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7:30 Uhr, im Haus der Familie Brzezicki am Ortsrand von Schönbach bei Kirchhain bei Marburg: Ida, sechs, muss noch die Zähne putzen. Kuba, acht, hat schon seine sehr bunten Turnschuhe an. Sławek, der Vater, ist in Gedanken womöglich schon bei den Kirchen und Schlössern Kleinpolens, überwacht aber auch die Mundhygiene seiner Tochter. Ksenia, die Mutter, setzt noch einen Tee auf, bevor sie das dunkelblaue Sakko überzieht, in dem sie später an einer »digitalen Forschungsinfrastruktur« arbeiten wird, einer komplexen Datenbank zur Erfassung und Bebilderung ostmitteleuropäischer Kunstdenkmäler.

Zwei Berufe plus Kinder sollen unter einen Hut. Das ist Alltag, für die Familie Brzezicki, aber auch — in ähnlicher Form — für hunderttausende weitere Familien in Deutschland. Es ist aber noch nicht so sehr Alltag, dass da keinerlei Hürden mehr zu überwinden wären.

Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten hat die Politik in Deutschland zwar viel dafür getan, dass sich diese Herausforderung meistern lässt, hat etwa das Elterngeld eingeführt und die Zahl der Krippenplätze innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt. Seitdem verlaufen gewissermaßen Gleise durch frühere Wildnis; auf ihnen können Familien ihren Alltag organisieren. Aber den konkreten Fahrplan müssen sie selbst entwerfen: Wer bringt die Kinder in die Kita? Wer holt sie von der Schule ab? Wer bleibt zuhause, wenn sie krank sind? Wer steckt notfalls im Beruf zurück?

Wissenschaftlern (sofern ihnen keine C4-Professur vergönnt ist) fällt dieser Spagat nicht leichter als Angestellten in der Privatwirtschaft. An den Hochschulen sind ihre Verträge zu 93 Prozent befristet, an außeruniversitären Einrichtungen sind es 84 Prozent. Um freie Stellen konkurrieren Forscher aus aller Welt; wer umgekehrt eine attraktive Position sucht, bewirbt sich international. Und stets herrscht der Druck, Fachartikel zu veröffentlichen und die eigene Institution auf Tagungen zu repräsentieren.

Umso spürbarer ist dieser Druck, wenn beide Elternteile im akademischen Betrieb arbeiten. Wie also bekommt man in der Praxis beides unter einen Hut: Forscherkarriere und Kinder?

Wenn Ida mit dem Schulbus fährt, gewinnen wir fünf Minuten.

SŁAWEK BRZEZICKI

Ksenia Stanicka-Brzezicki ist Kunsthistorikerin, sie hat ihre Doktorarbeit über schlesische Künstlerinnen im 19. und 20. Jahrhundert geschrieben. Sławomir Brzezicki, kurz: Sławek, ebenfalls Kunsthistoriker, arbeitet auf einer halben Stelle an einem neuen Band des »Dehio«, einem Handbuch bedeutender Bau- und Kunstdenkmäler. Beide sind Anfang Vierzig, stammen aus Schlesien und forschen am Marburger Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung. Seit der Jahrtausendwende sind sie von Marburg nach Wrocław gezogen und wieder zurück, dazwischen wurden Jakub, genannt Kuba, und Ida geboren.

»Es ist schön, dass wir beide eine Stelle in der gleichen Stadt haben«, sagt Ksenia. »Das war nicht immer so.« Vier Jahre lang ist Sławek im Zweiwochentakt zwischen Marburg und Wrocław gependelt, wo Ksenia nach ihrer Promotion eine Stelle hatte. Hilfreich sei auch, dass sie ihre Arbeitszeiten — um eine Kernphase herum — flexibel einteilen könnten. »Trotzdem brauchen wir jeden Abend zehn Minuten, um zu besprechen, wie wir den nächsten Tag organisieren.«

An diesem Mittwochmorgen, acht Uhr, steigen alle vier in einen SUV mit niederschlesischem Kennzeichen; gute fünf Minuten später rollt er auf einen Parkplatz im benachbarten Großseelheim. Kuba verschwindet im wenige Schritte entfernten Schulgebäude, Ida bringen die Eltern in die Kita gleich gegenüber.

Das ist auch ein bisschen Glück: dass beide Kinder den Tag beinahe am gleichen Ort verbringen, dass der Große nach der Schule bei seiner Schwester in der Kita warten kann, wenn den Eltern etwas dazwischen kommt.

