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LENA KUHN
ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien in Halle (Saale). Seit 2016 koordiniert sie die Forschungsgruppe China des Instituts.

Auf niedrigen Plastikhockern sitzen wir Frau Huang* in ihrem Wohnzimmer in der chinesischen Provinz Shaanxi gegenüber und nippen an dem grünen Tee, den sie uns serviert hat. Für eine entwicklungsökonomische Studie befragen wir — eine chinesische Studentin und ich — Kleinbauern zu ihren Lebensumständen und dazu, wie die öffentlichen Programme zur ländlichen Entwicklung sie verändern. Mal erreichen wir die Dörfer, in denen unsere rund 60 Gesprächspartner leben, bequem über neue Schnellstraßen, mal führen uns bucklige Sandpisten oder schmale Fußpfade zu ihnen. In den entlegenen Dörfern haben wir neben Stift, Papier und Diktiergerät immer auch lange Weidenruten im Gepäck, mit denen wir allzu aggressive Hofhunde auf Abstand halten.

Frau Huang ist 70 Jahre alt, eine kleine Bäuerin, deren kräftige Unterarme von einem Leben voll harter Arbeit zeugen. Im schweren Dialekt der Region gibt sie Auskunft, erzählt uns von dem kleinen Feld, das sie und ihr Mann gleich neben dem Haus bewirtschaften und das gerade so den täglichen Bedarf deckt. Eine Schule hat sie nie besucht, weil ihre Eltern das Schulgeld nicht aufbringen konnten.

Während wir ihre Angaben notieren, bleibt unser Blick immer wieder an dem monumentalen Poster an der Wand hinter Frau Huang hängen: Es zeigt stilisiert die Führungsriege der kommunistischen Partei, wie sie mit wehenden Flaggen durch ein Chrysanthemenfeld reitet, allen voran der Große Vorsitzende Mao Zedong. Der einstige Staats- und Parteiführer ist seit mehr als 40 Jahren tot und doch ist die Erinnerung an ihn in vielen Bergdörfern der Region lebendig. In den 1930er Jahren zog sich die geschwächte kommunistische Armee während des chinesischen Bürgerkriegs in diese durch Landwirtschaft geprägte, schwer zugängliche Gegend zurück — nicht zuletzt, weil man sich der Unterstützung der vielen landlosen Bauern sicher sein konnte.

Auch aufgrund dieses Kapitels in Chinas Geschichte bemüht sich die Regierung der Volksrepublik seit Jahrzehnten darum, die Lebensbedingungen auf dem Land zu verbessern, mit Sozialprogrammen und Investitionspaketen. Sie ist dabei durchaus erfolgreich: Die Zahl der Landbewohner, die in absoluter Armut leben, also von weniger als zwei US-Dollar am Tag, sank auf etwa zehn Prozent, Dörfer in der Nähe von Großstädten haben zunehmend Teil am Wachstum.

In den Provinzen im Westen und den bergigen Regionen Zentralchinas hält der Wohlstand jedoch nur langsam Einzug. Die Enteignung und Umverteilung der Ackerfläche in den 1950er Jahren durch die Kommunisten garantiert zwar bis heute fast jedem Bauern die Nutzung eines Stückes Land, doch die Flächen sind meist so klein, dass sich nur mühsam ein adäquates Einkommen erwirtschaften lässt.

Frau Huangs Dorf, Longtantou*, ist eine lose Ansammlung von »Dongs« in einer fruchtbaren Hügellandschaft. Dongs sind in die Lößhänge getriebene Wohnräume, die zur Frontseite vermauert und mit Fenstern und Türen versehen wurden; eine traditionelle Bauweise, die Material und kostbares Bauland spart. Nur wenige der Dorfbewohner, die wir befragen, wohnen in modernen Häusern.

Die Smartphones und Kühlschränke in ihren Wohnungen zeugen von der finanziellen Unterstützung durch Familienmitglieder, die in den Städten Arbeit gefunden haben. Deren Rücküberweisungen können das Leben erheblich erleichtern: Ein Motorrad beispielsweise verkürzt den Weg in die nächste Stadt deutlich. Zu Fuß braucht Frau Huang vier bis fünf Stunden in die nächste Kreisstadt, um auf dem Markt Gemüse zu verkaufen; mit dem Motorrad wären es 45 Minuten.

Vor allem aber fließen die Gehälter der Wanderarbeiter in die Zukunft: Viele Eltern wollen ihren Kindern eine gute Ausbildung finanzieren. Auch Frau Huangs Nachbarin lebt deshalb nach wie vor in einem Dong: Ihre Enkelin konnte dank eines exzellenten Schulabschlusses einen Platz an einer Universität ergattern, sodass nun jeder Yuan genutzt wird, um die Kosten des Studiums zu decken.

Die Verdienstmöglichkeiten in den Städten locken einen beträchtlichen Teil der Erwachsenen aus ihren Dörfern, so auch Frau Huangs Sohn und ihren Enkel. Stolz weist die Bäuerin auf die Familienfotos an der mit Zeitungspapier tapezierten Wand. Die Angehörigen der Wanderarbeiter müssen wegen der strikten Registrierungsgesetze jedoch meist zurückbleiben. In ihren Dongs betreuen die Alten ihre Enkelkinder und sichern der Familie nebenbei das Landnutzungsrecht.

