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Diese Reise haben wir zusammen mit dem Historiker JAKOB STÜRMANN rekonstruiert. Am Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow erforscht er unter anderem die osteuropäisch-jüdische Kultur der Moderne.

Es ist die größte pro-sowjetische Veranstaltung, die jemals in den USA stattfinden wird: 47.000 Zuschauer sind an diesem 8. Juli 1943 ins Polo Grounds Stadion geströmt, die Heimat der New York Giants in Harlem. Angekündigt sind prominente Redner aus Politik, Kultur, Wirtschaft, dazu Vertreter der wichtigsten jüdischen Verbände. Auch unter den Zuschauern sind viele Prominente.

Sie alle warten gespannt auf die eigentlichen Stars vom anderen Ende der Welt: Solomon Mikhoels, der berühmteste jüdische Schauspieler der Sowjetunion, und Itzik Fefer, einer der bekanntesten jiddischen Dichter. Neben dem Star Spangled Banner wehen die weiß-blaue Fahne mit dem Davidstern und die sowjetische Flagge. Es erklingen die amerikanische Nationalhymne, die Hatikvah, die Internationale. Endlich tritt Solomon Mikhoels ans Mikrofon: Brüder und Schwestern! Die Menge jubelt, unterbricht ihn mit minutenlangem Beifall.

Der Besuch von Solomon Mikhoels und Itzik Fefer in den USA ist der erste offizielle Kontakt zwischen Juden in der westlichen Welt und sowjetischen Juden seit der Oktoberrevolution, sagt Jakob Stürmann. Der Osteuropa-Historiker erforscht am Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow die Reise der beiden sowjetischen Künstler in den Westen. Sieben Monate sind Mikhoels und Fefer mitten im Krieg unterwegs, um der Welt von den Verbrechen der Deutschen zu berichten und für Unterstützung der Sowjetunion zu werben. Im Mai 1943 fliegen sie in Moskau ab. Bevor sie mehr als ein halbes Jahr später zurückkehren, sprechen sie auf hunderten Veranstaltungen vor vielen Tausend Menschen in den USA, Mexiko, Kanada und Großbritannien.

Vorher, als die Sowjetunion noch mit den Nationalsozialisten verbündet war, wäre diese Reise nicht möglich gewesen, sagt Stürmann. Und wenige Jahre später stand man sich schon wieder im Kalten Krieg feindlich gegenüber. Er ist nicht der erste, der sich dieser faszinierenden Reise widmet, aber der Russisch und Jiddisch sprechende Historiker recherchiert erstmals alle Stationen minutiös und nimmt auch Erwartungen und Kritik des jüdischen Publikums in den Blick: Diese »Welttournee« ist wie ein Brennglas, das hervorhebt, was 1943 nicht nur in den jüdischen Gemeinschaften in der Sowjetunion und in den westlichen Gesellschaften passiert.

16 Zwischenstopps führen sie durch den Nahen Osten, quer durch Afrika, über den Atlantik bis nach Washington.

Illustration einer Karte, auf der die Reiseroute der beiden durch Linien, Flugzeuge und Datumsangaben an den jeweiligen Stationen markiert ist.

Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs leben in der Sowjetunion etwa 2,8 Millionen Juden. »Jüdisch« wird nicht als Konfession definiert, sondern als Ethnonationalität. Wie allen anderen 127 Völkern in der Sowjetunion werden den Juden gewisse Freiheiten bei der Pflege ihrer Religion, Sprache und Kultur zugestanden. International präsentierte sich die Sowjetunion als Bollwerk gegen den Antisemitismus, sagt Jakob Stürmann. Doch das Ziel der sowjetischen Führung war stets, dass die Juden ihre Eigenheiten aufgeben und sich vollständig assimilieren. Die Schauprozesse in den 1930er Jahren treffen auch zahlreiche Juden.

Der Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion im Juni 1941 jedoch verändert alles. Stalin entdeckt die jüdische Bevölkerung als Verbündeten im Kampf gegen das antisemitische Deutschland. Er erlaubt die Gründung einer Gruppe jüdischer Künstler, Schriftsteller und Intellektueller. Ihr Vorsitzender: Solomon Mikhoels. Ihr Ziel: Werbung für weltweite jüdische Einigkeit im Kampf gegen Hitlerdeutschland.

