe Resilienz besitzt, ist die Gefahr deutlich höher, dass sie sich in eine ungewollte oder in ihren Konsequenzen unabsehbare Richtung entwickelt.

Wie resilient schätzen Sie die deutsche Gesellschaft ein?

Krisen zu managen und ihre Folgen abzuschwächen, gehört sicherlich zu den Herausforderungen unserer aktuellen Gesellschaft. Durch breitere Information haben wir ein größeres Bewusstsein für mögliche Krisen als früher. Das führt dazu, dass wir uns mehr Sorgen machen und alternative Handlungspotenziale mitunter nicht mehr sehen. Ich rate daher zum besonnenen Umgang mit realen oder gefühlten Bedrohungen. Die Gewissheit, einer künftigen Krise gewachsen zu sein, steigert die Resilienz einer Gesellschaft. Ziel sollte es immer auch sein, nicht nur Strategien zur Bewältigung von Krisen zu entwickeln, sondern die Entstehung von Krisen zu erkennen und ihnen angemessen vorzubeugen.

Wie können wir das schaffen, was ist Ihre Empfehlung?

Die Resilienz einer Gesellschaft bedeutet nicht automatisch, dass es ihren Mitgliedern gut geht. Wir dürfen die Einzelnen nicht aus dem Blick verlieren. Burnout, Depressionen und posttraumatische Störungen sind zwar nicht neu, prägen aber zunehmend unseren Alltag. Wir sollten darüber nachdenken, wie man Stressoren vermeiden kann: weg von einer Angst- und Risikogesellschaft hin zu mehr Optimismus.

Das Projekt wird mit den Mitteln des Leibniz-Wettbewerbs für einen Zeitraum von drei Jahren unterstützt. Details zu diesem und weiteren Leibniz-Forschungsprojekten gibt es unter: www.leibniz-gemeinschaft.de

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