Dieses Recht ist ein wichtiges Sicherheitsnetz, sollte ein Familienmitglied arbeitslos oder erwerbsunfähig werden. Während der Wirtschaftskrise 2008 zogen die Wanderarbeiter für einige Monate in Scharen zurück in die Dörfer. Manche Dorfbewohner spekulieren auch darauf, ihren Boden an Landkooperativen und Agrarunternehmen zu verpachten — oder sie hoffen auf Entschädigungszahlungen, wenn wieder ein Grundstück einem staatlichen Bauprojekt weichen muss.

In Longtantou berichtet uns der Bürgermeister, ein Mann mittleren Alters im Arbeitsoverall, geduldig von der Situation in seinem Dorf. Während es offiziell etwa 200 Einwohner zähle, lebten hier tatsächlich 20 bis 30 Menschen. Ihre einzige Verdienstquelle sei die Landwirtschaft, der Anbau von Mais, Kartoffeln und Melonen oder die Ziegenzucht. In vielen Dörfern unserer Stichprobe bietet sich ein ähnliches Bild: Die meisten Gesprächspartner haben das Rentenalter lange überschritten. In den entlegensten Dörfern unserer Forschungsregion sind die Sozialstrukturen derart ausgedünnt, dass unsere lokalen Kontakte von einem Besuch abraten. Es sei dort ohnehin kaum jemand anzutreffen.

Die Bauern müssen die Felder oft bis ins hohe Alter bewirtschaften.

Wie auch in Deutschland ist die Aufrechterhaltung der öffentlichen Infrastruktur ein Kernaspekt des ländlichen Strukturwandels. Während Siedlungen in der Nähe von Kreisstädten prosperieren, das Straßennetz und öffentliche Einrichtungen ausgebaut werden, ist man andernorts zum Rückbau übergegangen: In den schrumpfenden Dörfern werden Schulen, Krankenstationen und Läden geschlossen, den verbliebenen Anwohnern wird im Rahmen von Flurbereinigungsprojekten ein Umzug in andere Dörfer schmackhaft gemacht.

Neben den ökonomischen Konsequenzen der Wanderarbeit sind zuletzt zunehmend ihre sozialen Folgen in den Fokus der chinesischen Öffentlichkeit gerückt. Während der Lebensstandard allgemein steigt, zählen vor allem jene Bauern zu den Verlierern, deren Kinder sie nicht ausreichend unterstützen können. Oft müssen sie bis ins hohe Alter die Felder bewirtschaften. Hinzu kommen Krankheiten und Einsamkeit. In jüngsten Studien zeigt etwa ein Drittel dieser Bevölkerungsgruppe Anzeichen einer Depression, die Selbstmordrate ist vier- bis fünfmal höher als im Durchschnitt der Bevölkerung.

Neben den Alten bleiben auch die Kinder der Wanderarbeiter zurück. Laut einer Schätzung aus dem Jahr 2012 leben etwa 60 Millionen »left behind children« in China, meist in der Obhut der Großeltern. Auf der einen Seite verbessert das in der Stadt verdiente Geld die sozioökonomischen Bedingungen der Kinder in fast allen Bereichen, auf der anderen Seite leidet ihre kognitive und emotionale Entwicklung erheblich. So bleiben sie in ihrer geistigen Gesundheit signifikant hinter ihren Alterskameraden zurück, sind ängstlicher und weniger selbstbewusst als Kinder, die mit ihren Eltern leben. Viele Wanderarbeiter suchen einen Ausweg aus diesem Dilemma, indem sie ihre Kinder mit in die Städte nehmen. Wegen der langen Arbeitsschichten können sie sie aber auch hier oft nicht ausreichend betreuen.

Trotz all dieser Schwierigkeiten verlassen gleichbleibend viele Menschen die Dörfer. 2016 arbeiteten laut amtlichen Statistiken 281,7 Millionen Wanderarbeiter in den Städten Chinas, 35 Prozent der Arbeitskraft des Landes. Während die Arbeitsmigration eine Vielzahl sozialer Probleme mit sich bringt, verhilft das zusätzliche Einkommen der ländlichen Bevölkerung zu bescheidenem Wohlstand, der Möglichkeit zu Investitionen — und vor allem Zugang zu höherer Bildung, dem Schlüssel für sozialen Aufstieg.

Nachdem wir uns in Longtantou von Frau Huang verabschiedet haben, führt uns unser letzter Besuch des Tages zu ihrem Nachbarn, Herrn Li*. Auch er ist bereits um die 70 Jahre alt, hin und wieder sendet ihm sein Sohn Geld aus der Stadt. Ansonsten lebt Herr Li vom Feldbau und seiner Ziegenzucht. Welche Unterstützung erwartet er von der Regierung, welche Erwartungen hat er an die Zukunft seiner Familie? Umringt von seinen Ziegen, die neugierig in das Wohnzimmer eingedrungen sind, hat er eine klare Antwort für uns:

»Am besten verlässt man sich auf sich selbst: Wir bauen uns Stück für Stück ein besseres Leben auf. «

* Orts- und Personennamen von der Autorin geändert

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