leibniz

KATRIN HEIN, CHRISTINE MÖHRS & KATHRIN STEYER
sind Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. Für ihre Spurensuche sind sie in Wörterbücher und die elektronischen Textsammlungen des IDS eingetaucht.

Erkundungen eines Linguisten beginnen oft bei der Frage nach dem Ursprung eines Wortes. Beim Himmel gibt es darauf viele Antworten, denn die Forschung ist sich uneins und etymologische Wörterbücher dokumentieren unterschiedliche Strömungen. Der Germanist Hermann Paul nennt in seinem »Deutschen Wörterbuch« um 1900 das althochdeutsche hemidi (»Hemd«) und das altisländische hamarr (»Hammer« oder auch »Stein«) als mögliche Wurzeln; der Himmel wäre demnach »das Bedeckende« oder ein »steinernes Gewölbe«.

Die Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm, die neben Märchen wie Paul ein »Deutsches Wörterbuch« geschrieben haben, erkennen im Altsächsischen (hean), im Angelsächsischen (heofon), im Englischen (heaven) sowie im Niederdeutschen (heben) die Wurzel hab, die man auf die Verben »heben« und »halten« zurückführen kann. Der Himmel könne »als umschlieszer, halter der Erde bezeichnet« werden. Gehe man von der Wurzel ham (»decken«) aus, wäre er das »Dach der Erde«.

Das Grundwort »Himmel« prägt die deutsche Sprache in vielgestaltiger Weise. Mit ihm können komplexe Wörter gebildet werden — Sternen- und Nachthimmel gehören zu den häufigsten. Neben solchen, fest im Wortschatz verankerten Zusammensetzungen finden sich aber auch okkasionelle, nur für einen bestimmten Moment gebildete. Das Bedeutungspotenzial von »Himmel« wird dabei voll ausgeschöpft: Komposita wie Stadthimmel nehmen auf seine wörtliche Bedeutung als scheinbar blaues Gewölbe über dem Horizont Bezug. Häufig geht es um die Färbung des Himmels zu einer bestimmten Zeit, etwa beim Septemberhimmel. Auf die ursprüngliche Bedeutung als »Bedeckendes« sind Komposita wie der Autohimmel zurückzuführen, in denen »Himmel« eine stoffliche Überdachung bezeichnet.

Himmel-Wortverbindungen drücken häufig Vollkommenheit und Glückseligkeit aus.

Man stößt aber auch auf Wörter mit übertragener Bedeutung: Im Tierhimmel wird ein Himmel im religiösen Sinne intendiert. Käsehimmel oder Bücherhimmel referieren auf den Himmel als positiven Ort oder erstrebenswerten mentalen Zustand; der erste Teil des Kompositums drückt aus, in Bezug auf was etwas himmlisch ist. In anderen Wörtern wie Managerhimmel oder Weltanschauungshimmel lässt sich »Himmel« noch allgemeiner als Welt oder als geistiges Universum deuten; ergänzt durch ein »am« (ein Fixstern am Managerhimmel) wird oft ein Bezug zum Bild des Firmaments hergestellt.

Redewendungen und Sprichwörter entstehen nicht selten auf Basis von Naturbeobachtungen. Das Wort »Himmel« gehört zu den Schlüsselwörtern dieses Bereichs, die neben anderen Symbolen den Redewendungsschatz vieler Kulturen prägen. Himmel-Wortverbindungen drücken häufig das Konzept von Vollkommenheit und Glückseligkeit aus: Man befindet sich im siebten Himmel oder will die Sterne vom Himmel holen. Viele dieser Redewendungen entstammen religiösen Kontexten zumeist biblischer Herkunft, die sich auf eine höhere Macht beziehen oder diese anrufen. Wenn etwas zum Himmel schreit, war das ursprünglich eine Forderung nach Sühne.

Manche Verbindungen thematisieren das zufällige, nicht erwartete Ereignis: aus heiterem Himmel. Gegenwärtig beschreiben sie bevorzugt Szenarien, die sich draußen abspielen. Die häufigste Himmel-Redewendung ist unter freiem Himmel. Vielfach stellen die Sprechenden mit Himmel-Wendungen einen Kontrast zu Irdischem her — manchmal verbunden mit dem Appell, die eigenen Kräfte realistisch einzuschätzen: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Und doch deutet das Wort immer wieder eine Verbindung zwischen Himmel und Erde an.

Himmel · Sprache · IDS