Das Jüdische Antifaschistische Komitee betonte erstmals nicht nur die proletarische Zugehörigkeit, sondern auch die jüdische, sagt Stürmann. Was zuvor streng verboten war, geschieht nun mit Stalins Billigung: Das Komitee nimmt Kontakte zu jüdischen Verbänden im kapitalistischen Ausland auf. Und die haben schon lange auf Nachrichten von den verschollenen Brüdern und Schwestern gewartet. Das American Committee of Jewish Writers, Artists and Scientists spricht eine Einladung aus: Vertreter des sowjetischen Judentums sollen nach New York kommen und aus erster Hand vom Krieg in Europa berichten.

Bis über den Atlantik reicht Stalins Vertrauen in seine jüdischen Untertanen freilich nicht.

Das sowjetische Propagandabüro lässt Solomon Mikhoels reisen. Aber man stellt ihm ganz bewusst Itzik Fefer zur Seite, sagt Jakob Stürmann. Der berühmte Dichter des Landes ist ebenfalls Mitglied des Jüdischen Antifaschistischen Komitees, ein in der Wolle gefärbter Bolschewik, bekannt für Propaganda-Gedichte in jiddischer Sprache. Solomon Mikhoels versuchte stets alle künstlerischen Freiheiten auszuloten, die es selbst in einem totalitären Staat wie der Sowjetunion gab, sagt Stürmann. Vermutlich hat man ihm Fefer als Gegenpol zugewiesen, vielleicht sogar als Informanten für den Geheimdienst. Mikhoels ist sich seiner prekären Situation bewusst. Nervös schreibt er vor der Abreise an seine Frau: Es macht mich verrückt, wie sie mir den Boden unter den Füßen wegreißen und mir keine Gelegenheit zur Vorbereitung geben. Noch dazu werde ich mich den komplizierten Aufgaben praktisch alleine stellen müssen. Denn auf meinen Kollegen kann ich kaum zählen.

Etwa 1,8 Millionen Juden leben damals in New York. Das ideale Publikum.

Bei der Reisevorbereitung wirkt auch die sowjetische Führung überraschend planlos: Erst mal sollen die beiden ungleichen Reisepartner in den USA ankommen, dann wird man weitersehen. Als Mikhoels und Fefer im Mai 1943 den Moskauer Flughafen betreten, herrscht Krieg im Westen, im Norden, im Osten der Sowjetunion. Die einzige freie Reiseroute ist die sogenannte Südatlantik-Luftbrücke, über die amerikanische Militärgüter zu den britischen Verbündeten in Nordafrika gebracht werden. Nun transportieren die Militärflugzeuge zwei sowjetische Verbündete in die Gegenrichtung. Die Reichweite der Flugzeuge ist klein. Es gibt Tankstopps. Mikhoels und Fefer sind Zivilisten, Militärgüter haben Priorität: Immer wieder müssen sie warten. Auf das nächste, das übernächste Flugzeug.

16 Zwischenstopps führen sie durch den Nahen Osten, quer durch Afrika, sie »durchschneiden auf einem mächtigen Luftschiff den Atlantik«, streifen Brasilien, Puerto Rico, die Dominikanische Republik und Miami. 40 Tage dauert die Reise, bis sie in Washington ankommen. Das verführt selbst Itzik Fefer, den überzeugten Kommunisten, zu einem religiösen Gleichnis. Er schreibt seiner Frau: Mehr als einmal nennt die Tora diese Zahl. Die Juden wanderten 40 Tage durch die Wüste ins Gelobte Land, die Sintflut dauerte 40 Tage und 40 Nächte.

In Washington machen Mikhoels und Fefer kurze Anstandsbesuche in der Sowjetischen Botschaft, dann reisen sie weiter nach New York. Dass sie diese Stadt für die Auftaktveranstaltung ihrer Welttournee gewählt haben, sei kein Zufall, sagt Stürmann. Etwa 1,8 Millionen Juden leben damals in New York. Zwei Drittel von ihnen haben osteuropäische Wurzeln – und damit entweder direkte familiäre Bindungen an die alte Heimat oder zumindest emotionale. Das ideale Publikum.

