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Im Epilog verkehren wir den Schwerpunkt »Himmel« in sein Gegenteil. Weitere Epiloge finden Sie hier.

Zu den fantastischsten Stätten, die je ein Mensch ersonnen hat, zählt das Höllenreich. In allen Weltreligionen bekannt, gilt es Juden und Christen als Ort ewiger Verdammnis. Gerade in mittelalterlicher Zeit fürchteten sich die Menschen vor allem und jedem. Himmelserscheinungen, Erdbeben und Missgeburten wurden als Zeichen Gottes fehlinterpretiert und beflügelten Endzeitfantasien.

Ganz besonders aber fürchtete man die Hölle, in die einen die eigenen Schwächen auf direktem Weg hineinzukatapultieren drohten. Mit dem auf menschlichen Lastern basierendem Konzept der sieben Todsünden hatte die klassische Theologie ein Drohpotential aufgebaut, das den Gläubigen mit der steten Sorge um die eigene Seele in Atem hielt: Starb man reuelos und ohne Buße getan zu haben, erhielt man seine Strafe in der Hölle. Jenseitsvorsorge, etwa durch Ablass, war daher über Jahrhunderte ein zentrales Thema für Christen.

Überraschenderweise verraten biblische Quellen nur wenig über ihr Aussehen. Erst ein gutes Stück fern der kanonischen Schriften erfährt man mehr. Insbesondere Visionsberichte aus dem Mittelalter wussten die Höllenvorstellungen in der Volksfantasie zu befeuern: Papst Gregor I. verortete die Hölle auf der Insel Vulcano, die zum Archipel der Liparischen Inseln zählt. Die »Visio Tnugdali« beschrieb sie als Aufeinanderfolge verschiedenster Straforte.

Noch facettenreicher schilderte Dante Alighieri die gnadenlose Totenwelt und ihre Bewohner: Die »Divina Commedia« machte sie zu einem begehbaren Ort im Erdinnern — mit Luzifer in der geografischen Mitte. Auf seiner Wanderung durch die Abgründe der neun Höllenkreise begegnet der Dichter dem Höllenhund Cerberus, den Furien, Medusa und dem Minotaurus.

Dantes detailreiche literarische Vorlage half Künstlern bei ihren Höllenkompositionen allerdings kaum. Auf Altären und Tympana fehlte schlicht der Platz für so viel Hölle. Ihre Verbildlichung, wie sie Darstellungen des Jüngsten Gerichts oder der »ars moriendi« forderten, bedurfte vielmehr einer Unterwelt im Kleinformat. Das erklärt den Siegeszug des »Höllenrachens«, der gedanklichen Verbindung eines flammenspeienden Tiermauls mit dem Eingang zur Unterwelt. Dieses Motiv mutierte im Verlauf der Jahrhunderte zur Allegorie der Hölle schlechthin. Über die Frage, ob unter »Hölle« nicht nur ein Zustand der Gottlosigkeit, sondern auch ein real existierender Ort zu verstehen sei, sind sich Theologen bis heute uneins.

JOHANNES POMMERANZ leitet die Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg. Dort hat er unter anderem eine Ausstellung zu Monstern konzipiert.

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