Glück ist es auch, zumindest in diesem Zusammenhang, dass Ksenia und Sławek am selben Ort arbeiten. Das spart eine Fahrt, und jede eingesparte Fahrt senkt den Stresslevel. »Wenn Ida im Sommer in die Schule kommt und mit dem Schulbus fahren darf, gewinnen wir morgens fünf Minuten«, sagt Sławek. »Wir werden eine Espressomaschine kaufen, um die Extrazeit zu genießen.«

Vielleicht ist es sogar Glück, in einem beschaulichen Städtchen zu arbeiten und nicht in München oder Hamburg, wo sich allmorgendlich der Speckgürtel ins Zentrum zwängt. Nach Marburg kommt man reibungslos, mühsam sind allenfalls die Serpentinen, die zum Schlosspark hinaufführen. Da liegen die Institutsgebäude, so abgelegen, dass bis zehn Uhr Essen bestellen sollte, wer nicht vorgekocht hat (was Ksenia und Sławek praktisch nie passiert, weil der Dorfbäcker ihnen seine Arbeitsstube regelmäßig für eine Vorratsproduktion Piroggen überlässt).

ARBEITSTEILUNG

Hausarbeit und Familie sind in Deutschland noch immer Frauensache. Und das, obwohl sich laut einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung ein Drittel der Mütter und 42 Prozent der Väter eine gleichberechtige Aufteilung von beruflichen und familiären Aufgaben wünschen. Tatsächlich reduzieren Frauen öfter die Zahl ihrer Arbeitsstunden und sind deutlich länger in Elternzeit, im Schnitt 19 Monate. 83 Prozent der Väter nehmen keine oder höchstens zwei Monate Elternzeit in Anspruch. Ob Eltern ihren Wunsch nach geteilter Arbeit umsetzen können, hängt stark davon ab, ob Unternehmen Familienfreundlichkeit mit Gleichstellungszielen verbinden und Voll- und Teilzeitmodelle ohne Karrierenachteile anbieten. Derzeit arbeiten nur rund 20 Prozent aller Eltern in solchen Unternehmen.

In einem der wichtigsten Räume des Instituts verschwinden die Wände hinter Reihen und Reihen und Reihen von Ordnern. Ksenia streift weiße Handschuhe über und hebt mit den Fingerspitzen eine Grundrisszeichnung des herzöglichen Schlosses im niederschlesischen Brzeg an. Das ist der Schatz, auf den sie ihre Arbeit gründet: Dokumentationen preußischer Provinzialkonservatoren, abfotografierte Dokumente der deutschen Bevölkerung im Baltikum, Luftbilder von Aufklärungsflügen, Pressefotos aus der Nachkriegszeit.

Eine Million Aufnahmen umfasst das Institutsarchiv. Tausende davon sind bereits in der hauseigenen Bilddatenbank verfügbar. Ksenias Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass weiter bald zusammen mit den Bildbeständen europäischer Partnerinstitutionen online zugänglich sind. In der Bibliothek lagert die größte deutsche Sammlung von Fachliteratur über Polen, Tschechien, die Slowakei, die baltischen Staaten und die russische Exklave Kaliningrad.

Sławek steigt ein Stockwerk empor und dann noch eins, witzelt beiläufig, seine besten Freunde seien die Fledermäuse, was nicht zuletzt deshalb lustig ist, weil es der Wahrheit nahe kommt: Die Tür gegenüber seiner Kemenate führt zum Dachstuhl, den ein Schild als »Fledermausquartier« ausweist.

Das Dehio-Handbuch, dessen polnische Edition Sławek entwickelt und als einer von mehreren Autoren mit Artikeln füllt, ist so etwas wie die Enzyklopädie der Kunsthistoriker. 24 Bände allein für Deutschland, sortiert nach Regionen. Polen ist nur um ein Achtel kleiner als Deutschland, und bisher ist allein Schlesien erfasst. Gerade bearbeitet Sławek die Region Kleinpolen, vier weitere Bände und eine Ausgabe für die baltischen Staaten sollen folgen. »Vom Material her reicht das bis zur Rente.«

Das Problem, das Marburger Kunsthistoriker so gut kennen wie jeder Wissenschaftler weltweit, der nicht gerade Ingenieur ist oder Informatiker, lautet: Erforschenswertes gibt es immer — es sind die Stellen, an denen es fehlt.