Doch die beiden Reisenden wollen auf Nummer sicher gehen. Am Vortag der Veranstaltung fahren sie nach Princeton und machen Albert Einstein ihre Aufwartung. Als Vorsitzender des Empfangskomitees für Mikhoels und Fefer bummelt er mit ihnen über den Campus der Universität. Naiv war Einstein nicht, sagt Stürmann. Er wusste, dass die Sowjetunion keine Demokratie war und man mit den sowjetischen Gästen nicht über alles sprechen konnte. Noch wenige Monate zuvor hatte er sich öffentlich für die Freilassung von zwei bekannten jüdischen Sozialisten aus sowjetischer Gefangenschaft eingesetzt. Aber der Nobelpreisträger ist bekannt dafür, dass er alles Menschenmögliche versucht, um möglichst viele Jüdinnen und Juden vor den Deutschen zu retten. Also ist die Presse geladen. Und das Foto der freundschaftlich plaudernden Intellektuellen wird zum Werbemotiv für die gesamte Welttournee.

Illustration der beiden Reisenden, die mit einem weißhaarigen Heeren vor einem gelben Gebäude stehen. Vor ihnen ein Fotograf und eine Person mit Notizblock.

Einen Tag später ist das Polo Grounds Stadion tatsächlich ausverkauft. Mikhoels und Fefer sprechen jiddisch, die Sprache der osteuropäischen Juden. Für alle anderen gibt es Dolmetscher. Die Botschaft des Abends jedoch ist für jeden unmissverständlich: Nur »Eynikayt« kann uns noch retten! Als einer der berühmtesten Schauspieler seiner Zeit kam Solomon Mikhoels unglaublich beeindruckend rüber, sagt Jakob Stürmann. Und er hat es richtig genossen, auf der Bühne zu stehen, vor zehntausenden Zuhörerinnen und Zuhörern.

Doch auch der Auftritt von Itzik Fefer verfehlt seine Wirkung nicht. Der Dichter ist Oberstleutnant der Roten Armee. Seine Berichte von den deutschen Gräueltaten hinter der Front sind authentisch und erschüttern das Publikum nachhaltig. Beide schildern sehr explizit, welche Verbrechen die Deutschen in den besetzten Gebieten begehen, wie viele Menschen sie ermorden, sagt Stürmann. Und zum ersten Mal können im Sommer 1943 westliche Geheimdienstinformationen und Berichte der polnischen Exilregierung mit Aussagen von Flüchtlingen in der Sowjetunion zusammengebracht werden. Vier Millionen Jüdinnen und Juden habe die Rote Armee mittlerweile gerettet, betonen Mikhoels und Fefer. Die Zahl ist überhöht, aber sie macht Schlagzeilen, auch in nicht-jüdischen Zeitungen. Nur die Sowjetunion sei in der Lage, Hitler zu besiegen, so Fefer: Das Nazi-Ungeheuer ist verwundet, aber es ist noch nicht tot! Deshalb braucht die Sowjetunion Unterstützung: finanziell, materiell, militärisch.

Allein bei der Auftaktveranstaltung in New York kommen mehr als 100.000 Dollar für ein Krankenhaus in Leningrad zusammen, damals eine enorme Summe. Einladungen von Verbänden und Prominenten aus allen Winkeln des nordamerikanischen Kontinents trudeln ein. Man bittet Mikhoels und Fefer darum, sie mögen doch auch in Chicago sprechen, in Detroit, Boston, San Francisco, Hollywood, Ottawa, Montreal oder Mexico City. Jeden Tag sind die beiden irgendwo geladen, sprechen über das Schicksal der Juden und werben für die Sowjetunion. Solomon Mikhoels berichtet dem Propagandabüro: Es gab berührende Momente, als die Menschen in langen Schlangen anstanden, um uns ein paar schweißnasse Dollarscheine persönlich in die Hand zu drücken, die sie mit harter Arbeit verdient hatten. Eine Frau gab uns 100 Dollar: »Nehmen Sie alles, was ich habe!« Andere Frauen gaben uns ihre Uhren, ihre Juwelen. Jeder, der da war, gab uns etwas.

Jeden Tag sind die beiden irgendwo geladen und werben für die Sowjetunion. 

Illustration des Stadions mit der Bühne. Eine Detailansicht zeigt Personen, die Schlange stehen und den Reisenden am Bühnenrand Geldscheine und Schmuck überreichen.