Sławek und Ksenia können sich darauf verlassen, dass das Institut sie bis September beschäftigt, wenn es gut läuft, auch ein paar Jahre länger. Vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls hat, wenn auf einer Akademiker-Jobbörse ein Angebot eingestellt wird, das halbe Haus ein Gesprächsthema. Sławek: »Den Stellenmarkt zu scannen, gehört zum Tagesgeschäft.«

Essen aber auch. Weil am Herder-Institut das östliche Mitteleuropa erforscht wird, sind in der Gemeinschaftsküche ziemlich viele mit den Feinheiten der polnischen Küche vertraut. Deshalb bricht, noch bevor der letzte Bissen verspeist ist, eine Diskussion darüber aus, ob Ksenias und Sławeks mit Quark und Kartoffeln gefüllte Teigtaschen nun pierogi ruskie sind oder pierogi leniwe — russische oder »faule« Piroggen, die dem Namen nach doch eigentlich leer sein müssten. Ksenia entscheidet sich schließlich für die diplomatische Aussage, in ihrer oberschlesischen Heimat gelte ohnehin nur als essbar, was Fleisch enthalte.

Es ist schön, eine Stelle in der gleichen Stadt zu haben.

KSENIA STANICKA-BRZEZICKI

Was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf betrifft, ist es hilfreich, wenn es eine Gleichstellungsbeauftragte gibt: Als Sławek, wegen seiner halben Stelle für den werktäglichen Kinderdienst zuständig, einmal einen wichtigen Workshop verpasste, weil dieser erst am späten Nachmittag begann, konnten sich die beiden an sie wenden. »Das wurde ernst genommen«, sagt Ksenia. »Seitdem liegen wichtige Termine in der Kernarbeitszeit.« Für unvorhergesehene Zwischenfälle, etwa schulfreie Tage, gibt es am Herder-Institut ein Eltern-Kind-Zimmer mit Spielzeug und Schreibtisch.

Um kurz nach drei lenkt Sławek den Wagen wieder auf den Parkplatz der Kita. Kurzer Zwischenstand: Bisher steht er, soweit sich das von außen beurteilen lässt, keinesfalls kurz vorm Nervenzusammenbruch. Seiner Frau zufolge bleibt er auch dann noch gelassen, wenn abends um zehn der nächste Tag noch nicht geplant ist. Und auch die Kinder betätigen sich an diesem Mittwoch nicht als Brandbeschleuniger, was Familienstress angeht.

»Ich weiß jetzt alles über Schäferhunde«, spricht Kuba. Ida erzählt, dass sie gelernt hat, was man macht, falls man unterwegs mal seine Eltern verliert. Eine Viertelstunde später klettert sie schon wieder vom Rücksitz auf den Hof einer Ponyschule, wo ihr Scheitel unter einem schwarzen Helm verschwindet und erst nach der Reitstunde wieder auftaucht.

Ein Teil der Hektik, die den Alltag vieler Familien bestimmt, ist auch selbstgemacht. Es soll ein Leben jenseits von Schule und Arbeit geben. In der Familie Brzezicki bedeutet das, jedenfalls dienstags und mittwochs: Direkt nach Idas Reitstunde fährt Sławek beide Kinder zum Taekwondo-Training, was sich wiederum im knapp 15 Kilometer entfernten Marburg abspielt. Dazu kommt montags Kubas Fußballtraining und dienstags Idas Turnunterricht.

»Wir wollen nicht auf Hobbys verzichten, nur weil wir eine Familie sind«, sagt Sławek. Er selbst fährt Mountainbike und lernt die israelische Selbstverteidigungstechnik Krav Maga. Ksenia nutzt das Sportangebot im Dorfgemeinschaftshaus.

Auf dem Linoleumboden der Turnhalle hebt Kuba ab und fährt das Bein in Richtung seines Gegenübers aus: Privatunterricht bei der Chefin; bald will er die Prüfung für den grünen Gürtel ablegen. Noch hat er nicht bemerkt, dass an der Seitenlinie neben Sławek, dem Feierabend sei Dank, jetzt auch Ksenia steht. »Viel Freizeit bleibt als Mutter mit einer vollen Stelle nicht«, sagt sie. »Wenn wir abends gegessen haben und ich die Kinder ins Bett gebracht habe, fehlt mir manchmal die Kraft, noch mal rauszugehen.«

Den Nachwuchs großzuziehen und gleichzeitig zu arbeiten — das ist wohl auch heute noch nicht ohne ein gewisses Maß an Erschöpfung möglich. Aber die Familie Brzezicki hat sich etwas Wertvolles bewahrt: Ihr Alltag zerfasert nicht auf getrennten Wegen. Sich mehrmals in der Woche, wenn sozusagen das Tagwerk erledigt ist, zu treffen, gemeinsam nach Hause zu fahren, den Abend miteinander zu verbringen — das wiederum ist weder dem Glück noch der Gleichstellungsbeauftragten geschuldet.

Das muss man, als Familie, einfach nur wollen.

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