Jakob Stürmann verfolgt jeden einzelnen Termin der beiden Sowjets nach, indem er in Archiven zeitgenössische Zeitungen, Notizen und Briefe durchforstet. Der überwältigende Zuspruch, der den beiden entgegenschlug, habe ihn überrascht, sagt er. Selbst Menschen, die Stalin und der Sowjetunion sehr kritisch gegenüberstanden, wollten Mikhoels und Fefer unbedingt treffen. Allen wird klar, wie viele Juden die Deutschen gerade ermorden. Und alle wissen, dass sie jetzt zusammenstehen müssen gegen den gemeinsamen Gegner. Für einen differenzierten Blick auf die Sowjetunion gibt es in so einer Bedrohungssituation wenig Raum. In der amerikanischen Öffentlichkeit werden die Forderungen lauter, die USA sollen in Europa einmarschieren und die Rote Armee militärisch entlasten.

Im Oktober reisen Mikhoels und Fefer noch durch Großbritannien, das sich seit 1939 erfolgreich gegen die Deutschen verteidigt. Als sie in die Sowjetunion zurückkehren, haben sie nicht nur gute Nachrichten für Stalin, sondern auch eine große Hoffnung: Nach dem Krieg wollen sie mit der Unterstützung aus dem Ausland die jüdische Kultur und die jiddische Sprache wiederbeleben. Das Jüdische Antifaschistische Komitee war international sehr bekannt. Mikhoels hätte ein riesiger Star werden können: Er verkörperte das Idealbild eines Anführers der sowjetischen Juden, sagt Jakob Stürmann. Doch die Pläne für eine friedlichere Zukunft, die Juden im Osten und im Westen gemeinsam entwerfen, werden niemals umgesetzt.

Kaum ist der Krieg vorbei, wirft das Regime Mikhoels und Fefer ausgerechnet jene Reise in den Westen vor, die sie in Stalins Auftrag unternommen haben. Ihre internationalen Kontakte beweisen plötzlich »jüdischen Kosmopolitismus«. Die Juden hätten versucht, sich mit Juden in den USA und anderen Ländern gegen die Sowjetunion zu verbünden. Weil sich das Komitee Gedanken darüber gemacht hat, wie man nach dem Holocaust die jüdischen Gemeinden wieder aufbauen könnte, wurde ihnen sogar vorgeworfen, sie hätten geplant, die Krim als selbstständigen jüdischen Staat von der Sowjetunion abzutrennen, sagt Jakob Stürmann.

Die Ermordung der Mitglieder des Jüdischen Antifaschistischen Komitees wurde streng geheim gehalten.

Reisen ins Ausland wurden Solomon Mikhoels nicht mehr gestattet. 1948 wird bekannt gegeben, dass er bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Stalin lässt dem Schauspieler ein Staatsbegräbnis ausrichten. Das Jüdische Antifaschistische Komitee wird aufgelöst. Nach und nach verschwinden auch andere jüdische Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler und Ingenieure.

Erst als im Zuge von Glasnost und Perestroika Ende der 1980er Jahre die sowjetischen Archive für die Forschung öffnen, wird das ganze Ausmaß der antisemitischen Säuberungen sichtbar. Viele wurden jahrelang gefoltert und vegetierten in Isolationshaft dahin. 15 von ihnen führte das Regime 1952 als »Agenten des Zionismus« in Schauprozessen vor. Kronzeuge: ausgerechnet Itzik Fefer. Er war eine tragische Figur, sagt Stürmann. Fefer hoffte, als Kronzeuge freigesprochen zu werden. Doch am Ende wurde auch er ermordet. Die Hinrichtungen fanden in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1952 statt. Die Ermordung der Mitglieder des Jüdischen Antifaschistischen Komitees wurde streng geheim gehalten. Doch unter den Opfern waren fünf bekannte Schriftsteller, deren spurloses Verschwinden natürlich auffiel. Nach Stalins Tod 1953 sickerten Informationen über ihre Ermordung durch. Schon bald darauf sprach man von der »Nacht der ermordeten Dichter«.

Auch die Wahrheit über Solomon Mikhoels vermeintlichen Verkehrsunfall kommt nach der Auflösung der Sowjetunion ans Licht. Moskauer Geheimpolizisten hatten ihn auf Stalins Befehl erschossen. Dann kippten sie die Leiche auf eine Landstraße bei Minsk und überrollten den berühmtesten Schauspieler der Sowjetunion, den Star der Jüdischen Welttournee von 1943, mit einem LKW.

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